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Norbert Mappes-Niediek: Krieg in Europa

Rezensiert von Johannes Schillo, 06.01.2023

Cover Norbert Mappes-Niediek: Krieg in Europa ISBN 978-3-7371-0126-4

Norbert Mappes-Niediek: Krieg in Europa. Der Zerfall Jugoslawiens und der überforderte Kontinent. rowohlt Berlin Verlag (Berlin) 2022. 400 Seiten. ISBN 978-3-7371-0126-4. D: 32,00 EUR, A: 32,90 EUR.

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Thema

Das Buch behandelt den ersten heißen Krieg in Europa, nachdem der Kalte Krieg mit der Abdankung des Ostblocks zu Ende gegangen war und die Zerlegung des jugoslawischen Staates durch diverse Bürgerkriegsparteien den NATO-Staaten Gelegenheit bot, politisch und schließlich militärisch zu intervenieren.

Autor

Der Autor ist Journalist. Er arbeitete ab 1991 als freier Korrespondent für Südosteuropa und schrieb für deutsche und österreichische Zeitungen (Frankfurter Rundschau, Standard).

Aufbau und Inhalt

In Eingangs- und Schlussbemerkungen resümiert der Autor das Desaster des welthistorischen Aufbruchs nach 1989, als sich aus westlichem Blickwinkel „freie Menschen für friedliche und demokratische Formen des Zusammenlebens“ entschieden (10) und NATO- wie EU-Staaten sie auf diesem Weg zu begleiten versprachen – mit dem Resultat, dass das genaue Gegenteil eintrat: ausgrenzender Nationalismus, Völkerfeindschaft und die Usurpation politischer Macht durch KP-Kader oder zwielichtige Untergrundkämpfer. „Über acht Jahre zogen sich die Jugoslawienkriege, 135000 Menschen kamen zu Tode, Millionen flüchteten oder wurden vertrieben“ (356). Die USA inszenierten und dirigierten dabei am Ende einen völkerrechtswidrigen Krieg – „ein abgekartetes Spiel“ (334), bei dem Deutschland und andere NATO-Mitglieder nolens volens mitmachten. Hier sollte demonstriert werden, wie die einzig verbliebene Supermacht zu internationalen Vereinbarungen steht: „Wenn es nicht mit der Unterstützung der Vereinten Nationen geht, dann eben ohne sie: Das blieb die Leitlinie der Vereinigten Staaten“ (362). Nicht zuletzt, so das Fazit des Autors, schufen die USA damit einen Präzedenzfall – für das weitere Agieren des Westens, aber auch für potenzielle Gegenspieler (z.B. heute: Putin).

Das Buch bietet eine Chronik der Ereignisse, einsetzend mit dem Slowenienkrieg vom Sommer 1991, dem das 1. Kapitel gewidmet ist. Die Chronologie wird dadurch unterbrochen, dass Informationen zum multinationalen Konglomerat im Tito-Staat nachgereicht werden sowie – nach 50 Seiten – zum nicht ganz unwichtigen Umstand, dass in der EU, speziell in Deutschland, bereits ein Jahr zuvor die Einflussnahme auf die Neugliederung oder -aufstellung des Vielvölkerstaates begann. Der Aufschwung des slowenischen Nationalismus wurde von Milošević, dem neuen starken Mann Jugoslawiens, toleriert. Mappes-Niediek sieht aber in ihm den eigentlichen Wegbereiter des Nationalismus, dem das serbische „Memorandum“ von 1986 als Leitlinie diente.

Dies wird im 2. Kapitel, das der Vorgeschichte des Kroatienkriegs gewidmet ist, wieder relativiert. Die „Mystifizierung“ von Milošević als dem „Mastermind hinter allen Geschehen und Gräueln der neunziger Jahre“ (50) gehe an der Tatsache vorbei, dass dieser im Westen ursprünglich geschätzte Reformer keine zielstrebige Politik verfolgt habe – außer dem Bekenntnis zum völkischen Nationalismus. In diesem Punkt stimmte er freilich, wie der Fortgang betont, mit seinem kroatischen Widerpart Tudjman überein, der sich sogar bei seiner Formierung des Volkskörpers auf die faschistische Ustascha-Tradition berief.

Der damalige kroatische Staat, der sich der Kollaboration mit den Nazis verdankte und der einen Genozid an den Serben verübte, habe einen „Doppelcharakter“ (65f) gehabt, hieß es bei Tudjman; der „tausendjährigen Traum“ der Unabhängigkeit müsse wieder aufgegriffen werden, auch wenn bei dessen Verwirklichung „für Serben kein Platz reserviert“ war (6). Folgerichtig eskalierte der Konflikt, beginnend mit antiserbischen Berufsverboten und Schikanen, worauf die Gegenseite mit ähnlichen Maßnahmen reagierte: „Jede Seite zählte bereits ihre Opfer, jedes Verbrechen wurde durch eines der anderen Seite gerechtfertigt“ (75). Das rief die noch zerstrittene EU als diplomatischen Akteur auf den Plan, während die USA, laut Mappes-Niediek, desinteressiert gewesen seien und nur den „Konflikt rund um das Kosovo“, d.h. die „unsichere ‚Südflanke‘ der NATO“ (85), im Auge gehabt hätten.

