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Ulrich Herrmann, Kathrin Müller (Hrsg.): Lernlabor Schule

Rezensiert von Dipl.-Päd. Dr. Jos Schnurer, 31.01.2023

Cover Ulrich Herrmann, Kathrin Müller (Hrsg.): Lernlabor Schule ISBN 978-3-407-63252-4

Ulrich Herrmann, Kathrin Müller (Hrsg.): Lernlabor Schule. Der Perspektivwechsel vom Unterrichten zum Lernen. Beltz Juventa (Weinheim und Basel) 2022. 408 Seiten. ISBN 978-3-407-63252-4. D: 29,95 EUR, A: 30,80 EUR.

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Thema

Wie kann es gelingen, Schülerinnen und Schüler davon zu überzeugen, dass sie lernen wollen?

Im theoretischen und praktischen erziehungswissenschaftlichen Diskurs gibt es vielfältige Ansätze zu Fragen nach Begabung und Lernen (Heinrich Roth, 1968), zur Motivation (Heckhausen, 2019), zu Ressourcen (Hubrich, 2010), zum Management, zur Methodik und Mitbestimmung (Schmidt-Wulffen, 2009) und weitere. Es sind traditionelle, bewährte pädagogische Erfahrungen, die Lerninhalte und ‑methoden bestimmen und es sind Reformbewegungen, die Lernen als intellektuelle, gute Lebensbewältigung ausweisen. Die Spannweite reicht dabei von der Auffassung und Praxis, dass Lehrbücher benutzt werden, die von Lehrbüchern abgeschrieben werden, die von Lehrbüchern abgeschrieben werden…, bis hin zum anderen, inklusiven, lebensgerechten, existentiellen „Schule-neu-denken“ (Wevelsiep, 2019).

Entstehungshintergrund und Herausgeber

Der Weg ins Leben und die Wege im Leben sind eine einzige Lerngeschichte. Diese altbekannte Erkenntnis ist es, die davon ausgehen lässt zu wissen, was Lernen ist: Vermittlung, Aneignung, Erfahrung, Intellekt. Dass Lernen der Weg hin zur beobachtbaren, gewollten, erzwungenen … Verhaltensänderung ist, wird in den behavioristischen Lerntheorien ausgewiesen. In der Lern- und Schulgeschichte gibt es immer wieder Bemühungen und Initiativen, bestehende, traditionelle, gewohnte und (scheinbar) bewährte theoretische und praktische Konzepte und Methoden zu verändern hin zu einer besseren, gerechteren, menschenwürdigen Bildung aller Menschen, lokal und global. Es sind die Schulreformen, wie sie sich als Denk-, Handlungs- und Systemwandel darstellen. Sie zielen auf das individuelle, ortsinnere, wie auf das gesellschaftliche, kollektive Systemverändern. Der (em.) Erziehungswissenschaftler Ulrich Herrmann hat sich mit Forschung und Lehre zu vielfältigen Bildungs- und Lernzugängen geäußert: Jugendbewegung (2006), Neurodidaktik (2009/2020), Lernen ist Erfahrung, (2010), Reformpädagogik (2012), Pädagogische Beziehungen (2019)… Als Mitherausgeber der Zeitschrift „Lehren & Lernen“, die sich als „Mittler zwischen Bildungspolitik, Schulalltag und Wissenschaft“ versteht, rekurriert er immer wieder auf die Prinzipien, wie sie sich als „Progressive Education“ in den 1920er Bildungsreformbewegungen dargestellt und aktiviert haben. In dem von ihm vorgelegten Sammelband wird getitelt, dass schulische Bildung nicht hierarchische Weitergabe von Wissen sein soll, sondern „Hilfe zur Selbsthilfe“ und „Kompass zum Selbst- und Menschsein“.

Aufbau und Inhalt

Herrmann versammelt 26 Autorinnen und Autoren, mit denen er einen „Perspektivwechsel vom Unterrichten zum Lernen“ vollzieht. In den Einführungen zum Anspruch thematisiert er die Aspekte „Lernen und Lernforschung – von Lernhandlungen her gesehen“; und er reflektiert „Die Vielfalt schulisch organisierten Lernens. Er gliedert den Sammelband weiterhin in die folgenden Kapitel:

„Natürliches Lernen im Vorschulalter“, mit zwei Beiträgen: Der Naturwissenschaftler und Pädagoge Salman Ansari verweist mit seinem Text „Vorschulpädagogen irren: Kleine Kinder lernen anders“ darauf, dass Lernprozesse und Lernarrangements nicht akademisiert werden, sondern eine „Schule des Staunens“ entstehen sollte (siehe z.B. dazu auch: Rolf-Thorsten Kramer/Hilke Pallesen, Hrsg., Lehrerhabitus. Theoretische und empirische Beiträge zu einer Praxeologie des Lehrerberufs, 2019, www.socialnet.de/rezensionen/​26159.php). Die Erziehungswissenschaftlerin Frauke Hildebrandt und der Kommunikationswissenschaftler Ramiro Glauer reflektieren, wie Nachdenkgespräche mit Kindern geführt werden können: „Ich denke, dass es so ist. Und was meinst du?“. Es sind Fragen, die den Verstand anregen, Selbst- und Weltentdeckung ermöglichen und kommunizieren lernen.

