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Antje Tuckermann, Anne Häußler et al.: Praxis TEACCH

Rezensiert von Dipl.-Päd. Petra Steinborn, 21.12.2023

Cover Antje Tuckermann, Anne Häußler et al.: Praxis TEACCH ISBN 978-3-942976-31-2

Antje Tuckermann, Anne Häußler, Eva Lausmann: Praxis TEACCH. Herausforderung Regelschule : Unterstützungsmöglichkeiten für Schüler mit Autismus-Spektrum-Störung im lernzielgleichen Unterricht. Verlag modernes lernen Borgmann GmbH & Co. KG. (Dortmund) 2023. 96 Seiten. ISBN 978-3-942976-31-2. D: 19,95 EUR, A: 20,60 EUR, CH: 32,30 sFr.

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Thema

Dieser dritte Band beschäftigt sich mit der lernzielgleichen Beschulung von Kindern und Jugendlichen aus dem Autismus Spektrum und stellt die Anwendung des TEACCH ®-Ansatz vor. Besprochen wird, wie die mit der TEACCH® Philosophie verbundene Denkweise und die daraus entstehenden individuellen Strategien im Unterricht der Regelschule anwenden lassen.

AutorIn oder HerausgeberIn

Antje Tuckermann und Anne Häußler sind Gründerinnen des „team autismus GbR“ in Mainz. Ein Arbeitsfeld ist die Begleitung von Schülerinnen und Schüler aus dem autistischen Spektrum. Anne Häußler hat den TEACCH® Ansatz in Deutschland bekannt gemacht, zahlreiche Bücher geschrieben bzw. aus dem Amerikanischen übersetzt.

Entstehungshintergrund

Das hier vorgelegte Buch ist in der vierten, verbesserten Auflage 2023 erschienen. Die erste Auflage erschien 2012. Das Buch ist 3. Teil der fünfteiligen Reihe Praxis TEACCH® des borgmann media Verlags. Alle Teile beschäftigen sich mit konkreten Anwendungsbereichen des TEACCH® Ansatz und möglichen Fragestellungen aus der Praxis. Durch viele farbige Abbildungen werden Beispiele anschaulich und konkret.

Aufbau und Inhalt

Das vollständige Inhaltsverzeichnis findet sich auf der Homepage der Deutschen Nationalbibliothek. Das Buch ist im DIN A 5 Format (Ringbindung) erschienen. Es hat einen Umfang von 120 Seiten mit zahlreichen farbigen Abbildungen. Die erste Auflage 2012 hatte acht Kapitel, die hier vorgelegte vierte Auflage wurde um ein neuntes Kapitel ergänzt.

Kapitel 1 und 2 stellen den pädagogisch/​therapeutischen TEACCH® Ansatz und typische Elemente des „structured teaching“ (Raum, Zeit, Arbeitsorganisation und Aufgabenorganisation) vor. Neben der Kenntnis der methodischen Anwendung braucht es eine autismusfreundliche Grundhaltung der Lehrkräfte in der Schule. „Pädagogische Arbeit nach dem TEACCH® Ansatz beginnt also mit dem Blick durch die 'Autismus-Brille'. Dies ist völlig unabhängig davon, ob man in einer Förder- oder Regelschule tätig ist, und auch unabhängig davon, welches kognitive Niveau der Schüler oder die Schülerin hat…“ (S. 10). Dieser Blick durch die Brille unterstützt, die Welt mit den Augen des Schülers/der Schülerin mit Autismus-Spektrum zu sehen und zu erkennen, dass es sich um eine „unsichtbare Beeinträchtigung“ handelt.

