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Emre Arslan: Pax-Rassismus

Rezensiert von Dr. Franziska Baumbach, 01.06.2026

Cover Emre Arslan: Pax-Rassismus ISBN 978-3-593-51981-4

Emre Arslan: Pax-Rassismus. Eine Sozioanalyse zur integrativen Abwertung des migrantischen Subjekts. Campus Verlag (Frankfurt) 2024. 336 Seiten. ISBN 978-3-593-51981-4. D: 40,00 EUR, A: 41,20 EUR.

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Thema

Eltern mit Migrationsgeschichte haben hohe Bildungsaspirationen für ihre Kinder, dennoch erreichen migrantische Kinder im Vergleich weniger im Bildungssystem. Bisher wurde diese Diskrepanz mit Diskriminierung innerhalb der Institution Schule erklärt. Emre Arslan will nachweisen, dass diese Erklärung nicht ausreicht und es einer kritischen gesamtgesellschaftlichen Einordnung bedarf.

Autor

Emre Arslan ist Politikwissenschaftler und Soziologe und Professor an der IU Internationale Hochschule Köln.

Entstehungshintergrund

Arslan beschäftigte sich zunächst mit der Situation migrantischer Familien im Bildungssystem und dem Phänomen, dass Eltern mit Migrationsgeschichte für ihre Kinder höhere Bildungsaspirationen haben als der gesellschaftliche Durchschnitt, die Kinder aber dennoch schlechter abschneiden. Nach näherer Betrachtung der gesellschaftlichen Ursachen zeigte sich, dass die rassistische Diskriminierung auf allen Ebenen der Gesellschaft zusammenwirkt und den Bildungserfolg behindert. Für eine umfassende Erklärung strebt Arslan eine ganzheitliche Rassismustheorie an.

Aufbau

Nach der Einleitung kritisiert Emre Arslan im zweiten Kapitel die Unterscheidung zwischen „altem biologischen“ und „neuem kulturellen“ Rassismus als irreführend (13). Ausgehend von Charles Mills und basierend auf Überlegungen von Immanuel Wallerstein formuliert Arslan seine Definition von Rassismus. Im dritten Kapitel erläutert und begründet der Autor seine methodische und theoretische Grundlage zur Analyse des Rassismus: Eine Sozioanalyse des Rassismus. Kapitel 4 widmet sich dem migrantischen Subjekt, seiner Abwertung und der gesellschaftlichen Unsichtbarkeit der „Subjektivierung des subjektivierenden Subjekts“ (14). Im fünften Kapitel werden Integration als symbolische Schuld, Identität als Last und Mikroaggressionen als rassistische Wunden begrifflich neu gefasst. Kapitel 6 und 7 wenden sich Eltern und Kindern mit Migrationsgeschichte im Bildungssystem zu: Kulturelles Kapital migrantischer Familien wird gesellschaftlich abgewertet, daraus resultieren Abwertungen der Kinder im Schulsystem. Im achten Kapitel wird die Perspektive auf die postkoloniale Welt erweitert, im Fazit werden alle Erkenntnisse des Buches in der Definition des Pax Rassismus zusammengeführt.

Inhalt

Emre Arslan beginnt sein Buch in der Einleitung mit den unterschiedlichen Perspektiven auf die Aktualität des Rassismus. Nicht-Betroffene verbinden bestimmte Ereignisse mit Rassismus, „während Rassismus für minorisierte Gruppen eine dauerhaftes Alltagsthema ist“ (9). Für alle Menschen sei die vertiefte Auseinandersetzung mit Rassismus zum Verständnis der sozialen Verhältnisse in Deutschland und weltweit nötig (11).

Im zweiten Kapitel behandelt der Autor die Geschichte und Genese des Rassismus in Verbindung mit den aktuellen Quellen im postfaschistischen Zeitalter. Die transatlantische Versklavung am Anfang der kapitalistischen Moderne bildet den Ursprungskontext des Rassekonstrukts: Rassismus bot einen Ausweg aus dem Widerspruch zwischen proklamierter Gleichheit aller Menschen und der Entmenschlichung der Versklavten. In Abgrenzung zu Balibars These vom Rassismus ohne Rassen definiert Arslan die hegemoniale Form des heutigen Rassismus als Pax Rassismus, „der wohltemperierte Rassismus, der sogenannten […] Mitte, die sich in einem Pendelraum zwischen Egalitarismus und hitzigem Rassismus bewegt“ (37). Arslan bezieht sich auf den Racial Contract als Ausbeutungsvertrag von Charles W. Mills: Der Dreh- und Angelpunkt ist die Abwertung der Arbeitskraft „Fremder“ – migrantischer Arbeitskraft im Inland oder „billiger“ Arbeitskraft im Ausland. Integrativ ist die Abwertung, „da diejenigen, die rassistisch abgewertet werden, integraler Bestandteil des Systems sind“ (62).

