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Ueli Kraft, Claudia Stauffer et al. (Hrsg.): Lerntherapie - Geschichte, Theorie und Praxis

Rezensiert von Dr. Torsten Mergen, 03.01.2024

Cover Ueli Kraft, Claudia Stauffer et al. (Hrsg.): Lerntherapie - Geschichte, Theorie und Praxis ISBN 978-3-0355-1973-0

Ueli Kraft, Claudia Stauffer, Barbara Indlekofer (Hrsg.): Lerntherapie - Geschichte, Theorie und Praxis. Ein Lesebuch. hep-verlag (Bern) 2022. 434 Seiten. ISBN 978-3-0355-1973-0. D: 35,00 EUR, A: 36,00 EUR, CH: 42,00 sFr.

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Thema

Den vielen Facetten der Lerntherapie als spezielle, pädagogisch-psychologische Förderung für Menschen mit Lern- und Leistungsstörungen ist der im Berner hep Verlag erschienene, mehr als 400 Seiten umfassende Sammelband gewidmet. Darin steht die Entwicklung der Lerntherapie in der Schweiz im Zentrum: In 21 Beiträgen werden grundlegende theoretische wie professionsbezogene Aspekte lerntherapeutischen Wirkens beleuchtet, Methoden zur Arbeit an und mit verschiedenen Beeinträchtigungen diskutiert sowie Praxisfelder aus der Schnittstelle von Gesprächs-, Verhaltens- und Gestalttherapie, der Heilpädagogik, Ergotherapie und Kinesiologie sowie speziellen mehrdimensionalen Lernprogrammen vorgestellt. Die Vielfalt der thematischen Fokussierungen und theoriegestützten Vorgehensweisen orientiert sich an den divergenten Lernvoraussetzungen der Klienten, vor allem denjenigen von Kindern und Jugendlichen mit ihren spezifischen Bedürfnissen, Schwierigkeiten und Stärken, sowie an den von ihnen gesetzten Entwicklungszielen. Der Sammelband verdeutlicht, dass sich die Arbeit bzw. das therapeutische Angebot von Lerntherapeutinnen und Lerntherapeuten dem Lernen als lebenslanger Tätigkeit widmet, indem Menschen in jeder Alters- und Berufssituation aktiv begleitet werden, um sich geeignete Strategien zur Wissensaneignung zu erschließen.

Herausgeberinnen und Herausgeber

Dr. Barbara Indlekofer promovierte nach einem Studium der Germanistik und Philosophie in Basel und Berlin an der Universität Basel 2007 mit der Studie „Friedrich Hölderlin. Das Geschick des dichterischen Wortes“. Sie absolvierte in Zürich die Ausbildung für das höhere Lehramt in den Fächern Deutsch und Philosophie. Parallel zur Lehrtätigkeit belegte sie das Zertifikatsprogramm „Psychologische Gesprächsführung und Beratung“ (am Psychologischen Institut der Universität Zürich), anschließend folgte die Ausbildung zur diplomierten Lerntherapeutin am Institut für Lerntherapie. Am Gymnasium am Münsterplatz (Basel) arbeitet sie als Lernberaterin und engagiert sich zudem ehrenamtlich in Berufs- und Therapieverbänden.

Claudia Stauffer arbeitet als Studienleitung für Lerntherapie am privaten Institut für Lerntherapie. Sie hat ein Masterstudium im Bereich Educational Sciences absolviert und ist diplomierte Lerntherapeutin. Ferner hat sie zahlreiche Weiterbildungen absolviert, u.a. als integrativer Neurocoach.

Dr. Ueli Kraft, Jahrgang 1951, promovierte 1986 an der Universität Zürich zum Thema „Der lange Arm der Berufsausbildung. Zur Entwicklung von Selbstkonzept und gesellschaftlicher Partizipation bei Lehrlingen“, im Anschluss arbeitete er als Psychologe und war viele Jahre im Bereich der Forschung zu Fragen der Berufsbildung (Universität Zürich) und der Arbeitspsychologie (ETH Zürich) tätig. Von 1994 bis 1996 war er Studienleiter am Schweizerischen Institut für Berufspädagogik, danach freiberuflich tätig in der Schulung von beruflich Ausbildenden in Betrieben, Lehrwerkstätten und Berufsschulen sowie als Dozent an verschiedenen Ausbildungsstätten, besonders auch für Lerntherapie.

