Martina Angela Friedl: Systemisches Coaching
Rezensiert von Farina Eggert, 29.12.2025
Martina Angela Friedl: Systemisches Coaching.
Junfermann Verlag GmbH
(Paderborn) 2022.
159 Seiten.
ISBN 978-3-7495-0353-7.
D: 18,00 EUR,
A: 18,50 EUR.
Reihe: Coaching Skills kompakt - Band 10.
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Thema
Das Buch bietet eine umfassende und praxisorientierte Einführung in das systemische Coaching. Martina Angela Friedl richtet sich dabei sowohl an Anfänger:innen als auch an fortgeschrittene Praktiker:innen und verbindet theoretische Fundierungen mit konkreten Methoden und Interventionstechniken. Das Werk leistet einen wichtigen Beitrag zur Professionalisierung des Coaching-Feldes und beantwortet die Frage, welche theoretischen Grundlagen, Kompetenzen und praktischen Werkzeuge notwendig sind, um professionelles systemisches Coaching auszuüben.
Autorin
Martina Angela Friedl ist systemische Organisationsberaterin, Coach, Trainerin und systemische Therapeutin. Sie arbeitet als Autorin und Vermittlerin systemischer Konzepte für Praxis und Ausbildung und verbindet dabei ihre Expertise mit dem Anspruch, theoretische Komplexität verständlich und praktisch nutzbar zu machen.
Entstehungshintergrund
Ausgehend von langjähriger Lehrtätigkeit habe Friedl „ein eigenes Konzept“ entwickelt, wie sie systemisches Coaching vermittle und erlebbar mache; auf dieser Basis sei die Einführung entstanden (Vorwort, S. 9–10). Das Buch wolle Theorie zugänglich machen, ohne ihre Komplexität zu verkürzen, und gleichzeitig konkrete Werkzeuge bereitstellen, die in unterschiedlichen Coachingkontexten eingesetzt werden könnten.
Aufbau
Der Band gliedert sich in zwei Teile:
Teil I: Theoretische Grundlagen (S. 11–58) umfasst theoretische Grundlagen, darunter Definitionen von Coaching und systemischem Coaching, zentrale systemische Konzepte, Haltungen und typische Coaching-Settings.
Teil II: Kompetenzen, Methoden und Übungen (S. 59–147) widmet sich Kompetenzen, Methoden und Interventionen. Zunächst stelle Friedl ein Anforderungsprofil für Coaches vor, anschließend Basis- und themenspezifische Methoden sowie Übungen. Abgerundet werde der Band durch ein Kapitel zu Coaching im Führungskontext und Überlegungen zum beruflichen Selbstverständnis von Coaches.
Inhalt
Kapitel 1: Das Konzept Coaching
Die Autorin präzisiert zunächst das Verständnis von Coaching. Sie schreibt: „Coaching ist ein gezielter Prozess, der Individuen und Gruppen bei der persönlichen und professionellen Entwicklung unterstützt“ (S. 12). Systemisches Coaching wird davon unterschieden: „Zu einem systemischen Coaching wird eine Beratungssituation, indem die beratende Person bestimmte Methoden einsetzt und eine bestimmte mentale Haltung einnimmt“ (S. 13). Damit sei Coaching eine professionelle, zielorientierte Beratungsform, die Klient*innen dabei unterstütze, eigene Lösungswege zu entwickeln. Systemisches Coaching unterscheide sich zudem durch seine theoretische Verankerung in Systemtheorie und Konstruktivismus. Auch die Abgrenzung zur systemischen Psychotherapie (Kap. 6) werde vorbereitet: Coaching adressiere vor allem berufsbezogene Anliegen, psychotherapeutische Fragestellungen überschritten den Rahmen des Settings (S. 54–56).
Kapitel 2: Eckpfeiler systemischen Denkens und Handelns
Die Autorin entwirft eine kompakte Einführung in systemtheoretische Grundbegriffe. Fundamental für das Verständnis sei die Definition systemischen Denkens. Friedl erklärt: „Als System bezeichnet man eine beliebige Gruppe von Elementen, die durch Beziehungen miteinander verbunden sind und nach bestimmten Kriterien von ihrer Umwelt abgrenzbar sind“ (S. 21).
Die Autorin differenziert darüber hinaus zwischen verschiedenen Arten von Systemen und führt zentrale Konzepte wie Konstrukte, Konstruktivismus und Konstruktionismus ein. Sie erläutert die Relevanz von Systemtheorie für Organisationen und behandelt neuere Entwicklungen in der systemischen Theorie.
