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Ulrike Urban-Stahl, Nina Jann u.a.: Beschwerdeverfahren in Einrichtungen der Kinder- und Jugendhilfe

Rezensiert von Prof. Dr. Lutz Finkeldey, 11.10.2023

Cover Ulrike Urban-Stahl, Nina Jann u.a.: Beschwerdeverfahren in Einrichtungen der Kinder- und Jugendhilfe ISBN 978-3-497-03200-6

Ulrike Urban-Stahl, Nina Jann, Susan Bochert: Beschwerdeverfahren in Einrichtungen der Kinder- und Jugendhilfe. Ernst Reinhardt Verlag (München) 2023. 2., überarbeitete u. erweiterte Auflage. 137 Seiten. ISBN 978-3-497-03200-6. D: 29,90 EUR, A: 30,80 EUR.

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Thema

„Die gesetzliche Verpflichtung zur Gewährleistung von Beschwerdeverfahren und Schutzkonzepten wird von vielen Akteuren als zusätzliche Belastung oder sogar als Zumutung erlebt.“ (Urban-Stahl et al, S. 109)

‚Das muss nicht sein, das darf nicht sein, das soll nicht sein‘, so der Tenor des vorliegenden Buches. Gelungene theoretische wie praktische Ausführungen nehmen diesem auf den ersten Blick möglicherweise „sperrigen“ und „überflüssigen“ neuen Thema den Schrecken und geben der Partizipation von Kindern und Jugendlichen in institutionellen Bezügen ein positives Gewicht.

Kinder und Jugendliche haben folglich ein verbrieftes Recht in sozialpädagogischen und pädagogischen Einrichtungen sich zu beschweren. Die Kinderrechtskonvention der UN, in der Folge das SGB VIII und das Bundeskinderschutzgesetz heben hervor, dass zu einer gelingenden Gestaltung des Alltags ein Beschwerderecht für Kinder und Jugendliche in institutionellen Zusammenhängen unabdingbar ist. Angst und Unmündigkeit bis hin zu systematischen Misshandlungen von Anvertrauten durch (versteckte) Machtasymmetrien sollen der Vergangenheit in der Heimerziehung etc. angehören.

Konflikte treten durch das Zusammenleben von Menschen gerade in institutionellen Zusammenhängen immer auf. Probleme durch strukturelle Macht und/oder heimliche Erziehungsziele von pädagogischen Mitarbeiter*innen werden durch das Beschwerdewesen transparenter und können gleichzeitig zu Verunsicherungen und Rollenkonflikten führen. Das Beschwerdewesen fokussiert die Rechte von Kindern und Jugendlichen, um deren Subjektstatus nicht nur zu benennen, sondern zu fördern. Die Aufnahme von Theorie und Praxis von Beschwerden oder auch des Beschwerdeverfahrens eröffnen vielfältige Facetten, die die innere Spannung des Themas zum Ausdruck bringen. 

Autor*innen

Dr. Ulrike Urban-Stahl, Professorin an der FU Berlin, lehrt Sozialpädagogik ist Mitbegründerin des „Rechtshilfefonds Jugendhilfe e.V.“ und ist im „Bundesnetzwerk Ombudschaft“ in der Jugendhilfe aktiv. Dr. Nina Jann arbeitet als akademische Mitarbeiterin am Institut für Erziehungswissenschaften der Universität Tübingen. Susan Borchert ist als Dipl.-Päd. Mitarbeiterin am Arbeitsbereich Sozialpädagogik der FU Berlin.

Aufbau

Die Autorinnen gliedern das Buch nach der Einleitung in vier inhaltliche Kapitel auf, die um ein fünftes mit einem Kurzausblick sowie Materialien in Papier- und Onlineform ergänzt werden.

Die Einleitung folgt klassischen Kriterien, wie Themenaufriss und Vorstellung des Inhalts und stellt Überlegungen zur zweiten Auflage an.

Das erste Kapitel befasst sich zunächst mit der (sozial-)pädagogischen Begründung von Beschwerdeverfahren und ordnet diese institutionenpolitisch ein, indem sich auf die bereits zum Thema herangezogene Kinderrechtskonvention der UN, in der Folge das SGB VIII und das Bundeskinderschutzgesetz bezogen wird. Praktisch-theoretisch Reflexionen zur methodischen Implementation eines Beschwerdewesens runden das Kapitel ab.

Das zweite Kapitel zeigt den theoretischen Hintergrund von Konflikten und Beschwerden auf, indem vornehmlich die Rechte junger Menschen und Machtasymmetrien zwischen ihnen und Fachkräften thematisiert werden.

Aus diesen beiden Kapiteln ergibt sich das dritte, indem die Implementation von Beschwerdeverfahren aus Sicht der Kinder und Jugendlichen, dessen Anforderungen nach Statusgruppen, nach Ansprechpersonen und möglichem Unterstützungspotenzial von außen analysiert wird.

