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Kemal Bozay: "...ich bin stolz, Türke zu sein!" Ethnisierung [...]

Cover Kemal Bozay: "...ich bin stolz, Türke zu sein!" Ethnisierung gesellschaftlicher Konflikte im Zeichen der Globalisierung. Wochenschau Verlag (Schwalbach/Ts.) 2005. 392 Seiten. ISBN 978-3-89974-208-4. 29,80 EUR.
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Einführung

Seit Anfang der 1970er-Jahre sind die Migranten aus der Türkei Gegenstand der sozial- und erziehungswissenschaftlichen Forschung. Die ersten Veröffentlichungen versuchten einen allgemeinen Überblick über die Lage der Migranten in Deutschland zu geben. Mittlerweile gibt es zahlreiche Dissertationen, Studien und Forschungsberichte, die die wirtschaftlichen, sozialen und politischen Rahmenbedingungen der Frauen, Jugendlichen und Familien detailliert beschreiben. Während der Ansatz der meisten Veröffentlichung bis Anfang der 1990er-Jahre von der sog. Defizitorientierung (d. h. die Schwächen und Defizite dieser Migranten wurden in den Mittelpunkt des Forschungsansatzes gestellt) geprägt war, stellen die meisten neueren Forschungen intensiver die Stärken und Potenziale der Migranten in den Mittelpunkt.

In erster Linie werden allerdings die Studien, die die männlichen Jugendlichen der zweiten/dritten Generation in Bezug auf Delinquenz, Gewalt, Extremismus und Fundamentalismus behandeln, in der Öffentlichkeit verstärkt wahrgenommen. Den Anfang dieser Studien machte der Berliner Wissenschaftler Werner Schiffauer (Die Gewalt der Ehre, 1983) mit seiner ethnologisch angelegten Untersuchung, die einen authentischen Vergewaltigungsfall in Berlin als Folie nimmt. Ebenso ethnologisch angelegt ist die Studie von Hermann Tertilt (Türkish Power Boys, 1996), der die Mitglieder einer Jugendbande über Jahre begleitet. Er beschreibt eindrucksvoll und hautnah die Lebenswelten der betroffenen Jugendlichen. Die darauf folgende Studie aus dem Jahre 1997 von Wilhelm Heitmeyer u. a. (Der verlockende Fundamentalismus) vertritt die These, dass die – nicht integrierten – türkischen Jugendliche in Deutschland in Bezug auf Religion und Selbstethnisierung radikaler und extremer werden. Spätesten seit dieser letztgenannten Studie wird in Deutschland öffentlich diskutiert, ob jugendliche Migranten aus der Türkei die Integration ablehnen.

Hintergrund für Entstehung des Buches

Die folgende Dissertation (eingereicht an der Universität Köln) von Kemal Bozay geht der Frage nach, warum vermehrt Migrantenjugendliche der zweiten und dritten Generation sich in eindeutig ethnisch-nationalistisch oder fundamentalistisch-islamistisch orientierten Gruppierungen zugehörig fühlen. Die Untersuchung von Bozay unterscheidet sich von der Studie von Heitmeyer dahingehen, dass er die Beziehung zwischen Globalisierung, Nationalismus, Ethnizität und Migration in den Mittelpunkt seines Forschungsansatzes stellt.

Aufbau, Gliederung und Inhalt

Von der Aufbaustruktur her ist die Studie von Bozay eine klassische Dissertation und ist (numerisch) in zehn Kapiteln aufgeteilt. Während der Autor im ersten Kapitel seine Fragestellung ausführlich erläutert, zeichnet er im zweiten und dritten Kapitel die begriffliche (S. 33ff.) und wissenschaftliche (S. 58ff.) Diskussion von Globalisierung und Nationalismus nach. Der vierte, recht ausführliche, Abschnitt der Untersuchung beschäftigt sich mit dem Thema Ethnizität im Kontext von Migration, Nationalismus und Globalisierung. Eines der wichtigsten Hauptkapitel in diesem Abschnitt, womit viele Migrantenjugendliche in Deutschland operieren, ist die Darstellung der Selbst- und Fremdethnisierung. Das fünfte Kapitel zeichnet den historischen und politischen Hintergrund des türkischen Nationalismus in der Türkei nach. Hier werden nicht nur die als ultrakonservativ und rechtsextremistisch bekannten "grauen Wölfe" und deren Philosophie und Ideologie thematisiert, sondern der historische Ursprung des türkischen Nationalismus wird detailliert und gut recherchiert erläutert. Das sechste Kapitel müsste für den Leser in der Bundesrepublik interessanter und aufschlussreicher sein als das Vorkapitel, weil der Autor einen recht guten Überblick über die Organisation der rechtextremen türkischen Szene in Deutschland gibt. Bevor Bozay im achten Kapitel die empirische Ausrichtung seiner Studie begründet, gibt er – wie in den meisten Dissertation üblich – den Forschungsstand zum Thema Migrantenjugendliche wieder (S. 211-244). Als empirische Grundlage für seine Studie interviewt der Autor drei rechtsextremistisch orientierten Jugendlichen in Köln und Frankfurt und führt zwei Gruppendiskussionen in zwei Kulturvereinen (Köln), die ebenfalls als Rechts bzw. Rechtsextrem einzustufen sind. Die empirischen Ergebnisse und deren Diskussion präsentiert der Autor in den Kapiteln neun und zehn (S. 269-359).

