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Sander Marco: Autonomie trotz Wachkoma

Rezensiert von Jürgen Drebes, 02.03.2023

Sander Marco: Autonomie trotz Wachkoma: Ethische Entscheidungsfindung bei neurologisch schwerst erkrankten Menschen. disserta Verlag (Hamburg) 2016. 136 Seiten. ISBN 978-3-95935-230-7.

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Thema

Das vorliegende Buch setzt sich mit der Fragestellung auseinander, inwieweit neurologisch erkrankte Menschen im Wachkoma an Entscheidungsfindungsprozesse, auch bei schwerster Betroffenheit, mitwirken können. Als Grundlage der Fragestellung dient die Änderung von Therapiezielen in der stationären Langzeitversorgung.

Autor

Marco Sander ist Altenpfleger und seit vielen Jahren in unterschiedlichen Bereichen des Pflege- und Gesundheitsbereichs erfahren. Die langjährige Arbeit mit Menschen im Wachkoma hat in zu Forschungen in diesem Bereich bewogen, die in Bachelor- und Masterabschluss mündeten.

Entstehungshintergrund

Die langjährige Arbeit von Menschen mit erworbenen schwersten Hirnschädigungen im Wachkoma und die regelmäßige Konfrontation von Mitarbeitenden mit ethischen Dilemmata in diesem Bereich haben Marco Sander dazu bewogen, genau hinzuschauen und der Frage nachzugehen, ob Menschen mit schwersten Hirnschädigungen in ethische Entscheidungsfindungsprozesse einbezogen werden können.

Aufbau und Inhalt

Nach der Einleitung, in der die einzelnen Kapitel zusammengefasst werden, wird in Kapitel 1 dargestellt, wie vielschichtig und unterschiedlich in der wissenschaftlichen Betrachtung mit dem Phänomen Wachkoma umgegangen wird. Dabei wird aus unterschiedlichen Blickwinkeln diskutiert, ob es sich bei Menschen im Wachkoma um hirntote Menschen handelt oder ob es sich eher um Menschen handelt, die vor sich hin vegetieren und keinerlei Lebensqualität haben.

Das Kapitel 2 beschäftigt sich im Schwerpunkt mit dem Phänomen Wachkoma. Dargestellt werden in diesem Teil des Buches die unterschiedlichen Definitionsversuche des Zustands Wachkoma, auch in der historischen Entwicklung. Die Abgrenzung zu anderen neurologischen Erkrankungen erfolgt in diesem Kapitel ebenso wie die Förderungsmöglichkeiten im Rahmen der neurologischen Rehabilitation nach Maßgabe der Bundesarbeitsgemeinschaft für Rehabilitation. Nachfolgend werden ethische Entscheidungsfindungsmodelle aufgezeigt und ihre Relevanz auf die pflegerische Versorgungspraxis dargestellt. Zusätzlich werden die rechtlichen Rahmenbedingungen und deren Umsetzungsmöglichkeiten beschrieben.

Im Kapitel 3 erfolgt eine Literaturanalyse in Hinblick auf die Beteiligung bewusstseinseingeschränkter Menschen an Fragen der Therapiezielveränderungen in ethischen Entscheidungsfindungsprozessen. Die Methodik der durchgeführten Literaturanalyse und der Stand der modernen Wachkomaforschung zu der Fragestellung der Beteiligung wird in zwei Unterkapiteln dargestellt. Es folgt im nächsten Unterkapitel die Darstellung der feministischen Ethik als mögliche Sichtweise auf die Beantwortung ethischer Fragen im Rahmen der Versorgung von Menschen im Wachkoma. Abschließend in diesem Kapitel werden die Ergebnisse zusammengefasst, kritisch gewürdigt und bewertet.

Das Kapitel 4 beschreibt den Ansatz einer Konzeptionsentwicklung, der sich aus den analytischen Betrachtungen im vorigen Kapitel ableiten lässt. Hier werden sowohl die individuellen Ausdrucksmöglichkeiten der betroffenen Person als auch vorliegende theoretische Ansätze berücksichtigt und mit der Praxis verknüpft. Im abschließenden Kapitel 5 werden die wesentlichen Gesichtspunkte aus den vorherigen Kapiteln zusammengefasst. Im Anschluß werden erforderliche Schritte zur Umsetzung der zuvor entwickelten Aspekte dargestellt, sowohl bezogen auf die Theorie als auch auf die praktische Anwendbarkeit.

Diskussion

In dem vorliegenden Buch Autonomie trotz Wachkoma – Ethische Entscheidungsfindung bei neurologisch schwerst erkrankten Menschen gelingt es Marco Sander sehr gut, sich mit dem Zustand von Menschen mit schweren Hirnschädigungen auseinanderzusetzen. Seine Fachexpertise im Umgang mit Menschen mit erworbenen schweren und schwersten Hirnschädigungen wird relativ schnell deutlich und zieht sich durch das gesamte Buch. Die theoretische Auseinandersetzung mit dem Phänomen des Wachkomas ist sehr gut gelungen. In der Literaturanalyse werden die relevanten Schriften und Beiträge zum Thema herausgefiltert. Im Unterkapitel zu den unterschiedlichen Diagnosen des Wachkomas fehlt mir der Hinweis, dass aktuell in der medizinischen Dokumentation immer noch die Diagnose apallisches Syndrom mit der Nummer G93.80 aufgeführt wird und andere Bezeichnungen dort nicht aufgeführt werden. Die theoretische Auseinandersetzung mit der partizipativen Selbstbestimmung von Menschen mit erworbenen Hirnschädigungen im Wachkoma ist gut dargestellt und nachvollziehbar beschrieben. Im abschließenden Fazit mit Empfehlungen für die Konzeptumsetzung an die Praxis und Forschung ist der Autor sehr vorsichtig und zurückhaltend. Hier wäre der Hinweis auf weitere Untersuchungen im Rahmen der Konzeptanwendung angebracht.

Fazit

Marco Sander gelingt in seinem Buch eine sehr gute Auseinandersetzung zu dem Thema Beteiligung von Menschen mit erworbenen schweren Hirnschädigungen in Entscheidungsprozessen. Eindrucksvoll wird von ihm dargestellt, in welchen ethischen Dilemmata wir uns auch heute noch bei dem Umgang mit Menschen im Wachkoma befinden.

Rezension von
Jürgen Drebes
Doktorand der Pflegewissenschaft Wissenschaftlicher Mitarbeiter Lehrstuhl für Community Health Nursing Department für Pflegewissenschaft Fakultät für Gesundheit Private Universität Witten/Herdecke gGmbH
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Es gibt 5 Rezensionen von Jürgen Drebes.

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Zitiervorschlag
Jürgen Drebes. Rezension vom 02.03.2023 zu: Sander Marco: Autonomie trotz Wachkoma: Ethische Entscheidungsfindung bei neurologisch schwerst erkrankten Menschen. disserta Verlag (Hamburg) 2016. ISBN 978-3-95935-230-7. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/30397.php, Datum des Zugriffs 25.07.2024.


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