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Ralf Lankau: Kein Mensch lernt digital

Rezensiert von Prof. Dr. Armin Schneider, 27.12.2022

Cover Ralf Lankau: Kein Mensch lernt digital ISBN 978-3-407-25903-5

Ralf Lankau: Kein Mensch lernt digital. Über den sinnvollen Einsatz neuer Medien im Unterricht. Beltz Verlag (Weinheim, Basel) 2022. 2. Auflage. 246 Seiten. ISBN 978-3-407-25903-5. D: 24,95 EUR, A: 25,60 EUR.

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Thema

Digitale Technologien und Geräte sowie digitale Konzepte halten Einzug in den Schulalltag. Ralf Lankau beschreibt aktuelle Erkenntnisse, auch aus den Erfahrungen der Covid-19-Pandemie, vor dem Hintergrund pädagogischer Grundlagen. Während die negativen Folgen eine Digitalisierung vielfach untersucht seien, seien positive Auswirkungen einer Digitalisierung im Schulkontext allenfalls eine nicht empirisch belegbare Behauptung einer IT-Industrie, die Bildung als Absatzmarkt für ihre Produkte sehe. Digitale Medien seien Hilfsmittel und als solche nur unter dem Primat der Pädagogik eingeschränkt einsetzbar.

Autor

Ralf Lankau ist Professor für Mediengestaltung und Medientheorie an der Hochschule Offenburg, er publiziert u.a. zu Digitaltechnik auf der Homepage www.futur-iii.de.

Entstehungshintergrund

Die aktualisierte zweite Auflage des Buches bezieht die Erfahrungen und Erkenntnisse aus Studien zum Lehren und Lernen sowie zu Lerndefiziten und Verhaltensauffälligkeiten aus der Zeit der Covid-19-Pandemie ein. Als Resümee formuliert der Autor dazu: „Je früher Kinder an digitale Endgeräte herangeführt werden, desto stärker werden mögliche Entwicklungs- und Lernpotenziale ebenso verkürzt wie die sensomotorische, psychische und soziale Entwicklung“ (S. 11).

Aufbau

Der Band gliedert sich in neun inhaltliche Kapitel, ausgehend von neuen Entwicklungen werden Lerntheorien vorgestellt, die Geschichte der Digitaltechniken nachgezeichnet. Themen wie Datenschutz und Medien im Unterricht werden ebenso beleuchtet wie ein Blick hinter die Kulissen gewagt, Fakten gecheckt und schließlich drei Zukunftsszenarien entworfen. Das letzte Kapitel ab Seite 174 fordert zum Handeln auf, gibt zahlreiche praktische Tipps und formuliert Forderungen.

Inhalt

Die Einleitung zeigt eine grundlegende Skepsis gegenüber digitalen Verheißungen und verweist auf die Erfahrungen aus der Pandemie-Zeit.

Das erste Kapitel beschreibt neue Medien in neuen Welten. Im ersten Unterkapitel wird die Medientechnik, die u.a. im Rahmen des Digitalpakts angeschafft wurde, als Wirtschaftsförderung für die IT-Industrie herausgestellt. Interessante Details:

  • Nur 20 % des Digitalpaktes sind für Endgeräte vorgesehen (vgl. S. 37),
  • MOOCs (Massive Open Online Course) haben eine Abbruchquote von 97 % (vgl. S. 41).

Dass jeder Einsatz von Medien Auswirkungen auf den Unterricht und das Lernen hat, wird im zweiten Kapitel zu Entwicklungsstufen und Lerntheorien deutlich. So sind Lernprozesse nicht auf eine definierte Leistungserbringung zu reduzieren (vgl. S. 55), Lernen brauche ein direktes Gegenüber, ansonsten bestehe die Gefahr, dass Kinder durch einen reinen digitalen Unterricht zu Bildungsverlierern und Sozialautisten werden (vgl. S. 59).

Digitaltechnik hat grundsätzlich, davon ist der Autor überzeugt, die Tendenz zur Kontrolle und Steuerung, dazu stellt er im zweiten Kapitel einige Thesen auf, die er entsprechend untermauert:

  • „Technik von gestern für eine totalitäre Zukunft“ (S. 62),
  • „Kybernetik ist als Modell für die Pädagogik ungeeignet“ (S. 64),
  • „Digitaltechnik ist ein Synonym für Kontrolle und Steuerung“ (S. 65),
  • „Deterministische Theorien verlieren den Menschen“ (S. 67),
  • „Technische Kolonialisierung“ (S. 71),
  • „Anonymität und Netzdienste sind ein Widerspruch“ (S. 79).

Hierbei werden technische Entwicklungen und Zusammenhänge beschrieben, die von pädagogischen Überzeugungen abgegrenzt werden. Die Digitalisierung erscheint hier nicht als die „große Freiheit“, sondern im Gegenteil als eine „freiwillige Entmündigung“.

Auch im anschließenden Kapitel zum Datenschutz und der Cybersicherheit wird erkennbar, dass z.B. im Bereich der Datensammlung sogar die USA in Teilen strenger sind als die Gesetzgeber in Europa, demnach gibt es dort ein Verbot der Datensammlung bei Minderjährigen. Selbst nur getippte und nicht versendete Nachrichten werden von einigen Messengerdiensten gespeichert und analysiert. Weitere hier besprochene Themen sind personalisierte Profile sowie die Anfälligkeit (auch der Antivirenprogramme!) für Hackerangriffe. Insgesamt werde auch von hohen politischen Ebenen in Deutschland der Datenschutz zugunsten von Geschäftsinteressen zurückgestellt.

