Florian Hessel, Pradeep Chakkarath et al. (Hrsg.): Verschwörungsdenken
Rezensiert von Arnold Schmieder, 04.12.2025
Florian Hessel, Pradeep Chakkarath, Mischa Luy (Hrsg.): Verschwörungsdenken. Zwischen Populärkultur und politischer Mobilisierung.
Psychosozial-Verlag GmbH & Co. KG
(Gießen) 2022.
344 Seiten.
ISBN 978-3-8379-3173-0.
D: 39,90 EUR,
A: 41,10 EUR.
Reihe: Psyche und Gesellschaft.
Thema
Es geht, wie der Titel des Buches anzeigt, vorrangig um Verschwörungsdenken, wobei Verschwörungstheorien nicht unterbelichtet bleiben. Die Autor:innen gehen dem Phänomen nach und präsentieren analytisch ausgewiesene Erklärungen, wie Inhalte von Verschwörungserzählungen, insbesondere über im Verborgenen operierende, als übermächtig angenommene Gruppen, alltäglich von Subjekten aufgenommen werden, um ihre Lebenswirklichkeit interpretieren, das heißt deuten zu können. Wo Realität das Gefühl der Ohnmacht erzeugt, wie sie im Arbeits- und Privatleben anwachsende Erfahrung ist, erwächst das Bedürfnis nach Einsicht in Ursachen, das in Verschwörungsvorstellungen und ihren verschiedenen Narrativen einen – vermeintlichen – Anker findet. Gleichzeitig sind Verschwörungserzählungen lancierte Mittel politischer Agitation, meist autoritär eingefärbter, die – auch und wesentlich – Affekte mobilisieren, somit gleichsam ein Ventil für emotionale Entlastungen darstellen,
auch Plattform für ein scheinbares Wir-Gefühl, das interessiert instrumentalisiert werden kann. Ersichtlich wird auch, was nicht nur in tatsächlichen gesellschaftlichen Krisen (vor allem auf der Folie ökonomischer, zugespitzt krisenhafter Entwicklungen) geschieht, worüber die Autor:innen aus kritisch sozialpsychologischer und gesellschaftstheoretischer Sicht facettenreich aufklären.
Herausgeber
Florian Hessel, Dipl.-Soz. Wiss., ist Lehrbeauftragter für Sozialpsychologie und Sozialtheorie an der Fakultät für Sozialwissenschaft der Ruhr-Universität Bochum sowie der TU Hamburg.
Mischa Luy, M.A., ist Sozialwissenschaftler und promoviert am Lehrstuhl für Sozialtheorie und Sozialpsychologie an der Ruhr-Universität Bochum zum Gegenstand der deutschen Prepperszene.
Pradeep Chakkarath, Dr., lehrt Sozial- und Kulturpsychologie an der Fakultät für Sozialwissenschaft der Ruhr-Universität Bochum und ist Co-Direktor des Hans Kilian und Lotte Köhler Centrums für kulturwissenschaftliche Psychologie und historische Anthropologie.