Neben dem Herausgeberteam haben 18 Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler aus verschiedenen psychologischen, pädagogischen und therapeutischen Disziplinen aus der Schweiz, Deutschland und Österreich sowie in der Praxis tätige Lerntherapeutinnen und -therapeuten aus der Schweiz am Buch mitgewirkt.

Aufbau und Inhalt

Der Band ist nach einem Vorwort in drei Großabschnitte gegliedert:

  1. Grundlegendes zur Lerntherapie
  2. Lerntherapie in theoretischer Vielfalt (aus der Perspektive verschiedener Theoriezugänge; aus der Perspektive verschiedener Beeinträchtigungen)
  3. Die Praxis der Lerntherapie im Aufbruch

Ein kompakter Anhang mit Abbildungs- bzw. Tabellenverzeichnis sowie einer Liste der Autorinnen und Autoren (samt Kontaktadressen) rundet den Band ab.

In einem dreiseitigen Vorwort stellen Ueli Kraft, Claudia Stauffer und Barbara Indlekofer die Spezifik der Lerntherapie in Abgrenzung zu heilpädagogischen Zugängen zu Lernschwierigkeiten heraus. Sie betonen explizit für die Schweiz den „psychologisch-therapeutischen Zugang“ (S. 7) als Spezifikum, der vor allem mit dem Lerntherapeuten Armin Metzger und der von ihm geprägten, 1990 gegründeten Ausbildungsstätte „Institut für Lerntherapie“ verbunden sei: „In der Lerntherapie geht es um den in Interaktion mit der Umwelt lernenden, also sich verändernden Menschen“ (S. 8).

Die sieben Beiträge des ersten Abschnitts beleuchten das theoretische Fundament der Lerntherapie, das sowohl historisch-genetisch als auch professionsbezogen-reflektierend analysiert wird. So stellt Ueli Kraft „Fragmentarisches zur Geschichte der Lerntherapie“ (S. 13) vor, indem er zunächst den Anfängen im Umfeld der psychoanalytischen Pädagogik um 1910 nachgeht und für die Entwicklungstendenzen bis 1945 konstatiert, dass die Vorläufer lerntherapeutischer Arbeit in der Schweiz durch die Bereiche Erziehungsberatung für Kinder und Jugendliche, deren Eltern und „mitunter auch Lehrpersonen“ (S. 26) einerseits und die Verwendung psychoanalytischer Verfahren als Hilfsmittel für Diagnose und Therapieansätze andererseits geprägt gewesen seien. Zudem beleuchtet er die Genese der Lerntherapie im engeren Sinne und arbeitet die Anfänge einer eigenständigen Disziplin in den 1970er- und 1980er-Jahren heraus.

Die Beiträge von Martina Zemp, Professorin für Klinische Psychologie des Kindes- und Jugendalters an der Universität Wien, zur Bindungstheorie und zu aktuellen Befunden der Bindungsforschung, von Konrad Bundschuh, Professor für Geistigbehinderten- und Verhaltensgestörtenpädagogik an der LMU München, zum Menschenbild aus lerntherapeutischer Sicht sowie von Barbara Indlekofer zum Stellenwert des Therapeutischen in der Lerntherapie in dezidierter Abgrenzung zu fachlicher Nachhilfe mit dem Ziel des Schließens fachspezifischer Wissenslücken arbeiten heraus, dass hinter Phänomenen wie fehlenden Lernstrategien, Konzentrationsschwierigkeiten, Motivationsproblemen oder Prüfungsangst „stets eine individuelle Geschichte“ (S. 80) stehe, der es aufseiten des therapeutisch Tätigen mit „Empathie, Authentizität und un-bedingte[r] Wertschätzung“ (S. 81) zu begegnen gelte.

