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Daniel Kieslinger (Hrsg.): Die Wirtschaftlichkeit der Kinder- und Jugendhilfe

Rezensiert von Christian Busch, 14.02.2024

Cover Daniel Kieslinger (Hrsg.): Die Wirtschaftlichkeit der Kinder- und Jugendhilfe ISBN 978-3-7841-3504-5

Daniel Kieslinger (Hrsg.): Die Wirtschaftlichkeit der Kinder- und Jugendhilfe. Leistung. Entgelt. Qualität. Lambertus Verlag GmbH Marketing und Vertrieb (Freiburg) 2023. 390 Seiten. ISBN 978-3-7841-3504-5. D: 25,00 EUR, A: 25,70 EUR.
Reihe: Beiträge zur Erziehungshilfe - 51.

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Entstehungshintergrund und Thema

Das vorliegende Buch versucht die zunehmend an Bedeutung gewinnende Frage nach der Wirtschaftlichkeit der Kinder- und Jugendhilfe vor dem Hintergrund aktueller Entwicklungen zu beantworten. Ausgangslage dafür sei die zunehmende Ökonomisierung im öffentlichen Sektor, die ein Spannungsverhältnis zwischen Wirtschaft und Sozialem zeichnet. Der Sammelband versucht die Frage deshalb mithilfe verschiedener Perspektiven zu beantworten: sozialwirtschaftliche und rechtliche Rahmenbedingungen, Finanzierungsstrukturen, unternehmerische Faktoren, Perspektiven und Entwicklungen. Steffen Feldmann (vgl. S. 7–8) führt im Vorwort aus, dass das Buch in einem Zeitraum vielfältiger Krisen entstanden sei, z.B. Covid-19 oder Ukrainekrieg, und sich die Frage nach der zukünftigen Finanzierung vor dem Hintergrund des Anstiegs an Qualität pädagogischer Leistungen stelle. Bisher habe dies jedoch noch keinen Eingang in den politischen Diskurs erhalten. Weitere Entwicklungen wie das aktuelle Sparprinzip öffentlicher Träger oder der anhaltende Fachkräftemangel beeinflussen die Leistungserbringung enorm. Diese Fragen werden mithilfe einer umfangreichen Darstellung von Personalakquise, ökologischen Herausforderungen, Arbeitgebern und Transparenz in der Trägerlandschaft beantwortet.

Herausgeber und Autoren:innen

Der Sammelband wurde unter dem Schirm des Bundesverbandes Caritas Kinder- und Jugendhilfe e.V. (BVkE) beim Verlag „Lambertus“ veröffentlicht. Er ist Teil der Beiträge zur Erziehungshilfe, welche kontroverse Arbeitgeberfragen in den Blick nehmen und fachpolitische Themen und Stellungnahmen veröffentlichen. In der Einleitung (vgl. S. 9–19) beschreibt der Herausgeber Daniel Kieslinger (stellvertretender Geschäftsführer des Bundesverbandes), dass die fachpolitische Arbeit, aufgrund der gegenwärtigen Notwendigkeit, auch weiterhin in dieser Form geleistet wird. Die Beiträge in diesem Buch wurden von diversen Autoren:innen verfasst: darunter Professoren:innen bedeutender Hochschulen sowie Berufspraktiker:innen der Sozialen Arbeit.

Aufbau und Inhalt

Das vorliegende Buch besteht aus vier Kapiteln, die einem inhärenten Aufbau folgen. Sie werden dabei systematisch von der Vogel- zur Froschperspektive auf die Wirtschaftlichkeitsstrukturen der Kinder- und Jugendhilfe gegliedert.

Einleitung

Einleitend beschreibt Daniel Kieslinger (vgl. S. 9–19), dass Preissteigerungen bei wachsender Nachfrage zur Einstellung von Angeboten und Existenzbedrohung von Einrichtungen führen können. Er macht dafür verschiedene Entwicklungen verantwortlich, die zu Widersprüchen und Spannungsfeldern führen. So seien das ökonomische Prinzip, der zu erwartende Anstieg an Kosten und Qualität in einer unübersichtlichen Trägerlandschaft der Grund für die aktuellen Risiken. Vor diesem Hintergrund müsse beachtet werden, dass die Leistungserbringung nicht nur eine solidarische Funktion habe, sondern auch eine Investition in die Zukunft der Gesellschaft darstellt.

