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Julia Kerstin Maria Siemoneit, Karla Verlinden u.a. (Hrsg.): Sexualität, sexuelle Bildung und Heterogenität im erziehungswissenschaftlichen Diskurs

Rezensiert von Prof. Dr. Uwe Sielert, 12.04.2023

Cover Julia Kerstin Maria Siemoneit, Karla Verlinden u.a. (Hrsg.): Sexualität, sexuelle Bildung und Heterogenität im erziehungswissenschaftlichen Diskurs ISBN 978-3-7799-6712-5

Julia Kerstin Maria Siemoneit, Karla Verlinden, Elke Kleinau (Hrsg.): Sexualität, sexuelle Bildung und Heterogenität im erziehungswissenschaftlichen Diskurs. Beltz Juventa (Weinheim und Basel) 2023. 217 Seiten. ISBN 978-3-7799-6712-5. D: 29,95 EUR, A: 30,80 EUR.

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Entstehungshintergrund

Die drei Herausgeberinnen des Sammelbands arbeiteten in dem Projekt „Inklusive sexuelle Bildung für angehende Pädagog*innen (InseB)“ zusammen, das von 2018 – 2020 in der Humanwissenschaftlichen Fakultät der Universität zu Köln durchgeführt wurde. Der vorliegende Sammelband entstand aus diesem Kontext heraus und enthält sowohl Beiträge der Herausgebenden als auch weiterer Autor*innen, die sich mit Teilaspekten des insgesamt sehr heterogenen Themenfelds befasst haben.

Aufbau

Der erste Themenblock enthält „historische und theoretische Zugänge“, im zweiten Teil wurden Texte zu „Sexualität und sexuelle Bildung als Konfliktfelder in (sozial-)pädagogischen Kontexten“ zusammengestellt.

Inhalt

Die Herausgebenden bemerken eingangs zu Recht, dass sich die erziehungswissenschaftliche Forschung seit 2010 zwar verstärkt mit sexualisierter Gewalt in pädagogischen Kontexten beschäftigt hat, dass es neben dem damit verbundenen Gefahrenabwehrmodus kaum positive Darstellungen der Sexualität von Kindern und Jugendlichen gäbe. Gleichzeitig werde in der Praxis der Ruf nach einer breiten sexueller Bildung in allen pädagogischen Handlungsfeldern zunehmend lauter und ein entsprechender Qualifikationsbedarf des Fachpersonals immer dringlicher.

Der erste Themenblock beginnt mit der Klärung der zentralen Begriffe „Sexuelle Bildung, Selbstbestimmung und Heterogenität“ durch Antje Langer, eine wichtige Voraussetzung zum richtigen Verständnis aller folgenden Detailthemen. Die beiden historischen Rückblicke bewegen sich mit ihren Themen noch überwiegend im Gefahrenabwehrmodus der Identifikation struktureller oder inhaltlicher blinder Flecken innerhalb der Pädagogik, die zur Legitimation sexualisierter Gewalt beigetragen haben. Maike Sophie Baader und Jan-Henrik Friedrichs blicken auf den Pädophilie- und Missbrauchsdiskurs nach 1968 und Anna Hartmann und Jeanette Windheuser setzen sich kritisch-differenziert mit Helmut Kentlers Theorie der Sexualerziehung auseinander. Sehr substanziell beantwortet Barbara Rendtorff anschließend die Frage, warum die Erziehungswissenschaft bisher das Sexuelle als Thema meidet, es allenfalls der Sexualpädagogik zuschiebt, obwohl die sexuelle Dimension menschlichen Lebens von existenzieller Bedeutung ist.

Einen ersten Beweis dafür liefert der Text von Paul Scheibelhofer mit dem journalistischen Obertitel „Ist Consent unmännlich?“ und der herausfordernden Aussage, dass dem männlichen Habitus eine spezifische „libido dominandi“ zu eigen sei, eine „körperlich empfundene Lust, zu dominieren“ (S. 89). Denise Bergold-Caldwell ergänzt mit ihrem Beitrag „Begehren dekolonisieren?“ die Dimension des Geschlechts um weitere intersektionale Perspektiven, ohne die eine antirassistische sexuelle Bildung nicht denkbar wäre. Sehr gut ergänzt Anne Klein dieses intersektionale Denken mit der Problematisierung der „sexuelle(n) und reproduktive(n) Selbstbestimmung im biopolitischen Zeitalter aus Sicht der Disability Studies/​History“.

Der zweite Themenblock beleuchtet Sexualität und sexuelle Bildung in einzelnen pädagogische Kontexten und beginnt mit einer empirischen Studie über ‚Sexuelle Situationen‘ in der Schule von Julia Kerstin, Maria Simoneit und Karla Verlinden. Der Aufmerksamkeitsfokus wird dabei vom sexualkundlichen Unterricht auf die vielen außerunterrichtlichen Situationen gelenkt, die vermutlich viel prägender sind für die sexuelle Sozialisation der Schüler*innen als das didaktische Geschehen im Klassenzimmer. Während die eine oder andere schulsoziologische Studie mit dem alten Begriff des ‚hidden curiculum‘ schon immer für die vielen nicht intendierten Einflüsse auf Schüler*innen und Lehrkräfte sensibilisiert hat, ist über „Sexualisierte Gewalterfahrungen und Un-Freiheit als Strukturkategorie“ bei jungen Menschen in Haft zumindest in Deutschland sehr wenig bekannt.

