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Luisa L’Audace: Behindert und stolz

Rezensiert von Prof. Dr. René Börrnert, 14.03.2023

Cover Luisa L’Audace: Behindert und stolz ISBN 978-3-95910-383-1

Luisa L’Audace: Behindert und stolz. Warum meine Identität politisch ist und Ableismus uns alle etwas angeht. Eden Books Ein Verlag der Edel Verlagsgruppe (Berlin) 2022. 272 Seiten. ISBN 978-3-95910-383-1. D: 18,00 EUR, A: 18,50 EUR.

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Thema

Behinderte Menschen werden auch heute in unserer Gesellschaft noch zu oft nicht mitbedacht. Sie müssen im 21. Jahrhundert weiterhin um ihren Anspruch auf Gleichberechtigung kämpfen, sind Ignoranz, Anfeindungen und auch Gewalt ausgesetzt. Der Begriff „Ableismus“ versucht das zu fassen und bezeichnet die strukturelle Diskriminierung von behinderten und chronisch kranken Menschen. Diese findet nicht nur auf der persönlichen Ebene statt, sondern ebenso auf der institutionellen, der wirtschaftlichen und/oder der kulturellen Ebene.

Über Jahrhunderte hinweg haben sich diskriminierende Strukturen begründet und sprachlich verfestigt, sodass sie in der Sozialisation quasi als selbstverständlich übernommen werden. Mit anderen und einfachen Worten aus dem Volksmund formuliert: „Doof bleibt doof, da helfen keine Pillen“. Wer kennt ihn nicht, diesen Spruch, der doch im deutlichsten Maße abwertend ist. Nach wie vor denken wir in normativen Konstrukten und unterteilen Menschen danach, ob sie „normal“ sind oder nicht. Behinderte Menschen werden zumeist der zweiten Kategorie zugeordnet.

Autorin und Entstehungshintergrund

Luisa L’Audace, Jahrgang 1996, ist behinderte und queere Aktivistin und Beraterin für Inklusion und Antidiskriminierung. Ihre Aufklärungsarbeit findet vorwiegend in den Sozialen Medien statt. In dieser Weise ist sie auch seit 2021 Mitbegründerin der Empowerment-Plattform „Angry Cripples“. Ein Anliegen ist es ihr, den Begriff „Ableismus“ in der deutschen Sprache zu etablieren, wozu das vorliegende Buch beitragen soll. Der Ansatz: Die Diskriminierung behinderter und chronisch kranker Menschen ist kein individuelles Problem, sondern vielmehr ein strukturelles, das uns alle etwas angeht. Mit ihrem Buch möchte die Autorin diese Strukturen durchdringen und den Leser:innen verständlich machen.

Aufbau und Inhalt

In ihrem autobiographischen Buch erörtert die Autorin die vielfältig verwobenen Themenfelder, von denen hier nur einige Kapitel herausgehoben werden. Diese lassen sich insgesamt auch in loser Reihenfolge lesen. Hierbei lassen sich grundlegend drei Schwerpunkte erkennen: Begriffsklärung und Aufklärung über die Entstehung von Ableismus sowie der Versuch der Sensibilisierung für das Thema und zugleich der Aufruf zur Umkehr stigmatisierenden Denkens.

Was ist Ableismus? Die englische Wendung „to be able“ bedeutet im Deutschen „fähig sein“. Dabei sind es nicht nur die sichtbaren Fähigkeiten wie Gehen oder Sprechen, sondern auch nicht sichtbare Leistungen, wie unsere Sinneswahrnehmungen (Hören, Sehen usw.). Menschen mit Behinderungen werden solche Fähigkeiten zumeist pauschal abgesprochen. Auf diese Stigmatisierung bezieht sich der Begriff, der „nicht so leicht zu erfassen und schon gar nicht leicht zu erklären ist“ (33).

Ableismus steht hier im Zusammenhang mit „Othering“, einer gegenüberstellenden Unterscheidung zwischen denen, die vollständig leistungsfähig sind und den „Behinderten“, die in diesem Verständnis nur begrenzt leistungsfähig sind. Othering konstruiert „das Andere“ als das Fremde, das außerhalb einer impliziten Norm steht, wie zum Beispiel „nicht ohne Hilfsmittel gehen zu können“. L’Audace hat diese motorische Einschränkung aufgrund einer neuromuskulären Erkrankung. Sie beschreibt ihren Zwiespalt, einerseits einen Rollstuhl als Erleichterung zu nutzen und anderseits durch ihn noch mehr ausgegrenzt zu sein als „nur“ mit einem Gehstock.

