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Klaus Kokemoor: Entwicklungs­begleitung autistischer Kinder in Krippe und Kita

Rezensiert von Prof. Dr. René Börrnert, 02.01.2024

Cover Klaus Kokemoor: Entwicklungs­begleitung autistischer Kinder in Krippe und Kita ISBN 978-3-451-39418-8

Klaus Kokemoor: Entwicklungsbegleitung autistischer Kinder in Krippe und Kita. Herder (Freiburg, Basel, Wien) 2023. 160 Seiten. ISBN 978-3-451-39418-8. D: 24,00 EUR, A: 24,70 EUR, CH: 33,90 sFr.

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Thema

Aktuell ist eine Zunahme von Kindern festzustellen, bei denen eine Störung aus dem Spektrum Autismus diagnostiziert wurde. Bei den meisten erfolgte diese Feststellung im Grundschulalter. Doch bereits im Kleinkindalter stellen nicht wenige Eltern ein abnormales Verhalten ihrer Kinder fest, was auf solch eine Störung hinweist. Sie erkennen das, weil die Kinder nicht so auf Angebote eingehen, wie die Eltern es erwarten oder wie sie es von Geschwisterkindern kennen. Von Ärzten werden die Eltern jedoch oft nicht ernst genommen oder dahingehend vertröstet, dass sich erst eindeutigere Symptome zeigen müssten. Im oft überfordernden Umgang mit ihren Kindern lernen sie passende Methoden eher durch Versuch und Irrtum als durch Unterstützung von Fachkräften.

Das vorliegende Buch widmet sich autistischen Kindern und wie diese begleitet und im Alltag von Krippe und Kita und unterstützt werden können. Der Autor erörtert für diesen Zusammenhang neue Denk- und Handlungsansätze in Bezug auf Betrachtung und Diagnose der Störungsbilder und die Förderung der betreffenden Personen.

Autor und Entstehungshintergrund

Klaus Kokemoor ist Diplom-Sozialpädagoge, Supervisor, Therapeut und Koordinator für das Thema Inklusion der Stadt Hannover. In zahlreichen Büchern hat er sich mit Theorie und Praxis von Menschen mit Autismus auseinandergesetzt.

Aufbau und Inhalt

Nach einer Einleitung ist das Buch in folgende sechs Kapitel unterteilt.

1 Autismus – Begegnung mit einer anderen Kultur?

Im ersten Teil beschreibt Kookemoor ausführlich Defizite, u.a. solche in der nonverbalen Kommunikation im Rahmen sozialer Interaktionen, dem stereotypen Gebrauch von Objekten oder die ungewöhnlich starke Bindung an Objekte, wie z.B. Spielsachen. Aus den Defiziten resultieren typische Schwierigkeiten beim Spiel der Kinder und dem Schließen von Freundschaften. Denn ein autistisches Kind hat ein Problem, ein Gefühl von Verbundenheit zur personellen Umwelt herzustellen. Der Autor plädiert: „Wir sollten […] niemals vergessen, dass die Symptome des autistischen Kindes seine individuelle Art darstellen, sich in der Welt auszudrücken. Dieses zu respektieren und das autistische Kind genau dort abzuholen, wo es mit seinem genetischen Potenzial und seiner psychologischen Vergangenheit steht, bedeutet eine Anpassung an das Kind“ (48).

