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Alfred Holzbrecher, Jan Schmolling (Hrsg.): Fotografie in der Kulturellen Kinder- und Jugendbildung

Rezensiert von Prof. Dr. René Börrnert, 18.03.2024

Cover Alfred Holzbrecher, Jan Schmolling (Hrsg.): Fotografie in der Kulturellen Kinder- und Jugendbildung ISBN 978-3-7799-6859-7

Alfred Holzbrecher, Jan Schmolling (Hrsg.): Fotografie in der Kulturellen Kinder- und Jugendbildung. Beltz Juventa (Weinheim und Basel) 2023. 281 Seiten. ISBN 978-3-7799-6859-7. D: 39,95 EUR, A: 41,10 EUR.

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Thema

Durch die Digitalisierung hat das Medium Fotografie noch mehr als zuvor die analoge Variante Einzug in unsere Lebenswelten gehalten. Zum einen werden wir mit Bildnachrichten überhäuft, zum anderen produzieren wir selbst öfter und selbstverständlicher als je zuvor Fotos. Auch für die Bildungsarbeit hat der leichte und schnelle Zugang zur bildlichen Darstellung an Bedeutung gewonnen. Welche Potenziale Fotografie als Bildungsmedium bietet, veranschaulichen die Autor:innen in dem vorliegenden Buch. Hierbei wird Fotopädagogik im Kontext von Kultureller Bildung anhand solcher Schlüsselbegriffe wie Subjektorientierung, Teilhabe und Diversität theoretisch erörtert. Die Beiträge und Praxisbeispiele veranschaulichen die kreative medienpädagogische Arbeit mit Kindern und Jugendlichen.

Autorinnen und Entstehungshintergrund

Alfred Holzbrecher war viele Jahre im Schuldienst tätig und von 1999 bis 2013 Professor für Schulpädagogik und Allgemeine Didaktik an der Pädagogischen Hochschule Freiburg. Seine Arbeitsschwerpunkte waren u.a. „Interkulturelle Didaktik und Schulentwicklung“ und „Fotopädagogik“. 

Jan Schmolling ist Medienwissenschaftler und Mitarbeiter beim Deutschen Kinder- und Jugendfilmzentrum (KJF). Bis Ende 2022 leitete er den Deutschen Jugendfotopreis, den das KJF im Auftrag des Bundesjugendministeriums durchführt. 

Neben diesen beiden Herausgebern sind die Autor:innen sowohl im praktischen als auch theoretischen Kontext des Mediums Fotografie angesiedelt. Die Publikation wurde herausgegeben im Auftrag des Deutschen Kinder- und Jugendfilmzentrums (KJF).

Aufbau und Inhalt

Sechs Themenkomplexe werden in den Blick genommen:

  1. Fokus auf Empowerment und Resilienz
  2. Imagination mit geschärftem Blick
  3. Pädagogische Schlüsselbegriffe
  4. FotoProjektDidaktik
  5. Öffentlichkeit herstellen
  6. Pädagogische Professionalität entwickeln.

Diesen Überschriften sind folgende 20 Kapitel zugeordnet.

1 - Holzbrecher widmet sich den allgemeinen Herausforderungen für Kulturelle Bildung und Medienbildung, wobei er das Bildungsziel „Multiliteralität“ sowie die Arbeit an inneren Bildern thematisiert.

2 - Im zweiten Aufsatz beschreibt der Autor den Beitrag von Fotografie zur Kulturellen Bildung. Er hebt hervor: „Fotografie ist das Bildungsmedium, um den aufmerksamen Blick zu schulen, technisches Grundlagenwissen im Zusammenhang mit den Gestaltungsmöglichkeiten zu vermitteln und auch Fotografie als Lern-Medium zu entdecken“ (26).

3 - Aus den Stimmungslagen der Teilnehmer: innen am Deutschen Jugendfotopreis 2022 zeigt und beschreibt Schmolling Fotografie als „temporäre Rettungsinsel“ in der Corona-Pandemie an exemplarischen Bildern.

4 - Klant untersucht das fotografische Verhalten von der Kindheit bis zum jungen Erwachsenenalter und diskutiert es als aktuelle alternative Ausdrucksmöglichkeit zum Malen und Zeichnen.

