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Sibylle Janert, André Zirnsak u.a.: Autismus beziehungungsorientiert behandeln

Rezensiert von Ortrud Aden, 12.02.2024

Cover Sibylle Janert, André Zirnsak u.a.: Autismus beziehungungsorientiert behandeln ISBN 978-3-497-03183-2

Sibylle Janert, André Zirnsak, Ilaria Acerbi, Stephanie Hohndorf: Autismus beziehungungsorientiert behandeln. Handbuch zur DIRFloortime-Methode. Ernst Reinhardt Verlag (München) 2023. 2., durchgesehene Auflage. 321 Seiten. ISBN 978-3-497-03183-2. D: 36,90 EUR, A: 38,00 EUR.

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Autor:innen

Sibylle Janert ist Psychologin und DIRFlortime-Expert Trainerin und ist in der Fortbildung im deutsch- und englischsprachigen Raum tätig. Sie arbeitet in eigener Praxis mit Menschen mit autistischen und autistisch-ähnlichen Verhaltensweisen und ihren Familien.

André Zirnak ist Dipl. Heilpädagoge, arbeitet in eigener Praxis als Spieltherapeut, Supervisor und Coach und hat langjährige Erfahrung in der Arbeit mit autistischen Kindern. Außerdem ist er in der Fortbildung tätig und ist als Kinderliedermacher Teil des Duos TAGESSTERNE.

Ilaria Acerbi ist Heilpädagogin M.A. und arbeitet mit Kindern und Jugendlichen im Autismusspektrum. Stephanie Hohndorf ist Dipl. Psychologin und Systemische (Kinder- und Jugendlichen-) Therapeutin (SG). Sie ist am Autismus Institut in Lübeck tätig.

Stephanie Hohndorf ist Dipl. Psychologin und Systemische (Kinder- und Jugendlichen-) Therapeutin (SG). Sie ist am Autismus Institut in Lübeck tätig.

Thema

Die Autoren stellen verschiedene Gesichtspunkte der DIRFlortime-Methode vor. Es geht um einen ganzheitlichen Beziehungsaufbau zu dem Kind. Die Autoren beschreiben verschiedene Ebenen der nonverbalen Kommunikation, die bereits im frühen Säuglingsalter eine wesentliche Rolle für die Entwicklung spielt. Bevor Kommunikation auf der verbalen Ebene stattfinden kann, ist es nach Ansicht der Autoren sinnvoll, bei der Förderung auch bei älteren Kindern an den präverbalen Ebenen anzusetzen und darüber mit dem Kind in spielerische Aktivitäten zu kommen.

Die Arbeit mit den Eltern spielt eine wesentliche Rolle, sie sollen sensibilisiert werden für die oft unbemerkten Signale ihres Kindes, dadurch werden häufiger freudevolle und für beide Seiten befriedigende Interaktionen möglich.

Die Autoren grenzen sich bewusst und klar von verhaltenstherapeutischen Ansätzen wie beispielsweise ABA ab, sie vertreten die Ansicht, dass die Kinder durch die Fixierung auf von Erwachsenen vorgegebene Handlungen in ihrer Kommunikationsfähigkeit, in ihren spielerischen Aktivitäten und damit in ihrer Gesamtentwicklung langfristig eher gebremst als gefördert werden.

Die Sprache ist bewusst so gewählt, dass sie gut verständlich ist. In jedem Kapitel verdeutlichen Fallbeispiele den Inhalt.

Aufbau und Inhalt

Im Vorwort erklärt Sibylle Janert die zugrunde liegende Haltung: Es geht darum, einen Menschen in seiner Einzigartigkeit und Besonderheit wahrzunehmen. Es wird beispielsweise nicht von „Kindern mit Autismus“ oder „Kindern im Autismusspektrum“ gesprochen, „als ob Autismus so etwas wie ein Defekt oder ein materielles ‚Ding‘, das ein Kind hat, oder ein autistisches Spektrum, und damit ein anderes ‚Ding‘, auf dem das Kind angeblich lokalisiert ist“. Das Wort „autistisch“ wird also nicht als „pathologisierende oder diagnostische Bezeichnung“ benutzt, sondern als „nicht wertendes, beschreibendes Adjektiv, das nur ein von vielen Eigenschaften, Besonderheiten, (…) und individuellen Unterschieden beschreibt, aber nicht das Kind in seinem Menschsein darstellt“.

Erste Kapitel: „Individuelle Entwicklungswege; Autistisch-ähnliche und autistische Verhaltensweisen beziehungsorientiert sehen“.

