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Markus Gabriel, Christoph Horn et al.: Auf dem Weg zu einer Neuen Aufklärung

Rezensiert von Prof. Dr. habil. Gisela Thiele, 23.05.2023

Cover Markus Gabriel, Christoph Horn et al.: Auf dem Weg zu einer Neuen Aufklärung ISBN 978-3-8376-6635-9

Markus Gabriel, Christoph Horn, Anna Katsman, Wilhelm Krull, Anna Luisa Lippold et al.: Auf dem Weg zu einer Neuen Aufklärung - ein Plädoyer für zukunftsorientierte Geisteswissenschaften. transcript (Bielefeld) 2022. 85 Seiten. ISBN 978-3-8376-6635-9. D: 18,00 EUR, A: 18,00 EUR, CH: 22,90 sFr.
Reihe: The New Institute. Interventions - Band 2.

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Zielsetzung und Zielgruppen

Welche Rolle können die Geisteswissenschaften bei der Gestaltung unserer gemeinsamen Zukunft spielen und von welchen Werten lassen wir uns im 21. Jahrhundert leiten? Wie können wir das Potenzial der Geisteswissenschaften in einer Zeit vielfältiger Krisen nutzen? Die Autor:innen stellen sich diesen grundlegenden Fragen und verorten die Antworten in einem neuen Verständnis von Geisteswissenschaften, die ihr Denken und ihre Vorstellungskraft an Kriterien einer lebenswerten Zukunft ausrichten. Diese Geisteswissenschaften stellen sich in den Dienst allen Lebens auf unserem Planeten und sind dadurch in der Lage, neu formulierte, verbindliche Werte in die Gesellschaft hineinzutragen und der Zerstörung unserer Umwelt entschlossen entgegenzutreten.

Aufbau und Inhalte

Das Buch ist in sieben Kapitel untergliedert und mit einem Vorwort versehen. Im „Vorwort“ wird thematisiert, dass es einen rapiden Verlust an biologischer Vielfalt und einen zunehmenden Trend zur Privatisierung und Kommerzialisierung von Gemeinschaften und nicht zuletzt eine wachsende Ungleichheit gegeben habe. Es sei dringend geboten, eine notwendige Umgestaltung unseres Lebensstils, unserer Produktionsweisen und unserer Gesellschaft einzufordern. Es sollte schnell der Kurs in Zukunft einer gerechteren, ökologisch vernünftigen und wirtschaftlich nachhaltigen eingeschlagen werden.

Im ersten Kapitel „Die Geistes- und Sozialwissenschaften müssen sich enger an die Gesellschaft koppeln“ wird diskutiert, dass sich die Menschheit gerade mit ineinander verwobener Krise befände: in einer ökologischen- und Finanzkrise, in einer Flüchtlingskrise, einer Energiekrise und einer Krise des Gesundheitswesens. Eine Krise sei ein Wendepunkt, der ein Eingreifen erfordere, um eine Katastrophe zu verhindern. Eine wichtige Triebkraft für die Dynamik der Krisen sei die Abkopplung der naturwissenschaftlichen, technologischen und wirtschaftlichen Entwicklung von den weiter gefassten Fragen der menschlichen Werte des guten Lebens und des Wohlergehens. Herkömmliche Werte, die sich immer nur auf quantitatives Wachstum konzentrierten, seien zu eng gefasst, um menschliches Wohlbefinden zu messen.

„Die spezifische Wissensposition der Geistes- und Gesellschaftswissenschaften“ ist das Thema des folgenden Kapitels. Die menschliche Existenz ist von Grund auf wertgeladen, sodass ein wertorientierter Ansatz unumgänglich sei. Die Geistes- und Sozialwissenschaften hätten mit ihren bereits entwickelten Methoden dabei mitzuhelfen, die Bedingungen für einen sozialen Wandel zum Positiven hin zu präzisieren.

„Die Methoden der Geistes- und Sozialwissenschaften“ werden in Kapitel drei thematisiert. Hier wird die Historie der Geistes- und Sozialwissenschaften von Aristoteles über Max Weber bis Hanna Arendt in den Blick genommen. Vom menschlichen Standpunkt aus sei Subjektivität unerlässlich für jede Darstellung von Erfahrung, die den Anspruch in Glaubenssystemen und Wissensproduktion reflektieren. Eine bisher ungenutzte Option für die künftige Forschung bestünde darin, den Schwerpunkt auf qualitatives statt quantitativen Wachstums zu legen, sich also bei wirtschaftlichen Indikatoren und politischen Entscheidungen auf die Praxis der Weisheit und menschliche Selbsterkenntnis zu konzentrieren.