Kapitel 3 benennt Bedingungen, die zum Erfolg führen. Es sind nicht die kognitiven Anforderungen der Regelschule, an denen Schüler:innen mit ASS (ASS steht für Autismus-Spektrum-Störung – Anm. der Rezensentin) scheitern. Den wirklichen Herausforderungen begegnen sie im sogenannten versteckten Curriculum, oft auch als „heimlicher Lehrplan“ bezeichnet. Gemeint sind Anforderungen aus Erwartungen sozialer Kompetenzen, die nicht explizit ausgesprochen werden. Ein erfolgreicher Schulbesuch setzt voraus, dass beide Lehrpläne, der versteckte und der offizielle Lehrplan bekannt sind und verstanden werden. Oft hat sich eine sog. Integrationskraft als hilfreich erwiesen, sie kann als Dolmetschender fungieren und die Kommunikation/​Interaktion zwischen Schüler:innen und Schule begleiten. Die Unterkapitel 3.1.-3.3. beschreiben Qualifikation, Aufgaben und Rolle der Integrationskraft sowie als praktisches Handwerkszeug ein Notfallset zur Aufbereitung von Unterrichtsmaterialien.

Das Kapitel 4 beschäftigt sich mit passenden Kommunikationsstrategien und Kapitel 5 behandelt die Frage, die Eltern umtreibt, nämlich ob man offen legen soll, dass das Kind autistisch ist. Auf Seite 74 ist ein praxiserprobter Fragebogen zur Einbeziehung des Kindes abgedruckt. Sollten Eltern sich für ein „outing“ entscheiden finden sie an gleicher Stelle hilfreiche Materialien wie z.B. eine Power Point Präsentation eines autistischen Jungen.

Kapitel 6 enthält Strategien zur Motivation, denn Lernen und Motivation gehören zusammen. Menschen, die unter den Bedingungen von Autismus leben, haben andere Motivatoren als Neurotypische (gemeint sind Nicht-Autisten). Dieses Wissen ist notwendig! Kapitel 7 bespricht den Umgang mit Veränderung und Kapitel 8 hat den Nachteilsausgleich (der in jedem Bundesland anders geregelt ist) zum Inhalt.

Neu ist das neunte Kapitel mit dem Titel „Es braucht mehr als einen Schulabschluss! – Einblick in ein autismusspezifisches Curriculum für Abschlussklassen“. Das sog. T-STEP Programm wird auf den Seiten 103–109 angerissen: T-STEP steht für „TEACCH School Transition to Employment and Postsecondary Education Program“. Eine Tabelle auf S. 102 listet autismusspezifische Herausforderungen in Bezug auf exekutive Funktionen, soziale Kompetenzen, emotionale Regulation, adaptive Fähigkeiten und die Selbstbestimmung auf, dazu werden zur besseren Anschauung Beispiele benannt.

Eine Untersuchung in den USA hat ergeben, dass es viele Hinweise dafür gibt, dass der Übergang von Schule ins Erwachsenenleben für Jugendliche aus dem Autismus Spektrum nicht gut gelingt, gerade auch dann, wenn sie durchschnittliche oder überdurchschnittliche intellektuelle Fähigkeiten haben.

Zahlen aus 2020 zeigen, dass zwar 42 % die Voraussetzungen mitbringen auf dem allgemeinen Arbeitsmarkt tätig zu werden, dennoch hatten 2017 nur 23 % von ihnen ein reguläres Arbeitsverhältnis mit Bezahlung. Eine fehlende soziale und berufliche Einbindung hat weitreichende Folgen. Es muss gehandelt werden. Das TEACCH® Autism Program in den USA hat diese Problematik aufgegriffen und für Absolvent:innen von Regelschulen das sog. „T-STEP Program“ entwickelt, das auf den Seiten 102–109 angerissen wird. Themen sind Selbstbestimmung (eigene Ziele setzen und verfolgen), Exekutive Funktionen (sich organisieren, systematisch und flexibel handeln) und Emotionen regulieren(Gefühle bewältigen und mit Stress umgehen), soziale Kompetenzen (Sprache im beruflichen Umfeld effektiv nutzen). In den T-STEP Kursen erarbeiten sich die Teilnehmenden individuelle Werkzeuge und üben deren Anwendung. Damit nehmen die Erwachsenen am Ende des Kurses einen Werkzeugkoffer mit funktionalen und effektiven Strategien mit.