Das 3. Kapitel schildert den Verlauf des Kroatienkriegs, in dem das neue Schrecknis der „ethnischen Säuberungen“ zu verzeichnen war: „Beides, der Krieg und das Verbrechen, gehörten in den Jugoslawienkriegen untrennbar zusammen“ (89). Auch ein anderes Muster zeichnete sich hier ab: „Figuren aus der Halb- und Unterwelt spielten in der Anfangsphase des Kriegs eine wichtige Rolle“ (91). Und ein „wild entschlossenes Deutschland“ (109) habe wesentlich zur Befeuerung des kroatischen Kriegswillens beigetragen: Die Kohl-Regierung preschte vor, setzte sich gegen Widerstand in der EU durch und das verhängnisvollen Datum für die folgenden Kriege. Das Programm, das von Medien und politischer Klasse geteilt wurde, sollte „das beträchtliche Gewicht des wiedervereinigten Deutschland unbedingt einbringen – nicht aus imperialen Gelüsten, sondern aus Verantwortungsgefühl“ (125), obwohl die Partnerstaaten das anders sahen. Mappes-Niediek hält als Fehler der EU-Parteinahme vor allem fest, dass man sich als Kriegstreiber betätigte, nämlich den (noch) vorsichtig agierenden Chef der Bosnier, Izetbegović, zu den nächsten Unabhängigkeitskriegen in Bosnien-Herzegowina drängte.

Deren Verlauf sind das 4., 5. und 6. Kapitel gewidmet. Izetbegović, ein bekennender Islamist, der eine „islamische Ordnung“ anstrebte, „mit Scharia, Alkoholverbot und züchtigen Müttern, ähnlich wie sie heute radikalen Salafisten vorschwebt“ (147), wurde zum Statthalter des westlichen Einmischungsbedarfs. Die ethnischen Säuberungen waren auf allen Seiten zu verzeichnen, sie waren, so erläutert der Autor ihre Genese (172ff), keine Umsetzung eines rassistischen Programms, vielmehr die simple Folge der völkischen Abgrenzung: Es ging um Staatsgründung auf Basis einer nationalen Identität, und nicht die Vergangenheit, sondern „der Westen war das Vorbild“ (175).

Mit der Wahl von US-Präsident Clinton sieht der Autor die Initiative dann vom Weißen Haus ausgehen, woraus sich die folgende Entwicklung erkläre: Die Parteinahme der EU fortsetzend – „Kroatien war keinem nennenswerten Druck ausgesetzt … Serbien stand … unter harten Wirtschaftssanktionen“ (241) –, wurde Serbien zum Feind erklärt, worauf die NATO „den ersten Kampfeinsatz ihrer fünfundvierzigjährigen Geschichte“ flog (253). Die USA wollten Kriegspartei sein, so der Autor, wobei vor allem US-Außenministerin Albright Druck machte. „Mit den gescheiterten Europäern stimmten sie sich nur noch punktuell ab“ (263). Srebrenica wurde demgemäß zur singulären serbischen Untat hochstilisiert, während die kroatische Säuberung der Krajina, „die größte einzelne Massenvertreibung von Menschen seit der unmittelbaren Nachkriegszeit“ (279), im Westen kaum Beachtung fand. Die NATO intervenierte mit „heftigsten Luftschlägen“, wobei Jagdbomber, darunter 14 deutsche Tornados, über 3.500 Einsätze flogen (284).

Das 7. Kapitel über den Kosovokrieg schließt die Chronik ab. 1999 „führte die stärkste Streitmacht der Welt, die NATO, mit einem achtunsiebzigtägigen Bombardement den ersten Krieg ihrer Geschichte“ (297) – einen völkerrechtswidrigen Krieg, der auf Druck der USA zustande kam, wie Mappes-Niedick vermerkt. Er zitiert als einen wichtigen Kriegstreiber den damaligen Senator Biden: „Wenn ich Präsident wäre, würde ich Milošević einfach bombardieren… Die NATO-Verbündeten würde ich mitmachen lassen“ (330).

Von US-Seite hieß es dazu, für eine Intervention sei ein Beschluss des UN-Sicherheitsrates „wünschenswert, aber nicht nötig“ (331). Für Ministerin Albright war die Zustimmung der UN aber noch nicht einmal wünschenswert. Mappes-Niedick zitiert aus ihren Memoiren: „Wäre eine Resolution im Sicherheitsrat durchgegangen, so hätten wir einen Präzedenzfall geschaffen: nämlich dass die Nato für ihr Einschreiten die Zustimmung des Sicherheitsrates bräuchte“ (331). Für die Legitimierung des NATO-Angriffs wurde dann eine „Verifizierungskommission“ unter US-Aufsicht geschaffen, die statt neutraler Beobachtung die UCK zu Gewalttaten ermunterte, sodass das gewünschte Resultat bald eintrat: Ein bis heute nicht ganz aufgeklärtes Massaker in Račak (Mappes-Niediek verweist der Einfachheit halber auf Wikipedia) lieferte die passende Legitimation.

