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Ursula Hauser Grieco, Marianne Leuzinger-Bohleber et al. (Hrsg.): Weiterleben nach Flucht und Trauma

Rezensiert von Prof. Simone Gretler Heusser, 09.04.2024

Cover Ursula Hauser Grieco, Marianne Leuzinger-Bohleber et al. (Hrsg.): Weiterleben nach Flucht und Trauma ISBN 978-3-8379-3219-5

Ursula Hauser Grieco, Marianne Leuzinger-Bohleber, Sandra Rumpel, Antonia Stulz-Koller (Hrsg.): Weiterleben nach Flucht und Trauma. Konzepte für die Arbeit mit besonders vulnerablen Geflüchteten. Psychosozial-Verlag GmbH & Co. KG (Gießen) 2022. 325 Seiten. ISBN 978-3-8379-3219-5. D: 39,90 EUR, A: 41,10 EUR.
Reihe: Therapie & Beratung.

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Thema

Das Buch stellt detailreich praxisnahe Modellprojekte vor, welche geflüchteten Kindern, Jugendlichen und Müttern mit Kleinkindern bildungs- und entwicklungsorientierte, kultursensible und traumaspezifische psychotherapeutische Unterstützung bieten.

Autorinnen und Herausgeberinnen

Die Herausgeberinnen sind psychotherapeutisch tätig, teilweise mit medizinischem Hintergrund. Neben ihnen tragen weitere Autor:innen zu den einzelnen Kapiteln bei.

Inhalt

Das Buch stellt in erster Linie die „aacho-Projekte“ (Ankommen-Projekte) vor, welche Einzel- und gruppentherapeutische Ansätze mit Herangehensweisen aus der Sozialpädagogik, der Sozialen Arbeit sowie aus der Medizin ergänzen. Ebenso werden ausgewählte nationale Partnerprojekte vorgestellt: eine aufsuchende Sprechstunde, eine Gruppentherapie sowie eine Notfallversorgung für geflüchtete Jugendliche in einer universitären Klinik für Kinder- und Jugendpsychiatrie sowie „prosalute“, eine niederschwellige Anlauf- und Beratungsstelle, die sich für mehr gesundheitliche Chancengleichheit einsetzt.

Die Beschreibung der vorgestellten Projekte ist nachvollziehbar, die theoretischen Bezugsrahmen sind gut dargestellt. Doch was dieses Buch besonders und einzigartig macht, sind die aus der Praxis stammenden und sehr beeindruckenden Beispiele. Die Idee zum Buch entstand im Herbst 2021 an einem Kongress. Bei der Einreichung des Manuskripts im April 2022 wütete in der Ukraine ein neuer Krieg, seither ist der Krieg in Gaza dazugekommen. Andere direkte kriegerische Handlungen oder Konflikte, welche die Menschen zur Flucht zwingen, persistieren. Jeder Krieg und jeder gewalttätige Konflikt führen zu noch mehr Menschen, die leiden und teilweise Traumata erleben. 

In dem Gedicht „Ausländer“, das von „Inaya“ [2], einer allein aus Somalia geflüchteten Dreizehnjährigen, stammt und auf Seite 31 dieses bemerkenswerten Buches zu finden ist, drückt die Autorin auf eindringliche Weise die Erfahrungen und Gefühle vieler Menschen aus, die sich in einer neuen Welt wiederfinden, fern von allem Vertrauten.

Mit nur 13 Jahren hat „Inaya“ eine emotionale Reise hinter sich, die von Angst, Einsamkeit und Unsicherheit geprägt ist. In ihren Zeilen spiegeln sich die Herausforderungen wider, mit denen Geflüchtete konfrontiert sind, wenn sie sich in einer fremden Umgebung zurechtfinden müssen. Doch trotz aller Schwierigkeiten vermittelt das Gedicht eine Botschaft der Hoffnung und Stärke.

Die Worte sind einfach, aber kraftvoll. Sie beschreiben die Einsamkeit, die schlaflosen Nächte und die Ängste vor der Zukunft. Gleichzeitig jedoch sprechen sie auch von unerschütterlicher Entschlossenheit und Überlebenswillen. Das Gedicht spricht von Geduld und Stärke als unverzichtbare Begleiterinnen auf dem Weg zu einem neuen Leben.

Die Integration dieses Gedichts in dieses Buch ist besonders gelungen. Es verleiht dem Werk eine zusätzliche emotionale Tiefe und veranschaulicht auf eindrucksvolle Weise die Themen, die in den Texten der verschiedenen Autor:innen behandelt werden. Es erinnert uns daran, dass hinter den abstrakten Konzepten von Migration und Flucht immer individuelle Geschichten von Mut, Leidenschaft und Überlebenskraft stehen.

Darüber hinaus bietet das Buch eine vielschichtige Analyse von Themen wie „Care“, Trauma und kulturellen Identitäten, die durch aktuelle Erkenntnisse aus den Neurowissenschaften und der Psychoanalyse bereichert werden. Es regt dazu an, über die Bedeutung von Mitgefühl und Solidarität in einer Welt nachzudenken, die von Konflikten und Spaltungen geprägt ist.

