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Anja Henningsen, Uwe Sielert (Hrsg.): Praxishandbuch Sexuelle Bildung, Prävention sexualisierter Gewalt und Antidiskriminierungsarbeit

Rezensiert von Prof. Dr. René Börrnert, 20.02.2024

Cover Anja Henningsen, Uwe Sielert (Hrsg.): Praxishandbuch Sexuelle Bildung, Prävention sexualisierter Gewalt und Antidiskriminierungsarbeit ISBN 978-3-7799-6954-9

Anja Henningsen, Uwe Sielert (Hrsg.): Praxishandbuch Sexuelle Bildung, Prävention sexualisierter Gewalt und Antidiskriminierungsarbeit. Wertvoll ? divers ? inklusiv. Beltz Juventa (Weinheim und Basel) 2022. 383 Seiten. ISBN 978-3-7799-6954-9. D: 34,95 EUR, A: 35,90 EUR.

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Thema

Außerschulische Präventionsarbeit hat viele Facetten und ist eng mit Aufklärung verbunden. Zunehmend übernehmen akademisch gebildete Fortbildner:innen diese Aufklärungsarbeit und begeben sich damit in das Feld der Sozialen Arbeit sowohl mit jungen Menschen als auch mit sozialpädagogischen Fachkräften. Letztgenannte stehen dann im weiterführenden Auftrag, dieses Wissen in die alltägliche Arbeit einfließen zu lassen. Der entsprechende Fundus an relevanten Themen wird in zumeist transdisziplinärer Forschung erarbeitet und publiziert. Dabei überschneiden sich jedoch einerseits die theoretischen Ausrichtungen der Bezugswissenschaften und entsprechende Begrifflichkeiten.

Wenn es dann wie hier um die Aspekte „Sexualität“, „Diskriminierung“ und „Gewalt“ geht, divergiert auch der Präventionsansatz. Einerseits geht es um Aufklärung. Zum anderen sollen jungen Menschen zu Emanzipation und Selbstbestimmung erzogen und gebildet werden. Die Autor:innen des vorliegenden Sammelbandes haben den Anspruch, derartig verschiedene theoretische Perspektiven zu bündeln und sie als „produktive Differenzen“ fruchtbar zu machen, um sie zur Diskussion anzubieten.

Autor:innen und Hintergrund

Dr.in phil. Anja Henningsen, Diplom-Pädagogin, ist Professorin für Soziale Arbeit dem Schwerpunkt Geschlechterkompetenz/​Diversität an der Fachhochschule Kiel.

Dr. paed. Uwe Sielert, Diplom-Pädagoge, ist pensionierter Universitätsprofessor für Pädagogik mit Schwerpunkt Sozialpädagogik an der Christian-Albrechts-Universität zu Kiel.

Die anderen Autor:innen stammen aus dem Hochschulbereich und aus sozialpolitischen/-pädagogischen Arbeitsfeldern, wie z.B. Beratung und Netzwerkarbeit. Das Buch ist zugleich das Abschlusswerk der Juniorprofessur, die Henningsen von 2013–2019 am Institut für Pädagogik an der Christian-Albrechts-Universität zu Kiel innehatte. Der Sammelband bündelt hierbei thematisch übergreifend die Sichtweisen aus den Perspektiven von sexueller Bildung, Prävention sexualisierter Gewalt und Antidiskriminierungsarbeit. Die Beiträge haben dabei zwei Forschungsschwerpunkte. Erstens geht es um personale und interaktionale Bedingungen, die professionelles sozialpädagogisches Handeln begünstigen. Zweitens steht sexuelle Bildung von Kindern und Jugendlichen als wesentlicher gewaltpräventiver Faktor im Fokus der Beiträge (14).

Aufbau und Inhalt

Die umfangreiche Einleitung (30 Seiten) der beiden Herausgebenden unter der Überschrift des Buchtitels legitimiert das Werk als erste systematische Bündelung der drei benannten Themenfelder als theoretischer Beitrag und zugleich als Abschlusswerk der Juniorprofessur „Sexualpädagogik mit dem Schwerpunkt Gewaltprävention“. Die Etiketten „wertvoll – divers – inklusiv“ werden an dieser Stelle ebenso als Querschnittsaspekte erläutert. Das Buch weist folgende drei Kapitel auf.

Teil 1: Gesellschaftspolitische Rahmung präventionspolitischer und -pädagogischer Disziplinen - Hier finden sich zwei Beiträge.

Lampe und Schmidt-Semisch schauen mit dem Verständnis der Kriminalsoziologie kritisch auf aktuelle Risiko-, Schutz- und Präventionsdiskurse.

Niemeyer richtet dagegen den historischen und systematischen Blick auf die wissenschaftliche Pädagogik, die es seiner Meinung nach bis heute versäumt habe, das Thema Sexualität und ihre Wirkweisen in pädagogischen Kontexten angemessen zu bearbeiten.

Teil 2: Sexualität, Geschlecht, Macht und Gewalt: disziplinäre Zugänge und thematische Spezialfragen - Sieben Beiträge sind unter dieser Überschrift verfasst.

