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Harald Roth (Hrsg.): Kein Land, nirgends?

Rezensiert von Ronny Noak, 24.01.2024

Cover Harald Roth (Hrsg.): Kein Land, nirgends? ISBN 978-3-8012-0644-4

Harald Roth (Hrsg.): Kein Land, nirgends? Flucht aus Deutschland, Flucht nach Deutschland 1933-1945 und heute. Verlag J.H.W.Dietz (Bonn) 2022. 428 Seiten. ISBN 978-3-8012-0644-4. 28,00 EUR.

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Thema

Flucht und Migration – spätestens seit dem Jahr 2015 ist diese Thematik fest in der politischen Debatte verankert. Der Sammelband Kein Land, Nirgends? schlägt eine Brücke zwischen der Fluchtbewegung aus Deutschland zwischen 1933 und 1945 hin zur Gegenwart und beleuchtet vor allem als Quellenband ein erneut gegenwärtiges Thema.

Herausgeber

Der Herausgeber des Bandes ist der Autor Harald Roth, der sich bereits seit längerem mit der Thematik der Migration auseinandersetzt und seinen Schwerpunkt hierbei auf die NS-Zeit legt. Zudem ist er unter anderem Mitinitiator der KZ-Gedenkstätte Hailfingen/​Tailfingen. Im Sammelband kommen dann über 60 Autor*innen zu Wort. Dazu zählen Wissenschaftler*innen wie Michael Brenner und Saul Friedländer ebenso wie Zeitzeug*innen, zu den prominentesten gehört hier Hannah Arendt als auch unbekannte Autor*innen, deren Berichte überliefert sind. Zeitlich liegt der Schwerpunkt dabei auf den Jahren 1933–1945 und in der Gegenwart.

Entstehungshintergrund

Im Vorwort von Aleida Assmann erfahren die Leser*innen den Entstehungshintergrund der Broschüre. Es gebe zwar eine umfassende und akribische Dokumentation der Verbrechen des Nationalsozialismus, ein „Archiv der Flucht“ gebe es aber nicht. Diese Lücke will der Sammelband füllen, indem er umfangreich kurze und längere Zeitdokumente von Geflüchteten versammelt.

Aufbau

Nach einem Vorwort von Aleida Assmann ist der Band in zwei Abschnitte gegliedert. Der erste trägt den Titel „Einsam treiben wir von Land zu Lande, überall der ungebetene Gast“. Dieses Kapitel thematisiert vorrangig die Flucht jüdischer Menschen aus dem NS-Regime. Anhand authentischer Texte und einordnender Essays von vor allem Historiker*innen, wird gezeigt wie schleichend die Ausgrenzung erfolgte, die Protagonist*innen der Zeit ihre schrittweise Entrechtung wahrnahmen und schließlich versuchten den Gaskammern zu entkommen. Der zweite Teil, betitelt mit der Überschrift „Angst und Schrecken sind Teil meiner Existenz“ befasst sich schließlich mit der Gegenwart und nimmt die Migration nach Deutschland in den Blick. Damit einhergehend sind selbstverständlich gänzlich andere Rahmenbedingungen, es zeigt sich aber gerade im Vergleich beider Epochen welche Gemeinsamkeiten Fluchterfahrungen mit sich bringen.

Inhalt

Um direkt mit einem knappen Fazit der Lektüre zu beginnen: Die Masse der Texte ist schlicht beeindruckend. Dem Herausgeber Harald Roth ist es gelungen bisher nur fragmentarisch erhaltene Texte, die selten von einer größeren Öffentlichkeit beachtet wurden, in einem Band zu sammeln und dabei ganz unterschiedliche Fluchterfahrungen zu sammeln. Dem Lesenden fällt allein anhand der Vielzahl an Autor*innen auf, dass es sich hierbei um ein einzigartiges Konvolut handelt. Eindrucksvoll wird im ersten Teil beschrieben, wie die Erfahrung Flucht zu ganz unterschiedlichen Wahrnehmungen und vor allem Lebensläufen führte. Dabei stehen die Autor*innen nie allein für sich, sondern sind immer eingebettet in den historischen Kontext. Es wird ein Bild einer bisher sprachlosen Generation gezeichnet, wobei das Oberthema Flucht und Abschied aus Deutschland den verbindenden Kern bildet. Die Verbrechen der Nationalsozialisten werden mit empathischen Texten unterfüttert – es zeigt sich das Grauen einer rassistischen Weltanschauung und deren Wirkung bei den Opfern. Gerade jene, die in der Weimarer Republik eng verbunden waren mit Deutschland standen häufig von heut auf morgen vor dem Ende der eigenen Existenz.

Und genau damit gelingt auch der Brückenschlag zum zweiten Teil. Denn wieder berichten Menschen von einem Neuanfang – nun aber in Deutschland. Auch hier spricht häufig die Angst aus den Beitragen, aber es wird auch Hoffnung gezeigt – in ein Deutschland, dass als postmigrantische Gesellschaft bereit ist traumatisierende Fluchterfahrungen aufzunehmen und offen zu sein für die Menschen, die den Weg nach Deutschland finden; die an ihrer Heimat hängen aber dennoch den Anschluss im neuen Land suchen.

Diskussion

Was zunächst kaum vorstellbar anmutet – ein Archiv der Fluchtbewegung zu begründen – gelingt in dem Band durch die Darstellung vieler verschiedener Stimmen mehr oder weniger bekannter Flüchtender. Wo aus den Dokumenten die Angst vor dem Neuaufbau spricht zeigt sich doch auch immer wieder die Hoffnung für Generationen von Flüchtenden. Häufig genügt es die Protagonist*innen selbst zu Wort kommen zu lassen. Die Ergänzung durch einordnende Essays ist aber nochmal ein Mehrgewinn, vermitteln sie doch ein einschlägiges Bild der historischen wie gegenwärtigen Herausforderungen von flüchtenden Menschen. Die Vielzahl der Beiträge gibt dabei einen umfassenden Einblick und gerade die Diversität der Autor*innen zeigt, wie individuell Motive und Erfahrungen sind, gleichzeitig aber immer wieder von den Rahmenbedingungen abhängen. Man kann dem Herausgeber nur gratulieren, sich auf den Weg gemacht zu haben, eine derart umfassende Sammlung zwischen zwei Buchdeckeln zu versammeln.

Fazit

„Aber doch hatte diese Jugend nicht den Mut verloren“ (S. 145) so berichtet der namentliche unbekannte Autor im Band von den Erfahrungen auf der Flucht aus Deutschland – und genau diesen Mut kann man aus dem Buch schöpfen, denn er vereint Fluchterfahrungen zweier Perioden und gibt Anlass darüber nachzudenken, was es benötigt um die eigene Heimat zu verlassen und gleichzeitig neu anzukommen. Gerade für die deutsche Gesellschaft der Gegenwart ist das Thema Flucht und Migration, das anhand vieler authentischer Zeitdokumente dargestellt wird, ein Wegweiser für die Aufgaben gegenwärtiger Prozesse.

Rezension von
Ronny Noak
Doktorand am Lehrstuhl für politische Theorie und Ideengeschichte der Friedrich-Schiller-Universität Jena
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Es gibt 16 Rezensionen von Ronny Noak.

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Zitiervorschlag
Ronny Noak. Rezension vom 24.01.2024 zu: Harald Roth (Hrsg.): Kein Land, nirgends? Flucht aus Deutschland, Flucht nach Deutschland 1933-1945 und heute. Verlag J.H.W.Dietz (Bonn) 2022. ISBN 978-3-8012-0644-4. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/30434.php, Datum des Zugriffs 21.02.2024.


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