Anne Kaplan und Karla Verlinden bringen mit ihrem Beitrag zum gegenwärtigen Forschungsstand und einer eigenen Untersuchung etwas Licht in diese bisher als ‚black box‘ erscheinende totale Institution. Svenja Heck berichtet anschließend mithilfe einer kleinen eigenen Studie „Vom fachlichen Umgang mit Sexualität bei Menschen mit Lernschwierigkeiten“ und macht das wichtigste Ergebnis zum journalistischen Obertitel: „Wir reden ja nur aus der Erfahrung“. Mit anderen Worten: die professionelle Handlungskompetenz der in diesem Feld Tätigen ist optimierbar. Das gilt übrigens auch für die „Sexuelle Bildung, Sexualaufklärung und sexualisierte Gewalt im Leben tauber Menschen“, über die Katharina Urbann, Simon Tenbrink und Laura Avemarie in dem nächsten Text berichten. Die gewaltpräventiven Anstrengungen für diese sehr spezifischen Gemeinschaften stehen in keinem guten Verhältnis zu der nachgewiesenen hohen Gewaltprävalenz. Der handlungsfeldspezifische Themenblock endet mit „Sexual Neglect – Sexuelle Vernachlässigung und die Missachtung sexueller Rechte am Beispiel von Erwachsenen mit Unterstützungs- und Pflegebedarf“ von Charlotte Rimbach und Kathrin Römisch.

Diskussion

Mit dem Sammelband ist es gelungen, einen noch immer kleinen, aber wichtigen Beitrag zur erziehungswissenschaftlichen Reflexion von Sexualität und sexueller Bildung zu leisten. Die Einschätzung der Herausgebenden über das grundlegende Defizit pädagogischer Forschung, Theoriebildung und Konzeptionierung dazu ist richtig und die Konsequenzen dieses Mangels werden sowohl mit Hilfe der historischen Rückblicke als auch der systematischen Reflexionen und Einblicke in einzelne Handlungsfelder gut belegt. Aber es kann nur ein Anfang sein, mit dem wesentliche Grundlagen gelegt werden für die Sexualpädagogik als wissenschaftliche Teildisziplin und daraus erwachsender Handlungstheorien der sexuellen Bildung. Die Scheu der Erziehungswissenschaft vor dem Sexuellen wird von Rendtorff richtig diagnostiziert, sie kennzeichnet ihren Beitrag aber nur als „eine Problemskizze“. Mehr ist noch nicht drin, weil das Verhältnis zwischen den beiden Disziplinen Sexual- und Erziehungswissenschaft bisher nicht aufgearbeitet wurde und vor allem eine pädagogische Theorie der Sexualität noch aussteht.

So wird in dem wichtigen Beitrag zu zentralen Begriffsdefinitionen zwar „sexuelle Bildung“, „Selbstbestimmung“ und „Heterogenität“ definiert, „das Sexuelle in ‚sexuelle(r) Bildung‘“ aber nur sehr fragmentarisch auf Diskurse der Sexualwissenschaft rückgebunden, die längst über solche Detailaussagen hinausgehen. Sehr gut ausgearbeitet und für die sexuelle Bildung nützlich sind die Befunde zur Gendertheorie, Heterogenität und Intersektionalität, über die in der Pädagogik ein breiter Diskurs geführt wird und mit denen sexualpädagogische Forschung und Theorie wie auch praktische Handlungstheorien befruchtet werden können. Dazu wäre aber eine dichtere und wechselseitig wertschätzende Zusammenarbeit zwischen deren Bezugsdisziplinen Erziehungswissenschaft und Sexualwissenschaft wie auch zwischen Erziehungswissenschaft und Sexualpädagogik nötig.

Das fehlt auch noch in dem hier besprochenen Sammelband gelegentlich. So ist im ersten historischen Beitrag zu den Missbrauchsnetzwerken mit dem vermutlich polemisch gemeinten Obertitel „Sexuelle Befreiung oder sexuelle Bildung?“ wieder die stereotype Zuweisung einer Befreiungs- und Emanzipationseuphorie an die Geschichtsschreibung der Sexualpädagogik zu lesen. Das erinnert an die inzwischen überwundenen Streitigkeiten zwischen sexueller Bildung und Gewaltprävention, die den gemeinsamen Anliegen, vor allem dem wissenschaftlichen Diskurs nicht guttun.

Fazit

Der Sammelband hat damit begonnen, die Forschungs- und Reflexionslücke zwischen Erziehungswissenschaft, Sexualität und sexueller Bildung zu füllen. Ich wünsche dem Buch eine weite Verbreitung vor allem wegen der motivierenden Herausforderung zur weiterführenden pädagogischen Forschung zu Sexualität, sexueller Bildung, Heterogenität und Intersektionalität.

Rezension von
Prof. Dr. Uwe Sielert
Uwe Sielert, arbeitete bis 2017 als Professor für Pädagogik mit den Schwerpunkten Sozial- und Sexualpädagogik an der Christian- Albrecht-Universität zu Kiel. Zurzeit als Dozent tätig an der Medical School Hamburg und Mitarbeit im Modellvorhaben der PKV und des WIR Bochum zur Implementation einer positiven Sexualkultur zur Förderung sexueller Gesundheit in Einrichtungen des Erziehungs-, Bildungs- und Gesundheitswesens.
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Es gibt 11 Rezensionen von Uwe Sielert.

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Zitiervorschlag
Uwe Sielert. Rezension vom 12.04.2023 zu: Julia Kerstin Maria Siemoneit, Karla Verlinden, Elke Kleinau (Hrsg.): Sexualität, sexuelle Bildung und Heterogenität im erziehungswissenschaftlichen Diskurs. Beltz Juventa (Weinheim und Basel) 2023. ISBN 978-3-7799-6712-5. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/30209.php, Datum des Zugriffs 16.04.2024.


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