Kapitel 1- Sozialwirtschaftliche und sozialrechtliche Rahmenbedingungen

Das erste Kapitel verdeutlicht, dass der Wettbewerb in der Kinder- und Jugendhilfe reguliert werde und es keinen freien Markt gebe, weshalb verschiedene Regelungen und Einschränkungen zu beachten sind. So beschäftigen sich beispielsweise Ingo Bode (vgl. S. 19–40) mit Geld und der Wirtschaftlichkeit im Sozialwesen und Heinz Messmer (vgl. S. 56–78) mit der Kooperation und dem Wettbewerb als Steuerungselemente in der Kinder- und Jugendhilfe. Im Beitrag von Christian Bernzen (vgl. S. 40–56) werden die rechtlichen Rahmenbedingungen der Finanzierung von Kinder- und Jugendhilfe heraus- und Grundlagenwissen zur Verfügung gestellt. Zunächst beschreibt er, dass Freie Träger soziale Leistungen durch das Prinzip der Subsidiarität erbringen. Da diese Leistungen durch die öffentliche Hand finanziert werden, herrsche das regulierte Marktprinzip, wodurch es zu Wettbewerbseinschränkungen kommt. Die Finanzierung werde dabei durch die Haushalte der staatlichen Organe beeinflusst und durch vorab verhandelte Entgelte mit dem Sozialleistungsträger umgesetzt. Aufgrund von Spannungsfeldern und dem zunehmenden Wirkungsgedanken im Sozialleistungsdreieck wurde ein liberalerer Markt eröffnet. Der Autor beleuchtet dabei die einzelnen Veränderungen durch das KJSG und die Relevanz für die Finanzierung. Als Beispiel erläutert er die Verbesserung der Transparenz in der Buchhaltung von Freien Trägern.

Kapitel 2- (Finanzierungs)-Strukturen der Kinder- und Jugendhilfe

Im zweiten Kapitel steht das Sozialleistungsdreieck im Vordergrund, das Komponenten beinhaltet, die sich gegenseitig beeinflussen. Die dadurch entstehenden Spannungsfelder werden, z.B. durch Beiträge von Michael Spielmann (vgl. S. 135–156) zur Leistungsfinanzierung in Baden-Württemberg oder von Florian Hinken (vgl. S. 203–223) zur interorganisationalen Kooperation in den Erziehungshilfen, dargestellt. Im Beitrag von Joachim Merchel (vgl. S. 79–96) zum fachlichen Handeln und zur Finanzsteuerung erzieherischer Hilfen im ASD wird beschrieben, dass dem rechtlichen Anspruch auf fachlich angemessene Hilfen stets das sozialrechtlich zugewiesene Budget gegenüberstehe. Er geht der Frage nach, wie der ASD mit den expandierenden Kostenentwicklungen umgehen könne. In einer Tabelle zeigt Merchel zunächst, welchen Verlauf die Ausgaben auf Seiten des Jugendamtes genommen haben. Danach seien sowohl Fallzahlen als auch Einzelausgaben kontinuierlich angestiegen, was gleichzeitig öffentlich legitimiert werden muss. Aufgrund des nicht erwartbaren Rückgangs an Kosten stelle sich vielfach die Frage, wie und ob die Kosten gesteuert werden können. Der ASD müsse einen Balanceakt führen, mit dem fachlich gerechte Hilfen zu geringen Kosten gewährt werden. Er stellt dafür mögliche Lösungsansätze dar, die kontrovers diskutiert werden. Zum Beispiel sieht er durch den zunehmenden Wettbewerb zwischen Freien Trägern eine zu erwartende Qualitätsreduzierung, was jedoch zur gleichzeitigen Verlängerung der Einzelhilfe führen kann.

Kapitel 3- Unternehmerische Faktoren zur Sicherung der Wirtschaftlichkeit

Das dritte Kapitel nimmt Bezug auf die Verpflichtung Freier Träger zur Leistungsfähigkeit, Wirtschaftlichkeit und Sparsamkeit, was zu einem betriebswirtschaftlichen Umdenken und eine langfristige, strategische Unternehmensplanung führt. Ziel dabei sei die optimale Leistungserbringung. Michael Nagy (vgl. S. 223–245) untersucht dabei z.B. die Frage, wie sich Compliance auf die Einrichtungen auswirkt. Thomas Wolke (vgl. S. 245–267) geht hingegen auf das betriebswirtschaftliche Risikomanagement ein. Der Personalmangel stellt sich in der Fachöffentlichkeit als kontroverses Thema dar. Catja Teicher (vgl. S. 267–276) nimmt in ihrem Beitrag Bezug darauf und beschreibt die Gefahr, dass Angebote nicht mehr aufrechterhalten werden können. Als Ursache dafür führt sie verschiedene Entwicklungslinien an. Beispielsweise können durch den demografischen Wandel zukünftig weniger Fachkräfte ausgebildet werden. Des Weiteren gebe es einen Widerspruch zwischen Anspruch auf Kitabetreuung und dem dafür nötigen Bedarf an Personal. Auch führen Veränderungen durch das KJSG zu vielfältigen Herausforderungen im Praxisalltag, die die Fluktuation von Fachkräften zur Folge haben. Lösungsansätze wie die Anerkennung von weiteren Berufen oder die Anerkennung von ausländischen Fachkräften haben bisher zu wenig Entlastung geführt. Insgesamt habe sich der Arbeitgebermarkt zum Arbeitnehmermarkt transformiert, wodurch neue Leitungsstile erschlossen und eine Bindung von Mitarbeitern:innen hergestellt werden müsse. Dabei habe der Konkurrenzkampf um die Mitarbeiter:innen bereits begonnen.

