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Adom Getachew: Die Welt nach den Imperien

Rezensiert von Dipl.-Päd. Dr. Jos Schnurer, 05.01.2023

Cover Adom Getachew: Die Welt nach den Imperien ISBN 978-3-518-58789-8

Adom Getachew: Die Welt nach den Imperien. Aufstieg und Niedergang der postkolonialen Selbstbestimmung. Suhrkamp Verlag (Berlin) 2022. 448 Seiten. ISBN 978-3-518-58789-8. D: 32,00 EUR, A: 32,90 EUR, CH: 42,90 sFr.

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Eine andere (bessere) Welt ist (war) möglich!

Die verklammerte Überschrift soll deutlich machen, dass bei der globalen, politischen Entwicklung System-, Ordnungs- und Struktur-Entwicklungen unterschiedlich verlaufen. Die (antike) klassische Vorstellung von „démokratia“ als (abweichende) Volksherrschaft, die mangels anderer, besserer kollektiver Organisationsformen die „erträglichste“ sei, basiert auf der durchaus modernen, global-politischen Diktion, dass es das Menschen- und Verfassungsrecht ist, frei zu sein: „Zur politischen Freiheit gehört, dass man der Regierung nicht immer nur unterworfen ist, sondern an ihr auch partizipiert“ (R. Geiger, in: Otfried Höffe, Hrsg., Aristoteles-Lexikon, 2005, S,. 111ff). In der Menschheitsgeschichte hat es immer schon gegeben – und gibt es weiterhin – die Auseinandersetzungen und Kontroversen, dass Demokratie die Herrschaft des Volkes über das Volk ist, mit dem Ziel, Freiheit, Gleichheit und Gerechtigkeit in einem verfassten Gemeinschaftssystem herzustellen.

Entstehungshintergrund und Autorin

In den aktuellen, globalen Statistiken wird notiert, dass weltweit weniger als die Hälfte der Staaten auf demokratischen Prinzipien gründen; es gibt also global mehr undemokratische als demokratische Länder und mehr Menschen, die in Unfreiheit als in Freiheit leben. Das muss freiheitlich, demokratisch denkende Menschen beunruhigen. Es sind die Institutionen der Politikwissenschaft und der Sozialwissenschaften, die nach der Geschichte und Ursachen von politischen, gesellschaftlichen Gemeinschaftsbildungen fragen.

Die äthiopisch-US-amerikanische Politikwissenschaftlerin Adom Getachew von der University of Chicago hat 2019 die Dissertationsschrift „Worldmaking after Empire. The Rise and Fall of Self-Determination“ vorgelegt. Ziel der Arbeit ist, die Anlässe, historischen Verläufe und Entwicklungen der Dekolonialisierung anhand von Entwicklungen in Barbados, Ghana, der Schweiz, Trinidad und Großbritannien zu analysieren und den globalen Übergang von einer Welt der Imperien und Weltreiche hin zu Nationalstaaten nachzuzeichnen.

 Es ist die Überzeugung und Einsicht, dass der mit Verstand ausgestattete und zur Bildung von Allgemeinurteilen befähigte anthrôpos die Fragen danach zulässt, wie wir geworden sind, was und wie wir sind (siehe dazu auch: Joachim Bauer, Wie wir werden, wer wir sind. Die Entstehung des menschlichen Selbst durch Resonanz, 2022, www.socialnet.de/rezensionen/​29229.php). Es waren die Freiheitsdenker, -kämpfer und Individualisten, die den kolonialen, rassistischen und faschistischen Mächten Widerstand entgegensetzten: die Afrikaner, Lateinamerikaner, Asiaten.

Historische, anthropologische und politische Recherchen und Analysen sind notwendig, um an deren Aktivitäten und Initiativen zu erinnern und danach zu fragen, was sie für uns Hier, Heute und Morgen bedeuten. Es waren Persönlichkeiten, wie Jean-Paul Sartre, Leo Frobenius, Aimé Césaire, Léopold Sédar Senghor, Okot p’Bitek, Julius Nyerere, Kwame Nkrumah u.a. (vgl. auch: Jos Schnurer, Wie Deutschland zu den Fremden kam, 20.12.2013, https:/www.socialnet.de/materialien/171.php).

Aufbau und Inhalt

Neben der Einleitung, in der die Autorin Grundlagen zur „Weltgestaltung nach den Imperien“ vermittelt und anregt, sich im Prozess der Zeitenwenden wieder an die Pläne und Initiativen für eine antikoloniale Weltgestaltung zu erinnern, wird die Studie in fünf Kapitel gegliedert und mit einem Epilog abgeschlossen.

Im ersten Kapitel formuliert sie „eine politische Theorie der Dekolonialisierung“, indem sie danach fragt, „wie der antikoloniale Nationalismus das Problem des Imperiums ausbuchstabiert hat, um uns auf diese Weise zu einem besseren Gespür für seine Ziele und Entwicklungen zu verhelfen“.

Im zweiten Kapitel wird mit der Kennzeichnung „der konterrevolutionäre Moment“ die Festigung und Bestätigung der imperialen, globalen Macht durch den Völkerbund diskutiert. Am Beispiel der Entwicklung in den kolonialen Gebieten in Äthiopien und Liberia zeigt sie auf, dass dadurch „nicht die souveräne Gleichheit dieser Länder geschützt, sondern im Gegenteil die Voraussetzungen für ihre Beherrschung geschaffen hat“.