Das „abgekartete Spiel“ in Rambouillet, bei dem auch Deutschland kein Einblick in die Details gewährt wurde, habe dann den Luftkrieg in Gang gesetzt. Er galt nicht nur dem feindlichen Militär, sondern verursachte große Schäden an Infrastruktur, zivilen Gebäuden (wie Fabriken, der Rundfunk- und Fernsehzentrale, der chinesischen Botschaft) und auch unter der Zivilbevölkerung. Wenn einmal ein eklatanter Fall im Westen bekannt wurde, wiegelte die NATO ab, wie Mappes-Niedick hervorhebt: „Nato-Sprecher Jamie Shea sprach von einem ‚Kollateralschaden‘…“ (349).

Diskussion

Der Autor konzentriert sich in seiner Darstellung auf die Taten und Beweggründe der örtlichen „Kriegsherren“ (13). Erst nach und nach werden die Interessen der NATO-Staaten ins Spiel gebracht (Russland hatte in dem Konflikt keine aktive Rolle), die sich dann aber als die maßgeblichen Faktoren erweisen. Die gewählte Darstellungsweise hat insofern ihre Berechtigung, als der Aufbruch der Nationalismen auf dem Balkan das Werk der dortigen Machthaber war und auf die Bereitschaft einer militanten Gefolgschaft stieß. Dass allerdings aus separatistischen Bestrebungen, anders als sonst in Europa (siehe Flandern, Katalonien oder das Baskenland), Bürgerkriege hervorgingen, verdankte sich der Patronage auswärtiger Mächte. Deren imperiale, auf Machterweiterung zielenden Motive und deren – mit Propagandalügen garnierte – Parteinahme für eine Seite, nämlich die antiserbische, werden vom Autor zwar immer wieder zur Sprache gebracht, zugleich zeigt sich hier aber eine gewisse Inkonsistenz der Argumentation.

Obwohl alle Seiten an Kriegsverbrechen beteiligt waren und der nationalistische Furor die verschiedensten Parteien auszeichnete, hält Mappes-Niediek im Grunde am westlichen Feindbild vom Kriegstreiber Milošević fest. Oder es werden auf der einen Seite die Kalkulationen der USA und der EU-Staaten kritisch unter die Lupe genommen, die völkerrechtswidrige Position der USA, ihr Bestehen auf einem weltpolitischen Führungsanspruch und ihr „abgekartetes Spiel“ offen benannt. Auf der anderen Seite aber gibt es ein gewisses Verständnis für den „überforderten Kontinent“, für die Zwangslagen der US-Regierung und speziell für die deutsche Politik von Kohl/Genscher bis zu Schröder/Fischer. Der Autor hält fest, dass Deutschland 1991 – im Bewusstsein seiner neu errungenen Machtstellung nach Einverleibung der DDR – bei der Zerlegung des Ostens vorpreschte. Der neue Anspruch sei von den Partnern misstrauisch registriert worden, „die Begeisterung für eine Wiedervereinigung Deutschlands hielt sich auch bei engen Verbündeten in Grenzen“ (117). Dass die BRD nicht aus „imperialen Gelüsten“, sondern „aus Verantwortungsgefühl“ habe führen wollen, ist dann aber eine Formulierung, die man eher von einem Redenschreiber als von einem kritischen Journalisten erwartet.

Fazit

Das Buch liefert einen kompakten, gut lesbaren Abriss der Jugoslawienkriege von 1991 bis 1999. Dabei werden sowohl die weltpolitischen Konstellationen – in der EU, der NATO und den USA – als auch die historischen Linien von der Gründung des Königreichs Jugoslawien nach dem Ersten Weltkrieg über die faschistische Okkupation bis zum fein austarierten Staat der Multinationalität unter Tito deutlich. Das zentrale Nationalismus-Problem wird analytisch nicht besonders vertieft, der Autor versucht eher, aus seiner Kenntnis von Land und Leuten den Leser/​innen ein anschauliches Bild des Geschehens zu vermitteln (wozu auch Abbildungen sowie Karten und eine Zeittafel beigefügt sind).

Rezension von
Johannes Schillo
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Es gibt 14 Rezensionen von Johannes Schillo.

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Zitiervorschlag
Johannes Schillo. Rezension vom 06.01.2023 zu: Norbert Mappes-Niediek: Krieg in Europa. Der Zerfall Jugoslawiens und der überforderte Kontinent. rowohlt Berlin Verlag (Berlin) 2022. ISBN 978-3-7371-0126-4. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/30199.php, Datum des Zugriffs 18.04.2024.


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