­Sielert bietet eine Theorieskizze für eine Erziehungswissenschaft, die Sexuelle Bildung emanzipatorisch, kritisch reflexiv und ganzheitlich in ihren Fundus einbindet.

Micus-Loos reflektiert Gewalt in Bezug auf Geschlecht und Sexualitäten als intersektionelles Phänomen und leitet daraus Konsequenzen für die Sexuelle Bildung ab.

Christmann formuliert und begründet einen Ethikkodex mit Maßgaben für eine sexualpädagogische Professionalität, „wohl wissend, dass durch Selbstverpflichtung nur eine Annäherung nach bestem Können, Wissen und Gewissen gelingen kann“ (117).

Sielert und Kopitzke untersuchen in einer Sekundärstudie gewaltpräventive Potentiale der Sexualpädagogik. Im Fokus ihres Literaturüberblicks steht deren Beitrag „für einen machtsensiblen Umgang der Menschen miteinander in allen Bereichen der geschlechtlichen und sexuellen Sozialisation. Es geht also zentral um die Frage, welche gewaltpräventiven Potenziale die Sexualpädagogik als Theorie und die sexuelle Bildung bzw. Sexualerziehung als Praxis aufzuweisen hat“ (124 f.).

Fixemer und Henningsen liefern einen Überblick zu den Publikationen (im deutschsprachigen Raum) und Diskursen über sexualisierte Gewalt in pädagogischen Kontexten. Sie stellen fest, dass erst seit jüngerer Vergangenheit (ca. 2015) ein stärkeres Forschungsbemühen einsetzt. Ihre Perspektiven richten sich auf Adressat:innengruppen, Organisationsentwicklung und professionelle Handlungsansätze.

Timmermanns setzt sich mit Ressourcen und Resilienz in der Identitätsentwicklung und Bewältigung von Minderheitsstress bei LGBTIQ* auseinander.

Witz analysiert die Verhandlungs- und Konsensmoral junger Menschen am Beispiel von jugendlichem Sexting, wobei die Sexualpädagogin für ihre Deutungen theoretische als auch eigene empirische Daten nutzt. 

Teil 3: Praxisreflexionen: Förderung und Schutz sexueller Integrität in ausgewählten Arbeitsfeldern - Dieser dritte Teil beinhaltet neun Beiträge. 

Kampert, Riedl, Winter, Henningsen und Wolff bieten eine Analyse von Schutzkonzepten für die Kinder- und Jugendarbeit. Ihre Untersuchung verdeutlicht eine große Heterogenität: „Sowohl die auffindbare Anzahl von Dokumenten variierte als auch der jeweilige Grad der inhaltlichen Auseinandersetzung und Konkretisierung schutzrelevanter Themen. Zudem reichte das analysierte Material von schutzrelevanten Dokumenten bis hin zu konkreten Schutzkonzepten und wies schon aufgrund des Konkretisierungsgrades große Unterschiede auf. Auch der Grad der Thematisierung von Sexualität, Gewalt, Partizipation und Schutz fällt unterschiedlich aus“ (233).

In einem zweiten Beitrag liefern ebendiese Autorinnen einen Werkstattbericht zum praktischen Nutzen der untersuchten Konzeptionen. Sie schauen hierbei auf Zugänge für junge Menschen zu diesen Themen, die ihrer Meinung nach primär durch eine auf Selbstorganisation und -bestimmung beruhende Soziale Arbeit unterstützt werden könnte.

Auch bei Fixemer, Schmitz und Brauner stehen Schutzkonzepte im Blick der Untersuchung, wobei sie den Schwerpunkt auf queere Perspektiven setzen. Diese kommen im Verhältnis zu heteronormativen Sichtweisen noch zu kurz und können durch partizipative Weiterentwicklungen der Konzepte durch junge Menschen mit in den Blick genommen werden.

Hartmann, Busche, Täubrich, Scambor und Henzel erarbeiten konzeptionelle Anknüpfungspunkte und Handlungsaufforderungen für die Prävention sexualisierter Gewalt (gegen Jungen) im Rahmen von Queerer Bildung. 

Henningsen und Beck gehen der Frage nach, wie junge lsbtq* Menschen romantische und sexuelle Beziehungen bewerten, um daraus Konsequenzen für eine diversitätssensible Sexuelle Bildung abzuleiten. Hierbei müssen ihrer Meinung nach Anerkennungen, Entselbstverständlichungen und Ressourcenstärkungen vermehrt in den Blick genommen werden.

Fixemers Interesse gilt queeren Menschen mit Migrationshintergrund und der Frage, wie deren (unsichtbare) Erfahrungen in einem als „Queer Migration Communityarbeit“ bezeichneten Tätigkeitsfeld umgesetzt werden kann.

List und Henningsen untersuchen den Umgang mit Sexualität in Einrichtungen der stationären Jugendhilfe, wobei sie Adressat:innen und Fachkräfte befragten. Ihr Augenmerk richtet sich auf Diskrepanzen zwischen Schutzauftrag und Förderung der Selbstbestimmung.