Der Einsatz von Medien bestimmt, so Kapitel 5, die Art des Unterrichts. Medien seien kein Selbstzweck, deren Einsatz sei abhängig vom Alter und der lernpsychologischen Entwicklungsstufe. Gerade auditive Medien und das Lesen dienten der Entwicklung von Vorstellungen und Fantasie. Ein Medien-Multitasking dagegen bedeute einen permanenten Stress und führe zu psychischen Auffälligkeiten. Durch die Notwendigkeit mehr in eine (zur Abhängigkeit führende) Technik und deren Support zu investieren, fehlten an anderer Stelle Mittel, um Lehrpersonal anzustellen.

Wirklich geht es nach Lankau (Kapitel 6) um das Vermessen und um die steuerbare Produktion von Humankapital. Kritisch wird der Begriff der Kompetenzorientierung beschreiben, der für alles stehen könne und letztlich aus der industriellen Fließbandproduktion stamme. Es gehe um eine „Inkompetenzkompensationskompetenz“ (Überschrift Kapitel 6.2).

Fakten zur Nutzung von Medien und digitalen Geräten liefert Kapitel 7, demnach steigt die Onlinepräsenz mit dem Alter an, Auswirkungen wie Übergewicht, der erhöhte Konsum von Süßgetränken und Aufmerksamkeitsschwächen sind bekannt. Sei die elterliche Kompetenz im Umgang mit Medien defizitär, übertrage sich dies auch auf die Kinder. Schließlich verstetigten die digitalen Medien auch die soziale Selektion (vgl. S. 162).

Die in Kapitel 8 entworfenen Zukunftsszenarien sehen die amerikanische Variante, in der Eltern mit Geld ihre Kinder in privaten Schulen und Hochschulen mit hochqualifiziertem Personal ausbilden lassen und Eltern mit wenig Geld ihre Kinder in schlecht ausgestatteten Einrichtungen mit digitalen Tools sich selbst überlassen bleiben. Die asiatische Idee beschreibt Lankau als Drill hin zu entindividualisierten Funktionsträgern. Europa könne einen dritten Weg gehen, der der Tradition der Aufklärung verpflichtet sei und der analytischen und reflektierten Vernunft unter Rückgewinnung des politischen Raumes.

Ab Seite 174 werden im letzten Kapitel unter anderem Vergleiche der heutigen Situation mit den Investitionsruinen der Sprachlabore in den 1970er Jahren unternommen. Der Autor ruft Eltern auf, Mut zu haben, Nein zu digitalen Techniken in der Schule zu sagen. Schließlich seien für einen Lernerfolg qualifizierte Lehrkräfte in ihrer individuellen Unterschiedlichkeit entscheidend und nicht Medien oder Digitaltechniken. Auch der rechtliche Rahmen müsse ein Recht auf analoge Bildung für jede Person ermöglichen. Tipps für Regeln in Familie und Schule wie etwa die Trennung von Arbeits- und Netzrechnern, die Bewertung von Google und Wikipedia als fragwürdige Quellen sowie die Forderung nach einer IT-freien Kita und Grundschule zeigen praktische Möglichkeiten auf. Zentrale Probleme für die Schulen sind nach Lankau die folgenden Themen:

  • Monopolstrukturen der US-Unternehmen, die den Bildungsmarkt beherrschen;
  • Intransparenz der Datensammlung;
  • Lebenslanges Datenspeichern;
  • Unterschwellige Kontroll- und Steuerungsmöglichkeiten (vgl. S. 221).

Diskussion

Während der Untertitel des Buches eher altbacken wirkt und sich auch auf den Einsatz eines Overheadprojektors in den 1970er Jahren beziehen könnte, trifft der Titel „Kein Mensch lernt digital“ den Kern des Buches, das weniger als Ratgeber oder Methodenbuch zu verstehen ist, sondern als gut recherchierte Streitschrift gegen die allzu bereitwillige Übernahme der industriellen Verheißungen digitaler Technik als Innovationen des Bildungswesens. Gerade für diese gibt es kaum belegbare empirische Erkenntnisse. Stattdessen mehren sich die Anzeichen und Hinweise, dass ein unreflektierter und blauäugiger Einsatz digitaler Tools zu Defiziten nicht nur im Lernen, sondern auch in der körperlichen, psychischen und sozialen Gesundheit der Kinder und Jugendlichen führt.

Fazit

„Kein Mensch lernt digital“ ist ein mit viel Engagement geschriebenes, sehr lesenswertes und spannendes Buch, das sich sehr kritisch mit der Digitalisierung des Unterrichts auseinandersetzt, dennoch aber nicht alle digitalen Medien verteufelt, sondern im zweiten Teil praktische Tipps gibt, digitale Medien sinnvoll zu nutzen. Aber eben nicht zum Selbstzweck sondern als Unterstützung unter einem Primat der Pädagogik, und unter der Erkenntnis, das Lernen soziale Beziehungen der Lernenden untereinander und zu Lehrenden benötigt.

Rezension von
Prof. Dr. Armin Schneider
Hochschule Koblenz Dekan des Fachbereichs Sozialwissenschaften Direktor des Institutes für Bildung, Erziehung und Betreuung in der Kindheit|Rheinland-Pfalz (IBEB)
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Es gibt 6 Rezensionen von Armin Schneider.

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Zitiervorschlag
Armin Schneider. Rezension vom 27.12.2022 zu: Ralf Lankau: Kein Mensch lernt digital. Über den sinnvollen Einsatz neuer Medien im Unterricht. Beltz Verlag (Weinheim, Basel) 2022. 2. Auflage. ISBN 978-3-407-25903-5. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/30215.php, Datum des Zugriffs 15.04.2024.


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