Suche nach Titel, Autor:in, Rezensent:in, Verlag, ISBN/EAN, Schlagwort
socialnet Logo

Dirk Rohde: Waldorfschulen und das Landesabitur

Rezensiert von Larissa Beckel, 06.02.2023

Cover Dirk Rohde: Waldorfschulen und das Landesabitur ISBN 978-3-7799-7014-9

Dirk Rohde: Waldorfschulen und das Landesabitur. Eine vergleichende Studie am Beispiel des Leistungsfaches Biologie in Hessen. Beltz Juventa (Weinheim und Basel) 2022. 261 Seiten. ISBN 978-3-7799-7014-9. D: 34,95 EUR, A: 35,90 EUR.

Weitere Informationen bei DNB KVK GVK.
Inhaltsverzeichnis bei der DNB.

Kaufen beim socialnet Buchversand
Kaufen beim Verlag

Thema

Das vorliegende Buch „Waldorfschulen und das Landesabitur – Eine vergleichende Studie am Beispiel des Leistungsfaches Biologie in Hessen“ widmet sich dem Thema der zentralen Abiturprüfung in Biologie im Bundesland Hessen, Teil des so genannten Landesabiturs. Der Autor geht der Frage nach, wie sich Schüler:innen verschiedener Schulen auf diese Prüfungen vorbereiten. Dabei nimmt er sowohl Schüler:innen verschiedener Gymnasien als auch der neun hessischen Waldorfschulen in den Fokus seiner Untersuchungen. Die zentralen Prüfungen stellen insbesondere freie Schulen wie die Waldorfschulen vor verschiedene Herausforderungen. Einerseits haben die Schulen den Anspruch, ihr eigenes pädagogisches Konzept umzusetzen. Andererseits müssen die Curricula angepasst werden, um Schüler:innen adäquat auf die Abiturprüfungen vorzubereiten. Beispielhaft zeigt der Autor am Leistungsfach Biologie, wie dieser Anspruch in Hessen umgesetzt wird. Im Mittelpunkt der Studie stehen hierbei die Erfahrungen der Abiturient:innen. Mit Hilfe eines Mixed Methods Ansatzes werden sowohl quantitative Daten als auch qualitative Interviews der Schüler:innen einbezogen. Die daraus entstandenen Eckfälle und die damit verbundene Habitusrekonstruktion geben Einblicke in verschiedene Strategien, wie sich die jungen Erwachsenen auf die Abiturprüfung im Fach Biologie in Hessen vorbereiten und wie sie diese im Rahmen ihrer Schullaufbahn einordnen.

Autor

Der Autor des Buches, Prof. Dr. Dirk Rohde, hat sowohl langjährige schulpraktische Erfahrung als auch erziehungswissenschaftliche Expertise. Er ist Honorarprofessor für Erziehungswissenschaft an der Alanus Hochschule für Kunst und Gesellschaft am Standort Alfter und Lehrbeauftragter für Schulpädagogik an der Phillips-Universität Marburg. Das vorliegende Werk ist eine gekürzte Version seiner Habilitationsschrift mit dem Titel: „Umgangsweisen von Schülerinnen und Schülern mit dem Landesabitur – Eine vergleichende Studie am Beispiel des Leistungsfaches Biologie unter besonderer Berücksichtigung der Freien Waldorfschulen“, welche im Fachbereich Erziehungswissenschaft der Phillips-Universität Marburg eingereicht wurde. Daneben war er für viele Jahre Oberstufenlehrer im Fach Biologie an einer Waldorfschule und ist als Fachreferent für Bildungspolitik der Landesarbeitsgemeinschaft der Freien Waldorfschulen in Hessen tätig.

