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Reinhold Feldmann, Anke Noppenberger: Ein FAS(D) perfektes Schulkind

Rezensiert von Ulrike Ziemer, 01.06.2023

Cover Reinhold Feldmann, Anke Noppenberger: Ein FAS(D) perfektes Schulkind ISBN 978-3-497-02989-1

Reinhold Feldmann, Anke Noppenberger: Ein FAS(D) perfektes Schulkind. Ein Bilderbuch zum FAS(D) - Fetales Alkoholsyndrom bzw. Fetale Alkoholspektrumstörung. Ernst Reinhardt Verlag (München) 2020. 58 Seiten. ISBN 978-3-497-02989-1. D: 24,90 EUR, A: 25,60 EUR.

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Thema

Das Bilderbuch setzt sich mit dem Fetalen Alkoholsyndrom bzw. der Fetalen Alkoholspektrumsstörung/FAS(D) auseinander.

Autoren

Dr. rer. Medic. Dipl. Psych. Reinhold Feldmann ist psychologischer Psychotherapeut. Er arbeitet in der Klink- und Poliklinik für Kinder- und Jugendmedizin der Universität Münster und ist in der FAS – Ambulanz in Walstedde tätig.

Anke Noppenberg ist als FAS(D) Coach für Pflegeeltern tätig, arbeitet in der Familienhilfe und ist Mutter.

Die Zeichnungen auf dem Cover und im Innenteil sind von Anke Noppenberg.

Aufbau und Inhalt

Das Bilderbuch mit dem Format 230 mm x 230 mm ist im Reinhardt Verlag erschienen, hat einen farbigen Innenteil und ist in zwei Teile aufgeteilt. Am Anfang finden die Leser*innen eine kurze Information zur „Fetalen Alkohol – Spektrumsstörung (Fetal Alcohol Spectrum Disorder); FAS(D)“ und eine Erklärung zum Inhalt des Buches. Der Bilderbuchteil umfasst 38 bunte Seiten mit leicht verständlichen Texten. Auf den folgenden 11 Seiten erhalten Eltern und Fachleute Erklärungen zu den Bildern und Kindertexten. Die Autoren werden am Ende mit einem gemalten Porträt vorgestellt. Insgesamt enthält das Buch 56 Seiten.

Das FAS(D) kann sich in der Schwangerschaft entwickeln, wenn die Mutter Alkohol zu sich nimmt. Hierbei tritt eine Schädigung bei ca. 40 % der Kinder auf. Es zeigen sich körperliche und/oder geistige Entwicklungsstörungen. Besonders in der Schule werden solche Störungen deutlich. Oft haben die Kinder Konzentrationsschwierigkeiten, können sich nur schwer an Regeln halten und haben Schwierigkeiten bei der Selbstorganisation. Auffällig ist, dass Inhalte oft schnell wieder vergessen werden. FAS(D) Kinder wirken auf ihr Umfeld häufig faul und frech und werden leicht ausgegrenzt.

Das Bilderbuch erzählt mit großflächigen farbigen Bildern und kleinen Texten von Mo. Auf jeweils einer Doppelseite wird ein Themenbereich aufgezeigt. Mo ist umgeben von Erwachsenen, die geduldig versuchen, ihn und seine Verhaltensweisen zu verstehen. Der kleine Junge kommt in die Schule und erzählt, wie er meist selbstbewusst durch den Tag geht. Er selbst findet sich „perfekt“ und nicht „anders als die anderen“. Tage die ruhig beginnen, helfen ihm, beginnt ein Tag hektisch, kann das ein Anlass sein, dass so einiges schief geht. Der Schulweg hat Hindernisse für Mo und in der Schule fällt ihm die Orientierung schwer. Eine Schulbegleitung unterstützt Mo im Schulalltag. Freunde zu finden, ist für Mo schwierig und er ist in den Pausen oft alleine. Mo denkt über sein Verhalten nach und leidet an den Reaktionen der Anderen. Menschen, die ihn verstehen sind ihm wichtig. Sie können zum Beispiel Leuten sagen, dass er nicht böse sein möchte und ihnen erklären, warum er so reagiert.

Im Erwachsenteil werden die Inhalte der Bilderbuchseiten erläutert. Hierbei ist jeweils ein Bildausschnitt abgebildet, sodass eine Zuordnung möglich ist. Mo ist ein Junge mit FAS(D). Er besucht die Schule und hat im Alltag mit Konflikten zu kämpfen. Wertschätzung zu erfahren, ist für alle Menschen wichtig und besonders für Kinder mit Problemen. Es ist nicht leicht, Anerkennung zu erhalten, wenn ein Mensch sich widrig verhält. Mo stört und hält sich nicht an Spielregeln, daher wird er von anderen Kindern gemieden. Was provokant wirkt, kann bei Kindern mit FAS(D) ein Zeichen von Überforderung sein. Viele der betroffenen Kinder wollen nicht auffallen und strengen sich an, besonders außerhalb des häuslichen Umfeldes unauffällig zu sein. Wenn sie dann zu Hause sind, fällt diese Anspannung von ihnen ab und sie sind aggressiv und verweigern sich.