Aber auch außerhalb des Kurses lässt sich eine Werkzeugkiste erstellen. Behandelt werden quasi vier Fächer: Selbstbestimmung, Exekutive Funktionen, Emotionale Regulation und soziale Kommunikation. Für jeden dieser Anwendungsbereiche werden unter Anleitung mehrere Instrumente erarbeitet, die in vier Gruppen eingeordnet und in allen vier Fähigkeitsbereichen eingesetzt werden: 1.Self-Monitorin (Selbstüberwachung) 2.visual reminders (visuelle Erinnerungshilfen) 3.Routines strategies (Strategien für Routinen) 4.Self reward (Selbstbelohnung)

Diskussion

Der TEACCH® Ansatz, in den USA, Skandinavien und Benelux lange bekannt, ist mittlerweile in Deutschland nicht mehr ga z unbekannt. Ziel ist eine größtmögliche Selbstständigkeit und Unabhängigkeit zu erreichen. Hilfen zum strukturierten Unterrichten sind auf die Person so zugeschnitten, sodass sie den Kern des Problems treffen.

Das Buch zeigt zahlreiche Praxisbeispiele und Anwendungsmöglichkeiten in Schule, sowohl in der Regel- als auch in der Förderschule. Im Zeitalter der Inklusion geht es nicht um die Feststellung einer Sonderbehandlung, sondern darum, bestehende pädagogische Konzepte zu erweitern und zu ergänzen, damit jeder Schüler/jede Schülerin lernen kann. Die Erfahrung zeigt, dass Strategien, die eine angemessene Kommunikation fördern, die die räumlichen, zeitlichen und sozialen Umgebung gestalten, die sich nicht nur verbaler Informationsquellen bedienen, sondern Strukturierung und Visualisierung mit einbeziehen und die sinnhafte Routinen aufbauen, allen Beteiligten im System Schule zugutekommen – Schüler:innen und auch Lehrkräften.

Die Autorinnen machen Vorschläge und wollen anregen. Wichtiger Grundsatz: es sind Beispiele, es gibt keine Patentrezepte! Unterstützung muss individuell angepasst werden. Dieses Anpassen auf den jeweils speziellen Einzelfall muss geleistet werden – aber das ist schließlich die kreative Herausforderung, die die Arbeit nie langweilig werden lässt!

Der Schwerpunkt dieses Buches liegt bei Unterstützungsangeboten für „intellektuell stärkere Schüler:innen aus dem autistischen Spektrum“, die lernzielgleich unterrichtet werden. Gerade bei diesen Schüler:innen wird der besonderer Unterstützungsbedarf häufig nicht erkannt, nicht ernst genommen oder unterschätzt. Es kommt zu Konflikten, weil aufgrund vorhandener intellektueller Fähigkeiten erwartet wird, dass die Person in der Lage ist, doch ‚ganz normal‘ in die Schule zu gehen.

Diese Sichtweise entsteht, weil Menschen immer von sich selber ausgehen und eigene Erfahrungen auf das Gegenüber übertragen. So wird nicht bedacht, dass andere Menschen anders wahrnehmen, zu anderen Schlussfolgerungen kommen und sich schlussendlich anders verhalten. Da Autismus unsichtbar ist werden Verhaltens-Auffälligkeiten in Gruppenkonstellationen aus dem Beziehungsgeschehen heraus interpretiert, was zu Missverständnissen führt. Dieses Miss-Verstehen beherbergt viele Probleme, oft zu Lasten von Schüler:innen, die unter den Bedingungen von Autismus leben.