Das 4. Kapitel illustriert mit sieben ausführlich dargelegten konkreten Beschwerdeverfahren in Einrichtungen der Kinder- und Jugendhilfe die praktischen Implementationsbedingungen. Vor allem die Varianz des differenten Vorgehens in der Praxis demonstriert die Bedeutung von Beschwerden und deren Realisierung in unterschiedlichen (sozial-)pädagogischen Settings.

Das 5. Kapitel nimmt eine kurze Bestimmung zum Beschwerdeansatz auf, bevor zahlreiche Materialien zum Thema benannt werden.

Inhalt

Der Inhalt ergibt sich zum Teil bereits über den Aufbau des Buches. Die Implementation von Beschwerdeverfahren soll gelingende Beziehungsarbeit fördern, vor allem aber auch in pädagogische Fachlichkeit einfließen. In der Vergangenheit waren Beschwerden in der Kinder- und Jugendhilfe negativ besetzt, denn sie bildeten für das Fachpersonal häufig einen persönlichen Angriff, der gewohnte Machthierarchien latent aufbrach oder komplett kolportierte. Das Innovationspotenzial des von den Autorinnen dargelegten Themas liegt in der Formalisierung des Beschwerdeverfahrens, das zum Schutz der Kinder und Jugendlichen als strukturell unterlegene Akteure notwendig ist. Eine formelle Funktion kommt zu einer emotionalen wie sozialen Beziehungsklärung hinzu, denn die Gefahr von Loyalitäts- und Rollenkonflikten besteht insbesondere bei sehr engen Abhängigkeitsverhältnissen zwischen z.B. Bezugsbetreuer*innen und Jugendlichen. Die häufigsten Konfliktursachen herrschen zwischen konkreten Personen, gruppenintern und einrichtungsbezogen. „Von der Störung zur Chance“ titeln die Autorinnen eine kurze Zwischenzusammenfassung und betrachten die Organisationsentwicklung in der Einrichtungskultur als Hebel der Veränderung.

Zunächst ist eine offene Haltung der Fachkräfte notwendig, damit durch Beschwerden von Kindern und Jugendlichen keine Konflikte und Kränkungen hervorgerufen werden, die die Beschwerde emotionalisieren und damit einer rationalen Bearbeitung entziehen. Die methodische Umsetzung des Verfahrens sollte den Einrichtungsbedingungen entsprechen, um für alle Beteiligten einen gemeinsamen Lernprozess zu eröffnen. Somit wird deutlich, dass nicht nur eine verbale Überfrachtung vermieden werden muss, sondern zudem bei Kindern auch nonverbale Formen der Konfliktbearbeitung etabliert gehören. Unterstützung wie Assistenzbedarf erfordern eine besondere Aufnahme, womit deutlich wird, dass generell alle Gruppen, die zur Einrichtung gehören an der Etablierung des Beschwerdewesens teilnehmen müssen, um zu dessen Akzeptanz mit ihren Ideen und Wünschen beizutragen.

Beschwerdeverfahren fallen zeitintensiver aus als die Ignoranz von unterdrückendem Machtgefälle. Diese Prozesse benötigen Zeit und Ressourcen, die bereit gestellt werden müssen.

Die Diversität von konkreten Beschwerdeverfahren und -ansätzen findet Eingang in die Kinder- und Jugendprojekte Evangelische Jugendhilfe Geltow (Angebote außerhalb der Familien), Josefshaus Olpe (stationäre Einrichtung), St. Paulusheim Heidelberg teilstationäre, stationäre Einrichtung der Jugendhilfe), Pfiff gGmbH (Fachdienst für Familien – Pflegefamilienhilfe), Berliner Notdienst Kinderschutz, Ev. Kindergarten Nammen, Hort Röwekamp. 

Die Autorinnen schließen den Textkorpus mit einer Kurzpositionierung des Beschwerdeverfahrens ab. Die Neuregelungen, die das Buch aufnimmt, basieren vor allem auf dem Kinder- und Jugendstärkungsgesetz (KJSG), das mit weiteren Gesetzen umrahmt ist. Ohne eine Weiterqualifizierung der Mitarbeiter*innen wird sich jedoch dieses anspruchsvolle Ziel nicht realisieren lassen.