5 - Köffler widmet sich dem Thema „Außerirdische“ und untersucht prämierte Arbeiten des Deutschen Jugendfotopreises in Bezug auf „Extraterrestrische Diversität“, also wie die Bildautor:innen dieses Thema in Bezug auf Form, Farbe und Geschlechtlichkeit gestalten. 

6 bis 10 - Im darauffolgenden Block des Buches thematisieren Holzbrecher und Sieben für das Thema relevante pädagogische Schlüsselbegriffe: Subjektorientierung; Partizipation; Diversität; Multimodales Lernen. Schenk betitelt seinen Beitrag „Künstliche Intelligenz in der Fotografie. Digitalität, Hybrides Arbeiten und Medialer Diskurs.

11 - Holzbrecher ist erster Autor des anschließenden umfangreichen Blocks „FotoProjektDidaktik“. Er erörtert medien- und fotodidaktische Grundfragen und Herangehensweisen, die dazu anregen sollen, „das Medium nicht nur in einmaligen Fotoprojekten, sondern gerade auch im alltäglichen Fachunterricht als Lernmedium zu nutzen“ (122).

12 - In einem weiteren kurzen Text skizziert derselbe Autor das Verhältnis von Fotografie und interkulturellem Lernen. 

13 - Freund und Trepte stellen das sogenannte „Freiburger Konzept“ vor, in das verschiedene Projekte eingebunden sind, die in Zusammenarbeit des „Arbeitsbereiches Fotografie an der Pädagogischen Hochschule Freiburg“ und dem Verein „Kommunikation und Medien (KuM)“ durchgeführt werden.

14 - Loeper geht der Frage nach: Was ist fotografische Kompetenz? Hierbei thematisiert sie u.a. die Themen „Fotografie lesen“, „über Bilder sprechen“ und „selbst Bilder erzeugen“, um dann entsprechende Übungen vorzustellen.

15 - Schenk stellt die Methode des fotografischen Dialoges vor. Als Fotofrage und Fotoantwort im Wechsel kann dieser Dialog „ein spielerischer Zugang in die Welt der visuellen Hermeneutik sein, dem Sehen und Verstehen in unserem zwischenmenschlichen Miteinander. Die Methode ermöglicht einerseits Einblick in ‚was mir wichtig ist‘, ‚was ich gerne mitteilen möchte‘, ‚was in meiner Lebenswelt eine Rolle spielt‘ und andererseits ‚wie soll ich das verstehen‘, ‚was geht mich das an‘ ebenso wie ‚missverstehe mich‘“ (172).

16 - „Philosophieren über Fotografie“ nennt Zöls ihren Beitrag, in dem sie umfangreich ein Seminarkonzept beschreibt. Inhaltliches Motto ist hierbei: Betrachten, denken und machen.

17 - Geisler und Müller stellen die bislang noch wenig bekannte Ausdrucksform der „In-Game-Fotografie“ vor und skizzieren hierbei deren künstlerische und kulturpädagogische Bedeutung anhand von Projektbeispielen.

18 - Mädchen und junge Frauen stehen im Mittelpunkt des Projektes „Ich kann aus meiner Kunst verschwinden“, das hier von Wolf beschrieben wird. Es verknüpft die Erkundung des eigenen Lebens der Akteure mit den Werken bekannter Künstlerinnen und der eigenen künstlerischen Tätigkeit. Eine Übung heißt hierbei „Auf ins Land der Gefühle“ und zielt auf Förderung von Selbstreflexion und Empathie. Die Aufgabenstellung lautet (Auszug): „Suche dir ein Bild aus, in dem du dich wiederfindest. Schau Dir das Bild genau an. Wie ist es aufgebaut? Welche Gegenstände sind da? Welche Farben werden eingesetzt? Aus welchem Blickwinkel ist das Bild fotografiert?“ (238) 

19 - Hübscher thematisiert das „Kuratorische als kulturelle Praxis unter Berücksichtigung des Medialen sowie als Möglichkeit, Interaktion und Kommunikation im Raum und darüber hinaus zu initiieren“ (248).

