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Yannick Liedholz, Johannes Verch (Hrsg.): Nachhaltigkeit und Soziale Arbeit

Rezensiert von Dr. phil. Stefan Hoffmann, 13.09.2023

Cover Yannick Liedholz, Johannes Verch (Hrsg.): Nachhaltigkeit und Soziale Arbeit ISBN 978-3-8474-2650-9

Yannick Liedholz, Johannes Verch (Hrsg.): Nachhaltigkeit und Soziale Arbeit. Grundlagen, Bildungsverständnisse, Praxisfelder. Verlag Barbara Budrich GmbH (Opladen, Berlin, Toronto) 2023. 256 Seiten. ISBN 978-3-8474-2650-9. D: 33,00 EUR, A: 34,00 EUR.

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Entstehungshintergrund und Thema

Die Herausgeber stellen eingangs fest, dass Soziale Arbeit sich dem Nachhaltigkeitsdiskurs noch nicht zugewandt habe. In dem Sammelband wollen die Autor:innen und Herausgeber daher den Nachhaltigkeitsdiskurs wesentlich für die Soziale Arbeit erschließen und somit als Mindestanspruch die Wissensbasis zu diesem Thema deutlich verbreitern und konkretisieren (Liedholz/​Verch 2022: 7f). Sie wollen in die Diskurse um Nachhaltigkeit und eine Bildung für Nachhaltige Entwicklung grundlegend einführen und zu ausgewählten Handlungsfeldern eine nachhaltigere Praxis Sozialer Arbeit aufzeigen. Sie rekurieren dabei vor allem im ersten Teil „Theoretischen Zugänge“ auf das ökologisch orientierte Konzept der starken (und schwachen) Nachhaltigkeit in Anlehnung an Döring und Ott. Selbstkritisch formulieren sie dabei, ob ihr Buchprojekt einer nicht nachhaltigen Wissenschaftskultur und einer selbstreferentiellen Wachstumsdynamik (ebd.: 13) unterliege und bringen damit eine hohe Authentizität bezüglich des Kernthemas Nachhaltigkeit in der Wissenschaft und Sozialen Arbeit zum Ausdruck.

Die Herausgeber

Yannick Liedholz ist Dozent an der Alice Salomon Hochschule in Berlin. Er vertritt Themen wie Klimagerechtigkeit, Bildung für nachhaltige Entwicklung, nachhaltige Hochschulentwicklung und Erlebnispädagogik.

Johannes Verch ist Professor für Soziale Arbeit mit dem Schwerpunkt Bildung für Nachhaltige Entwicklung an der Alice Salomon Hochschule (ASH) in Berlin. Er ist Mitbegründer der DGSA-Fachgruppen „Bewegung, Sport und Körper“ sowie „Sozial-ökologische Transformationen und Klimagerechtigkeit in der Sozialen Arbeit“.

Aufbau und Inhalt

Das Buch hat 256 Seiten und ist in vier Teile mit insgesamt 18 Beiträgen unterteilt. Nach dem einleitenden Kapitel werden die Bereiche „Grundlegende Perspektiven und theoretische Zugänge“, „Bildung für Nachhaltige Entwicklung (BNE) und Soziale Arbeit“ „Ausgewählte Handlungs- und Praxisfelder von Nachhaltigkeit und Sozialer Arbeit“ und „Ausblicke und weiterführende Überlegungen“ bearbeitet. Sieben der 18 Artikel sind von den Herausgebern selbst verfasst. Sie wollen damit zum einen die Such- und Findungsbewegung „eines solch anspruchsvollen Projekts“ minimieren, den „geistigen roten Faden“ halten und das „Nachhaltigkeitsdenken“ an der ASH zum Ausdruck bringen (ebd.: 12).

Im ersten Teil wird das von den beiden Herausgebern fokussierte Konzept der starken und schwachen Nachhaltigkeit erläutert und in verschiedene Bezüge zu (internationaler) Sozialer Arbeit gesetzt – alle darin enthaltenen sechs Beiträge nehmen hierauf Bezug. Dabei werden neben grundlegenden Überlegungen zur starken Nachhaltigkeit weitere Themen wie Soziale Arbeit als Menschenrechtsprofession, das Konzept des buen vivir, Sozialmanagement und Transformationsansätze vor dem Hintergrund starker Nachhaltigkeit reflektiert.

Um der Ausrichtung dieses Teils des Buches gerecht zu werden und zukünftige Leser:innen in den zentralen Ankerpunkt des Denkens der Herausgeber einzuführen, wird nachfolgend Nachhaltigkeit beschrieben wie Liedholz/​Verch sie verstehen. Dazu wird im zweiten Kapitel von Liedholz das Konzept der Pole der starken und schwachen Nachhaltigkeit erklärt: schwache Nachhaltigkeit balanciere die bekannten drei Nachhaltigkeitsdimensionen (ökologische, soziale und ökonomische) aus und betrachtet diese als gleichberechtigte Säulen – ökologische Bestände (wie das Klima) könnten hierbei für ökonomische und soziale Zielsetzung dabei aufgezehrt werden. In starker Nachhaltigkeit wird die ökologische Dimension stärker gewichtet und sieht diese Dimension als Fundament einer Nachhaltigen Entwicklung an. Hieraus könnten dann soziale/​politische oder ökonomische Zielsetzungen verfolgt werden. Die ökologische Dimension müsse also im nachhaltigen Handeln primär verfolgt und gedacht werden. Im weiteren Verlauf des Kapitels verortet Liedholz Soziale Arbeit in vier Argumentationslinien in diesem ökologischen Fokus. Er leitet diese hauptsächlich aus der Arbeit Ott/Dörings ab (Ott ist Professor für Umweltethik und Döring promovierter Ökonom am Thünen Institut, Schwerpunkt Fischerei). Die Bereiche

  • Ökologie
  • inter- und intragenerationelle (Menschrechtsbezug) Gerechtigkeit
  • Nicht-Substituierbarkeit von Naturkapital
  • die veränderbare Hierarchie der Nachhaltigkeitstrias die mit einer gesellschaftlich-politischen Debatte sozialer Bedingungen einhergeht

seien Grundanliegen Sozialer Arbeit und ein Fokus des Konzeptes starker Nachhaltigkeit. Das Kapitel schließt mit zwei abstrahierten Praxisbeispielen Sozialer Arbeit, die die Handlungsoptionen einer starken Nachhaltigkeit aufzeigen.