Sibylle Janert setzt sich mit der Problematik der Diagnostik auseinander, die sich häufig auf eine Zuschreibung und Festlegung beschränkt und dadurch Gefahr läuft, Entwicklungspotenziale zu übersehen. Sie plädiert für eine beziehungsorientierte Sichtweise, bei der der emotionale Austausch im Vordergrund steht. Für Eltern und Pädagogen steht häufig die Sprachentwicklung im Fokus. Janert zeigt theoretisch und an Beispielen auf, wie eine Verlagerung der Aufmerksamkeit weg von der Fixierung auf die Sprache hin zu den präverbalen Ausdrucksmöglichkeiten des Kindes Spielräume eröffnet, mit dem Kind in Kontakt zu kommen. Eben dadurch wird Entwicklung auf allen Ebenen, auch der Kommunikation, angeregt.

Zweites Kapitel: „Hier wird SPIELEN großgeschrieben; Spielen als Essenz der menschlichen Existenz“.

André Zirnsak beschreibt eine „spielerische Grundhaltung“, die aus seiner Sicht wesentlich für ein erfülltes Leben und eine stabile Beziehungsebene in Familien ist. Wettbewerbsspiele oder Computerspiele grenzt er davon klar ab, es geht ihm um „die ursprünglichen Impulse von spielen“. Er weist auf die Schwierigkeiten hin, die eine solche Haltung zuweilen in unserer Gesellschaft ausgelöst werden und benennt Möglichkeiten, diesen Druck spielerisch aufzulösen.

Drittes Kapitel: „Auf Schatzsuche gehen; Das D in DIR: Die funktionalen emotionalen Entwicklungsebenen“.

André Zirnsak beschreibt neun Entwicklungsebenen, bei denen vielseitige Aspekte der Entwicklung berücksichtigt werden. Die Ebenen gehen von den ersten, präverbalen Ebenen über „Entwicklungsaufgaben mit symbolischem Inhalt“ bis zu den „Fortlaufenden Entwicklungsaufgaben bis ins Jugendalter“.

Viertes Kapitel: „Detektiv sein; Das I in DIR: Das individuelle sensomotorische Profil“.

Ilaria Acerbi betont die Bedeutung scheinbar sinnloser Spiele, auch Spiele mit viel Bewegung. Es geht ihr nicht darum, bestimmte Verhaltensweisen oder Stereotypien abzubauen, sondern ihre Bedeutung für das Kind nachzuvollziehen. Die Eltern sollen für diese Sichtweise sensibilisiert werden. Sie beschreibt sensorische Besonderheiten und ihre möglichen Folgen für die Entwicklung. Dabei beschreibt sie für jedes Sinnessystem, wie man mögliche Über- bzw. Unterempfindlichkeiten erkennen und die möglicherweise daraus resultierenden Verhaltensweisen verstehen kann. Danach geht sie auf motorische Komponenten ein. Ein „Beobachtungsbogen zur Erstellung des sensomotorischen Profils“ folgt, anschließend kommen Fallbeispiele, die die Folgen der verschiedenen sensomotorischen Besonderheiten darlegen.

Fünftes Kapitel: „Mensch werden; Das R in DIR: Emotionale Beziehungen“.

Sibylle Janert geht auf verschiedene Aspekte der frühen, emotionalen Beziehung des Kindes zu seinen Bezugspersonen und auch zu seiner Umgebung ein. Der Gefahr für menschliche Beziehungen und damit auch der Entwicklung der Kinder durch die Nutzung elektronischer und digitaler Medien durch Kinder und Eltern widmet sie einen ganzen Abschnitt. Weitere Aspekte folgen (vorgeburtlich, die Geburt, frühe Bindung), schließlich folgt die Beschreibung früher emotionaler Beziehungen, die durchaus auch – angemessene – Herausforderungen für das Kind beinhalten.

Sechstes Kapitel: „Die Welt entdecken; Das Kinderspiel als Grundlage für gesunde Entwicklung“.

André Zirnsak beschreibt die verschiedenen Phasen der Spielentwicklung und zeigt auf, welche Merkmale ein erfülltes Spiel haben kann und welche Fähigkeiten sich dabei – spielerisch – entwickeln. Autistische Kinder neigen dazu, beim Spielen ausschließlich vertraute Dinge zu tun, sie experimentieren weniger und verharren in ihrer Komfortzone. Sie benötigen daher individuell auf sie abgestimmte Anregungen, um spielerisch in die „Zone der nächsten Entwicklung“ (Wygotsky) zu gelangen.

Siebtes Kapitel: „Entwicklung unter die Lupe nehmen; Der Beobachtungsbogen zu DIRFloortime“.

