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Gerd Hansen (Hrsg.): Grundwissen Querschnittlähmung

Rezensiert von Tobias Schubert, 25.04.2023

Cover Gerd Hansen (Hrsg.): Grundwissen Querschnittlähmung ISBN 978-3-945771-30-3

Gerd Hansen (Hrsg.): Grundwissen Querschnittlähmung. Im Kindes- und Jugendalter. verlag selbstbestimmtes leben (Düsseldorf) 2023. 106 Seiten. ISBN 978-3-945771-30-3. D: 17,40 EUR, A: 17,90 EUR.

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Thema

In seiner Reihe „Grundwissen“ legt der verlag selbstbestimmtes leben als Eigenverlag des Bundesverbandes für körper- und mehrfachbehinderte Menschen e.V. einen weiteren 106 Seiten schmalen Übersichtsband zum Thema Querschnittlähmungen im Kindes- und Jugendalter vor und bietet damit einen breiten Überblick über den aktuellen Wissensstand zu medizinisch-pflegerischen Grundlagen sowie den Entwicklungsbesonderheiten und den Besonderheiten im Lernverhalten von betroffenen Kindern und Jugendlichen mit erworbener und angeborener Querschnittlähmung.

Herausgeber:in

Für das Buch ist ein renommiertes Autorenteam um den Herausgeber Gerd Hansen verantwortlich, der eine Professur für Didaktik in schulischen und vorschulischen Rehabilitationsfeldern an der Universität Köln innehat und die „Grundwissen“-Reihe des Verlags zu verschiedenen weiteren Behinderungsbildern seit 2015 herausgibt.

Aufbau und Inhalt

Das Buch gliedert sich in vier Fachartikel unterschiedlicher Autoren zu verschiedenen pädagogisch relevanten Aspekten einer Querschnittlähmung im Kindes- und Jugendalter.

Der erste Artikel stammt vom Herausgeber Gerd Hansen selbst und thematisiert die medizinisch-pflegerischen Grundlagen zu Querschnittlähmungen im Kindes und Jugendalter. Ausgehend von einem kurzen Überblick über Häufigkeit, Verursachungsfaktoren und Altersverteilung beschreibt Hansen zunächst die Erscheinungsformen, Häufigkeiten und Ursachen angeborener Querschnittlähmungen in Form der Spina bifida und geht dabei auch auf den bei ca. 95 % der betroffenen Kinder gleichzeitig auftretenden Hydrocephalus sowie weitere medizinisch relevante Folgen der Spina bifida ein, wie z.B. Störungen der Blasen- und Darmfunktion, orthopädische Beeinträchtigungen, Epilepsien und u.U. auch chronische Schmerzen. Den erworbenen Querschnittlähmungen widmet Hansen ein eigenes Kapitel und gibt einen knappen Überblick über wichtige Rehabilitationsfelder einschließlich der Pflegeberatung.

Der inzwischen langjährig emeritierte Universitätsprofessor für Körperbehindertenpädagogik der Universität Halle-Wittenberg, Harry Bergeest, umreißt im zweiten Fachartikel die Besonderheiten der sozial-emotionalen Entwicklung im Kontext einer Querschnittlähmung im Kindes- und Jugendalter. Ausgehend von einem konstruktivistischen Blickwinkel beschreibt Bergeest die Grundphasen der Rehabilitation sowie die Aufgaben des Rehabilitationsteams und unterscheidet dabei zwischen Kindern und Jugendlichen, deren Bewältigungsprozesse je nach Lebensalter jeweils sehr verschieden verlaufen können. Bergeest beschreibt entsprechende Phasenmodelle zur Krisenverarbeitung und bringt diese in Zusammenhang mit Möglichkeiten zur Intervention, beispielsweise im Rahmen der Familien- und Elternberatung, der Eltern-Selbsthilfe und nicht zuletzt der Arbeit mit den betroffenen Jugendlichen selbst im Hinblick auf Aspekte der Alltagsbewältigung, Schule und (nachschulischen) sozialen Selbstbehauptung. 

Tobias Bernasconi, Lehrstuhlinhaber für Pädagogik und Rehabilitation bei geistiger und komplexer Behinderung der Universität Köln, beleuchtet im dritten Fachartikel den Aspekt der kommunikativen Entwicklung im Kontext einer Querschnittlähmung im Kindes- und Jugendalter. Ausgehend von einer Klärung zum Verständnis der Begriffe Kommunikation, Kommunikationsbeeinträchtigungen und Kommunikationsstörung gibt Bernasconi einen zusammenfassenden Überblick über den aktuellen Forschungsstand zur kommunikativen Entwicklung von Kindern und Jugendlichen mit Spina bifida. Im Hinblick auf die Interventionsmöglichkeiten unterscheidet der Autor Kinder und Jugendliche ohne oder mit unzureichend verständlicher Lautsprache (Fokus auf Unterstützte Kommunikation), solche mit Unterstützungsbedarf bei der Anwendung und beim Verständnis von Lautsprache (Fokus auf Pragmatik) und Kinder und Jugendliche, die auf spezifische sprachtherapeutische Methoden im Bereich der Artikulation oder des Dysphagietrainings angewiesen sind (Fokus auf spezifische therapeutische Aspekte). Bernasconi plädiert angesichts der Vielfalt der sprachlich-kommunikativen Herausforderungen für eine erhöhte Sprachsensibilität der Bezugspersonen, „häufiges Rückkoppeln sprachlicher Inhalte sowie die Unterstützung beim Erlernen von sozialen Fähigkeiten im sprachlichen Kontext“ (S. 67).