„Arbeitsunterricht mit System“, mit ebenfalls zwei Texten. Der Naturkundelehrer und Lehrerfortbildner Martin Herold fordert mit „Lernen als Selbstorganisation“ zum Paradigmenwechsel vom fremd- zum selbstorganisierten Lernen auf. Es sind institutionalisierte und neuronale Zugangsweisen, die er als nachvollziehbare Bausteine anbietet. Der Ökonom und Lehrerausbildner Heinz Klippert stellt mit dem Text „Arbeitsunterricht mit System“ die „Lernspirale als Aktivierungszirkel! vor und vermittelt Methoden und Instrumente zur Lernförderung.

„Projektmethode“ als didaktisches, curriculares, theoretisches und praktisches, alternatives Instrument zum Lernen wird mit fünf Beiträgen behandelt: Ulrich Herrmann informiert mit dem Text „Die Lernmethode – der reformpädagogische und kompetenzorientierte Methodenklassiker“ über Konsequenzen und Kontroversen diese pädagogischen Denk- und Handlungsformen und postuliert: „Die Projektmethode ist eine Projektpädagogik“. Die Sonderpädagogin Laura Raabe von der Laborschule Bielefeld stellt mit der Kinderfrage: „Wenn man tot ist, ist man dann ein Stern?‘“ eine projektorientierte, fächerübergreifende, handlungs- und produktorientierte Unterrichtseinheit in der Primarstufe zum Thema „Leben und Tod“ vor. Der Bielefelder Diplompädagoge Ulrich Bosse rät: „Gemeinsam individuell lernen“. Er thematisiert fächerübergreifende, projektorientierte, jahrgangsgemischte Lernorganisationen, die sich in längeren Epochen vollziehen, und in denen Produkte (Plakate) entstehen. Die Bielefelder Didaktische Leiterin Sabine Geist informiert über „Lernen in Projekten mit Portfolio“ und verweist auf Strategien des individuellen und kollektiven Lernens. Der Waldorfpädagoge Moritz Grittschneider berichtet über „Lernen im Theaterprojekt an einer Waldorfschule“. Das theatrale Lernen ist in der Schulform als institutionalisiertes „Klassenspiel“ in den 8. und 12. Jahrgangsstufen etabliert. Themenfindung und Aufführung sind gemeinschaftsbildende Lerninhalte.

„Lernen in spezifischen Lehr-Lern-Arrangements“, z.B. mit der Montessori-Pädagogik, wie sie die Schulleiterin Anette Dragan mit dem Beitrag „Arbeiten und Lernen mit Montessori-Pädagogik in der Montessori Gemeinschaftsschule Saar“ vorstellt; wie sie der Schuleiter Matthias Riemer als „Freinet-Pädagogik“ aufzeigt; wie sie die Lehrerin Cornelia Frank als „Lernen in Lerngemeinschaften“ mit der „Jenaplan-Pädagogik“ verdeutlicht; wie Volker Frielingsdorf die „Jahresarbeiten in den Freien Waldorfschulen“ vorstellt; und wie die Zürcher Erziehungswissenschaftlerin Rita Stebler, der Psychologe Kurt Reusser und die Didaktikerin Christine Pauli darüber argumentieren, wie „eigene Wege selbstgesteuerten Lernens“ in einer jahrgangs- und leistungsdurchmischten Sekundarklasse gegangen werden können.

„Lernen durch Instruktion“, als falsch erkannter, interpretierter und diskriminierter Lernvorgang, worauf der Bildungspublizist und Schulentwicklungsberater Michael Felten mit dem Contra „Auch Lehren ermöglicht Lernen“, indem er die irreführende Alternative „Unterricht oder Selbsttätigkeit“ zurückweist und die Zusammenhänge betont. Die Lehrer Malte Fehling und Daniel Schumacher informieren über von Schüler/innen produzierte Erklärvideos und zeigen die Lernschritte auf, wie diese als Bildungsmittel entstehen und im Lernprozess eingebracht werden können.