Priebe widmet sich den zumeist als „Tätern“ stigmatisierten sexuell übergriffigen jungen Menschen und fragt, welche Aufgaben der sexuellen Bildung in diesem Feld zufallen.

Mieruch und Henningsen diskutieren Sexualitätskompetenz als Schlüsselqualifikation und stellen didaktische Überlegungen für die Hochschullehre an.

Diskussion

Der Band führt drei Themenstränge zusammen, die aus traditionell verschiedenen Richtungen kommen. Diese systematische Bündelung der verschiedenen, aber doch gleichermaßen emanzipatorisch ausgerichteten Perspektiven ist innovativ: Es ist dies ein erster Schritt in Richtung umfassender wissenschaftlicher Aufklärungsarbeit, die nach den vielfältigen Offenbarungen von Machtmissbrauch und sexueller Gewalt in kirchlichen und/oder reformpädagogischen Institutionen seit 2010 gefordert wurde. Schwerpunkt des Bandes ist die Zusammenbetrachtung dieser an sich traditionell verschiedenen Themenakzentuierungen „Sexuelle Bildung“, „Prävention sexualisierter Gewalt“ und „Antidiskriminierungsarbeit“: „In der sexuellen Bildung wird aus der Tradition heraus die gewaltsame Unterdrückung der Sexualität und die aggressiven Komponenten von Sexualität analysiert, während in der Präventionsarbeit sexualisierte Gewalt als machtvolles Unterdrückungsinstrument betrachtet wird. Die Antidiskriminierungsarbeit setzt hingegen stärkere Verbindungen zu strukturellen Diskriminierungsverhältnissen und -kategorien. Die Arbeit gegen sexuelle Gewalt changiert deshalb Schutz vor Übergriffen und Befähigung zur sexuellen Selbstbestimmung“ (12). In diesem letzten Satz zeigt sich das tiefgreifende Dilemma, das nicht nur für die theoretische Formulierung des Professionsansatzes maßgeblich ist, sondern auch für die praktische Akzentuierung im Berufshandeln von sozialen Fachkräften. Den Herausgebenden ist es gelungen, mit dem Band diesem theoretischen Anspruch zu genügen. Vertreter:innen aus der Sozial/​-Erziehungswissenschaft und sozialen Meta-Praxisbezügen (u.a. Präventionsbeauftragte, Bildungsreferent:innen u.ä.) tragen mit Erkenntnissen und Ergebnissen aus entsprechender Forschung und/oder Erfahrung dazu bei, ein sogenanntes Assemblage-Konzept zu entwickeln (26 ff.).

Kritisch ist jedoch der Anspruch zu betrachten, dass es sich bei dem Aufsatzband um ein „Praxis-Handbuch“ handeln soll. Eine genaue Erläuterung des Begriffes fehlt. Insofern bleibt die Bezeichnung absolut fraglich. Die Bezeichnung „Handbuch“ mag noch stimmen, doch der Zusatz „Praxis“ ist irreführend, auch wenn die Mehrzahl der Artikel im dritten Kapitel (Praxisreflexionen) angesiedelt sind. Die Anordnung der Texte hier und insgesamt ist aber weder inhaltlich klar strukturiert, noch findet der Lesende ein formales Raster, das hier – zum Beispiel in Form es Themenclusters oder -registers – eine Orientierung bietet. Die Aufsätze sind alle auf ihre jeweilige Art zusammengeschrieben, ohne eine didaktische Formatierung anzubieten. Insofern müssen sich am großen Themenblick Interessierte ihre jeweiligen Informationen aus den im Duktus zumeist sehr theoretischen Ausführungen zusammensuchen. Diese, das muss hervorgehoben werden, finden sich in aller Breite und Fülle. Mit der Haupt-Betitelung der Publikation als „Praxishandbuch“ suggeriert der Band somit mehr, als was er eigentlich ist, nämlich eine klassische Sammlung zusammengetragener Aufsätze. Die Herausgebenden selbst benutzen insofern den Begriff „Sammelband“ (13, 39) in bezeichnender Weise korrekt. 

Fazit

Dem Anspruch eines „Praxis“-Handbuches wird die Publikation nicht gerecht, weil der didaktische Gebrauch für Praktiker:innen entsprechender Arbeitsgebiete nicht überzeugend gelungen ist. Wer aber einen aktuellen Theorie/​-Forschungsblick auf die Themenfelder „Sexuelle Bildung“, „Prävention sexualisierter Gewalt“ und „Antidiskriminierungsarbeit“ sucht, wird sie in diesem Buch finden.

Rezension von
Prof. Dr. René Börrnert
Fachhochschule des Mittelstands (Rostock)
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Es gibt 41 Rezensionen von René Börrnert.

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Zitiervorschlag
René Börrnert. Rezension vom 20.02.2024 zu: Anja Henningsen, Uwe Sielert (Hrsg.): Praxishandbuch Sexuelle Bildung, Prävention sexualisierter Gewalt und Antidiskriminierungsarbeit. Wertvoll ? divers ? inklusiv. Beltz Juventa (Weinheim und Basel) 2022. ISBN 978-3-7799-6954-9. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/30174.php, Datum des Zugriffs 16.04.2024.


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