Jens Boenisch, Lehrstuhlinhaber für Pädagogik für Menschen mit Beeinträchtigungen der körperlichen und motorischen Entwicklung sowie Direktor des Forschungs- und Beratungszentrums für Unterstützte Kommunikation der Universität Köln, arbeitet im vierten und umfangreichsten Fachartikel des Buches die Besonderheiten im Lernverhalten von Kindern und Jugendlichen mit Spina bifida und Hydrocephalus heraus. Dabei stellt Boenisch die vorliegenden wissenschaftlichen Befunde zum Lernverhalten mit den Aspekten (1) kognitive Entwicklung, (2) Exekutivfunktionen (3) Aufmerksamkeit und ADHS sowie (4) visuell-räumliche Fähigkeiten ausführlich vor und wendet diese Erkenntnisse im folgenden Kapitel auf das Mathematiklernen von Kindern mit Spina bifida an. Ausgehend von exemplarischen aktuellen Erkenntnissen der Mathematikdidaktik beschreibt Boenisch die Herausforderungen des Faches für die Personengruppe sowie die Bedeutung bildlicher Darstellungen und des Aufbaus von Grundvorstellungen als „das Medium zwischen Mathematik und der Welt“ (S. 95) und äußert die Hoffnung, dass mit neueren Zugängen in der Mathematikforschung die „Mathematikdidaktik zunehmend auch aus sonderpädagogischer Perspektive betrachtet wird“ (S. 97). Boenisch bezieht hier aktuelle Analysen zur Eignung von Mathematik-Apps im Bereich der Arithmetik ein und formuliert als Konsequenzen für die pädagogische Förderung im Kontext schulischer Bildung die „Wiederentdeckung der Langsamkeit“ als Unterrichtsprinzip (vgl. S. 101), sprachsensiblen Unterricht, eine möglichst frühe motorische Mobilisation als eine Art „Vorläuferfähigkeit für höhere kognitive Prozesse“ (ebd.) sowie die Adaption von Lernmaterialien als „spezifische Merkmale einer allgemeinen, inklusiven Didaktik“ (S. 102).

Diskussion

Angesichts der ausgewiesenen fachlichen Expertise der Autoren und der breiten inhaltlichen Streuung der Fachartikel bietet das Buch einen ausgesprochen fundierten und vor allem auch aktuellen Überblick über den derzeitigen Wissens- und Forschungsstand zum Thema Querschnittlähmungen im Kindes- und Jugendalter. Es wird damit seinem Anspruch Grundwissen zu vermitteln mehr als gerecht. Die Autoren beziehen eine Fülle an relevanten früheren und ganz aktuellen wissenschaftlichen Veröffentlichungen ein, die sich anhand der jeweils umfangreichen Literaturverzeichnisse zu den einzelnen Artikeln recherchieren lassen, und ermöglichen damit auch eigene Schwerpunktsetzungen und Vertiefungen. Unter entwicklungspsychologischem Blickwinkel stehen dabei die angeborenen Querschnittlähmungen (Spina bifida) gegenüber den erworbenen naturgemäß im Vordergrund und regen zur Weiterentwicklung einer allgemeinen, inklusiven Didaktik an.

Fazit

Der vorliegende Band „Grundwissen Querschnittlähmung“ bietet mit vier fundierten Fachartikeln einen umfassenden Überblick über den aktuellen Wissensstand zu medizinisch-pflegerischen Grundlagen, Entwicklungsbesonderheiten und Lernverhalten im Kontext einer erworbenen bzw. angeborenen Querschnittlähmung. Das Buch verbindet hohe Fachlichkeit mit einer guten Lesbarkeit und wendet sich ebenso wie die weiteren Bände der Reihe „Grundwissen“ an (sonderpädagogische) Lehrkräfte und weitere Fachkräfte aus pädagogischen und therapeutischen Berufsgruppen.

Rezension von
Tobias Schubert
Hauptamtlicher Studienleiter im Schulartteam Sonderpädagogik am Institut für Qualitätsentwicklung an Schulen Schleswig-Holstein (IQSH), Systemischer Berater (DGsP), Landesfachrichtungsberater für den Förderschwerpunkt körperliche und motorische Entwicklung in Schleswig-Holstein
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Es gibt 8 Rezensionen von Tobias Schubert.

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Zitiervorschlag
Tobias Schubert. Rezension vom 25.04.2023 zu: Gerd Hansen (Hrsg.): Grundwissen Querschnittlähmung. Im Kindes- und Jugendalter. verlag selbstbestimmtes leben (Düsseldorf) 2023. ISBN 978-3-945771-30-3. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/30360.php, Datum des Zugriffs 21.04.2024.


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