Narrative und Vorurteile: Diese oben genannten gegensätzlichen Konstruktionen werden in der Sozialisation über Sprache transportiert. Dabei formatieren sich in uns Menschenbilder, die wir als selbstverständlich übernehmen und die unser Denken bestimmen. Behinderung steht hierbei immer in einem negativen Kontext, der bis zur Legitimation von „lebensunwert“ führen kann, wie ein Blick in deutsche Geschichte zeigt (63ff). Der Versuch, durch Wortneuschöpfungen („Aktion Mensch“ statt vormals „Aktion Sorgenkind“) diese Stigmen zu entkräften, kann gelingen, braucht aber viel Zeit, um in der Gesellschaft anzukommen. Denn in vielen Köpfen halten sich Vorurteile aufgrund ihrer stumpfen Vereinfachung der an sich komplexen Wirklichkeit und weil sie oft nicht hinterfragt werden. Zumeist fehlen vielen Menschen persönliche Kontakte und Berührungspunkte, um ihre Urteile und Meinungen zu relativieren bzw. zu korrigieren. Auch die Medien klären nicht nur auf, sondern etablieren weiteres Schubladen-Denken. So zum Beispiel, dass behinderte Menschen ihre Behinderung überwinden können, wenn sie nur wollen – durch Willensstärke, richtige Therapie, richtiges Mindset (vgl. 68).

Sprache ist Macht: Sprache zeigt sich damit als entscheidendes Mittel von Macht. Eine Mehrheit von Nichtbetroffenen bewertet hier eine marginalisierte Minorität von Menschen. Das geschieht zumeist unbewusst und unbeabsichtigt. Ereignisse wie die Paralympics (Olympische Spiele für Menschen mit Körperbehinderung) oder Reportagen über besondere Menschen mit Einschränkungen (z.B. Greta Thunberg und ihre Asperger-Erkrankung) bestätigen dieses Narrativ. Zudem ergibt sich folgender Nebeneffekt: „Aus der Abwertung einer marginalisierten Gruppe resultiert […] immer die Aufwertung derer, die ihr nicht angehören. Dabei müssen nicht-behinderte Menschen von dieser ungleichen Machtverteilung nicht einmal etwas merken. -ismen funktionieren in unserer Gesellschaft eben gerade so gut, weil sie von den wenigsten als solche wahrgenommen werden. Dabei ist Ableismus in uns allen, denn wir wachsen alle innerhalb dieser Strukturen auf und kennen einfach nichts anderes“ (33).

Wie inklusiv ist unsere Gesellschaft wirklich? L’Audace hat nicht nur lange Lebenszeit in Krankenhäusern verbracht, sondern war auch im Internat fern der Familie oder in anderen „Sonderwelten“ (238) exkludiert. Sie weiß, was Inklusion nicht bedeutet, und sie beschreibt es eindringlich anhand von Erfahrungen mit Behörden und anderen Institutionen. Gerade bei diesen Textstellen wird klar, welche umfassende Bedeutung der Begriff „Barrierefreiheit“ hat. Oft diskutieren wir in der Gesellschaft das Thema Inklusion noch zu einseitig und widersprüchlich, gehen es, so die Autorin, „mit angezogener Handbremse“ an: „Wenn ich bedenke, mit wie viel Alltags-Ableismus wir bis heute umgehen müssen, um welche fundamentalen Rechte wir immer noch kämpfen, welche Demütigungen wir immer und immer wieder durch Institutionen über uns ergehen lassen müssen und wie oft uns das Recht auf Teilhabe und Sicherheit abgesprochen wird, fällt es mir schwer, in puncto Inklusion eine Prognose für die Zukunft abzugeben – stehen wir doch noch ganz am Anfang“ (246 f.).

