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Tobias Nolte, Kai Rugenstein (Hrsg.): 365 x Freud

Rezensiert von Prof. Dr. Dr. Hans-Peter Heekerens, 08.05.2023

Cover Tobias Nolte, Kai Rugenstein (Hrsg.): 365 x Freud ISBN 978-3-608-98444-6

Tobias Nolte, Kai Rugenstein (Hrsg.): 365 x Freud. Ein Lesebuch für jeden Tag. Klett-Cotta Verlag (Stuttgart) 2022. 399 Seiten. ISBN 978-3-608-98444-6. D: 28,00 EUR, A: 28,80 EUR.

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Thema

Das Thema des Buches ist (Sigmund) Freud. Genauer: 365 Zitate aus dessen unterschiedlichen Werken (Briefe inbegriffen), die zu verschiedenen Zeiten, unterschiedlichen Schaffensperioden des Autors und variierenden (Psychoanalyse-)Konzeptionen entstanden sind und hier kommentiert werden von bald 300 Autor(inn)en aus der Psychoanalytikerschaft des Aus- und Inlandes (Otto F. Kernberg und Peter Fonagy etwa) sowie zumeist in Deutschland beheimateten Frauen und Männern aus Literatur, Kultur und Philosophie (beispielsweise Jürgen Habermas oder Eckart von Hirschhausen).

Entstehungsgeschichte

Zur Entstehungsgeschichte des Buches, zu dem man dort selbst wenig erfährt, hat mir Kai Rugenstein Einiges mitgeteilt. Das Buch hat einen konzeptionellen Vorläufer in Nicola Abel-Hirschs „Bion: 365 Quotes“ (New York und London: Taylor & Francis, 2019), in dem die britische (Lehr-)Analytikerin 365 Gedanken des britischen Analytikers Wilfred R. Bion didaktisch aufbereitet. Das gab den beiden Herausgebern bei einem Treffen Ende 2019 die inspirierende Idee.

Bei der Auswahl der Kommentator(inn)en achteten sie darauf, eine über die Fachgrenzen der Psychoanalyse hinausgehende Vielfalt an Perspektiven zu Freud abzubilden. Die Freud-Zitate wurden zum größten Teil von den Herausgebern kuratiert und den Beitragenden vorgeschlagen, die konkrete Zuordnung ergab sich oft in einem kreativen Dialog mit den Kommentator(nn)en, wovon einige ihre eigene „Lieblingszitate“ einbringen wollten und dies auch konnten.

Herausgeber

Tobias Nolte, Arzt und Psychoanalytiker (IPA), ist am University College London tätig sowie am Anna Freud National Centre for Children and Families. Klinisch arbeitet er bei der Camden Psychotherapy Unit, als Psychoanalytiker in eigener Praxis sowie in mentalisierungsbasierter Therapie mit Patienten mit Borderline-Persönlichkeitsstörungen am St. Ann’s Hospital. Seine Forschungsschwerpunkte sind klinische Bindungs- und Mentalisierungsforschung, Persönlichkeitsstörungen, entwicklungspsychologische Aspekte zur Entstehung von epistemischem Vertrauen und den zugrundeliegenden neuronalen Prozessen. Zahlreiche (Ko-)Veröffentlichungen zu Psychotherapie und Psychoanalyse wie zuletzt „Epistemisches Vertrauen. Vom Konzept zur Anwendung in Psychotherapie und psychosozialen Arbeitsfeldern“ (Stuttgart: Klett-Cotta, 2023), dem ersten Werk zu Epistemischem Vertrauen im deutschsprachigen Raum.

Kai Rugenstein, Dipl.-Psych., Psychologischer Psychotherapeut, Psychoanalytiker (DPG, DGPT), Psychotherapeutische Praxis in Berlin-Mitte; Mitglied der Psychotherapeutenkammer Berlin; Dozent, Supervisor und Lehrtherapeut an der Psychologischen Hochschule Berlin sowie Lehrbeauftragter an der International Psychoanalytic University, Berlin. Zahlreiche (Ko-)Veröffentlichungen zu Psychotherapie und Psychoanalyse wie etwa „Das Repetitorium: Lehr- und Lernbuch für die Approbationsprüfung Psychotherapie“ (Berlin: Deutscher Psychologenverlag, 4. Aufl. 2022) und „Die Sexualität der Psychoanalyse“ (Göttingen: Vandenhoek & Ruprecht, 2021).