Das dritte Kapitel legt die Methode der Sozioanalyse dar, die Verbindung von psychologischer, soziologischer und ökonomischer Betrachtung und Erklärung zum Verständnis eines gesellschaftlichen Phänomens. Arslan betont hier die Wichtigkeit der Außenseiterperspektive für die Forschung, da der privilegierte Blick mit dem Luxus des emotionales Unbeteiligtseins blinde Flecken mit sich bringt. Individuelle Befindlichkeiten und Emotionen sollten in wissenschaftliche Arbeit und Methodik einbezogen und nutzbar gemacht werden – anstatt Energie darauf zu verwenden, sie vorgeblich auszublenden (was zum Scheitern verurteilt ist). Insbesondere die kritische Auseinandersetzung mit weißer Vernunft (Arslan verweist hier auf Mbembe und Spivak) ist langwierig und wird immer noch als objektiv missverstanden, während nicht-weißen Forschenden die Objektivität abgesprochen wird: „Diese pseudo-objektive Haltung entsteht im Wesentlichen durch mangelnde Reflexion über die eigene subjektive Position.“ (99) Die sozioanalytische Methode nimmt das kapitalistische Weltsystem als Gesamtgrundlage des Standorts der Forschenden und „fokussiert auf die Emotionen der Forscher*innen und die Prozesse von Übertragung und Gegenübertragung.“ (104f).

Im vierten Kapitel wird der Gedanke der vermeintlichen Neutralität auf der Subjektebene aufgegriffen. Das machtvollere Subjekt bleibt oft unsichtbar und nimmt sich selbst als neutral und beobachtend wahr. Weiße Menschen leben in einer Welt, in der sie ihre Identität als Norm und Universalität erleben. Minderheiten erleben eine partikularistische Subjektivierung: Im Anschluss an Spivaks „Can the subaltern speak?“ fragt Arslan: „Can the master listen?” (110) und kommt zu dem Schluss: „Während die Beherrschten durch Reden nicht sprechen können, haben die Herrschenden sogar die Möglichkeit, durch Schweigen zu sprechen.“ (166)

Kapitel 5 weist im Anschluss nach: Das partikularistisch subjektivierte migrantische Subjekt ist durch symbolische Schulden, rassistische Verletzungen und systemische Abwertung geprägt und ist vor diesem Hintergrund bereit, Positionen anzunehmen, die mehr Arbeit, weniger Lohn und weniger Anerkennung bieten (167).

Das sechste Kapitel widmet sich der Abwertung des kulturellen Kapitals bei Kindern mit Migrationshintergrund im schulischen Kontext. Eine Bildungskarriere wird als umso erfolgreicher angesehen, je weiter sich das Kind vom migrantischen Umfeld entfernt hat. Hier zeigt sich ein Paradox: Einerseits ist Elternbeteiligung ein wichtiger Baustein einer erfolgreichen Laufbahn im deutschen Bildungssystem, andererseits wird migrantischen Eltern kaum Potential für Unterstützung zugestanden (198f). Kinder mit Migrationsgeschichte erleben immer wieder, dass ihre Eltern als Gegenhorizont zu gebildeten und aufgeklärten Menschen dargestellt werden (204). Für migrantische Eltern ist es äußerst schmerzhaft, zu erleben, dass „die Merkmale ihrer eigenen Existenz eine Belastung für ihre Kinder sein werden“ (208).