So entsteht oft ein völlig unterschiedliches Verhaltensmuster in Schule und Elternhaus. Bei alltäglichen Abläufen können wiederkehrende Routinen und kleine Bildsymbole helfen. Was kommt zuerst, was danach, ist so leichter erkennbar. Hilfen wie aufgemalte Linien in Schulen, um dem Kind den Weg zu zeigen, sind nicht immer hilfreich, da sie allen Anderen den Hilfebedarf deutlich machen. Inwieweit eine Schulbegleitung sinnvoll ist, hängt von der jeweiligen Situation ab. Mo erzählt in diesem Buch, das es ihm hilft, sich zu orientieren. Veränderungen im Schulalltag machen allen Kindern Probleme. Kinder mit FAS(D) fühlen sich überfordert und können die Orientierung verlieren wenn zum Beispiel der Klassenlehrer krank ist oder ein anderes Kind auf seinem Platz sitzt. Nicht immer ist es der Schule möglich, hier Verlässlichkeit anzubieten. Klare Strukturen und leicht verständliche Erklärungen können helfen, aggressive Ausbrüche zu verhindern oder abzumildern. Einige Kinder mit FAS(D) leben in Pflege- oder Adoptivfamilien die sich gut über das Syndrom informiert haben. Sie bieten sich an, Lehrer und andere Eltern über Besonderheiten zu informieren. Am Ende der Geschichte erzähl Mo stolz, dass er auf dem Campingplatz einen Freund gefunden hat, seinen besten Freund. Auf Nachfragen wird deutlich, dass er den Namen vergessen hat. Mo konnte nicht einschätzen, was ein bester Freund ist und das ein Urlaubsort mit wechselnden Besuchern eher kein geeigneter Ort ist, um einen dauerhaften Freund zu finden.

Diskussionen

Das vorliegende Buch spricht durch seine strahlenden Farben eine emotionale Sprache. Der Bilderbuchteil mit den farblich gestalteten Doppelseiten macht neugierig. Mo tritt fröhlich und selbstbewusst auf „Hallo, ich bin Mo. Ich habe FASD.“ Er sagt, dass er sich als perfekt und nicht anders als andere empfindet. Wenn man die Zeichnung anschaut, findet man Mo gleich sympathisch. Da sich der Bildteil an Kinder, besonders an Kinder mit FAS(D) wendet, ist es nachvollziehbar, dass die Texte sehr kurz und die Bilder eindeutig ohne Hintergrundablenkung sind. Altersgerecht entwickelte Schulkinder könnten diese Art der Präsentation langweilig empfinden, sind sie doch im Schulalter komplexere Geschichten und Zeichnungen gewöhnt.

Die Adressaten dieses Buches sind Kinder, die selbst betroffen sind und die so die Chance erhalten, sich mit ihrem eigenen Verhalten und dem von Mo auseinanderzusetzen. Hierbei benötigen sie Begleitung von verständnisvollen Erwachsenen. Hier greift das Konzept des Buches. Eltern und Fachleute werden im zweiten Teil über Mo und seine Besonderheiten informiert und so in die Lage versetzt Kindern Antworten auf ihre Fragen zu geben. Es handelt sich nicht um ein Bilderbuch, zum alleine betrachten, sondern um ein Instrument, das Bezugspersonen hilft mit den betroffenen Kindern und/oder deren Freunden ins Gespräch zu kommen. Die gewählte Figur „Mo“ macht den Leser*innen dies leicht. Mo mag sich selbst leiden, er findet sich ziemlich „perfekt“, kann aber auch reflektieren und Situationen wahrnehmen, die ihm nicht so gelingen. Immer ist das Ziel deutlich, von den Anderen akzeptiert zu werden und nicht zu stören.

Den Autoren gelingt es, die Sachverhalte offen und ehrlich darzustellen. Immer ist die Hoffnung im Hintergrund, dass es Möglichkeiten gibt, etwas zu verändern. Herr Feldmann und Frau Noppenberger machen Mut, Kindern auf Augenhöhe zu begegnen, sie wertzuschätzen und unangepasste Reaktionen zu hinterfragen. Nicht immer wird dies gelingen, aber Mo zeigt, dass er über sich nachdenken kann. Er hilft so anderen Kindern, dies auch zu tun. Das vorliegende Buch ist geeignet, um mit Kindern Gespräche zu führen und Situationen reflektierend zu besprechen. Es hat auch das Potenzial Eltern und Fachleute auf mögliche kindliche Reaktionen vorzubereiten und eine wohlwollende Haltung zu entwickeln. Der Umfang der Texte ist überschaubar und weckt Interesse, sich mit der Thematik auseinanderzusetzen. Die Stärke des Buches kann sich jedoch nur entfalten, wenn sich Erwachsene und Kinder aufeinander einlassen und bereit sind, sich von Mo und seiner Geschichte inspirieren zu lassen. Die leuchtende farbige Gestaltung, die klaren Illustrationen und die Erklärungen sind gelungen und besitzen einen hohen Aufforderungscharakter. Das Buch kann kein Fachbuch zum Themenbereich ersetzen, sondern mehr ergänzend wirken. Dies ist genau der Ansatz dieses Werkes.

Fazit

Bei dem Buch „Ein FAS(D) perfektes Schulkind“ von Reinhold Feldmann und Antje Noppenberg handelt es sich um ein illustriertes pädagogisches Bilderbuch mit Erläuterungen für Erwachsene. Inhaltlich geht es um die besonderen Erfahrungen des Jungen Mo mit seinem Elternhaus und seiner Schule. Aufgrund von FAS(D) erlebt Mo seinen Alltag und die Anforderung der Schule auf seine eigene Art und Weise. Er ist auf das Verständnis seines Umfeldes angewiesen.

Rezension von
Ulrike Ziemer
Dipl. Heilpädagogin (FH)
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Es gibt 30 Rezensionen von Ulrike Ziemer.

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Zitiervorschlag
Ulrike Ziemer. Rezension vom 01.06.2023 zu: Reinhold Feldmann, Anke Noppenberger: Ein FAS(D) perfektes Schulkind. Ein Bilderbuch zum FAS(D) - Fetales Alkoholsyndrom bzw. Fetale Alkoholspektrumstörung. Ernst Reinhardt Verlag (München) 2020. ISBN 978-3-497-02989-1. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/30379.php, Datum des Zugriffs 18.07.2024.


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