Konstruktivistische Perspektiven werden eingeführt als Grundlage für die Annahme, dass Wahrnehmung immer subjektiv und mehrdeutig sei (S. 27). Dies leite über zu einem zentralen Punkt systemischer Praxis: Coaches sollten besonders sensibel für sprachliche Markierungen und individuelle Bedeutungszuschreibungen sein.
Kapitel 3: Haltung in der systemischen Praxis
Ein zentraler Schwerpunkt liegt auf der professionellen Haltung. Friedl betont, dass systemisches Coaching nicht allein durch Techniken charakterisiert wird, sondern durch eine innere Grundhaltung. Sie beschreibt dabei zentrale Elemente: das Arbeiten auf Augenhöhe mit den Klient:innen, das Eröffnen neuer Lösungsmöglichkeiten, die Wahrung von Neutralität, das Kultivieren von Neugier und „Nichtwissen“ sowie die Förderung der Autonomie der Klient:innen. Diese fünf Säulen durchziehen das gesamte Werk.
Kapitel 4: Coaching-Formate und Coaching-Kontexte
Friedl stellt verschiedene häufig auftretende Coaching-Formate vor und behandelt besondere Coaching-Kontexte. Dies ermöglicht Leser:innen, das systemische Denken auf unterschiedliche Anwendungssituationen zu übertragen.
Das häufigste Setting sei das Einzelcoaching — trotz der systemischen Herkunft aus Mehrpersonensettings. Friedl betont aber, dass auch im Einzelsetting das soziale Umfeld stets mitgedacht werde (S. 43–44). Sie beschreibt weitere Formate wie Coaching unter Einbeziehung Dritter, Online-Coaching und differenziert nach Freiwilligkeit oder Auftraggeber*in.
Kapitel 5: Ablauf eines Coaching-Prozesses
Die Autorin beschreibt den gesamten Coaching-Prozess von der Kontaktaufnahme über das Erstgespräch und die Kontrakterstellung bis zur Auftragsklärung. Dabei werden die Erarbeitung von Lösungen, die Weiterentwicklung des Anliegens sowie der Abschluss und die Verankerung von Veränderungen thematisiert.
Kapitel 6: Abgrenzung zur systemischen Psychotherapie
Dieses Kapitel leistet eine grundlegende Differenzierung zwischen Coaching und Psychotherapie – eine Unterscheidung, die für die professionelle Identität von Coaches essenziell ist.
Friedl definiert zunächst Psychotherapie: Sie wird verstanden als ein Prozess, der auf die Veränderung und Heilung psychischer Störungen, Erkrankungen und Symptome ausgerichtet ist. Die Autorin weist darauf hin, dass Psychotherapie ein höheres Maß an Spezialisierung und diagnostischer Kompetenz erfordere. Sie schreibt: „Psychotherapie ist ein Verfahren zur Behandlung von psychischen Erkrankungen und Störungen, das spezifische Ausbildung und Qualifikationen voraussetzt“ (S. 165).
Sie arbeitet heraus, dass Coaching hingegen primär auf die Unterstützung bei der persönlichen und professionellen Entwicklung von psychisch stabilen Menschen abzielt. Während Psychotherapie von Pathologie ausgeht, arbeitet Coaching von Ressourcen und Zielen aus.
Ein besonders wichtiger Aspekt sei zudem die Verantwortung des Coaches zur Früherkennung. Friedl betont, dass Coaches eine Verantwortung hätten, im Verlauf eines Coachings zu bemerken, wenn sich die Fragestellung in Richtung psychotherapeutischer Inhalte verschiebt. Sie schreibt: „Ein ethisch verantwortungsvoller Coach wird seine Grenzen kennen und transparent machen, wenn das Anliegen eines Klienten über sein Leistungsspektrum hinausgeht“ (S. 169).
Das Kapitel schließt mit praktischen Empfehlungen für Coaches, wie sie mit der Grenzsituation umgehen, wenn sich während eines Coachings zeigt, dass therapeutische Unterstützung notwendig sei. Friedl empfiehlt hier: „Der Coach sollte diese Situation ansprechen, die Notwendigkeit transparent machen und dem Klienten bei der Vermittlung zu einem*einer Psychotherapeut:in unterstützen“ (S. 173).
Teil II: Kompetenzen, Methoden und Übungen
Kapitel 7: Anforderungsprofil: Welche Kompetenzen brauchen Coaches?