Im siebten Kapitel wird die zentrale Bedeutung von Rassismus für Bildungsungleichheit dargelegt. Durch die soziale Reproduktion in der Institution Schule erlangen Kinder mit Migrationsgeschichte zwar oft höhere Bildungsabschlüsse als ihre Eltern, eine Verbesserung der Klassenlage wird allerdings nur in Ausnahmefällen erreicht. Das achte Kapitel stellt den Gesamtrahmen der Abwertungsprozesse dar: die soziale Reproduktion im postkolonialen Weltsystem. Der Begriff der Sozialen Reproduktion verbindet Herrschaft, Ausbeutung, Produktion, Reproduktion, Ökonomie, Kultur, Rassekonstruktion, Sexismus und Klasse. „Eine Analyse des Rassismus muss immer gleichzeitig die systematischen Ungleichheiten auf globaler Ebene mit einbeziehen.“ (259)

Im Abschlusskapitel zeigt Emre Arslan, „dass nicht Angst, sondern Ruhe, nicht Ausgrenzung, sondern Integration, und nicht Hass, sondern Wohlwollen die vorherrschenden Formen des Rassismus sind. … Obwohl Pax-Rassismus gelegentlich Kriege und offene Gewalt beinhaltet, verläuft die rassistische Abwertung in der Regel friedlich und harmonisch“ (301). Rassismus ist aus gutem Grund „wohltemperiert“, weil er die Ausbeutungsverhältnisse im Kapitalismus mit absichert und die Abwertung nicht dazu führen darf, dass Arbeitskraft nicht mehr nutzbar ist (302).

Diskussion

Emre Arslan bringt es so auf den Punkt: „Ohne eine tiefere Auseinandersetzung mit Rassismus werden die sozialen Verhältnisse in Deutschland und weltweit nur unzureichend verstanden.“ (11) Dies begründet Arslan ausführlich, umfassend und äußerst überzeugend mit Bezug auf eine große Anzahl wesentlicher Literatur zum Thema. Der Autor leistet einen wichtigen und akzentuierten Beitrag zur Rassismus-theoretischen Diskussion in Deutschland, seine Erkenntnisse fasst er in prägnante Begriffe: Der größte Schaden für die Betroffenen und die weitreichendsten Folgen entstehen nicht durch rassistischen Terror, sondern durch einen „wohltemperierten Rassismus“, der die Ausbeutung der Rassifizierten mit ihrer Zustimmung ermöglicht, während ihre gesellschaftliche Beteiligung nicht als selbstverständlich, sondern als Zugeständnis verstanden wird (65). So entsteh ein Pax Rassismus, der den Rassismus so alltäglich erscheinen lässt, dass er für alle zum gesellschaftlichen Normalzustand wird. Der Widerstand dagegen schließt ein umfassendes Verständnis des weltumspannenden Verhältnis Rassismus und den Kampf für soziale Gleichheit mit ein.

Emre Arslan hat ein wichtiges Buch geschrieben, in dem er ausgehend von der Untersuchung des Bildungserfolgs migrantischer Kinder, die Perspektive auf die rassistische Strukturiertheit Deutschlands in einer post-kolonialen, kapitalistischen Weltgesellschaft erweitert. Die polit-ökonomische Dimension des Rassismus wird oft vernachlässigt, Arslan verbindet die Ebenen Ökonomie, Soziologie und Psychologie überzeugend und gut belegt in seiner Sozioanalyse des Rassismus und ordnet sie mit dafür geschaffenen Begrifflichkeiten ein. Der Pax Rassismus reproduziert sich selbst um die Ausbeutung „fremder“ Arbeit, indem alle Mitglieder der Gesellschaft seine Grundlage für plausibel halten: Die Abwertung des migrantischen Subjekts ist eine historisch aus dem Sklavenhandel gewachsene Subjektivierung der Gesellschaftsmitglieder in eine globale Wirtschaft der kapitalistischen Ausbeutung von Arbeitskraft. „Eine demokratische Strategie zur Bekämpfung von Rassismus und Rechtsextremismus muss diese Phänomene in all ihrem Dimensionen adressieren.“ (314)

Fazit

Menschen mit Migrationsgeschichte erleben in Deutschland eine Abwertung ihrer Arbeitskraft, ihres kulturellen Kapitals und ihrer Subjektivität insgesamt. Emre Arslans Sozioanalyse ermöglicht eine ganzheitliche Perspektive auf den herrschenden Rassismus, welche die Wichtigkeit der Dimension nationale wie globale soziale Ungleichheit einschließt, ohne andere fundamentale Aspekte zu vernachlässigen. Das Buch ist äußerst lesenswert für alle, die Rassismus als gesellschaftliches Verhältnis besser verstehen wollen.

Rezension von
Dr. Franziska Baumbach
Dr. Franziska Baumbach ist Wissenschaftliche Mitarbeiterin für Soziale Arbeit an der Humanistischen Hochschule Berlin
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Es gibt 15 Rezensionen von Franziska Baumbach.

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ISSN 2190-9245