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Thomsen, Krabbe u.a.: Familien-Mediation und Kinder

Cover Thomsen, Krabbe, Diez: Familien-Mediation und Kinder. Grundlagen - Methodik - Techniken. Bundesanzeiger Verlagsgesellschaft (Köln) 2009. 3., überarb. und aktualisierte Auflage. 233 Seiten. ISBN 978-3-89817-710-8. 34,00 EUR.
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Mediation bei Ehescheidung mit Kindern oder ohne Kinder?

Mediation ist ein Verhandlungsverfahren zur außergerichtlichen Konfliktlösung und Herstellung von Kooperation aus der Wirtschaft und Arbeitswelt, das seit den 80er Jahren auch in Deutschland bekannt und bei Ehescheidung eingesetzt wurde (Fthenakis, Niesel & Kunze, 1982). Dabei blieb der direkte Einbezug von Kindern in das Verfahren umstritten (Fthenakis, Niesel & Griebel, 1997). Emery & Jackson (1989) sprachen sich dezidiert gegen die Einbeziehung von Kindern aus, um die Gefahr auszuschließen, dass ihnen die Verantwortung für die Entscheidungen, die von den Eltern zu treffen sind, zugeschoben wird. Demgegenüber vertrat Bienenfeld (1983) schon einige Jahre früher engagiert und familiensystemisch begründet ein Vorgehen, bei dem gerade herausgearbeitet wird, wie bedeutsam der direkte Einbezug des Kindes ist.

Nach Evaluationen von Pearson & Thoennes (1988) zur Mediationspraxis blieb der Einbezug des Kindes offenbar der Entscheidung des einzelnen Mediators überlassen oder hing davon ab, ob die Eltern das Kind mitgebracht hatten. Unklarheiten über das Mediationsverfahren konnten Kinder zusätzlich verwirren. Wurde aber ein Gespräch zwischen Kind und Mediator geführt, bewerteten die Kinder dies positiv.

In der Evaluation von Mediation von Familien in Scheidung in Baden-Württemberg in den 90er Jahren (Bastine, Weinmann-Lutz & Wetzel, 1999) zeigte sich, dass überdurchschnittlich viele Scheidungspaare mit Kindern Mediation suchten und die Intervention für sich und für die Kinder positiv bewerteten. Wenn sich die Eltern über das Kind austauschen und die weitere Erziehung klären konnten, war dies erleichternd für Eltern und Kinder. Das Einbeziehen der Kinder in die Mediation blieb dabei unbeachtet.

Nach einem australischen Untersuchungsbericht (Commonwealth of Australia, 2000) fanden Eltern die direkte Einbeziehung des Kindes positiv, wenn dies von Fall zu Fall (a) nach den Bedürfnissen des Kindes geschah, (b) wenn dies den Wünschen der Eltern entsprach und (c) wenn sie die Erfahrung und das Können der Berater positiv einschätzten. Insgesamt äußerten sie sich sehr positiv in Hinsicht auf die Fähigkeiten der Berater, die Gefühle der Kinder einzuschätzen. 57 Kinder von 4 bis 17 Jahren haben zudem in einstündigen Interviews mit Gesprächen, Zeichnungen und Spiel Elternkonflikte besprochen und diskutiert, was ihnen helfen würde. Die Kinder äußerten die Auffassung, es sei positiv für sie gewesen, wenn sie im Elternkonflikt einen Ansprechpartner gehabt hatten. Den Kindern half die Scheidungsberatung/Mediation am besten, wenn die Auswirkungen elterlicher Konflikte auf die Kinder mit den Eltern erörtert wurden, oder wenn die Kinder direkt mit dem Berater/Mediator ihre Reaktionen auf die Familiensituation besprechen konnten. Die beste Wirkung wurde berichtet, wenn beide Wege beschritten wurden: ein edukativer Ansatz bei der Elternberatung in Verbindung mit der direkten Beratung der Kinder.

In Fortbildungsprogrammen für Mediation und Scheidungsberatung der letzten Jahre wird der Einbezug der Kinder und Jugendlichen in die Mediation eher zögerlich angeboten. Dass mit dem vorliegenden Werk ein deutliches Signal gesetzt wird, lässt also aufmerken.