Der Titel des vierten Kapitels nennt sich „Die Geistes- und Sozialwissenschaften müssen ihre integrative Kraft entfalten“. Diese Wissenschaften werden nur dann in ihrem Bemühen erfolgreich sein, wenn es ihnen gelingt, die Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft in den historischen Zeiträumen, in die wir als situierte Subjekte eingebettet sind, miteinander zu verbinden.

Im fünften Kapitel geht es um die „Neugestaltung der Institutionen hin zu einer Kultur der Kreativität“. Um diese neue Kultur der Kreativität zu erreichen, müssen institutionelle Rahmenbedingungen neuen Anforderungen gerecht werden: Eine ausreichende Finanzierung von Forschung und Lehre, man wird den Wissenschaften das Versprechen abverlangen, unmittelbar zum Bruttoinlandsprodukt beizutragen und es müsste Denkanstöße für neue Wege geben.

„Auf dem Weg zu einer Neuen Aufklärung“ ist das folgende Kapitel gewidmet. Charakteristisch sei die ständige Erneuerung der Verbindung zwischen Theorie und Praxis dank einer kritischen Reflexion, die aufzeigt, welche Wertvorstellungen, Denkweisen und soziale Praktiken abgelehnt und überwunden werden sollen. Vier Grundprinzipien seien für die Aufklärung kennzeichnend:

  • Die Verteidigung der Autonomie,
  • eine auf Freiheit und Gleichheit basierende Gesellschaft,
  • die Gleichheit der Menschen und
  • die Verteidigung der philosophisch-wissenschaftlichen Rationalität.

Die Neue Aufklärung muss Wege aufzeigen, wie ein gerechteres und ökologisch nachhaltiges Entwicklungsmodell vorangebracht werden soll. Sie und muss Möglichkeiten erkunden, wie wirtschaftlicher Wohlstand und humanistische Ziele wieder miteinander verbunden werden können – vielleicht sogar, wie der Kapitalismus überwunden werden kann.

„Vorschläge für die nächsten Schritte“ werden im siebenten und damit letzten Kapitel unterbreitet. Die Universalität der Neuen Aufklärung sei nicht statisch, sondern gehe mit einer kontinuierlichen Dekolonialisierung und dynamischen Universalisierung einher. Dazu müssen wir Anderssein willkommen heißen, Mitgefühl und Empathie zeigen und einander zuhören. Es sollte eine grundlegend ökologische Perspektive eingenommen werden zu einem Wandel hin zu einer nachhaltigen Lebensweise. Es soll eine Neue Aufklärung entstehen, die von einem interdisziplinären und transsektoralen Netzwerk getragen wird.

Diskussion

Alles in allem sollte der Diskussionsbeitrag ein Plädoyer für eine grundlegende Neuausrichtung der Geisteswissenschaften sowie des öffentlichen Diskurses sein, das die Geistes- und Sozialwissenschaften zum Handeln auffordert. Insbesondere aber soll es eine Einladung sein, sich mit auf den Weg zu machen, um die konzeptionellen Grundlagen einer Neuen Aufklärung zu schaffen. Diesem Anliegen wurde der Beitrag durchaus gerecht, wenn er auch durchweg theoretisiert vorgetragen wurde. Ein praktischer Nutzen dieser theoretischen Explikationen ist allerdings schwer zu erkennen.

Fazit

Im Band wird zu viel theoretisiert und es werden zu wenig praktische Ratschläge gegeben. Für viele Leser:innen wird diese Broschüre nicht viele erhellende Befunde bringen. Es ist für eine sehr begrenzte Leserschaft geschrieben.

Rezension von
Prof. Dr. habil. Gisela Thiele
Hochschule Zittau/Görlitz (FH)
Berufungsgebiete Soziologie, Empirische Sozialforschung und Gerontologie
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Es gibt 199 Rezensionen von Gisela Thiele.

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Zitiervorschlag
Gisela Thiele. Rezension vom 23.05.2023 zu: Markus Gabriel, Christoph Horn, Anna Katsman, Wilhelm Krull, Anna Luisa Lippold et al.: Auf dem Weg zu einer Neuen Aufklärung - ein Plädoyer für zukunftsorientierte Geisteswissenschaften. transcript (Bielefeld) 2022. ISBN 978-3-8376-6635-9. Reihe: The New Institute. Interventions - Band 2. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/30425.php, Datum des Zugriffs 17.07.2024.


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