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Beate Radzey, Christina Kuhn: Demenzwohngruppen einführen

Beate Radzey, Christina Kuhn: Demenzwohngruppen einführen. Ein Praxisleitfaden für die Konzeption, Planung und Umsetzung im stationären Bereich. Demenz Support Stuttgart gGmbH (Stuttgart) 2005. 280 Seiten. ISBN 978-3-937605-02-9. 34,50 EUR.
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Zur Thematik des Buches

In der Pflege und Betreuung Demenzkranker hat sich mittlerweile das Homogenitätskonzept in Gestalt von Demenzwohnbereichen als Leitstrategie in der stationären Altenhilfe  durchgesetzt. Viele Einrichtungen planen und realisieren teilweise auch schon die Einrichtung dieser speziell für demenzkranke Heimbewohner ausgerichteten Wohngruppen. Die Umsetzung ist gegenwärtig jedoch nicht so leicht zu bewerkstelligen, da in bestimmten Bereichen der Pflege und Betreuung allgemeinverbindliches Wissen als Orientierungsrahmen noch nicht vorliegt. Augenblicklich konkurrieren mehrere Betreuungsansätze miteinander, so dass bereits etwas überzogen der "Krieg der Pflegekulturen" ausgerufen wurde.

Im Rahmen dieser Neuorientierung werden Konzepte der Umwandlung der Binnenstruktur in den Heimen mit teils unterschiedlichen Schwerpunkten entwickelt und propagiert, die bereits in mehreren Fachbüchern zusammengefasst sind. Die vorliegende Publikation kann in diese Kategorie der Literatur zur Transformationsentwicklung in Richtung Demenzwohnbereiche eingeordnet werden.

Es bedarf des Hinweises, dass bei dieser Publikation Erfahrungen der Autorinnen bei der Durchführung des Projektes "Einführung milieutherapeutisch orientierter Demenzwohngruppen im stationären Bereich mit begleitender Evaluation" (Kurztitel MIDEMAS) mit eingehen.

Bei den Autorinnen handelt es sich um eine Krankenschwester und Pädagogin (Christina Kuhn)und um eine Diplom-Haushaltsökonomin (Beate Radzey), die bei Demenz Support Stuttgart beschäftigt sind.

Inhalt

Die Veröffentlichung besteht aus einem Textband mit 280 Seiten und einer CD-ROM mit zahlreichen Dateien, die Fortbildungsbausteine enthalten. Die Arbeit ist in vier Teile untergliedert.

  • In Teil 1 (Einführung, Seite 13 - 30) werden einige einleitende Ausführungen über den Themenbereich angeführt: u. a. eine Definition einer Demenzwohngruppe, die Zielsetzung einer Wohngruppe ("Lebensqualität fördern"),  das Betreuungs- und Milieukonzept und die Qualitätskriterien für eine Demenzwohngruppe bezüglich der räumlichen Verhältnisse, der Organisation und des sozialen Milieus.
  • Teil 2 (Ressourcen prüfen, Entscheidung treffen, Seite 31 - 69) beinhaltet eine Reihe von Fragestellungen, die vor der Einführung einer Demenzwohngruppe eingehend abgeklärt sein sollten. Klarheit bestehen sollte u. a. bezüglich folgender Aspekte: Ziel und Motiv für die Einrichtung einer Demenzwohngruppe, Handlungsbedarf (u. a. Anteil der Demenzkranken an der Bewohnerschaft), die Potentiale der Einrichtung - Stützen und Barrieren, die Ressourcen der Einrichtung (Bau, Leitung, Mitarbeiter), der Kostenrahmen und Finanzierungsmöglichkeiten für den laufenden Betrieb. Erst nach Analyse aller dieser "Eckdaten" empfehlen die Autorinnen einen Entscheidungsprozess bezüglich der Einrichtung einer Demenzwohngruppe herbeizuführen.
  • In Teil 3 (Die Umsetzung einer Demenzwohngruppe - ein Vorgehen in sieben Etappen, Seite 71 - 106) wird die Projektplanung für die Einführung einer Demenzwohngruppe in sieben Etappen über einen Zeitraum von ca. zwei Jahren idealtypisch als Orientierungsrahmen skizziert:
    1. Information (Bewohner, Angehörige, Personal, Ehrenamtliche),
    2. Personalqualifizierung (Pflegegruppe der Demenzwohngruppe, PDL und interessierte Mitarbeiter anderer Bereiche),
    3. Umbau,
    4. Umzug (Strategien eines möglichst reibungslosen Umzugs),
    5. Arbeitskonzept (Betreuungsziele, Überprüfung und Anpassung der Ablauf- und Arbeitsorganisation, Einbindung von Ärzten, Angehörigen und Ehrenamtlichen),
    6. Qualitätssicherung und
    7. Öffentlichkeitsarbeit / Marketing (Wirtschaftlichkeit durch mittel- und langfristige Sicherung der Nachfrage stabilisieren).
  • Teil 4 (Begleitende Qualifizierung, Seite 107 - 272) ist in drei Kapitel unterteilt.
    1. Kapitel 1 (Das Programm "Begleitende Qualifizierung", Seite 109 - 114) enthält einen einführenden Überblick über die "begleitende Qualifizierung": Basisqualifizierung, zeitlicher Verortung der Fortbildung (u. a. vor und nach Inbetriebnahme der Demenzwohngruppe), Prozessbegleitung (u. a. organisatorisch-logistische Details wie Fallbesprechungen, Erinnerungsbücher, Praxisbegleitung und Arbeitsgruppen).
    2. Kapitel 2 (Die Basisqualifizierung, Seite 115 - 219) besteht aus der Darstellung der "Qualifizierungseinheiten": Biographie und Person, therapeutische Konzepte, Zeitmanagement, Kommunikation und Übergabe, gerontopsychiatrisches Fachwissen Demenz,  die jeweils aus einem Textteil und der Darstellung von Folien (auf der CD-ROM enthalten) mit Abbildungen und Grafiken bestehen.
    3. In Kapitel 3 (Die Prozessbegleitung, Seite 221 - 272) werden folgende Aspekte dargestellt: Fallbesprechungen, Erinnerungsbücher gestalten - Zusammenarbeit mit Angehörigen, Arbeitsgruppe "Milieutherapie", Praxisbegleitung und Arbeitsgruppe Arbeitskonzept.

