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Michael Parsons: Lebendigkeit in der Psychoanalyse

Rezensiert von Dr. Hans-Adolf Hildebrandt, 10.03.2023

Cover Michael Parsons: Lebendigkeit in der Psychoanalyse ISBN 978-3-8379-3137-2

Michael Parsons: Lebendigkeit in der Psychoanalyse. Psychosozial-Verlag GmbH & Co. KG (Gießen) 2022. 385 Seiten. ISBN 978-3-8379-3137-2. D: 39,90 EUR, A: 41,10 EUR.
Reihe: Bibliothek der Psychoanalyse.

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Thema

Das Buch ist in der Buchreihe Bibliothek der Psychoanalyse erschienen, deren Anliegen es u.a. ist, „die gemeinsamen Wurzeln der von Zersplitterung bedrohten psychoanalytischen Bewegung zu stärken“ und „das kultur- und gesellschaftskritische Erbe der Psychoanalyse“ wieder zu beleben und weiter zu entwickeln. Die deutsche Übersetzung des ursprünglichen englischen Titels Living Psychoanalysis: From Theory to Experience“ in: Lebendigkeit in der Psychoanalyse wirkt durch den Gebrauch des Substantivs zu sehr versachlichend, fast entfremdend und wäre mit dem Adjektiv „lebendig“ angemessener und im Sinne Freuds „In der Regel hat die Psychoanalyse den Arzt entweder ganz oder gar nicht“ (Freud, 1933a (1932), S. 167) treffender dargestellt.

Autor

Der Autor ist Lehranalytiker der britischen psychoanalytischen Gesellschaft und Mitglieder der französischen psychoanalytischen Vereinigung, in Vorträgen und Workshops aktiv und in der Tradition der britischen Independents verwurzelt.

Entstehungshintergrund

Das Buch basiert auf zum Teil überarbeiteten Aufsätzen, Vorlesungen und Seminaren. Der Autor beschäftigt sich mit psychoanalytischen und existentiellen Fragen aus einem weiten Spectrum das sowohl zentrale psychoanalytische Konzepte als auch philosophische, kulturgeschichtliche, literaturwissenschaftliche und mythologische Themen umfaßt. Es ist Teil einer Buchreihe, für die der Herausgeber den Anspruch erhebt, das kultur- und gesellschaftskritische Erbe der Psychoanalyse wiederzubeleben und weiterzuentwickeln. Dieser Intention folgt es bedauerlicherweise jedoch nicht.

Aufbau und Inhalt

Das Buch ist in vier Teile gegliedert. Der Titel des ersten Teils „Zwischen Tod und Urszene“ markiert die Zeit zwischen Geburt (Urszene) und Tod und zugleich in einem erweiterten Sinn die psychoanalytische Blickrichtung auf vergangene, neu gedeutete Erfahrungen und in die Zukunft gerichtete schöpferische Apperzeption. Seine Darlegungen zum Unheimlichen, das unsere gewohnten Sichtweisen infrage stellt und neue Perspektiven eröffnet illustrieren auf plastische Weise das schöpferische Potenzial der Psychoanalyse. Im zweiten Teil „Konzepte in Bewegung“ befaßt sich Parsons mit zentralen Konzepten der Psychoanalyse, dem Verständnis von Sexualität, dem sogenannten Ödipuskomplex und dem Narzißmus. Zwischen psychoanalytischen Konzepten und literarischen und philosophischen Perspektiven mäandernd erschließen sich dem Leser eine Vielzahl unterschiedlicher Ansichten, deren Relevanz für die Praxis nicht immer ersichtlich wird. Im dritten Teil „Die Aktivität des Zuhörens“ steht die zwischen Inn- und Außenwahrnehmung oszillierende Kontemplation des Psychoanalytikers im Mittelpunkt. Mein besonderes Interesse fand das Konzept des „innere Setting(s), jenseits der Gegenübertragung“ im Sinne des analytischen Raumes, in dem sich Analytiker und Analysand begegnen. Im vierten Kapitel „Die Behandlungspraxis nimmt Form an“ werden zunächst Aspekte der zentralen psychoanalytischen Technik des Deutens behandelt. Dabei geht Parsons sowohl auf die „korrigierende emotionale Erfahrung“ als auch auf das Modell der „mutativen Deutung“ ein. Seine Ausführungen zur Tradition der Independents und zur Identität des Psychoanalytikers sind nicht nur aus einem historischem Blickwinkel von Interesse sondern tragen dazu bei, den Eindruck zu korrigieren, es gäbe „die“ Psychoanalyse, denn die Psychoanalyse ist – und hier ist der Titel des Buches tatsächlich angemessen – eine lebendige, ständigem Wandel unterworfene Heil- und Forschungsdisziplin.