20 - Schließlich bietet Holzbrecher am Ende des Buches einen bildhermeneutischen Konzeptentwurf, bei dem Fotos von Kindern und Jugendlichen nicht allein mit den klassischen bildanalytischen Methoden analysiert werden, sondern vor allem aus der Perspektive der fotografierenden Subjekte. Ihre biographischen und lebensweltlichen Zusammenhänge werden dabei mit in den Blick genommen.

Im gesamten Buch ergänzen zahlreiche Fotos, Abbildungen und Tabellen die Textbeiträge.

Diskussion

War die fotografische Abbildung vor nicht allzu langer Zeit noch mit einem großen technischen Aufwand und viel Licht verbunden, so kann heute quasi jede:r mit einem Smartphone einigermaßen brauchbare Bilder machen. Nicht nur die sofortige Sichtbarkeit der Bilder ist zur Selbstverständlichkeit geworden, sondern auch der zeitgleiche weltweite Austausch. So kann also jede:r alles jederzeit ablichten. Ob die meisten der Bilder sinn- oder kunstvoll sind, steht dabei oftmals nicht zur Debatte. Die Dimensionen der Inszenierung kennen dabei keine Grenzen mehr und Schamgrenzen sind gefallen. Was einst Retusche kaschierte, erledigt heute KI mit Hilfe entsprechender Filter und Apps. Fotografie in diesem raffinierten Ausmaß ist Teil unseres Alltags.

Auch Soziale Pädagog:innen stehen immer mehr vor der Herausforderung, diese Medien in die eigene Arbeit einzubinden (vgl. u.a. Gravelmann 2024; Seelmeyer & Rehme 2024). Der vorliegende Band bietet somit einen zeitgemäßen Beitrag, hier als Einstieg in das Themenfeld „Ästhetische Bildung“ am Beispiel der Fotografie. Die Autor:innen verdeutlichen gut, wie diese Ausdrucksform im pädagogischen Kontext, und damit in der Sozialen Arbeit, genutzt und begründet werden kann. Dabei kommen auch die Stimmen der Adressat:inen nicht zu kurz, wie die vom Preisträger beim Deutschen Jugendfotopreis Tizian Machtolf: „Ich habe oft das Gefühl, Dinge zu sehen, die andere nicht wahrnehmen. Deshalb kann ich diese Momente nur in Form von Fotos teilen. Fotografie ist für mich ein Medium, das es mir erlaubt, meine Umgebung genauer wahrzunehmen, und das genieße ich sehr. Ich bin begeistert von all den Dingen, die man täglich sieht und nicht versteht. Fotografie hilft mir, diesem Verständnis näherzukommen“ (9). Als Collage aus Theoriebausteinen, Erörterungen, evidenzbasierten und empirischen Daten und vielen Fotos aufgebaut, kann der Band durchaus als Praxishandbuch verstanden werden.

Fazit

Das Buch ist empfehlenswert für Theorie und Praxis von Fotografie im allgemeinen pädagogischen Zusammenhängen. Die Beiträge und Praxisbeispiele sind vor allem dienlich für die Anregung und Begründung von ästhetischen Projekten in der medienpädagogischen Arbeit mit Kindern und Jugendlichen.

Zitierte Literatur

Gravelmann, R. (2024): Jugend online! Soziale Arbeit offline? Weinheim und Basel.

Seelmeyer, U., Rehme, N. (2024): Digitalität: neue Zugänge und Arbeitsformen in der Jugendhilfe; in: Buttner, P. (Hrsg.): Welche Jugendhilfe brauchen Jugendliche? Archiv für Wissenschaft und Praxis der Sozialen Arbeit 1(55)2024, S. 22-31, Berlin. 

Rezension von
Prof. Dr. René Börrnert
Fachhochschule des Mittelstands (Rostock)
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Es gibt 41 Rezensionen von René Börrnert.

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Zitiervorschlag
René Börrnert. Rezension vom 18.03.2024 zu: Alfred Holzbrecher, Jan Schmolling (Hrsg.): Fotografie in der Kulturellen Kinder- und Jugendbildung. Beltz Juventa (Weinheim und Basel) 2023. ISBN 978-3-7799-6859-7. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/30403.php, Datum des Zugriffs 16.04.2024.


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