Die weiteren Teile des Sammelbandes beziehen sich weniger auf dieses Konzept starker Nachhaltigkeit und führen in die Bereiche BNE (mit Bezug Kinder- und Jugendarbeit) ein, gefolgt von Überlegungen zu Nachhaltigkeit in ausgewählten Praxisfeldern (Sport/​Kinder- und Jugendarbeit/​Hochschularbeit- Lehrveranstaltung). Abschließend werden im letzten Teil Nachhaltigkeitsperspektiven in den Bereichen Geschlechtergerechtigkeit, Digitalisierung und solidarische Ökonomie gesucht.

Diskussion

Die Herausgeber fragen sich eingangs, ob es noch ein Buch für den Bereich Nachhaltigkeit geben muss. Diese Frage muss – bezogen auf dieses Buchprojekt – mit „ja“ beantwortet werden. Das Buch gibt gute Überblicke über aktuelle Diskussionslinien im Bereich Soziale Arbeit und Nachhaltigkeit. Es fordert vor allem im ersten Teil mit seinem permanenten Rekurs auf starke Nachhaltigkeit eine eigene Positionierung des Leser:in heraus und regt somit an, die eigene theoretische Profilierung zu begründen und sowohl die sozialarbeiterische Praxis als auch eigene Lebensführung zu reflektieren und ggf. zu revidieren. Das Buch richtet sich dabei an Leser:innen, die einen Erstkontakt zur Diskussion, Nachhaltigkeit und Soziale Arbeit suchen, kann aber auch für bereits Belesene gewinnbringend sein – allerdings müssen Gegenpositionen dabei selbst erarbeitet werden. Mit dem Anspruch, Grundlagen zu erörtern, wäre es ein Gewinn für den Sammelband gewesen, wenn im ersten Teil des Buches ein Kapitel eingefügt wäre, das weitere (kritische) Nachhaltigkeitsverortungen Sozialer Arbeit bespricht wie Böhnischs Sozialpädagogik oder Konzepte sozial-ökologischer Transformation vorstellt oder das Kapitel der solidarischen Ökonomie nicht als Perspektive gewertet würde, sondern als genossenschaftlicher Ansatz, der in vielen Ländern (jungen) Menschen ökonomisches Empowerment bietet, damit sie ökologischer handeln können.

Dennoch ist es wenig störend, dass das komplexe Thema Nachhaltigkeit und die nicht weniger komplexe Profession und Theorie Soziale Arbeit vor allem im ersten Teil des Buches nach einer Positionsbestimmung suchen und ringen und dabei diese Suchbewegung immer wieder in offenen Fragen und neuen praktischen Aspekten deutlich wird. Ob das Angebot einer starken Nachhaltigkeit tragfähig ist, muss die Leser:in selbst beantworten. Der Anspruch einer transformativen Sozialen Arbeit zieht sich aber gewinnbringend durch das Buch und bietet theoretische und praktische Impulse für die Verhältnistransformation als auch die (eigene) Verhaltenstransformation.

Leider werden im Buch keine Information zum Wirken der einzelnen Autor:innen gegeben – gerade bei so einem individuell verankerten Thema wäre dies ein weiterer Gewinn gewesen.

Fazit

Die Herausgebenden wissen um den hohen Anspruch ein ökologisches Konzept starker Nachhaltigkeit im Diskussionsstrang mit dem Geist einer kritischen Nachhaltigkeit zu verfolgen und sie wissen um die Kompromisse, die bei solch einem Buchprojekt gemacht werden müssen (ebd.: 12). Die Kompromisse sind gemacht worden und geben genug Anregungen, Nachhaltigkeit als einen positiven Mythos (Verch 2007: 110) für Soziale Arbeit in Handlung und Haltung zu reflektieren.

Literatur

Verch, Johannes: Die versportlichte Technologiegesellschaft als Umweltproblem. Das Naturverhältnis eines aufstrebenden Kulturphänomens und seine Zusammenhänge zu Umwelt, Ökologie, Nachhaltigkeit und Globalisierung. 2 Bände. Berlin 2007

Rezension von
Dr. phil. Stefan Hoffmann
Landesjugendreferent im EJW-Weltdienst Schwerpunkt: internationale und nachhaltige Jugendarbeit und Jugendpartizipation. Lehrbeauftragter an der EH Ludwigsburg, DHBW und IHL.
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Es gibt 3 Rezensionen von Stefan Hoffmann.

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Zitiervorschlag
Stefan Hoffmann. Rezension vom 13.09.2023 zu: Yannick Liedholz, Johannes Verch (Hrsg.): Nachhaltigkeit und Soziale Arbeit. Grundlagen, Bildungsverständnisse, Praxisfelder. Verlag Barbara Budrich GmbH (Opladen, Berlin, Toronto) 2023. ISBN 978-3-8474-2650-9. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/30388.php, Datum des Zugriffs 18.07.2024.


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