Herbert Günther arbeitet in seinem Aufsatz zu „Perspektiven der Sprachhandlungskompetenz“ die sprachlich-medialen Handlungsoptionen heraus und betont die Bedeutung der Sprachhandlungskompetenz für die Arbeit im Bereich der Lerntherapie: Sie betreffe „das Persönlichkeitsprofil des Lerntherapeuten und der Lernenden gleichermassen“ (S. 95) und beruhe auf den „tragenden Säulen“ (S. 101) gesprochene Sprache und Schrift. Daneben stellt die Psychotherapeutin Maya Mäder die „Bedeutung der Selbsterfahrung für den Kompetenzerwerb in der Lerntherapie“ (S. 105) vor und differenziert die Bedeutung von Kompetenzen wie „Echtheit/​Authentizität“ (S. 109), „Therapeutische Beziehung“ (S. 110) sowie „Übertragung – Gegenübertragung erkennen und therapeutisch nutzen“ (S. 112) unter Berücksichtigung von Perspektiven der Innen- und Außenwelt sowie der individuellen bzw. kollektiven Seite. Abgerundet wird der erste Teil des Sammelbands durch Überlegungen von Claudia Stauffer zum Lernen und zur Bildung als Basis für Selbstbestimmung und gesellschaftliche Mitbestimmung und den sich daraus ergebenden professionellen Ansprüchen an die Lerntherapie im Falle von Lernproblemen: Diese haben „einen Symptomcharakter, sind Appell und Ausdruck der Persönlichkeit eines Menschen und werden als Chancen zur (Weiter-)Entwicklung begriffen“ (S. 134).

Der in zwei Unterkapitel gesplittete zweite Abschnitt stellt die Vielfalt der Perspektiven auf die Lerntherapie vor. Er ist vorrangig von Fachdozierenden am Institut für Lerntherapie verfasst. Fünf Beiträge wählen theorieorientierte Zugänge zur Lerntherapie: die personenzentrierte Systemtheorie, die Theorie der Persönlichkeits-System-Interaktionen (PSI-Theorie), die Transaktionsanalyse und die Konzepte Lernkrise, Trauma und Refraiming vor dem Hintergrund der Polyvagal-Theorie. Vier Beiträge in diesem Abschnitt nähern sich der Thematik des Sammelbands aus der Perspektive verschiedener, lerntherapeutisch relevanter Beeinträchtigungen wie ADHS, Gaming-Disorder im Sinne von Medienabhängigkeit von Kindern und Jugendlichen sowie Rechenstörung/Dyskalkulie, ferner werden die Problemlagen von als begabt diagnostizierten Kindern und Jugendlichen mit Leistungsminderungen und Teilleistungsschwächen betrachtet.

Im dritten Teil des Sammelbands finden sich fünf Praxisberichte ehemaliger Studierender des „Instituts für Lerntherapie“, die aus ihren Tätigkeitsfeldern als Lerntherapeutinnen und -therapeuten berichten und innovative Anwendungen und Entwicklungsbereiche der Lerntherapie illustrieren:

  • Tatjana Rolle spürt den Interdependenzen von Pädagogik und Lerntherapie nach.
  • Aurelia Pescador stellt ein Projekt vor, bei dem die Lerntherapie betriebsintern in der Lehrlingsausbildung einer großen Zürcher Baugenossenschaft angesiedelt wurde.
  • Ueli Kraft berichtet über die besonderen Anforderungen an die Lerntherapie mit Adoleszenten im Bereich des Ausbildungsversagens, da sich dort oftmals „tiefsitzende Resignation und Misstrauen breit gemacht haben“ (S. 365).
  • Der Beitrag von Catherine Delétra – sowohl im französischen Original als auch in deutscher Übersetzung abgedruckt – illustriert die lerntherapeutischen Möglichkeiten bzw. verwendeten Interventionsmittel im Rahmen eines Fallberichts zu einer jungen syrisch-kurdischen Lernerin mit Sprachproblemen, kriegsbedingten Traumata und schwieriger Familiensituation.

Diskussion

Die Lerntherapie hat, wie im Sammelband von Kraft, Stauffer und Indlekofermehrfach betont wird, erst eine knapp 50-jährige Geschichte als eigenständige Profession zurückgelegt. Das Lehr- und Lesebuch ist daher primär konzipiert für die Schweiz und die, etwa am dortigen „Institut für Lerntherapie“, in Ausbildung befindlichen Lerntherapeutinnen und Lerntherapeuten. Für diese Zielgruppe gibt es einerseits theoriegestützte Grundsatzüberlegungen und -diskussionen zum Selbstverständnis, zu Therapieformen und zu Kerngedanken der Lerntherapie, zum anderen erfahrungsbezogene Praxisberichte zu Interventionen bei spezifischen Beeinträchtigungen des Lernerfolges bzw. der grundsätzlichen Lernbereitschaft. Mehrere Leitfragen durchziehen den voluminösen, sehr solide und sachgerecht konzipierten Band mit fachlich versierten und gut lesbaren Textbeiträgen von international ausgewiesenen Fachleuten einerseits und praxiserprobten Therapeuten andererseits:

  • Wo positioniert sich die Lerntherapie heute, besonders in der Schweiz?
  • Was ist das Selbstverständnis der Lerntherapie und inwiefern lässt sie sich von anderen (sozial-)pädagogischen, (psycho-)analytischen respektive psychologischen Ansätzen abgrenzen?
  • Was zeichnet eine lerntherapeutische Begleitung von Menschen verschiedener Altersstufen im Vergleich mit anderen Angeboten aus?
  • Welche Voraussetzungen sollte ein an einer Ausbildung im Bereich Lerntherapie Interessierter mitbringen, welche Studienanforderungen hat er bzw. sie zu erwarten?