Gemeinsam gegen Ableismus: Allgemein in allen Kapiteln, doch konkret am Ende appelliert die Autorin ausdrücklich für ein Zusammengehen und Einstehen, für ein Verbünden (Alliance) aller Menschen. Auf der politischen Ebene brauche es Gesetze, auf der persönlichen Ebene sind jedoch eher Verantwortungen gefragt. Es reiche nicht allein, sich von Diskriminierung zu distanzieren, sondern es brauche Korrekturen im Denken und Sprachgebrauch, wofür sie hilfreiche Hinweise gibt (vgl. 252f). Sie schließt mit einem Fazit: „Nicht-behindert zu sein, ist in unserer Gesellschaft ein Privileg. Nicht weil es tatsächlich besser ist, sondern weil in unserer Gesellschaft gewisse Merkmale und Fähigkeiten als erstrebenswert und damit essenziell erachtet werden, über die nicht alle Menschen verfügen. Gehören wir zur letzteren Gruppe, werden wir in diesem System aufgrund unseres vermeintlichen Mangels diskriminiert und unterdrückt. Doch die Aufspaltung der Gesellschaft ist willkürlich – Behinderung ist also ein Konstrukt. Das bedeutet aber auch: Genauso wie es offensichtlich möglich war, diese willkürlichen Kategorien zu konstruieren, sollte es auch möglich sein, sie wieder zu dekonstruieren“ (255 f.).

Diskussion

L’Audace beschreibt sehr direkt und emotional nachvollziehbar ihre Erfahrungen als behinderte Person. Sie bezeichnet sich selbst auch als behindert, da sie ihre Krankheit eindeutig an der gleichberechtigten Teilhabe am Leben behindert. Mildernde Beschreibungen wie „Handycap“ oder „Beeinträchtigung“ lehnt sie ab. Ihre Schilderungen sind insgesamt überzeugend und zeigen die tiefe Betroffenheit, die sie bis heute erlebte. Ihre Freundinnen machten sie in ihrer Jugend zum Beispiel dafür verantwortlich, dass keine Junge sie ansprach, weil sie im Rollstuhl dabei war. Diese Vorwürfe hat L’Audace ein Leben lang hingenommen und sich tatsächlich mit der Rolle einer Schuldigen identifiziert. Sie nimmt die Lesenden mit auf ihrem Erkenntnisweg, der die Lösung aus dieser Rolle aufzeigt. Das macht nachdenklich, denn man liest hier Episoden, die scheinbar jede:r schon erlebt, aber sicher nicht so gedeutet oder verstanden hat.

Deutlich sind L’Audaces kapitalismuskritischen Ausführungen, in denen sie den Widerspruch zwischen dem sozialpolitischen Anspruch auf Inklusion und der praktischen Umsetzung aufzeigt. Nicht nur die auf egoistischen Individualismus orientierten Mitbürger:innen seien hier das Problem, sondern auch Mitarbeitende in Verwaltung, wenn es zum Beispiel um die Rechtfertigung und Bewilligung von Hilfsmitteln oder finanzieller Unterstützung geht.

Die Autorin schreibt in einfacher und verständlicher Sprache aus der subjektiven Perspektive und eröffnet so Einblicke in ihre eingeschränkte Erlebniswelt. In ähnlicher Weise hat unlängst die Philosophin Barbara Schmitz (2022) über die Internalisierung stigmatisierender Vorstellung und Narrative im Zusammenhang mit Behinderung geschrieben. Beide Bücher sind sinnvolle Ergänzungslektüre zur entsprechenden Fachliteratur.

Fazit

Die Lektüre bietet private Einblicke in die Erlebniswelt einer behinderten Person, die ausführlich die eigene Exklusion beschreibt und zu erklären versucht. In dieser Weise ist das Buch für ethische und sozialpolitische Diskussionen in der sozialpädagogischen Lehre sehr gut geeignet, wenn es um Behinderung und deren Stigmatisierung (Ableismus) aber auch um Selbstbestimmung und Inklusion geht.

Literaturangaben

Barbara Schmitz: Was ist ein lebenswertes Leben? Philosophische und biographische Zugänge. Philipp Reclam jun. Verlag GmbH (Stuttgart) 2022. ISBN 978-3-15-011382-0 [Rezension bei socialnet]

Rezension von
Prof. Dr. René Börrnert
Fachhochschule des Mittelstands (Rostock)
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Es gibt 41 Rezensionen von René Börrnert.

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Zitiervorschlag
René Börrnert. Rezension vom 14.03.2023 zu: Luisa L’Audace: Behindert und stolz. Warum meine Identität politisch ist und Ableismus uns alle etwas angeht. Eden Books Ein Verlag der Edel Verlagsgruppe (Berlin) 2022. ISBN 978-3-95910-383-1. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/30212.php, Datum des Zugriffs 20.05.2024.


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