Inhalt
Das Buch beinhaltet sechzehn Beiträge, die z.T. bereits publiziert sind und für diesen Sammelband überarbeitet wurden, wobei gleich im ersten Aufsatz der Herausgeber, Verschwörungsdenken, die Verschwörungs-Komposita trennscharf abgegrenzt werden, wiewohl sie zu den „nebeneinander und zum Teil gleichzeitig verwendeten Begrifflichkeiten“ gehören (S. 13), um Verschwörungsdenken als genuin sozialpsychologischen Gegenstand zu konturieren, was nicht ohne unverzichtbare interdisziplinären Anleihen verbleibt, wozu wesentlich eine „kulturpsychologische Perspektive“ gehört, weil „Kultur untrennbar mit wissensbasierten Praktiken der Menschen verwoben ist“. (S. 10) Das öffnet den Blick auch für eine „psychodynamisch strukturierte Entlastungsfunktion.“ (S. 14) Im Begriff „Verschwörungsdenken“ sehen die Herausgeber (und mit ihnen weitestgehend die Beiträger:innen) die im Gegenstand gleichzeitig wirkenden Aspekte von (kognitiver) Deutung und Wahrnehmung, von (praktischer) Aneignung sowie deren gesellschaftlich-kultureller Dimension(-en) am besten thematisierbar. (S. 20) Die Herausgeber nehmen vorweg, was nach Lektüre des Bandes den Leser:innen hochgradig plausibel aufgeht: Das „Denken in ‚Verschwörungen‘ (…) ist in seiner kompromisslosen Institutionalisierung des Misstrauens hoch kompatibel mit gesellschaftlich virulenten Ressentiments wie Xenophobie, Antisemitismus oder Antifeminismus und inkompatibel mit einer auf Vertrauens- und Kompromisspotenzialen beruhenden demokratischen Öffentlichkeit.“ (S. 24) In seinem einleitenden Essay über Elemente des Verschwörungsdenkens schließt Florian Hessel an und kommt gleich auf zentrale Grundlagen zu sprechen, dass nämlich unter den „Bedingungen kapitalistischer Vergesellschaftung und Herrschaft (…) Verschwörungskonstrukte tendenziell auf die ‚Erklärung‘ gesellschaftlicher Totalität (zielen), also einer Gesellschaftsform, ihrer Ökonomie, Politik und Kultur, als Ganzer.“ So werden „Zumutungen von gesellschaftlicher Komplexität und emotionaler Ambivalenz reduziert sowie Erfahrungen und Gefühle von Angst und Ohnmacht, Frustration und Dissonanz kompensiert.“ (S. 31 f.) Dass dies nicht grundsätzlich neu ist, wird über Rückblicke auf u.a. den Begriff „Charaktermaske“ von Marx und jenes „stahlharte Gehäuse“ (vor allem im Gewand einer neuen „Hörigkeit“) von Max Weber ausgewiesen, allerdings auch, dass „Krise und Transformation (…) Permanenz (gewinnen), da sie den gesellschaftlichen Verhältnissen ebenso wie die Universalisierung von Herrschaft bis ins Private und in die Psyche hinein innewohnen.“ Und: „Stabilität stellt letztlich auf gesellschaftlicher Ebene eher die Ausnahme denn die Regel dar und dies begünstigt die Fortschreibung von Verschwörungsideen.“ (S. 33 ff.) Unter Bezugnahme auf Freud hält der Autor zur subjektiven Seite fest, dass solche für Krankheit gehaltene „‚Wahnbildung‘“ in Wirklichkeit ein „‚Heilungsversuch‘“ ist (zit. S. 41), wobei ein Verschwörungsdenken „sich von jeder verunsichernden Erfahrung abschottet bzw. sich diese aneignet.“ (S. 47) Hessel schließt: „Dass das weitgehend ohnmächtige individuelle Leiden an Herrschaft und Ausbeutung allein der Fortschreibung von Herrschaft und Ausbeutung dient, wäre im Gegensatz dazu nur gesellschaftlich und strukturell abzuschaffen.“ (S. 48)
Alle Beiträge, auch die kürzeren, weisen ein umfangreicheres Literaturverzeichnis auf, so auch der von Martin Jay On the Spectrum: Verschwörungstheorien und Erklärungen. Der Autor hebt eingangs darauf ab, dass oft die „Theorie von der Verschwörungstheorie“ als „Waffe“ eingesetzt wird, „um eine wirkliche Aufarbeitung unbequemer Wahrheiten zu verhindern.“ (S. 54) Doch auch Jay lotet weiter aus, und greift ein Horkheimer/​Adorno-Zitat auf, demnach in „gewissem Sinn (…) alles Wahrnehmen Projizieren (ist).“ (zit. S. 61) In kritischer Analyse kommt er zu dem Schluss, dass sich „Verschwörungstheorien (…) am projektiven, oder wenn man so will, am paranoiden Ende der Skala (gruppieren), wo das andere Extrem des passiven Empirismus und der kausallogischen Erklärung verschmäht wird.“ Eine Chance, „exzessive Projektion mit nüchterner Reflexion zu mäßigen“, erachtet er als gering und verweist darauf: „Automatisch jeder Autorität zu misstrauen, mag ein Anzeichen pathologischen Denkens sein, aber dasselbe gilt für den blinden Gehorsam gegenüber den jeweils Herrschenden.“ (S. 62 f.)