Markus Uccistellt ein Fallbeispiel einer lerntherapeutischen Tätigkeit außerhalb des Praxisraums vor, indem er Interventionsmaßnahmen bei der Begleitung und Betreuung eines Mannes Anfang 30 mit Problemen im Studium schildert, den er auf dem Jakobsweg im Rahmen einer Langzeitwanderung betreut hat; dabei hebt er die Bedeutung der Wechselwirkung von Körper und Psyche hervor.

Der sehr versierte Band, der aus der Arbeit des Instituts für Lerntherapie hervorgegangen ist, macht für die Schweiz zudem die besondere Rolle von Armin Metzger (1945–2019) und des von ihm geprägten Ansatzes deutlich, der auf die Persönlichkeit und ihre Lernentwicklung fokussiert ist und sich dabei auf Konzepte und Handlungsmodelle aus der Psychologie, der Psychotherapie, der Pädagogik und der Heilpädagogik stützt, um Lernschwierigkeiten, Entwicklungsblockaden, Lernängsten, Schulmüdigkeit und -verweigerung, Motivationshemmung und Leistungsabfall sowie Schulversagen entgegenzuwirken. Lernen, so verdeutlichen die Beiträge des Bandes eindrucksvoll und anschaulich, repräsentiert immer den Akt eines individuellen Entwicklungsprozesses. Lernschwierigkeiten können daher nur grundlegend aus der individuellen und höchst spezifischen Situation des Lernenden und seines Umfelds heraus verstanden und interventionistisch therapiert werden. Daher zeigen die Fallbeispiele und Vignetten aus der Praxis, dass die Arbeit mit den Klienten stets auf einer differenzierten und intensiven Diagnostik basiert, um Menschen jeden Alters dabei zu unterstützen, ihre Lernschwierigkeiten im Sinne einer „Hilfe zur Selbsthilfe“ zu bewältigen. Dass der Band für die Schweiz eine Vorreiterrolle einnimmt bzw. den aktuellen Entwicklungsstand der dortigen Lerntherapie vorzüglich widerspiegelt, respektive deren Grundlagen dokumentiert, belegt der Umstand, dass er 2023 mit dem „Dr. Armin Metzger-Preis“ des schweizerischen Verbandes der Lerntherapeutinnen und Lerntherapeuten ausgezeichnet worden ist.

Fazit

Das Buch „Lerntherapie – Geschichte, Theorie und Praxis“ gibt als Sammelband mit seinem klaren Aufbau und facettenreichen Beiträgen einen sehr umfassenden Einblick in die Lerntherapie im deutschsprachigen Raum im Allgemeinen und in der Schweiz im Besonderen. Deutlich wird die Intention, die theoretischen, konzeptionellen und praktischen Aspekte der Lerntherapie forschungs- und erfahrungsgestützt zu reflektieren und zu erläutern. Insofern liegt ein anschaulich gestaltetes Standardwerk zu einer jungen Disziplin vor, das sowohl für Lerntherapeutinnen und Lerntherapeuten in der Ausbildung als auch für in der Praxis Tätige wichtige Anregungen, Therapiekonzepte und Materialien zur Verfügung stellt und insoweit als fachlich fundiertes Nachschlagwerk dienen kann.

Rezension von
Dr. Torsten Mergen
Universität des Saarlandes, Fachrichtung 4.1
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Es gibt 41 Rezensionen von Torsten Mergen.

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Zitiervorschlag
Torsten Mergen. Rezension vom 03.01.2024 zu: Ueli Kraft, Claudia Stauffer, Barbara Indlekofer (Hrsg.): Lerntherapie - Geschichte, Theorie und Praxis. Ein Lesebuch. hep-verlag (Bern) 2022. ISBN 978-3-0355-1973-0. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/30301.php, Datum des Zugriffs 16.06.2024.


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