Ein zentraler Abschnitt widmet sich den erforderlichen Kompetenzen. Die Autorin beschreibt vier Schlüsselbereiche:
- Kommunikationsfähigkeit: Professionelle Kommunikation wird als notwendig erachtet.
- Beziehungsfähigkeit und Empathie: „Empathie ermöglicht es, die innere Welt der Klient:innen zu verstehen“ (S. 60).
- Fähigkeit zur Selbstreflexion: Friedl betont: „Selbstreflexion ist eine Schlüsselkompetenz, die Coaches befähigt, ihre eigenen Prägungen und Einstellungen zu erkennen“ (S. 137). Sie ergänzt: „Das eigene Wirken selbstkritisch zu hinterfragen, erlaubt es, den Prozess kontinuierlich zu verbessern“ (S. 142).
- Lernfähigkeit und Offenheit für Veränderungen: Die Bereitschaft zur kontinuierlichen Weiterentwicklung wird unterstrichen.
Die Autorin bietet konkrete Übungen zum Trainieren dieser Kompetenzen.
Kapitel 8: Basis-Methoden
Dieses Kapitel stellt das handwerkliche Rüstzeug des systemischen Coachings dar und zeigt, wie theoretisches Wissen in praktische Interventionen übersetzt wird.
- Beobachtung und Steuerung der eigenen Aufmerksamkeit: Die reflektierte Aufmerksamkeit wird als Grundlage aller Intervention verstanden (S. 63).
- Systemische Fragetechniken: „Fragetechniken bilden das zentrale Werkzeug des systemischen Coachings, um Perspektiven zu verändern und Problemlösungsprozesse anzustoßen“ (S. 17). Die Autorin illustriert dies mit vielfältigen Beispielen und macht die Differenzierungen zwischen offenen Fragen, zirkulären Fragen und anderen Fragetechniken praktisch nachvollziehbar (S. 71–82). Umfangreiche Übungen zum Thema Fragetechnik runden diesen Abschnitt ab.
- Reframing: eine Technik zur Umdeutung von Wahrnehmungen und Erfahrungen. Friedl erklärt, dass Reframing hilft, die Perspektive des Klienten zu verändern und neue Handlungsmöglichkeiten zu schaffen (S. 85).
- Soziometrische Verfahren: Methoden zur Darstellung sozialer Beziehungen in Gruppen oder Organisationen. Diese Techniken ermöglichen es, komplexe Beziehungsdynamiken greifbar und veränderbar zu machen.
- Integration kreativer Methoden: Friedl zeigt, wie kreative Elemente wie Kunst, Schreiben, Bewegung oder Musikarbeit den Coachingprozess bereichern können. Sie argumentiert: „Kreative Methoden ermöglichen es, auf andere Teile der menschlichen Erfahrung zuzugreifen als nur auf die rationale und verbale Ebene“ (S. 93).
Kapitel 9: Systemische Interventionen für spezifische Themen
Friedl präsentiert zehn konkrete Interventionsmethoden, die auf spezifische Coaching-Anlässe abgestimmt sind. Jede Intervention wird mit präzisen Anweisungen, Beispielen und Fallvignetten veranschaulicht, sodass Coaches sie unmittelbar in ihrer Praxis einsetzen können.
- Zur Zielfindung: Zieldefinition über ein Symbol
- Zur Unterstützung von Entscheidungsprozessen: Konkrete Methoden für schwierige Entscheidungen
- Zum Umgang mit Schuld: Die Schuldtorte als Interventionstechnik
- Zum Wechsel der Perspektive: Techniken zur Perspektivenerweiterung
- Zum Durchbrechen bestehender Kommunikations- und Verhaltensmuster: Interventionen für festgefahrene Situationen
- Zum Aufrütteln festgefahrener Annahmen: Methoden zur Dekonstruktion von Überzeugungen
- Zur Stärkung des Selbstwertes: Konkrete Interventionen für Selbstwertfragen
- Zur Bearbeitung von Konflikten: Systemische Ansätze zur Konfliktlösung
- Zur Entlastung bzw. zum Gewinnen von Energie: Der persönliche Energietopf als Methode
- Zum Aufrechterhalten von Motivation: Strategien zur Motivationsstabilisierung
Jede Intervention wird mit Fallbeispielen und praktischen Hinweisen veranschaulicht.
Kapitel 10: Falldarstellungen
Friedl präsentiert drei detaillierte Falldarstellungen, die die Integration von Theorie und Praxis demonstrieren:
- Falldarstellung 1: Überraschende Wendungen zeigt, wie Coach-Klient-Prozesse unerwartet verlaufen können.