Nichtklassische Konspirologie lautet der Titel des Beitrags von Alexey Levinson, worunter er wie geläufig soziale Situationen versteht, in denen sich eine große Anzahl von Menschen mächtigen Cliquen gegenübersieht, die sich verschworen haben, ihnen „Schaden zuzufügen, sie zu unterwerfen oder sie zu vernichten“, Überzeugungen, die der Autor für falsch hält und als „Fälle ‚klassischer‘ Konspirologie“ bezeichnet. (S. 65 f.) Er exemplifiziert am Beispiel ‚der Juden‘, ausländischer Agenten, am Virus, um schlussendlich die politische Nutzbarmachung (am Beispiel Putins) zu indizieren: „Das Schema des konspirologischen Narrativs findet seine Umsetzung: Jemand ist bereit, die ganze Welt zu zerstören, um seine Ziele zu erreichen.“ (S. 87)
Laut Untertitel geht es in dem Beitrag von Felix Brauner „Vertraut mir, ihr solltet niemandem vertrauen“ um „Verschwörungsmentalität in der Coronakrise aus mentalisierungstheoretischer Perspektive“. Mit Arendt ist von einer „dynamische(n) Zersetzung des Vertrauens“ und zugleich einer „massiven Einschränkung von Reflexionsfähigkeiten“ die Rede, dadurch ein entscheidender „Nährboden antidemokratischer Bewegungen“. (S. 90) Nach dem vorgestellten Erklärungsansatz „entsteht eine ausgeprägte Verschwörungsmentalität im Kern aus dem Verlust des epistemischen Vertrauens in die Übermittlung von Informationen durch gesellschaftlich autorisierte Institutionen oder Personen“, was ein „Vakuum der Welterklärung“ entstehen lässt, was weiterhin zur Folge hat, dass „anderen Quellen (…) ohne Prüfung der Zuverlässigkeit der Aussagen leichtgläubig gefolgt wird.“ (S. 102 f.)
Wichtig für politische Aktivist:innen ist das Thema Politische Bildungsarbeit für eine ‚Gesellschaft der Mündigen‘ von Melanie Hermann, Florian Eisheuer & Jan Rathje. Sie entwerfen, wie „Individuen zu reflexiver Kritik zu befähigen“ sind (S. 108), dies auf dem Hintergrund, dass Verschwörungsideologien als eben Ideologien eine „‚Verschränkung des Wahren und Unwahren‘“ sind. (Adorno, zit. S. 109) „Bildung im Sinne tatsächlicher Aufklärung findet dann statt, wenn sich ein reflexiver Erkenntnisprozess in den Adressat:innen vollzieht“ (S. 124), lautet die Botschaft, wobei es auf „Bewusstmachung sozio-kultureller Strukturen und der Selbstverortung innerhalb dieser Strukturen“ ankommt. (S. 120) Dabei sind Identitätskonstruktionen (auch) eine Herausforderung für politische Bildungsarbeit. Es kommt auf das „‚Nicht-Mitmachen‘“ (Adorno) an und es sind „Wege zu finden, gesellschaftliche Probleme und Unbehagen zu adressieren, anstatt Entlastung in Ressentiments zu suchen.“ (S. 125)
Franz L. Neumanns dialektisches Programm des Verschwörungsdenkens stellt laut Untertitel der Beitrag „Falsche Konkretheit“ als politisches Instrument von Stefan Vennmann vor. Neumann sah die Notwendigkeit, „den Niederschlag gesellschaftlicher Krisensituationen“ im einzelnen Subjekt zu erklären. In der „Totalität entfremdeter Gesellschaftsstrukturen“ sah dieser frühe kritische Theoretiker den Erfolg von ‚Verschwörungserzählungen‘ begründet und „soziale sowie politische Regression“ begünstigt. (S. 131) Hervorgekehrt wird, dass „objektive Missstände mit falschem Verständnis kapitalistischer Dynamiken zusammenfallen“, was Neumann das „‚Körnchen Wahrheit‘“, das „‚niemals ganz falsch ist‘“, nannte, und was über „Verschwörungsdenken (…) projektiv pervertiert“ wird. (S. 137) Daher rührt die „doppelte Wirkung auf Menschen, sie sind Opfer und Täter zugleich.