Aufbau

Der Aufbau des Buches gliedert sich wie folgt: Zunächst elaboriert der Autor die Entwicklung seiner Fragestellung und leitet in das Thema ein. Hier spielen insbesondere die Spezifika der zentralen Abiturprüfungen in Hessen im Leistungsfach Biologie eine zentrale Rolle. Zudem nimmt er eine Einführung in das Schulkonzept der Waldorfschulen sowie der Waldorfpädagogik allgemein vor. Der Autor geht in diesem Zusammenhang ausführlicher auf das Elternklientel der Waldorfschulen und ihre sozioökonomische Verortung ein. Anhand dessen ergibt sich eine Vergleichbarkeit zwischen der Klientel der Gymnasien und Waldorfschulen.

Im zweiten Teil steht die Auswertung quantitativer und insbesondere qualitativer Daten im Vordergrund. Zunächst gibt der Autor anhand von quantitativen Daten einen Einblick in den Leistungsstand der Schüler:innen in verschiedenen Jahrgängen in Hessen. Daran schließt sich eine qualitative Untersuchung zur Habitusrekonstruktion an. Nach der Vorstellung des methodischen Ansatzes folgen vier Eckfälle, aus denen Rohde vier Grundtypen eines Schüler:innenhabitus rekonstruiert. Nach den Ergebnissen seiner Untersuchung folgen Diskussion und Fazit.

Inhalt

In den ersten beiden Kapiteln wird die Fragestellung und der Kontext der Entstehung der Studie genauer erläutert. Wie erwähnt, bewegt sich der Autor in verschiedenen pädagogischen Kontexten, insbesondere innerhalb der Waldorfschulbewegung. Seit der Einführung der zentralen Abiturprüfungen in Hessen im Jahr 2007 beobachtet er bei seinen Kolleg:innen an den Waldorfschulen eine Verunsicherung in Bezug auf die pädagogische Ausrichtung. Für viele Kollegien der Freien Waldorfschulen sind die zentralen Abiturprüfungen somit ein Stück weit auch ein Qualitätsmesser der eigenen pädagogischen Arbeit, da durch das Abschneiden der Schüler:innen Leistungen landesweit vergleichbar gemacht werden, auch in Hinsicht auf unterschiedliche Schulformen. Dies ging, seit der Einführung des Landesabiturs, oftmals mit einer Umstrukturierung der Oberstufenbeschulung an den Waldorfschulen einher, um den Schüler:innen eine angemessene Vorbereitung auf die Prüfungen zu ermöglichen. Dabei wurden nicht selten Kompromisse und Einschränkungen der eigenen waldorfpädagogischen Ausrichtung ausgehandelt.

In diesem Kontext geht der Autor insbesondere auf die niedrigeren Klassenstufen der Sekundarstufe 1 ein. An staatlichen Gymnasien beginnt bereits in diesen Klassenstufen die Vorbereitung auf die Sekundarstufe 2 und damit auch auf die Abiturprüfungen. Das Konzept der Waldorfschulen sieht dagegen eine sogenannte Klassenlehrkraft für die Jahrgangstufen 1–8 vor, welche alle Fächer, einschließlich Biologie, unterrichtet. Erst mit Beginn der Jahrgangsstufen 11–13 wird gezielt auf die Abiturprüfungen vorbereitet. Daraus könnten sich, so eine Hypothese, Nachteile für die Waldorfschüler:innen in Hinblick auf die Abiturvorbereitung ergeben.

Aus diesem Kontext ergeben sich die zentralen Fragestellungen der Arbeit: Gibt es unter den Schüler:innen Strategien bzw. einen bestimmten Modus operandi bei der Vorbereitung auf die Abiturprüfungen? Wie ordnen sie ihre Leistungsfachwahl innerhalb ihrer Schullaufbahn ein? Gibt es hier Unterschiede zwischen Gymnasiast:innen und Waldorfschüler:innen? Welcher Habitus im Umgang mit den Prüfungen ist erkennbar?

Nach dieser Einführung in Kontext und Fragestellung beschreibt der Autor im folgenden Kapitel 3 die Entstehung der zentralen Abiturprüfungen, deren Durchführung sowie den bisherigen Forschungsstand zum Landesabitur. Darüber hinaus gibt er Einblicke in die konkreten Aufgabenstellungen der Klausuren des Leistungsfaches Biologie sowie einen Überblick über die Niveaustufen der Aufgabenstellungen und stellt daran anknüpfend die Korrektur- und Bewertungsschemata der Abiturprüfungen vor.