Zielgruppen

Zielgruppe der Studie sind Lehrende, Studierende sowie Praktikerinnen und Praktiker, die mit Kindern und Jugendlichen aus der Türkei arbeiten. Eine weitere wichtige Zielgruppe ist sicherlich die Politik.

Diskussion

Die Studie von Bozay thematisiert eine sehr wichtige Fragestellung, die bis heute wenig erforscht wurde. Warum ziehen sich die jungen Migranten der dritten Generation vermehrt aus der Mehrheitsgesellschaft zurück und fühlen sich in der Minderheitenkultur wohler, obwohl sie in Deutschland geboren und aufgewachsen sind? Diese "neue" Tendenz ist komplex und verdient deshalb auch keine einfache Antwort. Neben vielen Gründen, die Bozay nennt, ist ein Aspekt für die Politik und Gesellschaft besonders ernüchternd: "Der heftig debattierte Zuwanderungs- und Einwanderungsdiskurs der Bundesregierung, die polarisierende Debatte um die doppelte Staatsbürgerschaft, die Kriminalisierung von Zuwandererjugendlichen und die Verschärfung der Ausländer- und Asylgesetze haben eine stärkere Trennlinie zwischen dem Leben der Migranten und dem Alltag dieser Gesellschaft geschaffen. Hinzu kommen Ausgrenzungs- und Stigmatisierungserfahrungen in Arbeit, Beruf und Alltag. (…)" (S. 344ff.) Gerade Jugendliche in der Adoleszenz sind dann anfällig für Extremismus und Patriotismus, wenn die politischen und gesellschaftlichen Rahmenbedingungen nicht optimal verlaufen. Bozay beschreibt deshalb sehr eindrucksvoll, wie die türkischen Vereine, Medien und der türkische Staat die Gunst der Stunde nutzen und diese Jugendlichen erfolgreich türkisieren.

Eine kleine "Kritik" muss aber vorgenommen werden: Es ist zwar interessant, wie der türkische Nationalismus in der Türkei entstanden ist oder welchen historischen und wissenschaftlichen Diskussionsstand die Begriffe Globalisierung und Nationalismus haben. Aber dies wird auf Kosten des empirischen Teils vorgenommen. Während der Autor sich knapp 250 Seiten lang mit der Theorie beschäftigt, kommt der empirische Teil eindeutig zu kurz. Eine ausführliche Biografieforschung wie bei Cengiz Deniz    [1] oder Nicola Unger    [2] wäre aus meiner Sicht noch gewinnbringender als das Buch ohne hin ist.

Fazit

Was bleibt als abschließende Einschätzung noch zu sagen? Wenn die Politik mit der Integration der Migranten in Deutschland und der Aufnahme der Türkei in die EU ernst meint, muss sie das Buch von Bozay als eine Goldgrube betrachten und bei der Umsetzung auf das detaillierte Wissen des Autors zurückgreifen. Denn Kemal Bozay kennt sich nicht nur mit der Besonderheit der Migranten in Deutschland aus, sondern hat einen sehr guten Überblick über die politische und gesellschaftliche Landschaft der Türkei. Dem Buch von Bozay ist deshalb eine breite und intensive Rezeption zu wünschen.


[1]     Deniz, Cengiz: Migration, Jugendhilfe und Heimerziehung. Rekonstruktionen biografischer Erzählungen männlicher türkischer Jugendlicher in Einrichtungen der öffentlichen Erziehung. IKO-Verlag: Frankfurt a. M. 2001.

[2]     Unger, Nicola: Alltagswelten und Alltagsbewältigung türkischer Jugendlicher. Leske und Budrich: Opladen 2000.


Rezensent
Prof. Dr. Ahmet Toprak
Professor für Erziehungswissenschaften an der Fachhochschule Dortmund, Fachbereich Angewandte Sozialwissenschaften
Homepage www.soziales.fh-dortmund.de
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Zitiervorschlag
Ahmet Toprak. Rezension vom 13.09.2005 zu: Kemal Bozay: "...ich bin stolz, Türke zu sein!" Ethnisierung gesellschaftlicher Konflikte im Zeichen der Globalisierung. Wochenschau Verlag (Schwalbach/Ts.) 2005. ISBN 978-3-89974-208-4. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/3020.php, Datum des Zugriffs 16.11.2018.


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