2 Von der Selbstbezogenheit zur Verbundenheit

Die Art und Weise, wie diese Anpassung erfolgen kann, ist Gegenstand des zweiten Kapitels. So können autistische Personen mit Fragen oft zumeist nichts anfangen, tauschen keine Interessen oder Emotionen aus oder vermeiden soziale Interaktionen insgesamt. Die Personen in ihrem Umfeld empfinden sie als unbestimmt, immer anders und daher unzuverlässig. Dagegen sind Objekte (z.B. Spielzeuge) oder Muster (z.B. Teppichmuster) klar geordnet und beständig. Als Mitmenschen autistischer Personen müssen wir lernen, ihnen in diesem Verständnis gegenüberzutreten durch Bestätigung, Wiederholung und sicherheitsstiftendem Verhalten. Autistische Kinder brauchen eine klare Einladung zur Interaktion, so durch eine besondere Aufmerksamkeit, Ansprache über Töne und eine affektive Sprache. Statt Fragen zu stellen ist es dann wichtiger, konkret zu benennen. Kokemoor beschreibt hierfür Spiele der tiefgreifenden Rückversicherung, mit denen Bezugsperson mit dem autistischen Kind in Resonanz gehen und Vertrauen aufbauen können. Diese Spiele gehen mit einem intensiven körperlichen Erleben einher und werden von starken Emotionen begleitet. Sie können helfen, einen anderen Bezug zum eigenen Körper in der Beziehung zu einer anderen Person herzustellen. Auch diese Spiele können bei der Neuordnung des eigenen Verhaltens und des Bildes von der Welt ringsherum helfen.

3 Die Entwicklungsbegleitung autistischer Kinder

Die in diesem Teil ausführlich beschriebene Methode Marte Meo basiert auf Videos von Handlungssituationen des autistischen Kindes, die im Nachhinein mit Eltern und/oder Pädagog:innen ausgewertet werden. Somit werden Perspektivwechsel möglich und Handlungsoptionen erkennbar, denn die Vorgehendweise „ist bestrebt, die Entwicklungsbedürfnisse von Kindern, Eltern, pädagogischen und therapeutischen Fachkräften anhand der aktuellen Situation zu fördern und auf diese Weise zu lernen, ihre Möglichkeiten optimal zu nutzen“ (83). Die oben beschriebenen Basiselemente der Kommunikation der natürlichen unterstützenden Interaktion bilden hier den grundlegenden Ansatz der Entwicklungsbegleitung. Die im vorherigen Kapitel angesprochenen Spiele der tiefgreifenden Rückversicherung werden dann ausführlich vorgestellt, so „Ich-und-Du-Spiele“, „Verschwinden und wieder auftauchen“ und „Fangen spielen“ (vgl. 104 f.).

4 Der pädagogische Alltag mit dem autistischen Kind

Den Einsatz der handlungsleitenden Sprache als Orientierungshilfe für das autistische Kind beschreibt Kokemoor am Beispiel des gemeinsamen Essens in der Gruppe um im Rahmen des Morgenkreises. Hier können Soziale Fachkräfte die anderen anwesenden Kinder über das besondere Verhalten aufklären, die Strukturen des betreffenden Kindes aufgreifen und seine Perspektiven nutzen sowie diese an neue Verhaltensmuster gewöhnen. Die Ermöglichung von Kooperation und damit die Zusammenführung von unterschiedlich erlebten Bedeutungsräumen wird am Ende des Kapitels ausführlich an zwei Fallbeispielen beschrieben. In diesen Zusammenhängen stellt Kokemoor auch explizit die Bedeutung von Inklusion heraus, denn diese verlangt nicht die Anpassung des Individuums an die Gruppe, der Anderen oder der Gesellschaft, sondern umgekehrt: „Wir sind es, die dem Kind Räume, Möglichkeiten, Gelegenheiten und uns selbst zur Verfügung stellen müssen, um Teilhabe, Partizipation, Interaktion und persönliche Entwicklung beim autistischen Kind zu ermöglichen“ (118).

5 Der erweiterte Rahmen der Entwicklungsbegleitung

Weil Eltern ihre Kinder zumeist am besten kennen, ist es hilfreich und nötig, dass Fachkräfte mit ihnen kooperieren und gegenseitige Lernpatenschaften aufbauen. Die Einführung des Kinder- und Jugendstärken-Gesetzes (KJSG) ist die Basis für diese Arbeit, die stereotype Annahmen und innere Bilder auf beiden Seiten ändern mag. Wie dies gelingen kann, wird im fünften Teil ausführlich beschrieben.

6 Schlussgedanken

Am Ende resümiert Kokemoor. „Es ist zielführend, eine Pädagogik zu entwickeln, in denen Freiräume geschaffen werden, die die besonderen Bedürfnisse des Kindes einschließt und sich an seinem Sein orientiert. Hier werden die Grundwerte von Inklusion angesprochen, die jedem Kind ein Recht auf Bildung einräumt und eine Pädagogik einfordert, die sich an den individuellen Möglichkeiten des Kindes orientiert“ (154).