Aufbau und Inhalt

  • In den Grundlagen des ersten Teils wird der Wandel der familialen Strukturen sowie Veränderungen im Familienrecht seit der ersten Auflage von 2001 behandelt.
  • Am Beispiel einer Familie wird im Teil 2 der Einbezug von Kindern und Jugendlichen im Mediationsprozess "durchkonjugiert".
  • Die folgenden Teile 3, 4 und 5 sind ausführlich mediatorischen Methoden und Techniken gewidmet.
  • Teil 6 zu Hintergrundwissen ist um einen wenn auch knappen Beitrag über das Sprechen mit Kindern und Jugendlichen ergänzt worden. Das dürfte für den zuvor angeregten Einbezug der Kinder eine wichtige Hilfe darstellen. Die in der Mediation tätigen Herkunftsberufs-Gruppen sind überwiegend nicht für die Arbeit mit Kindern ausgebildet.
  • Teil 7 befasst sich mit der Person der Mediatiorin bzw. des Mediators.
  • Der Darstellung der Praxis ist breiter Raum eingeräumt. Neben zusammenfassenden Praxiserfahrungen nach jedem Kapitel ist der Teil 8 zusätzlich Praxisfragen gewidmet. Zudem finden sich Materialien im Anhang und nicht zuletzt ist dem Buch ein herausnehmbarer Prozessleitplan einer Familienmediation beigegeben, der alle Methoden und Techniken zur Einbeziehung von Kindern und Jugendlichen veranschaulicht.

Bewertung

Die Darstellung ist insgesamt übersichtlich und nachvollziehbar. Es überrascht nicht, dass die Autorinnen und der Autor seit vielen Jahren in der Beratung und Mediation in Scheidungsfamilien sowie in Ausbildung und Supervision tätig und auch mit Veröffentlichungen nicht unerfahren sind. Sie verstehen ihr Buch als Praxisbuch und beschränken Theorie auf das Notwendige und die Literatur ebenfalls überwiegend auf weitere Praxisbücher.

Literatur über Evaluationen wie die oben zitierte findet sich daher im Buch nicht - wie das ganze Thema Evaluation und Qualitätssicherung nur für den Einzelfall als Überprüfen der erzielten Vereinbarung an Fairnesskriterien und am Recht vorgesehen ist. Hier wäre eine Erweiterung für eine nächste Auflage vorzuschlagen! Denn schließlich sind ja Informationen über Erfolgsaussichten einer Hilfemaßnahme und hier des Einbezugs von Kindern in die Familienmediation geeignet, Lust und Ernsthaftigkeit beim Bemühen um konstruktive Konfliktlösung mit Familien zu befördern. Und damit im Sinne des engagierten Autorenteams.

Als Kinderschützer sei mir noch der unterstützende Hinweis gestattet, dass die altersgemäße Beteiligung des Kindes selbst an allen es und seine Familie betreffenden Maßnahmen zu den Rechten der Kinder zählt. Auch von daher ist der Weg, dieses Recht im Rahmen der Familienmediation in der Praxis umzusetzen, sehr zu begrüßen.

Fazit

Das Praxisbuch vermittelt übersichtlich und anschaulich Anleitungen zu Familienmediation unter aktiver Beteiligung der Kinder und Jugendlichen. Der Einbezug der Kinder in die familiale Konfliktverhandlung und –lösung wird nicht nur engagiert vertreten, sondern mit Hinweisen auf die Gesprächsführung mit ihnen auch umsetzbar gemacht. Dieses fundierte und lohnende Buch zur Aus- und Fortbildung gibt Impulse für ein noch zu schaffendes Berufsbild Familien-Mediatorin und Familien-Mediator.


Rezensent
Wilfried Griebel
Wissenschaftlicher Referent im Staatsinstitut für Frühpädagogik, München und stellv. Vorsitzender im Deutschen Kinderschutzbund, Landesverband Bayern e.V.
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Kommentare

Anmerkung der Redaktion: Die Rezension basiert auf der 2. Auflage aus dem Jahr 2005.


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Zitiervorschlag
Wilfried Griebel. Rezension vom 12.09.2006 zu: Thomsen, Krabbe, Diez: Familien-Mediation und Kinder. Grundlagen - Methodik - Techniken. Bundesanzeiger Verlagsgesellschaft (Köln) 2009. 3., überarb. und aktualisierte Auflage. ISBN 978-3-89817-710-8. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/3021.php, Datum des Zugriffs 18.08.2019.


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