Mark Solms (2021) beispielsweise erweitert Freud’s Triebtheorie mit Studien aus den Neurowissenschaften aus den letzten Jahren. Demnach gehört „caring“, das Bedürfnis, zu anderen, insbesondere auch Schwächeren, zu schauen, zu den menschlichen Basisaffekten wie dem Drang zu spielen oder sexueller Lust. Marianne Leuzinger-Bohleber, eine der Herausgeberinnen und Autorinnen, schreibt in den einleitenden Gedanken: Wir wüssten alle „intuitiv, dass Verleugnungen und eine ‚non-caring culture‘ nicht nur beim Einzelnen eine fatale kurz- und langfristige Wirkung haben, sondern auch in institutionellen und gesellschaftlichen Bereichen.“ An Kriege dürfe Mensch sich niemals gewöhnen. Kollektive Verleugnungen und eine allgemeine Kultur des „Non-Caring“ würden auch das gesamtgesellschaftliche Klima prägen. So betont der Holocaustforscher und Psychoanalytiker Dori Laub: der Umgang mit Verbrechen gegen die Menschlichkeit wie dem Holocaust präge das „gesamtgesellschaftliche Klima und damit die Befindlichkeit von uns allen.“ (S. 54) Der Versuch, „Ohnmacht, Hilflosigkeit und moralisch-ethisches Entsetzen in Sprache zu fassen, miteinander zu teilen, psychoanalytisch ihre Wirkung gemeinsam zu reflektieren, aber auch die real existierenden Handlungsräume immer wieder neu auszuloten“ (ebd.) sei wichtig für eine „care culture“, oder anders gesagt: wichtig für das eigene Menschsein. Dieser Bewegung stehe ein narzisstischer Rückzug in eine „Blase von Teilnahmslosigkeit, von Depression und Verleugnung einerseits“ und „die Gefahr einer traumatogenen Überflutung und Überwältigung andererseits“ gegenüber, so Marianne Leuzinger Bohleber (S. 54). Im Buch „Weiterleben nach Flucht und Trauma“ werden verschiedene Projekte detailliert beschrieben, welche mit Mitteln der Psychotherapie Menschen mit traumatischen Fluchterfahrungen in der Schweiz stärken.

Diskussion

Die im Buch vorgestellten Herangehensweisen haben so viel Potenzial. Sie stehen für einen anderen Umgang, ein ganz anderes „Framing“ von Flucht und Trauma, als es im offiziellen Asylwesen der Schweiz praktiziert wird. Es ist bekannt, dass Menschen, die in der Schweiz um Asyl ersuchen, nach ihrem „Eintritt“ in das schweizerische Asylsystem in schlechterer Gesundheit sind als bei ihrer Ankunft – das ist eine Katastrophe. Nur ein Bruchteil der Menschen, die eine Therapie benötigten, ist auch in einer Behandlung. Dies gilt in besonders starkem Maß in der deutschen Schweiz. [1] 

Auch wenn es nur der sprichwörtliche Tropfen auf den heißen Stein sein kann, engagieren sich die Autorinnen dafür, den Impuls zu reflektieren, vor dem Unerträglichen die Augen zu verschließen oder es zu leugnen. Ob antizivilisatorisches Handeln, wie Bruno Latour es in „Facing Gaia“ beschreibt oder es beispielsweise im Sammelband von Heinrich Geiselberger „Die grosse Regression“ behandelt wird (beide Bücher sind 2017 erschienen), oder generell Fremdenfeindlichkeit, Antisemitismus oder Islamophobie: Stets werden Fremde oder andere als jene imaginiert, welche eine fantasierte (die Psychoanalyse sagt: narzisstische) Reinheit gefährden.

Fazit

Insgesamt ist „Ausländer“ nicht nur ein Gedicht, sondern ein kraftvolles Zeugnis der menschlichen Resilienz und der universellen Sehnsucht nach einem besseren Leben. Das Gedicht und die im Buch beschriebenen Projekte erinnern daran, dass wir alle Teil einer gemeinsamen Menschheit sind, die durch Mitgefühl und Verständnis füreinander gestärkt wird. In einer Zeit, in der Fremdenfeindlichkeit und Vorurteile zunehmen, ist diese Botschaft wichtiger denn je. Es ermutigt uns, diejenigen willkommen zu heißen, die in unserer Gesellschaft Schutz und Zuflucht suchen, und uns für eine Welt einzusetzen, in der Fürsorge und Empathie die treibenden Kräfte sind.


[1] https://www.inter-pret.ch/admin/data/files/​infolib_asset/file/304/2018_psychische-gesundheit-traumatisierte-asylsuchende.pdf

[2] Anonymisierter Name

Rezension von
Prof. Simone Gretler Heusser
Sozialwissenschafterin, Coaching Praktikerin, Dozentin, Hochschule Luzern
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Es gibt 48 Rezensionen von Simone Gretler Heusser.

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ISSN 2190-9245