Diskussion

In der Öffentlichkeit treten in letzter Zeit immer wieder Menschen in Erscheinung, die sich zu ihren autistischen Störungen bekennen. So rückte mit der Klimaaktivistin Greta Thunberg nicht nur der Begriff „Fridays for Future“, sondern auch das „Asperger-Syndrom“ in den Blickpunkt allgemeiner Betrachtung. Auch melden sich immer mehr Menschen zu Wort, um über ihre Innensichtweise zu reden; auch Fernsehserien greifen diese Thematik auf. Die betreffenden Personen verstehen sich weniger als leidend oder behindert denn eher als Menschen mit besonderen Erlebens- und Verhaltensweisen. In der Öffentlichkeit und auch von der Wissenschaft werden sie als „Expert:innen in eigener Sache“ angesehen. Dieser Trend zieht jedoch die Gefahr nach sich, dass Menschen mit unterdurchschnittlicher Intelligenz und schwerwiegenden Beeinträchtigungen marginalisiert werden (vgl. Theunissen 2021: 10). Zudem lassen sich nicht alle Menschen mit dieser Störung gleichsetzen; ihre Einzigartigkeit wird in den Klassifikationssystemen nicht abgebildet.

Eines ist ihnen aber allen gleich: Ihr Handeln wird vom Denken strukturiert. Sie spüren keine emotionale Verbundenheit und sind deshalb nicht zu symbolischen Denken in der Lage. Diese Beschränkung ist, so Kokemoor, „nicht das Resultat eines genetischen Programms, sondern der Mangel an tonisch-emotionalen Austauschprozessen“ (130). Kokemoor ist Experte in Theorie und Praxis autistischer Thematiken. Er widmet sich solchen Kindern, bei denen die Eltern schon recht früh Anzeichen für eine Störung aus dem autistischen Spektrum zu erkennen glaubten, weil diese nicht auf gewohnte Weise auf ihre Angebote eingehen. Die von ihnen aufgesuchten Ärzte aber waren bislang hilflos oder aber nicht willens, den Diagnoseweg zu beschreiten.

Den Lesenden macht der Autor Mut, Hilfe bei Sozialen Fachkräften zu suchen und mit ihnen zu kooperieren. Im Buchverdeutlicht er an guten Praxisbeispielen und Fallsituationen, wie diese Eltern und Pädagog:innen diese Austauschprozesse im allgemeinen Umgang, also über Aktionen und Sprechen angemessen umsetzen können. Neben den theoretischen und praktischen Ausführungen kommen viele inzwischen erwachsene autistische Personen selbst zu Wort, was einen guten Einblick in deren Selbstwahrnehmungen gibt und Ausgrenzungserlebnisse nachvollziehbar macht.

Fazit

Das Buch ist unbedingt empfehlenswert für Soziale Fachkräfte und Eltern, die mit autistischen Kindern im Umgang sind. Es verdeutlicht theoretische Hintergründe an eindeutigen Fallsituationen und zeigt angemessenes pädagogisches Verhalten auf.

Zitierte Literatur

Theunissen, G. (2021): Basiswissen Autismus und komplexe Beeinträchtigungen. Lehrbuch für die Heilerziehungspflege, Heilpädagogik und (Geistig-)Behindertenhilfe. Lambertus Verlag (Freiburg im Breisgau).

Rezension von
Prof. Dr. René Börrnert
Fachhochschule des Mittelstands (Rostock)
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Es gibt 40 Rezensionen von René Börrnert.

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Zitiervorschlag
René Börrnert. Rezension vom 02.01.2024 zu: Klaus Kokemoor: Entwicklungsbegleitung autistischer Kinder in Krippe und Kita. Herder (Freiburg, Basel, Wien) 2023. ISBN 978-3-451-39418-8. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/30317.php, Datum des Zugriffs 27.02.2024.


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