Nach diesem Überblick über die Modalitäten des hessischen Landesabiturs greift der Autor die Spezifika der Freien Waldorfschulen auf. Hier geht er auf die oben beschriebenen Unterschiede zwischen staatlichen Gymnasien und Freien Waldorschulen unter Berücksichtigung des Faches Biologie ein. Zentral elaboriert er hier die Frage, ob aus den unterschiedlichen Konzepten Nachteile für Waldorfschüler:innen entstehen könnten.

Im Kapitel 5 geht der Autor näher auf das Elternklientel der Waldorfschulen ein. Anhand von quantitativem Datenmaterial zeigt er, dass die Waldorfschulklientel aufgrund der sozioökonomischen und familiären Verortung viele Parallelen zur Klientel der Gymnasien aufweist. Die Freien Waldorfschulen selbst bezeichnen sich als Gesamtschulen, jedoch zeigt die Untersuchung Rohdes, dass eine stärkere Vergleichbarkeit zwischen den Schulformen Gymnasium und Waldorfschule vorliegt als zur Gesamtschule. Hier findet sich die Begründung für sein Forschungsdesign, denn der Autor fasst in seinem Sample Schüler:innen verschiedener hessischer Gymnasien und Waldorfschulen zusammen.

In Kapitel 6 untersucht er anhand von quantitativer Daten des hessischen Kultusministeriums zu den Ergebnissen der zentralen Abiturprüfungen das Abschneiden sowohl der Waldorfschüler:innen als auch der Gymnasiast:innen. Hieraus ergeben sich Hinweise, dass das Leistungsvermögen der Schüler:innen beider Schulformen ähnlich ist. Aus dieser Auswertung lässt sich somit eine Benachteiligung von Waldorfschüler:innen aufgrund der unterschiedlichen Schulkonzepte nicht erkennen, wohl bestätigt sich jedoch die Nähe zur gymnasialen Klientel.

An die Untersuchung der quantitativen Daten schließt sich, beginnend bei Kapitel 7, das Kernstück der Studie an, die qualitative Erhebung. Der Autor hat die Form des Expert:inneninterviews vor dem Hintergrund gewählt, dass die Schüler:innen selbst Expert:innen für die eigene Schullaufbahn und den Umgang mit den Anforderungen des Zentralabiturs sind. Hierfür interviewte Rohde hessische Schüler:innen verschiedener Gymnasien in kleinen, mittelgroßen und Großstädten. In das Sample wurden ebenfalls Schüler:innen der neun hessischen Waldorfschulen aufgenommen. Alle Befragten hatten Biologie als Leistungsfach gewählt und wurden zu ihrer Motivation zur Wahl des Faches sowie zu ihrer Vorbereitung auf die Prüfungen interviewt. Die Interviews fanden dabei zu drei verschiedenen Zeitpunkten statt: Zum ersten Mal wenige Wochen vor den Abiturprüfungen, dann unmittelbar nach den Prüfungen sowie ein drittes Mal nachschulisch eineinhalb Jahre später.

In Kapitel 8 rekonstruiert Rohde aus den Interviews vier verschiedene Habitustypen, die er als kalkulatorischen Habitus, konfidenten Habitus, kautiven Habitus und tolerierenden Habitus beschreibt. Anhand dieser Auswertung wird deutlich, dass es keinen eindeutig identifizierbaren „Waldorfhabitus“ gibt, wie angenommen, sondern eher Überschneidungen zu unterschiedlichen Leistungs- und Lerntypen, wie dies auch an Gymnasien zu finden ist. Zudem ist erkennbar, dass sich die unterschiedlichen Habitustypen und die damit verbundenen Lernstrategien bis ins Studium bzw. in die nachschulische Phase fortsetzen. Diese Ergebnisse werden im letzten Teil, dem Fazit und der Diskussion in Kapitel 9, besprochen.