Die Arbeit nach TEACCH® hat den Grundsatz, dass nur dort Unterstützung gegeben wird, wo sie nötig ist. Für die passgenaue Anwendung des structured teaching ist äußerst bedeutsam, den theoretischen Überbau zu kennen. Dieser wird von den Autorinnen vorausgesetzt, denn er wird nur rudimentär behandelt. Meines Erachtens kann es sehr problematisch sein, wenn ohne Kenntnis der autismustypischen Denk- und Wahrnehmungsstrategien (die anders sind als neurotypische Strategien) wohl gemeinte Hilfen erarbeitet werden. Statt passgenau zu sein und wirklich Unterstützung beim Verstehen zu geben, besteht die Gefahr, dass diese „Hilfen“ zum Selbstzweck werden. Dann greifen sie nicht, was die Akteure frustriert und oft negativ auf den Schüler bzw. die Schülerin oder die Methode TEACCH® zurückfällt.

Deshalb ist es sehr anzuraten, vorher das Buch von Anne Häußler Der „TEACCH Ansatz zur Förderung von Menschen mit Autismus“ aus dem borgman media verlag zu lesen, denn es bietet eine gute Grundlage, um das systematische Vorgehen und die Eckpunkte der TEACCH® Philosophie zu verstehen und umzusetzen. Eine Rezension liegt vor unter https://www.socialnet.de/rezensionen/​21967.php.

Besonders hervorzuheben ist die Ergänzung durch das neunte Kapitel in dieser vierten Auflage. Aus Kindern werden Erwachsene und beim Übergang ins Erwachsenleben ergeben sich neue Herausforderungen. Zahlen aus 2020 zeigen, dass zwar 42 % die Voraussetzungen mitbringen auf dem allgemeinen Arbeitsmarkt tätig zu werden, dies aber nur knapp 20 % gelingt. Das TEACCH® Autism Program in den USA hat diese Problematik aufgegriffen und für Absolvent:innen von Regelschulen das sog. „T-STEP Program“ entwickelt, das auf den Seiten 102–109 angerissen wird. Bausteine sind Selbstbestimmung (eigene Ziele setzen und verfolgen), Exekutive Funktionen (sich organisieren, systematisch und flexibel handeln) und Emotionen regulieren (Gefühle bewältigen und mit Stress umgehen) und soziale Kompetenzen (Sprache im beruflichen Umfeld effektiv nutzen).

Bisher ist das „T-Step Program“ noch wenig bekannt und es ist dringend geraten, dass sich das ändert!

Fazit

Die Erklärungen, die vorgestellten Anregungen und Ideen machen das Buch zum „must-have“ bei der Beschulung von Schüler:innen aus dem autistischen Spektrum. Wichtig: je passgenauer die Unterstützung ist desto selbstständiger und unabhängiger kann der Mensch lernen und sich entwickeln, das gilt für jeden Menschen, aber besonders für Menschen, die unter den Bedingungen von Autismus leben.

Das Buch sollte Basis-Lektüre für Lehrer und Lehrerinnen, Integrationskräfte sowie Eltern sein!

Rezension von
Dipl.-Päd. Petra Steinborn
Tätig im Personal- und Qualitätsmanagement in einer großen Ev. Stiftung in Hamburg-Horn. Freiberuflich in eigener Praxis (Heilpraktikerin für Psychotherapie). Leitung von ABC Autismus (Akademie-Beratung-Coaching), Schwerpunkte: Autismus, TEACCH, herausforderndes Verhalten, Strategien der Deeskalation (systemisch), erworbene Hirnschädigungen
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Zitiervorschlag
Petra Steinborn. Rezension vom 21.12.2023 zu: Antje Tuckermann, Anne Häußler, Eva Lausmann: Praxis TEACCH. Herausforderung Regelschule : Unterstützungsmöglichkeiten für Schüler mit Autismus-Spektrum-Störung im lernzielgleichen Unterricht. Verlag modernes lernen Borgmann GmbH & Co. KG. (Dortmund) 2023. ISBN 978-3-942976-31-2. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/30218.php, Datum des Zugriffs 21.05.2024.


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