Kapitel 4- Fachliche Weiterentwicklungen und Perspektiven

Die ersten Kapitel beleuchten vorrangig den status quo, das letzte Kapitel hingegen fachliche Weiterentwicklungen und Perspektiven, die sich durch die inklusive Öffnung der Kinder- und Jugendhilfe ergeben. Dazu beschreibt z.B. Petra Hiller (vgl. S. 358–381), welche Möglichkeiten und Herausforderungen sich durch die Implementierung von inklusiven, stationären Wohngruppe ergeben. Ulrike Bavendiek (vgl. S. 343–358) nimmt hingegen die Entwicklung der ambulanten Angebote in den Blick. Britta Obernolte und Michael Krause (vgl. S. 329–343) beleuchten Inklusionsprozesse, die in der Kinder- und Jugendhilfe stattfinden werden. Dabei benötigen Mitarbeiter:innen vermehrt Ressourcen, Motivation und Vernetzung zur Bewältigung der kommenden Herausforderungen. Angebote müssen schließlich angepasst bzw. neu erschaffen werden, was eine Kreativität in der Konzeption erforderlich mache. Dies bedarf zudem einer langfristigen Personalentwicklungsplanung. Obernolte und Krause berichten dabei aus ihrem Modellprojekt „Inklusion jetzt!“, welche unterschiedlichen Arbeitsformen es zur Umsetzung gebe. Die bereits stattfindenden Veränderungen verlangen zunehmende Inklusion in der Teamentwicklung- und Führung. Auch werde die Öffnung des Fachkräftegebots sowie die Modifizierung des Betriebserlaubnisverfahrens und der Einbezug der Integrationsämter zu diskutieren sein. Fakt sei, dass die Akteure der Kinder- und Jugendhilfe nun in der Verantwortung stehen, die inklusive Öffnung zu vollziehen und die damit einhergehenden Chancen und Potenziale zu nutzen.

Diskussion

In dem vorliegenden Sammelband werden umfangreich Grundlagen, Strukturen und Perspektiven der Kinder- und Jugendhilfe dargestellt und diskutiert. So wird nicht nur der status quo beschrieben, sondern eine Praxis skizziert, die sich vor dem Hintergrund gesellschaftlicher Herausforderungen stetig weiterentwickelt. Deutlich wird, dass die Kinder- und Jugendhilfe dem zunehmenden Legitimationsdruck der Öffentlichkeit bei gleichzeitigem Qualitätsanstieg und inklusiver Öffnung standhalten muss. Folgen sind z.B. Diskurse um Leistungsanspruch und Leistungserbringung bei einer Bewertung der Wirtschaftlichkeit von Kinder- und Jugendhilfe. Die parallel dazu verlaufenden Entwicklungen des Fachkräftemangels oder der steigenden Fallzahlen führen zu drohenden Schließungen von Angeboten und Einrichtungen. Es überrascht daher nicht, dass das Buch einen eher appellierenden Charakter an Politik, Fachöffentlichkeit und Praxis im Gesamtbild besitzt. Insgesamt wird eine eher negative, aber scheinbar reale Zukunft in der Trägerlandschaft und Leistungserbringung der Kinder- und Jugendhilfe in Aussicht gestellt. Mögliche Lösungswege fanden dennoch Eingang in die Publikation. Damit liefert das Buch ein umfangreiches Grundlagenwissen, dass es Leser:innen ermöglicht, eine eigene und differenzierte Meinung zu bilden.

Fazit

Die von Daniel Kieslinger herausgegebene Publikation ist für alle Leser:innen geeignet, die sich der Problematik der aktuellen und zukünftigen Wirtschaftlichkeit der Kinder- und Jugendhilfe aus unterschiedlichen Perspektiven nähern möchten. Gleichzeitig ist das Buch eine Bereicherung für Berufseinsteiger:innen, Studenten:innen und Interessierte, die Grundlagenwissen auf diesem Themengebiet erwerben möchten.

Rezension von
Christian Busch
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Es gibt 2 Rezensionen von Christian Busch.

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Zitiervorschlag
Christian Busch. Rezension vom 14.02.2024 zu: Daniel Kieslinger (Hrsg.): Die Wirtschaftlichkeit der Kinder- und Jugendhilfe. Leistung. Entgelt. Qualität. Lambertus Verlag GmbH Marketing und Vertrieb (Freiburg) 2023. ISBN 978-3-7841-3504-5. Reihe: Beiträge zur Erziehungshilfe - 51. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/30391.php, Datum des Zugriffs 15.04.2024.


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