Feedback und Förderung wird mit fünf Beiträgen thematisiert. Die Schulleiterin der Hannoverschen Integrierten Gesamtschule H-List, Petra Hoppe, gibt einen Überblick, wie Lerninhalte, -dialog, -wege, -diagnostik und -bestätigung in der Schulpraxis umgesetzt werden. Der Gymnasiallehrer Jens Unterberg bringt mit dem Beitrag „Die Förder- und Feedbackkultur in einem Gymnasium ohne Aufnahme- und Versetzungsbedingungen“ die organisatorischen und didaktischen Wege ein, wie verschiedene Schulabschlüsse erreicht und vergeben werden. Anette Dragan stellt „Schultagebücher für die Begleitung und Reflexion von Lernprozessen“ vor. Der Zürcher Pädagogik-Wissenschaftler Kurt Reusser rät „Lernen konstruktiv unterstützen und begleiten“, indem er sich mit der fachpädagogischen Rolle von Lehrpersonen auseinandersetzt. Er listet Anforderungen und Kompetenzen auf, die für eine fach- und sachgerechte Lernvermittlung notwendig sind. Der Trainer und Coach Torsten Nicolaisen diskutiert und gibt Ratschläge, wie es gelingen kann, „Lerncoaching: Lernende in ihrer Selbstwirksamkeit (zu) unterstützen“.

Im Schlusskapitel „Lernen mit digitalen Endgeräten“ werden zwei Beiträge präsentiert: Das Team Patricia Arnold, Lars Kilian, Anne Thillosen und Gerhard Zimmer (+) geben einen Überblick über den aktuellen Stand des Lehrens und Lernens mit digitalen Medien und verweisen auf neue Anforderungen an Lehrende und Lernende. Die Pädagogin Martina Bischofberger fragt mit dem Schlussbeitrag „Lernen mit digitalen Geräten“, was „Digitalisierung in Schulen“ bedeutet: „Der Einsatz von digitalen Geräten wird in absehbarer Zeit zum Standard des Lehrens und Lernens in der Schule gehören“. Deshalb ist es wichtig, sich mit den Prozessen auseinanderzusetzen – und man muss ihn kennen.

Diskussion

Schulreformpädagogische Initiativen gibt es zwar nicht wie Sand am Meer; doch die Erkenntnis, dass sich etwas ändern muss, gehört zu den Lebenskompetenzen und -anforderungen des Menschseins. Im pädagogischen, erziehungswissenschaftlichen Diskurs sind Paradigmen-, Perspektivenwechsel und Wandlungsprozesse intellektuelle Ansprüche einer Conditio Humana. Es ist die Einsicht, dass Lernen eine notwendige, existentielle Herausforderung ist, die jeder Mensch benötigt. Es ist der Aspekt der Ganzheit des menschlichen, erdbewussten Daseins, der Erkenntnis schafft (Wolf Lotter, Zusammenhänge. Wie wir lernen, die Welt wieder zu verstehen, 2020, www.socialnet.de/rezensionen/​27036.php). Und es sind die unabdingbaren Fragen, wie: „Wer bin ich?“ – „Wie bin ich geworden, was und wie ich bin?“ (Joachim Bauer, Wie wir werden, wer wir sind. Die Entstehung des menschlichen Selbst durch Resonanz, 2022, www.socialnet.de/rezensionen/​29229.php). In den internationalen und nationalen Schulvergleichsuntersuchungen und -analysen zeigt sich für die deutsche Schullandschaft ein unbefriedigendes Bild, auf das im schulreformpädagogischen Diskurs immer wieder verwiesen wird: „Die Mehrzahl der Schulklassen in Deutschland verfügt bei Kompetenz- und Leistungsanalysen kaum über zuverlässige Vergleichsdaten zur Beurteilung der eigenen Arbeit“ (Franz A. Weinert, 1996).

Fazit

Die von Ulrich Herrmann vorgelegten, ausgewählten Beiträge zum Perspektivenwechsel vom Unterrichten zum Lernen sind notwendige, nützliche und zeitgemäße Appelle für eine neue Bildungs- und Schulreform. Bildung „lernseits“ (Hattie) zu betrachten bedeutet ja, Lernprozesse als familiale, schulische und lebenslange, individuelle und kollektive Anforderungen zu verstehen und zu praktizieren. Schule muss deshalb von der „Unterrichtsanstalt“ zu einem Lebens- und Erfahrungslabor weiterentwickelt werden.

Rezension von
Dipl.-Päd. Dr. Jos Schnurer
Ehemaliger Lehrbeauftragter an der Universität Hildesheim
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Zitiervorschlag
Jos Schnurer. Rezension vom 31.01.2023 zu: Ulrich Herrmann, Kathrin Müller (Hrsg.): Lernlabor Schule. Der Perspektivwechsel vom Unterrichten zum Lernen. Beltz Juventa (Weinheim und Basel) 2022. ISBN 978-3-407-63252-4. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/30344.php, Datum des Zugriffs 16.04.2024.


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