Aufbau und Inhalt

Den Kern des Buches machen rund 360 Kommentare zu Freud-Zitaten aus. Gerahmt wird das vorn durch ein knappes Vorwort und einen kurzen Dank, hinten durch Verzeichnisse der Beiträge und Autor(inn)en, Quellennachweise der Freud-Zitate, Nachweis der von den Autor(inn)en verwendeten Literatur, Bildnachweise sowie Herausgeber-Angaben.

Die rund 360 Kommentare sind auf 365 Seiten, „nummeriert“ nach Kalendertagen verteilt, und umfassen in der Regel eine Seite (Text und knappe Autorenangabe); nur in Ausnahmefällen verteilt sich ein Kommentar über zwei Seiten. Die Texte stammen von weniger als 300 Kommentator(inn)en, weil zwar in der Mehrzahl der Fälle einzelne Autor(inn)en nur einmal vertreten sind, in einer Minderzahl aber auch bis zu sechs Mal. Die 365 Einzelbeiträge sind also über Autorenschaft wenig miteinander verknüpft. Es gibt in den Einzelbeiträgen bei relevanten Stichworten den Hinweis auf jeweils andere Beiträge, was gedanklicher Netzwerkarbeit förderlich ist. Aber es ist vollauf genügend, jeden Einzelbeitrag als Solitär zu behandeln.

Um eine Anschauung zu geben davon, was einem bei den Kommentaren erwartet, sind nachfolgend exemplarisch die Einträge zum jeweiligen Monatsersten skizziert:

  • 1. Januar: „Aal als Anfang“; Kai Rugensteins Betrachtungen zu Freuds auf Forschungen in der Triester Adria basierenden Erstpublikation „Beobachtungen über Gestaltung und feineren Bau der als Hoden beschriebenen Lappenorgane des Aals“ von 1877.
  • 1. Februar: „Psychoanalyse als Schachspiel“; Text von 1913, Helmut Pflegers Anmerkungen zum Freudschen „Eröffnungszug“ (in) der psychoanalytischen Behandlung.
  • 1. März: „Kategorischer Imperativ“; zweiter Teil der Ausführungen von Jürgen Habermas zu Freuds Notiz von 1924: „Der kategorische Imperativ Kants ist so der direkte Erbe des Ödipuskomplexes.“
  • 1. April: „Zigarre“; Kai Rugensteins Überlegungen anlässlich der Freud zugeschriebenen Bemerkung: „Manchmal ist eine Zigarre einfach nur eine Zigarre“.
  • 1. Mai: „Arbeit“; desselben Autors Annotationen zu zahlreichen Freudschen Wortzusammensetzungen mit „-arbeit“ – von „Assoziationsarbeit“ (1894) bis „Kulturarbeit“ (1933).
  • 1. Juni: „Ägyptens Rache“; Jan Assmanns Erörterungen zu Freudschen Ausführungen ín „Der Mann Moses und die monotheistische Religion“ (1939)
  • 1. Juli: „Zweifel des Skeptikers“; Stephan Gingelmaiers Kommentierung des Freud-Statements von 1933: „Wenn man sich für einen Skeptiker hält, tut man gut daran, gelegentlich auch an seiner Skepsis zu zweifeln.“
  • 1. August: „Alter“; Besinnliches zu einem Text von 1918 aus der Feder Eva Jaeggis.
  • 1. September: „Wilhelm III“ (gemeint ist der Prinz von Oranien, 1650 – 1702); Text aus 1912/13, kommentiert von Patrick Bahners.
  • 1. Oktober: „Gesundheit“; kritische Auslegung einer Textpassage aus „Über Coca“ (1884 ) durch Carina Schlipfenbacher.
  • 1. November: „Heine“; Sigrid Weigel führt die Kunst der Exegese vor an dem Satz: „Wer hat es übrigens dem jüdischen Dichter H. Heine im 19. Jahrhundert n.Chr. eingegeben, seine Religion sei zu beklagen als ‚die aus dem Niltal mitgeschleppte Plage, als altägyptisch ungesunden Glauben‘?“ (1939).
  • 1. Dezember: „Witz und Sex“; nicht-sexistische Witzeleien von Florian Schröder zu einem Satz aus „Der Witz und seine Beziehung zum Unbewussten“ (1905).