- Falldarstellung 2: Wenn dem*der Coach die Neutralität abhandenkommt reflektiert die Grenzen und Herausforderungen professionellen Coachings.
- Falldarstellung 3: Wie man mit einer Besucherin zu einem echten Auftrag kommt illustriert die Auftragsklärung in der Praxis.
Diese Fallbeispiele ermöglichen es Leser:innen, die gelehrten Methoden im realistischen Kontext zu sehen.
Kapitel 11: Führung und Coaching
Dieses Kapitel behandelt die Schnittstelle zwischen Führungsarbeit und systemischen Praktiken. Friedl zeigt, wie Führungskräfte von systemischer Praxis profitieren können, klärt aber auch: „Führungskräfte sind keine Coaches“ (S. 201). Sie behandelt explizit Rollenkonflikte und Begrenzungen, wenn Führungskräfte Coaching-Methoden einsetzen.
Kapitel 12: Coach werden und sein
Das abschließende Kapitel reflektiert, wie man ein wirksamer systemischer Coach wird und bietet Orientierungen zur kontinuierlichen Professionalisierung und zum reflektierten Umgang mit der eigenen Rolle.
Diskussion
Das Buch überzeugt durch seine gelungene Integration von Theorie und Praxis. Die strukturierte Darstellung ermöglicht es auch Neueinsteiger:innen, dem systemischen Denken zu folgen, während die vielfältigen Fallbeispiele und Übungen erfahrenen Praktiker:innen erweiterte Perspektiven bieten.
Positiv hervorzuheben ist die differenzierte Darstellung. Friedl vermeidet dogmatisches Denken und präsentiert systemisches Coaching als offenes, flexibles Konzept, das sich an verschiedene Kontexte und Zielgruppen anpassen lässt. Die konsequente Betonung der inneren Haltung vor technischen Fertigkeiten unterscheidet dieses Werk von rein instrumentellen Coaching-Ratgebern.
Hervorzuheben ist die reflexive Auseinandersetzung mit Grenzen und Herausforderungen. Etwa in Falldarstellung 2 wird thematisiert, dass auch Coaches ihre Neutralität verlieren können. Dies macht das Werk realistisch und praxisnah. Noch wertvoller ist jedoch Kapitel 6 zur Abgrenzung zur systemischen Psychotherapie. Friedl zeigt hier eine bemerkenswerte ethische Sensibilität und Professionalität. Sie klärt nicht nur theoretisch, sondern auch praktisch, wie Coaches ihre Grenzen erkennen und verantworten können. Diese Auseinandersetzung trägt wesentlich zur Professionalisierung des Coaching-Feldes bei und schützt sowohl Coaches als auch ihre Klient:innen vor Überforderung und inadäquaten Interventionen.
Für Einsteiger*innen dürfte die Kombination aus Theorie und direkter Umsetzbarkeit zudem eine nachvollziehbare Lernkurve ermöglichen. Für erfahrene Coaches bietet der Band komprimierte Wiederholung und Anregungen zur Weiterentwicklung der eigenen Praxis. Die Autorin arbeitet heraus, dass systemisches Denken nicht nur ein theoretischer Rahmen ist, sondern sich unmittelbar in Fragetechniken, Externalisierungsmethoden und reflektiven Praktiken manifestiert.
Zu erwägen wäre, ob eine stärker vergleichende Perspektive auf andere Coaching-Ansätze (etwa lösungsorientiertes oder agiles Coaching) zusätzliche Kontextualisierung ermöglicht hätte. Ebenso könnte eine explizitere Diskussion ethischer Herausforderungen und Grenzsituationen im systemischen Coaching das Werk noch praktischer machen. Wer darüber hinaus vertiefte systemtheoretische oder konstruktivistische Auseinandersetzungen sucht, wird ergänzende Literatur benötigen. Dennoch erfüllt das Buch seinen Anspruch als kompakter, praxisnaher Leitfaden in hohem Maße.
Fazit
Das Buch Systemisches Coaching bietet eine solide, strukturiert aufgebaute und gut verständliche Einführung in systemische Coaching-Praxis. Durch präzise Definitionen, theoretische Tiefe und reichhaltige praktische Beispiele leistet es einen substanziellen Beitrag zur Professionalisierung des Coaching-Feldes. Es richtet sich erfolgreich an Einsteiger:innen und bereits tätige Coaches gleichermaßen und bietet beiden Gruppen Gewinn.
Rezension von
Farina Eggert
Sozialarbeiterin/Sozialpädagogin (B.A; M.A), Systemische Beraterin (DGSF)
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