“ (S. 144) Die „Tendenz der totalen politischen Aporie“, so der Autor, „bleibt eine Gefahr, die der kapitalistischen immanent ist“: „Caesarismus und Verschwörungsdenken sind die politischen Explikationen einer Gesellschaft der stetigen Krise.“ (S. 145)
Hans-Jürgen Wirth stellt unter dem Titel Argwohn, Misstrauen, Verfolgungsängste: Verschwörungstheorien in der Coronakrise psychoanalytische und sozialpsychologische Überlegungen vor. Auf der Folie der von ihm vorgestellten Argumentationskette kommt er zu dem Schluss, dass in „Zeiten der Pandemie (…) der subjektive Bedarf an solchen Angst und Verunsicherung reduzierenden Praktiken und Überzeugungen für viele Menschen enorm (wächst), während gleichzeitig die gesundheitspolitische Notwendigkeit besteht, sich an wissenschaftlich fundiertem Wissen zu orientieren.“ Ganz wesentlich aber ist, dass (mehr oder minder) „plötzlich (…) sichtbar (wird), wie viel magisches, abergläubisches, esoterisches, ideologisches und irrationales Denken in der Gesellschaft verbreitet ist, sonst aber weitgehend im – teilweise uns selbst – Verborgenen bleibt.“ (S. 167)
In Verschwörung, Wahnarbeit und schizophrene Wirklichkeit von Frank-Andreas Horzetzky geht es wiederum um die Coronapandemie, und zwar innerhalb einer gruppenanalytischen Behandlung. Das Erkenntnisinteresse des Autors ist, „wie aus berechtigten Sorgen wahnhaftes Verschwörungsdenken entstehen kann und wie diese Wandlungen in längerfristige gesellschaftliche Prozesse eingebettet sind, die diese individuelle Entwicklungen begünstigen“ (S. 171), wobei er eine Affinität zu religiösem Glauben ausmacht, „bei dem auch ein in sich geschlossenes System übernommen wird.“ (S. 174) Beim Psychotiker fallen die „Einflüsse aus dem Außen (…) ins Innen und werden als Teil des Selbst erlebt. Dagegen besitzen Menschen mit verschwörungstheoretischem Denken, auch wenn es wahnhaft anmuten mag, noch stabile ichstrukturelle Verhältnisse, die Realitätskontrolle ist erhalten.“ (S. 177) Der Autor kommt auf der Grundlage seiner Fallanalysen zu dem Schluss, „dass Menschen dann zu Verschwörungstheorien neigen, wenn sie sich von kulturellem, sozialem oder ökonomischem Abstieg bedroht fühlen, oder (…) dieser bereits erfolgt ist. Die Betonung liegt auf bedroht fühlen“. (S. 179)
Auch Rebekka Blum widmet sich in Das Verhältnis von Antifeminismus und Verschwörungsdenken unter dem Blickwinkel antimoderner Krisenbearbeitung der Coronapandemie. Die Analyse zeigt, „dass AntifeministInnen und Anhänger*innen von Verschwörungserzählungen ein antimodernes, das heißt gesellschaftlich liberale und pluralistische Verhältnisse ablehnendes Weltbild teilen, das auf binärem Denken aufbaut und Komplexitätsreduktion zum Ziel hat“, was nicht „verwundert“. (S. 209) Was es braucht, und zwar als Prävention, ist eine „Erziehung und Pädagogik, welche sich im Sinne Theodor W. Adornos daran orientiert, ‚ohne Angst verschieden sein zu können‘“. (S. 210)