Diskussion

Wer vieles bringt, wird manchem etwas bringen. Dem deutsch(sprachig)en Bildungsbürgertum, denn dies ist die faktische Adresse dieses Bildungsbuches, zumal dann, wenn es was mit Freud zu tun hat. Bei Karl Marx und Charles Darwin wäre die Rezeptionsbereitschaft und -fähigkeit schon deshalb gemindert, weil fast alle potentiellen Leser(innen) sich für Psychologie sowohl mehr interessieren als auch sich darin für qualifizierter halten als in Ökonomie und Biologie. Das spricht für das Buch.

Dagegen freilich, dass es von Männern herausgegeben wurde. Weißen Männern! Jungen zwar – aber die werden notgedrungen kurz über lang zu alten. Bei den main-frankfurterischen Open Books vom Oktober 2022 hat man das Gender-Problem offensichtlich klar erkannt und die Präsentation des Buches dadurch gesellschaftsfähig gemacht, dass im Diskussionsforum den Herausgebern mit Christina von Braun und Katharina Adler zwei Vertreterinnen des weiblichen Geschlechts voranstellt wurden. Das ist natürlich show business.

Was das Buch in Sachen „Gender“ nicht nötig hat. Dort kommen genügend – ich habe nicht gezählt, ob grundgesamtsmäßig repräsentativ – Frauen zu Wort. Und die äußern vielfach fröhlich-frei, was sie von jenem old white man aus dem schon vor 1914 ältlichen Wien halten. Wenn frau und man Insgesamt-Beurteilungen liebt, dann möchte ich tatsächlich diese zur Diskussion stellen: Die sich hier äußernden Frauen gehen mit Freud meist kritischer um als die Männer. Ferner scheinen mir, um eine zweite Grundunterscheidung zu treffen, die deutsch(sprachig)en Vertreter(innen) der Psychoanalyse moderner, sprich: weniger autoritätsfixiert und reflexionsfreudiger, daher zu kommen als ihre angelsächsischen Kolleg(inn)en. Und schließlich ist es so, dass man selbst als vorwiegend an Psychotherapie Interessierter von den in der Autorenschaft vertretenen Laien mindestens so viel Inspiration erhält wie von den psychoanalytischen Reformer(inne)n.

Viele Beiträge regen im Zu- und Widerspruch immer wieder zu vertieftem Nachdenken an. Zeugnisse davon finden sich in Form intellektueller Happenings wie etwa dem Dialog (24./25. Oktober) über „Typographie des Traums“ zwischen Kai Rugenstein und Friedrich Forssman, der Arno Schmidts „Zettels Traum“ typographisch so gestaltet hat, dass manchem die Lektüre zum Albtraum gereicht. Und dann gibt es da eine Reihe geistreicher Ausführungen, von denen im Rahmen einer Rezension nur einige zur Kenntnis gebracht werden können:

  • „Und heute geht es in analytischen Behandlungen weniger darum, ursprüngliche historische Erlebnisse zu aktuellen Emotionen zu finden, als vielmehr darum, überhaupt Emotionen authentisch zu spüren und zu ihnen passende Geschichten zu finden, ob historische oder fiktionale.“ (18. Februar; Tilmann Habermas, Sohn von Jürgen Habermas, 2002 - 2022 Inhaber des Lehrstuhls für Psychoanalyse an der Goethe-Universität Frankfurt am Main, seit 2022 Professor an der International Psychoanalytic University, Berlin)
  • „Er [Freud] bringt dieses Argument in klassisch freudianischem Stil vor, also in einem Tonfall eleganten und ironischen Understatements, und verwendet Wendungen von solch herrlicher Trockenheit wie: ‚Man kann sich des Schlusses nicht entziehen‘, oder ‚Ich habe nichts vorzubringen‘.“ (5. März; Olivia Laing, britische Essayistin, Journalistin, Kulturkritikerin und Schriftstellerin)
  • „Bitte sehr, hier [im Text „Charakter und Analerotik“ von 1908] ist sie, die unvergleichliche Mischung aus abseitigen Beobachtungen, waghalsigen Schlussfolgerungen und Entertainment!“ (27. Juli; Johannes Zimmermann, Professor für Differentielle und Persönlichkeitspsychologie an der Universität Kassel – derzeit in Elternzeit)
  • „Hier [im postum veröffentlichten Text „Die psychoanalytische Technik“ von 1923/24] zeigt sich, dass der obige Gedanke nicht unschuldig ist und in dem Maße problematisch wird, wie die deutende Person selbst eine Agenda hat, das heißt einen Widerstand gegen die Wahrheit des Gegenübers.“ (11. August; Thomas Munder, Psychologischer Psychotherapeut in Berlin)
  • „Auch eine gelungene Trauerarbeit macht die Toten nicht weniger tot, und die Erschlagenen bleiben erschlagen. Der Alltag braucht Vergessen, die Literatur bewahrt den Schmerz. Auf dem Spaziergang [mit einem Dichter Anfang des 1. Weltkriegs] hat sich Freud mit dem Alltäglichen gegen die Wahrheit und gegen die Literatur verbündet.“ (25. August; Jan Philipp Reemtsma, Gründer des Hamburger Instituts für Sozialforschung und vieles andere mehr)
  • „Der Placeboeffekt ist heute das letzte Argument der Anhänger der Psychoanalyse, wenn ihre Doktrin der Einheit von Genesung und Erkenntnisfortschritt dem Aberglauben zugeschrieben wird.“ (1. September; Patrick Bahner, verantwortlicher Redakteur für Geisteswissenschaften der FAZ)
  • „Unsicherheit, Auflösung, Ablösung und Verwirrung sind die Reiseziele, die Aufgaben, die es zu lösen gilt, die zu erklimmenden Trampoline, die wahren Kraftplätze: Sie erlauben es, der eigenen Identität kurzzeitig das Kapitänspatent zu entziehen, um fröhlich über Bord zu gehen und sich im Meer möglichen Seins treiben zu lassen.“ (15. September; Felix Ruckert, nach Eigendarstellung: „Tänzerin, Choreographin und Kuratorin sexpositiver, magischer Räume“)
  • „Ich bin nach wie vor davon überzeugt, dass die psychoanalytische klinische Situation ein einzigartiges Privileg zur Erforschung der menschlichen Subjektivität darstellt.“ (4. Oktober; Peter Fonogy, u.a. Professor für Psychologie am University College London, Chief Executive des Anna Freud Centers und Entwickler des Mentalisierungs-Konzeptes)
  • „Harmlose, ehrgeizig (vor-)drängende und eindringende Witzemacher, die permanent beweisen müssen, dass sie den Dicksten haben, sind wie jene lust- und sinn-(lichkeits-)freien Schnellficker, die wirklich niemand mehr braucht – weder auf Bühnen noch in Betten.“ (1. Dezember; Florian Schroeder, u.a. Kabarettist)

Fazit

Das Buch ist kein must, wohl aber ein nice to read – auch, weil es handwerklich gut gemacht ist. Der Verlag bewirbt das Buch mit dem sinnfälligen Slogan „Nehmen Sie Freud mit auf Ihre Couch!“. Wer keine Couch hat und/oder nur knappe Lesezeit, dem empfehle ich das Buch in greifbarer Nähe der jeweiligen Schlafstätte zu deponieren und den terminlich passenden Eintrag als abendliche „Tageslosung“ zu lesen; es gibt schlechtere Betthupferl.

Rezension von
Prof. Dr. Dr. Hans-Peter Heekerens
Hochschullehrer i.R. für Sozialarbeit/Sozialpädagogik und Pädagogik an der Hochschule München
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Zitiervorschlag
Hans-Peter Heekerens. Rezension vom 08.05.2023 zu: Tobias Nolte, Kai Rugenstein (Hrsg.): 365 x Freud. Ein Lesebuch für jeden Tag. Klett-Cotta Verlag (Stuttgart) 2022. ISBN 978-3-608-98444-6. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/30414.php, Datum des Zugriffs 16.04.2024.


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