Diskussion

Für Leser, die mit der Psychoanalyse noch wenig vertraut sind, ist das Bucher vermutlich eher eine anstrengende Lektüre. Für diejenigen, die mit der Psychoanalyse bereits vertraut sind, öffnet Parsons ein Füllhorn vielfältiger Perspektiven und bietet reichlich Anregungen zur Reflexion und Erweiterung der eigenen psychoanalytischen Position. Es empfiehlt sich eine Lektüre in Etappen ohne den mäandernden Ausführungen des Autors mit Ansprüchen an Stringenz zu begegnen. Dann erschließen sich vielfältige bereichernde Abwege. Wer jenseits eines einseitig an Symptombeseitigung orientiertem Konglomerat von Verhaltenstherapie, Psychotherapierichtlinien und Operationalisierter Psychodiagnostik die Essentiales der Psychoanalyse kennenlernen will um „das anzusprechen, was die Fähigkeit einer Person, vollständig lebendig zu sein, unbewußt beeinträchtigt“ (Parsons) wird durch die Lektüre bereichert.

Bedauerlich ist es, dass Parsons gesellschafts- und kulturkritische Aspekte und damit ein bedeutsames Potenzial der Psychoanalyse weitgehend unbeachtet läßt und damit die Krise, in der sich die Psychoanalyse in der Gegenwart befindet nicht zur Kenntnis nimmt. Die vielen kulturhistorischen, literarischen und philosophischenen Reminiszenzen befriedigen eher akademische Neugier denn sie Wege aufzeigen, wie die Psychoanalyse zu einer dringend notwendigen Erneuerung gelangen kann. Hier hätte es mindestens eines fünften Kapitel sbedurft.

Fazit

Bedauerlich ist, dass die spannungsvolle Dynamik von Analytiker-Werden und Analytiker-Bleiben als lebenslanger Entwicklungsprozess keine Beachtung findet. Als Resümé bleibt der Eindruck eines Buches, das durchaus das akademische Interesse des Lesers zu wecken vermag, emotional jedoch weniger berührt und damit den Anspruch, Lebendigkeit zu vermitteln nicht gerecht wird.

Rezension von
Dr. Hans-Adolf Hildebrandt
Diplom-Pädagoge, M.A., Kinder- und Jugendpsychotherapeut ­(bkj, DFT), Gruppenanalytischer Organisationsberater, und Diplom-Supervisor (D3G, DGSv), Gruppenpsychotherapeut (D3G), Forensischer Sachverständiger Familienrecht (IQfSV)
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Es gibt 11 Rezensionen von Hans-Adolf Hildebrandt.

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Zitiervorschlag
Hans-Adolf Hildebrandt. Rezension vom 10.03.2023 zu: Michael Parsons: Lebendigkeit in der Psychoanalyse. Psychosozial-Verlag GmbH & Co. KG (Gießen) 2022. ISBN 978-3-8379-3137-2. Reihe: Bibliothek der Psychoanalyse. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/30166.php, Datum des Zugriffs 14.06.2024.


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