Nora Feline Pösl setzt mit der Covid-19-Pandemie fort, und zwar unter dem Titel Von Verschwörungsideologien, Vernetzungsstrategien und Vernichtungsphantasien, wobei die Autorin digitale soziale Netzwerke, ‚alternative Heilmethoden‘ und Esoterik in den näheren Blick nimmt resp. analysiert, wie sich in dortigen Abwendungen vom Mainstream (u.a.) das „Bedürfnis nach Einzigartigkeit“ befriedigen lässt und das „Selbstwertgefühl“ erhöhen. (S. 215) Pösl sieht Parallelen zur westlichen Esoterik und völkischem Nationalismus ab dem späten neunzehnten Jahrhundert in ihrer Verschwisterung, eine Elle des Vergleichs, die anzulegen ist, da sie als „antirationale Reaktionen auf die Moderne, als Abwehr der Aufklärung und der rationalistischen ‚Entzauberung der Welt‘ mittels Rückzugs in ein traditionalistisches, magisches Denken, ins Mythische, Irrationale und Übersinnliche eingeordnet werden.“ (S. 229) Die Autorin befürchtet, dass sich die „Gruppen und Personen, die sich im Zuge der Pandemie radikalisiert haben, nach der Pandemie anderen Themen zuwenden – Themen, die von den zentralen rechtspopulistischen, verschwörungsideologischen Akteur*innen (…) gezielt gesetzt werden können.“ (S. 235)
Der Beitrag von Deborah Wolf, Verschwörung audiovisuell gedacht, „nähert sich dem Phänomen Verschwörungsdenken aus einer medienwissenschaftlichen Perspektive“ (S. 239) und möchte erreichen, dass der „audiovisuellen Form Beachtung“ geschenkt wird. (S. 256) Ihr Aufhänger sind die – heterogenen – 9/11-Verschwörungstheorien. Die Autorin zeigt u.a., dass „Verschwörungstheorien (…) immer dann an Einfluss (gewinnen), wenn sich in der Gesellschaft ein Klima der Unsicherheit ausbreitet“, sie „häufig Reaktionen auf kollektive oder individuelle Ängste“ sind. (S. 243 f.) Auffällig ist, dass sich Verschwörungsdenken zwar in Bezug auf soziale Realität durch „Komplexitätsreduktion“ auszeichnet, „auf semiotischer Ebene aber eher Komplexität produziert“, wobei eine „enge Verbindung von semantischer Bedeutungsproduktion und affektiven Reizen“ auffällt. (S. 255)
Wie die Welle von Falschinformationen und Verschwörungserzählungen in digitalen sozialen Netzwerken begrenzen, lautet die Frage im Untertitel des Beitrages #flattenthecurve von Julian Kauk, Helene Kreysa, Anne Voigt & Stefan R. Schweinberger. Erst einmal, stellen die Autor:innen vor, können Modelle der Infektionsepidemiologie helfen, die Verbreitung von Falschinformationen in digitalen sozialen Netzwerken zu verstehen, die in der Tat ein fundamentales Problem darstellen. Um ‚richtig‘ zu widerlegen, ist ein effektives „Fact-Checking in digitalen sozialen Netzwerken“ vonnöten, wobei neben „dem ‚kurativen‘ Ansatz von Faktenchecker:innen (…) die Medienkompetenz von Nutzer:innen digitaler sozialer Netzwerke gestärkt werden (sollte)“, wozu auch zählt, „bereitgestellte Informationen langsamer zu erfassen, um ihre Plausibilität beurteilen zu können, Posts auf ihre Richtigkeit zu überprüfen, bevor man sie weiterverbreitet“. (S. 270 f.) Verwiesen wird auf Erkenntnisse der Kognitionspsychologie, die Bemühungen gegen Falschinformation und Verschwörungserzählungen unterstützen können, auch Prozesse in den Griff zu bekommen, die für „zahlreiche ‚false memory‘ Phänomen mitverantwortlich“ sein können resp. sind. (S. 273)