Diskussion

Wie Rohde darstellt, gibt es zahlreiche Parallelen zwischen der Klientel von Gymansium und Waldorfschule. Dieser Umstand zeigt sich auch in den herausgearbeiteten Beispielen zum Schüler:innenhabitus. Eine neue Erkenntnis aus dem vorliegenden Werk Rohdes ist, dass kein spezifischer Habitus von Waldorfschüler:innen erkennbar ist. Das vorliegende Buch zeichnet ein neues Bild der Waldorfschullandschaft. Durch den Umgang mit den zentralen Prüfungen wird deutlich, dass auch Waldorfschulen ein Teil einer leistungsorientierten Schullandschaft sind. Am Beispiel des hessischen Landesabiturs wird ersichtlich, dass sich Waldorfschulen als solche messen lassen müssen, da sie Teil der hiesigen Bildungslandschaft sind. Dieser Umstand ist für die Waldorfschulen Chance und Herausforderung zugleich: Einerseits zeigt Dirk Rohde anhand seiner Studie, dass Waldorfschulen ähnlich leistungsstarke Schüler:innen hervorbringen wie Gymnasien. Andererseits wird deutlich, dass sich die Waldorfschulen neu verorten müssen. Wie oft beschrieben, hängt in Deutschland der Bildungserfolg von Schüler:innen nach wie vor von ihren sozioökonomischen Ausgangsbedingungen ab. Für die Waldorfschulen stellt sich somit auf Grundlage der Studie Dirk Rohdes die Frage: Möchten und können Waldorfschulen „Schulen für Alle“ im Sinne einer Gesamtschule oder eine Art „Waldorfgymnasien“ für eine eingeschränkte Klientel sein.

Fazit

Das Buch von Dirk Rohde verbindet unterschiedliche, sich gegenseitig ergänzende Perspektiven auf die Prüfungsvorbereitungen von Schüler:innen auf das zentrale Landesabitur. Der Mixed Methods Ansatz bei der Auswertung von quantitativen und vor allem qualitativen Daten liefert ein reichhaltiges und klar nachvollziehbares Forschungsdesign. Das Sample, welches sich aus Schüler:innen von Freien Waldorfschulen und Gymnasien zusammensetzt, ermöglicht neue Einblicke in die hiesige (Waldorf-)Schullandschaft und macht das Buch nicht zuletzt auch interessant für alle, die sich mit Habitusrekonstruktionen beschäftigen.

Rezension von
Larissa Beckel
Wissenschaftliche Mitarbeiterin an der Alanus Hochschule im Institut für Waldorfpädagogik, Inklusion und Interkulturalität
Website
Mailformular

Es gibt 1 Rezension von Larissa Beckel.

Zitiervorschlag anzeigen Besprochenes Werk kaufen

Urheberrecht
Diese Rezension ist, wie alle anderen Inhalte bei socialnet, urheberrechtlich geschützt. Falls Sie Interesse an einer Nutzung haben, treffen Sie bitte vorher eine Vereinbarung mit uns. Gerne steht Ihnen die Redaktion der Rezensionen für weitere Fragen und Absprachen zur Verfügung.


socialnet Rezensionen durch Spenden unterstützen
Sie finden diese und andere Rezensionen für Ihre Arbeit hilfreich? Dann helfen Sie uns bitte mit einer Spende, die socialnet Rezensionen weiter auszubauen: Spenden Sie steuerlich absetzbar an unseren Partner Förderverein Fachinformation Sozialwesen e.V. mit dem Stichwort Rezensionen!

Zur Rezensionsübersicht

Sponsoren

Wir danken unseren Sponsoren. Sie ermöglichen dieses umfassende Angebot.

Über die socialnet Rezensionen
Hinweise für Rezensent:innen | Verlage | Autor:innen | Leser:innen sowie zur Verlinkung

Bitte lesen Sie die Hinweise, bevor Sie Kontakt zur Redaktion aufnehmen.
rezensionen@socialnet.de

ISSN 2190-9245