Diskussion

Bei relativ jungen Themen, die der Gesetzgeber auferlegt, gehört neben der notwendigen Etablierung ein hohes Maß an kreativer Energie in den entsprechenden Einrichtungen. Die Einführung eines Beschwerdeverfahrens mag in der (sozial-)pädagogischen Praxis auf Unmut stoßen, doch hat die Vergangenheit gezeigt, dass systematischer Missbrauch mit emotionaler Abhängigkeit kein Thema war. „Wehret den Anfängen“ nimmt das Beschwerdeverfahren als ungenanntes Motto auf. Emotionale Abhängigkeiten, wie Drohung von Liebesverlust, gehören zum Alltag von Menschen dazu, ohne dass sie erkannt werden müssen. Eine Sensibilisierung in dieser Richtung nimmt der von Urban-Stahl u.a. dargelegte Ansatz auf. Alle zwischenmenschlichen Probleme lassen sich dennoch selbst über hochformalisierte Verfahren nicht lösen, aber ihnen kann zielgerichteter begegnet werden. Im Rahmen der Implementation sind letztlich Hindernisse zu vermuten, die sich in der Transformation von Altem zu Neuem nur schwer klären lassen. Voraussetzung für eine Lösung stellt eine gemeinsame Sprache dar (Was ist eine Beschwerde? Was ist ein Konflikt?). Jedes Team sollte eine gemeinsame Sprache finden, um nicht dem oft praktizierten „Man nennt es so“ aufzusitzen. Symbolische oder heimlich unterlaufene Beschwerdeverfahren sind das Papier nicht wert. Aus diesem Gedanken heraus ergibt sich eine Kritik, denn das Thema Konflikt als soziologische und vor allem psychologische Komponente findet keinen tiefen Eingang in das Thema. Dieser interdisziplinäre Ansatz hätte zur Folge, dass die Mitarbeitenden an vorheriges Wissen direkt anknüpfen könnten, denn viele Fortbildungen werden zu diesen Themen frequentiert. Der Begriff „Partizipation“ findet hingegen positiv Eingang.

Das Neue macht Angst, das Bekannte ist besser. ‚Muss ich mich denn jetzt schon wieder mit einem mir aufgedrückten Thema befassen?‘ Dieser Schrei wäre berechtigt – war es in der Vergangenheit bei vielen oktroyierten Themen wohl auch – wenn es nicht um Kinder und Jugendliche ginge, die vielfach aus einer anderen Welt kommen, deren Regeln der Regellosigkeit entsprechen. Sie bekommen nur dann eine Chance in dem etablierteren Teil der Gesellschaft, wenn sie demokratische Regeln beherrschen, die ihnen bisher unbekannt waren. Das Fremde muss sowohl von den Kindern und Jugendlichen wie auch (sozial-)pädagogischen Fachkräften in ein gegenseitiges Verstehen übersetzt werden.

Ein generelles Problem bleibt, denn eine Fixierung von Richtlinien, Gesetzen etc. kann nur aus der Vergangenheit geschehen, sodass sie in der morgigen Praxis latent überholt sein kann. Die in den Institutionen vorzunehmende Etablierung eröffnet zumindest die Chance, das Instrumentarium Beschwerdeverfahren regelmäßig zu überprüfen und ggf. (außer in den Essentials) zu verändern, also der Aktualität anzupassen.

Fazit

Mit dem Buch „Beschwerdeverfahren in Einrichtungen der Kinder- und Jugendhilfe“ von Ulrike Urban-Stahl, Nina Jann und Susan Borchert liegt eine beeindruckende Stellungnahme zur Positionierung von Kindern und Jugendlichen vor. Das wesentliche Ziel, in der Kinder- und Jugendhilfe den Adressant*innen einen Subjektstatus zu ermöglichen, beeindruckt: Becomings (gesellschaftlich Werdende) können auf diese Weise sukzessiv zu Beings (Seiende) werden. Wie schnell das gehen wird und ob es überhaupt in voller Breite durchzusetzen geht, liegt kaum mehr an den rechtlichen Rahmenbedingungen, sondern an den in der Kinder- und Jugendhilfe Beschäftigten. Sie sind der Schlüssel zum Schloss, ohne sie passt der Schlüssel nicht oder das Schloss hakt.

Rezension von
Prof. Dr. Lutz Finkeldey
Professor für „Theorie und Praxis der Sozialen Arbeit - Jugendhilfe“, Verstehenssoziologe, Fakultät für Soziale Arbeit und Gesundheit an der „Hochschule für Angewandte Wissenschaft und Kunst“ (HAWK) - Fachhochschule Hildesheim, Holzminden, Göttingen, Standort Hildesheim
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Es gibt 22 Rezensionen von Lutz Finkeldey.

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Zitiervorschlag
Lutz Finkeldey. Rezension vom 11.10.2023 zu: Ulrike Urban-Stahl, Nina Jann, Susan Bochert: Beschwerdeverfahren in Einrichtungen der Kinder- und Jugendhilfe. Ernst Reinhardt Verlag (München) 2023. 2., überarbeitete u. erweiterte Auflage. ISBN 978-3-497-03200-6. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/30316.php, Datum des Zugriffs 02.03.2024.


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