Den Zusammenhang von Verschwörungsdenken und Preppen lotet Mischa Luy unter der Frage aus: „Und dann habe ich mir überlegt, warum hörst du denn nichts darüber?“ Prototypisch ist der „männliche Prepper als soziophober Sonderling mit Verschwörungsmentalität und einem Hang zu apokalyptischen bis rechten Weltanschaungen.“ Beschrieben wird er zumeist als „übermäßig besorgt und verängstigt, dabei teils bis ins Pathologische tendierend“. (S. 281) Er will auf eine potenzielle Katastrophensituationen, die er erwartet, vorbereitet sein und „dämpft“ dadurch eine „belastende Stresserwartung“, aktiviert durch Handeln seine „Ressourcen der Resilienzsteigerung“, was zu einer „positiven Selbstwirksamkeitserwartung“ beiträgt, wodurch „negative Gefühle der Unsicherheit und des Bedrohtseins reduziert werden.“ (S. 299) Diese Gefühle leiten auch zum Verschwörungsdenken, wobei Preppen und dieses Denken nicht gleichzeitig zusammen verschmelzen müssen, jedoch „miteinander kompatibel“ sind und sich potenziell ergänzen. „Beide sind Reaktionsmöglichkeiten auf wahrgenommene Krisenerscheinungen, Ohnmachtserfahrungen und eine als gefährlich wahrgenommene Welt.“ (S. 300)
Carolin Engels & Sebastian Salzmann heben unter dem Titel Zur „alltäglichen“ Integration und Mobilisierung von Verschwörungsideologien auf Bemerkungen in ‚normalen‘ Gesprächen ab, in denen das „Politikverständnis des Gegenübers von verschwörungstheoretischen Elementen affiziert ist“. (S. 305) Gleich eingangs merken Autorin und Autor in Bezug auf ihre Überschrift an, dass im „Begriff der Ideologie (…) das Moment der Bewusstseins- und Wahrnehmungsbezogenheit mithin am besten erhalten (bleibt)“, und sie weisen auf die Gefahr hin, „die mit der grundsätzlichen Pathologisierung des Verschwörungsdenkens einhergeht.“ (S. 305 f, Anm. 2 u. 3) Die Analyse basiert auf Interviews, die letzten Endes „Repräsentation einer sukzessiven Desintegration“ sind, „letzte Konsequenz des hier thematisierten ‚Denkens‘“. (S. 318) Ein Anreiz, sich Verschwörungserzählungen anzuschließen, kann darin bestehen, „Teil einer Gruppe von ‚Auserwählten‘ zu werden.“ (S. 309) Eine zu beobachtende „kontextabhängige Desintegration“ dient nicht nur der Abgrenzung, sondern ihre Wirkung ist gleichzeitig identitätsstiftend und fungiert somit als „stabilisierende Ausschaltung von Ambivalenz“. Es hilft, „ein wenig Ordnung in eine unübersichtliche Welt zu bekommen“. (S. 311 f.) Das ist Moment von „verschwörungsideologischen Inhalten und Versatzstücken“ in der „Gesamtheit“ innerer wie äußerer „Abkehr und Desintegration“; in toto sind es „Bestandteil des common sens und des kulturell verfügbaren Wissens“, was nicht bloß wie häufig als „Skurrilität“ zu betrachten ist. „Verschwörungserzählungen sind ein zentraler Bestandteil antidemokratischen und antiliberalen Denkens“, eine „Distanzierung zur Gesellschaft“, in der „Teilhabe und Mitbestimmung“ nicht als „Chance“, sondern als „Zumutung“ gedeutet werden. (S. 319 f.)