Das dritte Kapitel trägt die Überschrift: „Vom Prinzip zum Recht. Die antikoloniale Neuerfindung der Selbstbestimmung“. Es ist das von den Vereinten Nationen mit der Menschenrechtsdeklaration vom 10. Dezember 1948 postulierte, allgemeingültige und nicht relativierbare Faktum, dass „die Anerkennung der allen Mitgliedern der menschlichen Familie innewohnenden Würde und ihrer gleichen und unveräußerlichen Rechte die Grundlage der Freiheit, der Gerechtigkeit und des Friedens in der Welt bildet“, und das Recht auf individuelle und kollektive Selbstbestimmung unumstößlich gültig ist.

Im vierten Kapitel macht sich die Autorin auf, um „die Föderalisten des Black Atlantic wieder(zu)entdecken“. Die 1960 in den meisten afrikanischen Ländern vollzogene Unabhängigkeit von den Kolonialmächten bewirkte nicht automatisch schon die nationale Selbstbestimmung; vielmehr entwickelten sich neokoloniale Strukturen, die nur durch föderative Organisationsformen gemildert werden können. Diese von Nkrumah in Ghana und von Eric Williams in Trinidad und Tobago initiierte Initiative zur Bildung von postkolonialen Kooperationen – Union Afrikanischer Staaten und Westindische Föderation – sollten ein Bollwerk gegen(westliche) koloniale, hegemoniale Macht bilden. Dass sie nicht verwirklicht werden konnte, spricht nicht gegen eine postkoloniale Föderation; vielmehr lohnt, internationale, inter-, transkulturelle und ökonomische Vereinbarungen im Sinne einer neuen Weltkultur- und -wirtschaftsordnung zu treffen.

Diese Vision wird im fünften Kapitel als „Wohlfahrtswelt der Neuen Weltwirtschaftsordnung“ ausformuliert; als Replik und Reaktion. Es waren die Politiker Julius Nyerere aus Tansania und Michael Norman Manley aus Jamaika, die die Black-Atlantic-Initiative unterstützten, für eine postkoloniale Nationenbildung eintraten und eine „radikale Umdeutung des Begriffs der souveränen Gleichheit“ vornahmen. Die machtpolitischen, hegemonialen Widerstände gegen diese Formen von „Wohlfahrtswelt“ bewirkten, dass die Vision von einer „globalen Verteilungsgerechtigkeit“ weiterhin unerfüllt ist.

Diskussion

Mit der Aussage „Der Niedergang der Selbstbestimmung“ stellt Adom Getachew resigniert fest: „Die Vision einer postimperialen Weltordnung… scheint von unserer politischen Gegenwart sehr weit entfernt zu sein“. Doch es bleibt die Vision, dass es der Menschheit gelingen möge, eine antiimperiale Zukunft zu schaffen. Die Entdeckungen und Motivationen dafür sind schon gedacht. Sie werden mit den Ausgrabungen von vergessenen und vernachlässigten, historischen Quellen über eine nichtimperiale (Eine) Welt präsent. Es sind die anstrengenden, herausfordernden, unverzichtbaren, lebensrettenden intellektuellen Anforderungen, sich und die Welt verstehen zu lernen. Ich- und Weltanschauung, Existenz- und Erdbewusstsein sind Fundamente, Anker und Wegweiser eines humanen Lebens. Es gilt, Zusammenhänge und Ganzheiten zu erkennen (Wolf Lotter, Zusammenhänge. Wie wir lernen, die Welt wieder zu verstehen, 2020, www.socialnet.de/rezensionen/​27036.php).

Auf 63 Seiten ihrer Studie verweist die Autorin auf jeweils den einzelnen Kapiteln zugeordnete Anmerkungen. Auf 34 Seiten führt sie alphabetisch die benutzten bibliografischen Archivsammlungen und veröffentlichten Quellenmaterialien auf. Das Namensregister erleichtert das Lesen und weiterführende Benutzen der Informationen.

Fazit

Die Forschungsarbeit der US-amerikanischen Politikwissenschaftlerin Adom Getachew öffnet Türen und zeigt auf verschüttete, historische Ruinen und Verstecke. Geschichtsforschungen, ob als Aufdeckung von brachliegenden, vergessenen oder als unbedeutend eingeordneten Vergangenheiten, können neue Blickrichtungen bewirken, vor allem dann, wenn sie auf weiterhin ungelöste Probleme, wie die Realisierung einer neuen, humanen, gerechten Weltwirtschaftsordnung verweisen.

Rezension von
Dipl.-Päd. Dr. Jos Schnurer
Ehemaliger Lehrbeauftragter an der Universität Hildesheim
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Es gibt 1564 Rezensionen von Jos Schnurer.

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Zitiervorschlag
Jos Schnurer. Rezension vom 05.01.2023 zu: Adom Getachew: Die Welt nach den Imperien. Aufstieg und Niedergang der postkolonialen Selbstbestimmung. Suhrkamp Verlag (Berlin) 2022. ISBN 978-3-518-58789-8. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/30262.php, Datum des Zugriffs 27.01.2023.


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