Kritische Würdigung

Die vorliegende Publikation erscheint dem Rezensenten als eine bloße Zusammenknüpfung zweier unterschiedlicher Themenbereiche: einerseits die Einführung von Demenzwohngruppen im Heim und andererseits umfangreiche Fortbildungsmaterialien im Bereich Demenzpflege, wobei der Fortbildungsteil von der Seitenzahl her fast zwei Drittel des Textes ausmacht. Folgende Punkte sind bei den Ausführungen kritisch anzumerken:

  • Dogmatische Einseitigkeit. Die Autorinnen geben an verschiedenen Stellen zu erkennen, dass ihrer Meinung nach nur im Kontext der "neuen Pflegekultur" nach Kitwood eine angemessene Demenzpflege und Demenzbetreuung gestaltet werden kann. Belege hierfür u. a. in Form von Untersuchungen oder Erfahrungen aus der Praxis werden jedoch nicht angeführt.
  • Ein überzogener Qualifizierungsanspruch. Es wird vorgeschlagen, dass für die "Begleitende Qualifizierung" ein Stundenaufwand von ca. 55 Stunden pro Mitarbeiter für die Basisqualifizierung und weitere 25 Stunden für die "vertiefende Qualifizierungsphase" eingeplant werden sollte (Seite 83). Die Kosten hierfür belaufen sich auf ca. 12 000 bis zu 20 000 Euro (Seite 59). Hierbei beziehen sich die Autorinnen auf ihre eigenen Erfahrungen im Projekt MIDEMAS ohne die bereits vorliegenden Erfahrungen zu berücksichtigen, die mit einem Bruchteil dieses Leistungsumfanges eine angemessene Demenzpflege praktiziert haben. Über die Inhalte und Vermittlung der Fortbildungsangebote kann ausgesagt werden, dass viele Vorgehensweisen an Vorschulpädagogik und Spielereien erinnern. Ob derartige Verkindlichungsstrategien teils mit der Nötigung zu "Rollenspielen" verbunden für die Pflegemitarbeitern angemessen sind, sollte ernsthaft hinterfragt werden.
  • Kleine Wohngruppen mit 12 Plätzen. Für die Demenzwohngruppe empfehlen Kuhn & Radzey ca. 12 Plätze und gleichzeitig die ständige Präsenz von zwei Mitarbeitern jeweils in der Früh- und Spätschicht. Um diesen Personalbesatz bei einer Gruppengröße von 12 - 14 Bewohnern garantieren zu können, ist nach ihren Berechnungen ein Personalschlüssel von 1:1,8 erforderlich (Seite 52). Diese Empfehlung ist nach Ansicht des Rezensenten nicht realitätsnah, denn die gegenwärtigen Kosten- und Personalvereinbarungen in den meisten Bundesländern lassen diesen Personalbesatz nicht zu. Es wird auch nicht mittels einschlägiger Untersuchungen und Erhebungen begründet, warum die Wohngruppe aus gerade 12 Plätzen bestehen sollte.

Fazit

Die vorliegende Schrift vermag aufgrund der angeführten Aspekte als Leitkonzept für die Einrichtung von Demenzwohngruppen in stationären Einrichtungen der Altenhilfe nicht zu überzeugen. Der hier vorgeschlagene Weg erscheint wie eine kaum zu bewältigende Hürde, die viele Einrichtungen abschrecken wird, Demenzwohnbereiche einzurichten. Es gilt jedoch im Gegenteil Strategien zu entwickeln, die allen interessierten Einrichtungen den Weg zu einem Demenzbereich ermöglichen.


Rezensent
Dr. phil. Dipl.-Psychol. Sven Lind
Gerontologische Beratung Haan
Homepage www.gerontologische-beratung-haan.de
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Zitiervorschlag
Sven Lind. Rezension vom 25.04.2006 zu: Beate Radzey, Christina Kuhn: Demenzwohngruppen einführen. Ein Praxisleitfaden für die Konzeption, Planung und Umsetzung im stationären Bereich. Demenz Support Stuttgart gGmbH (Stuttgart) 2005. ISBN 978-3-937605-02-9. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/3022.php, Datum des Zugriffs 13.11.2019.


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