Felix Riedel stellt ethnologisch zwei Verschwörungsmythen im europäisch-westafrikanischen Vergleich vor, dabei fokussierend auf Moderne Hexenvorstellungen und Antisemitismus. Der Autor betont, dass Verschwörungsmythen dazu dienen, „künstliche Krisen zu erzeugen und vor allem die ausgewählten Opfer in Krisen zu stürzen.“ Der Autor argumentiert mit Rückgriff auf Marx, warum hier wie da für die „abstrakten Prozesse der Produktionsverhältnisse in einem Fall ‚die Juden‘ und im anderen Fall Hexen verantwortlich gemacht wurden“, was sich jeweils nur aus der „geschichtlichen Kontingenz“ erklärt. (S. 330 f.) Riedel resümiert schlüssig, dass das Verhältnis von „imaginierter Übermacht und realer Verwundbarkeit (…) die Legitimationsgrundlage von Hexenjagd und Antisemitismus gleichermaßen“ ist und führt weiter aus, dass die „Idee einer Verschwörung (…) ähnlich wie die Phobie diffuse Ängste“ eingrenzt und sie „konkretisiert“. Der Autor beendet seinen Beitrag mit dem Hinweis: „Einmal etabliert verschwinden erfolgreiche Verschwörungsmythen nicht von selbst. Das belegen die Betrachtungen von Hexenjagden ebenso wie die Geschichte des Antisemitismus.“ (S. 341)
Diskussion
Dieser Band ragt wie ein Leuchtturm aus den Niederungen politischer, medialer und auch wissenschaftlicher Deutungsversuche von Verschwörungsinhalten und Verschwörern hervor und zu Recht rücken die Beiträger:innen das Verschwörungsdenken bzw. „Verschwörungsideologien“ (Nora Feline Pösl) in den Vordergrund, und zwar gewappnet mit imponierenden Literaturkenntnissen und häufig explizit durch kritisch theoretischen Hintergrund. Dadurch kann den Leser:innen deutlich werden, dass der Kapitalismus (bekanntlich) auf der Produktion von Mehrwert fußt und – vor allem – kapitalistische Herrschaft anonym ist. Gleichwohl setzt sie sich in vielerlei Erscheinungsformen durch, die dem weitaus größten Teil der Menschheit (und der Natur als seiner Lebensgrundlage) zum derweil ins Haus stehenden apokalyptischen Nachteil gereichen. Das gilt es zu erkennen. Anonyme Herrschaft, namenlose, wird im Verschwörungsdenken, auch im davon affizierten Alltagsbewusstsein, personalisiert, die Folgen eine bösen Tuns mächtiger Gruppen oder Einzelner identifiziert, imaginiert, hypostasiert. Wem es nützt und was es wie schadet, wird von den Autor:innen jeweils aspektisch ausgeleuchtet, fügt sich jedoch angesichts des gesamten Bandes zusammen.
„Charaktermasken“ (Marx) sind nicht das ‚Ganze‘, nicht das ‚System‘. Kritische Philosoph:innen optieren bündig auf Aufklärung und berufen sich dabei (häufig und nicht nur) auf Kant, Marx und Adorno sowie Horkheimer, was richtig bleibt und politisch-emanzipatorische und kritisch-sozialwissenschaftliche Fragestellungen provoziert, wie sie an die ‚Akteure‘ genannten Menschen zu vermitteln ist, und zwar nach vernebelter Essenz aller Übel, aus denen zur subjektiven Seite Apathie (vormals prominenter soziologischer Gegenstand), das Gefühl der Bedrohung oder Ohnmacht, Desintegration und zorniges Aufbegehren erwachsen. Es etwa halten, wie Balthasar Gracián es in seinem „Handorakel und Kunst der der Weltklugheit“ – als List – schon 1646 vorschlug, nämlich „mit der fremden Angelegenheit“ aufzutreten, „um mit der eigenen abzuziehen.“ Diese Versuche gab es in der neueren Geschichte. Gefruchtet haben sie, scheint es, wenig bis nichts. – „Verschwörungsideologien“ (Pösl) in all ihrem Aplomb scheinen die gegenwärtig hochgeschwemmten Transportbänder eines gesellschaftlichen Seins in gesellschaftliches Bewusstsein zu sein, das dadurch laut Marx „bestimmt“, nicht aber determiniert wird. Wie sonst hätte etwa Kafka den Satz formulieren können: „‚Die Lüge wird zur Weltordnung gemacht.‘“ (zit. aus dem Motto des Beitrages von Stefan Vennmann, S. 129) Es ist angesichts so desaströser wie ruinöser weltweiter Entwicklungen auf Erkenntnis und Bewusstmachung basaler Ursache zu dringen; Befreiung aus der „selbstverschuldeten Unmündigkeit“ (Kant) ist nicht einzumotten, die allerdings des emanzipatorischen Handelns bedarf, das am nervus rerum orientiert ist. „Heute“, meinte Foucault unter der Titelgebung „Die Folter, das ist die Vernunft“ in einem Gespräch, „gibt es zum ersten Mal auf der Welt nicht einen einzigen Punkt, durch den das Licht der Hoffnung scheinen könnte. Es gibt keine Orientierungen mehr.“ Das scheint trostlos. Dem Verschwörungsdenken sind Orientierungen implementiert, nur sind sie wider die Vernunft und verkleistern den Verstand. – Ob Versprechungen eines grünen Kapitalismus, ob halbgare oder unter den (präsidialen) Tisch gewischte Maßnahmen gegen das Damoklesschwert einer anrollenden Klimakatastrophe, immer auch scheint die Ökonomie als Problem auf, das verzerrt wird auf das, was zu händeln als möglich vorgegeben wird; ein Theater, das mehr Tragödie ist als Farce, findet auf der Bühne des gesellschaftlichen Seins statt und ‚bestimmt‘ – erst einmal – das gesellschaftliche Bewusstsein, was genuin der sozialpsychologischen Analyse bedarf, die als Kritik ‚Aufklärung‘ befördern kann. Nach wie vor geht es um „‚Analyse der psychologischen Vorgänge‘“ (Neumann 1944, zit. S. 129), was die Beiträge des Bandes überzeugend leisten und zeigen, dass die „Citoyen de Gomorrha“ (Lichtenberg) zwar auf festen, doch letztlich tönernen Füßen stehen. „Tatsachen muss man kennen, bevor man sie verdrehen kann“, meinte Mark Twain. Kennen populistische Drahtzieher, die zumindest Verschwörungserzählungen anleiten oder gar in die (digitale) Welt setzen, ‚Tatsachen‘? Können aus ‚verdrehten Tatsachen‘, die auf willige Ohren treffen, reale entstehen, die es wiederum zu ‚verdrehen‘ gilt? Es ist noch nicht ausgestanden. Als Warnung ist die Sentenz Adornos zu lesen: „Falsche Gesellschaft gibt keine Wahrheit vor, es sei denn die eigene Falschheit“, so in der Einleitung zu „Ausgewählte Gedichte“ von Rudolf Borchardt. Oder sind ‚die Menschen‘, zumindest die überwältigende Mehrheit, wie der Paläontologe Donald Johanson, Entdecker des Vormenschenfossils „Lucy“ meint, nicht so sehr „homo sapiens“ als vielmehr „homo egozentrikus“ geworden?
Fazit
Das sozialpsychologisch angelegte und zugleich interdisziplinär anleihende Buch „Verschwörungsdenken“ überzeugt und dürfte Diskussionen um den Gegenstand profund bereichern. Es ist mit Nachdruck und ohne Wenn und Aber zu empfehlen.
Rezension von
Arnold Schmieder
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