Stephanie Hohndorf wollte mit der Entwicklung des Beobachtungsbogens zunächst für ihre eigene Arbeit und die Arbeit anderer, die nach dieser Methode arbeiten, die Möglichkeit schaffen, „noch genauer hinzuschauen, nichts Wesentliches vergessen sowie in der eigenen klinischen Einschätzung immer besser (…) werden und Fehler (…) erkennen“. Darüber hinaus will sie einen allgemeinen Beitrag leisten, die Entwicklungsdiagnostik ganzheitlicher und individueller zu gestalten und das Umfeld mehr einzubeziehen. Ihre lange Erfahrung mit diversen Entwicklungstests und ihre Ausbildung in der DIRFlortime Methode hat sie für die Notwendigkeit eines Bogens dieser Art sensibilisiert. Ein Fallbeispiel ergänzt ihre Ausführungen. Geplant sind später kontrollierte Untersuchungen, um die statistischen Vorgaben zu erfüllen. Der Bogen soll helfen, die Wirksamkeit der Methode deutlicher zu belegen. Auch in Deutschland, so der Wunsch des Teams, sollten sich beziehungsorientierte Methoden mehr durchsetzen.

Achtes Kapitel: „Pfiffig gedacht, griffig gemacht; Von der DIR Theorie zur Floortime-Praxis“. André Zirnsak gibt konkrete Tipps und Vorschläge für die Umsetzung, gegliedert nach den einzelnen Entwicklungsebenen. Er erklärt jeweils „worum es geht“ und „wie man es umsetzt“.

Neuntes Kapitel: „Spielen verändert Verhalten und Gehirn; Forschung und evidenzbasierte Praxis“.

Sibylle Janert stellt verschiedene wissenschaftliche Studien vor, die deutliche Hinweise auf die positive Wirkung beziehungsorientierter Methoden geben, auch auf die Entwicklung des Gehirns. Sie setzt sich mit dem gängigen Diagnoseinstrument „ADOS“ auseinander, er „misst nur äußerlich beobachtbare, d.h. verhältnismäßig oberflächliche Verhaltensweisen, kann aber subtileren emotionalen und geistigen Aspekten (…) nicht Rechnung tragen“. Neben diesem Diagnoseinstrument ist nach ihrer Ansicht eine „angemessene Berücksichtigung der Begleitumstände und der emotionalen und physiologischen Wurzeln“ der Verhaltensweisen bedeutsam. Auch hier verdeutlicht sie ihren Standpunkt mit Fallbeispielen.

Zehntes Kapitel: „Die grundlegende Annahme für das DIRFloortime-Modell; Affekt-Diathes-Theorie“.

André Zirnsak beschreibt anhand einer Videosequenz eine gelungene Interaktion mit emotionalem Austausch zwischen einem Baby und einer Bezugsperson. Diese frühen Erfahrungen schaffen einen sicheren Rahmen für die weitere Entwicklung. Im Gegensatz dazu ist ein autistisches Kind auf einer neurologischen Ebene mit Herausforderungen konfrontiert, die es oft nicht alleine bewältigen kann. Daher hat es von Anfang an Schwierigkeiten, Interaktionen zu gestalten, es findet wenig oder gar kein emotionaler Austausch mit den Bezugspersonen statt, anstehende Entwicklungsaufgaben können daher nicht oder nur zum Teil bewältigt werden. Für die Erwachsenen bedeutet es eine große Herausforderung, unter diesen Umständen Kommunikation und eine sichere Bindung aufzubauen und dem Kind damit Unterstützung bei der Bewältigung der anstehenden Entwicklungsaufgaben zu geben.

Diskussion

Ich halte den Ansatz für sehr erfreulich. Die Psychotherapieforschung hat schon lange nachgewiesen, dass die Beziehungsebene bei Therapien die meiste Wirkung hat. Hier bekommt man konkretes Handwerkszeug, wie man die Beziehungsebene mit autistischen Kindern spielerisch gestalten und Entwicklungen anregen kann.

Auch den grundsätzlichen Ansatz, autistische oder autistisch ähnliche Verhaltensweisen als ein wertfreies Adjektiv und nicht als diagnostische Zuschreibung zu verwenden, empfinde ich als wertvolle Überlegung für die Arbeit mit diesen Kindern.

Sibylle Janert widmet der Problematik der elektronischen Medien und dem Einfluss dieser Medien auf autistische oder autistisch ähnliche Verhaltensweisen einen ganzen Abschnitt, auch in den anderen Kapiteln wird immer wieder Bezug darauf genommen. Ich halte es für besonders wichtig, dass die Autor*innen für diese Problematik sensibilisieren.

Fazit

Ein vielversprechender Ansatz für die Arbeit mit Kindern, aber auch für die weitere Forschung in diesem Bereich.

Rezension von
Ortrud Aden
M. A. Sonderpädagogik und Rehabilitationswissenschaften, zur Zeit tätig in einer Autismusambulanz
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Es gibt 19 Rezensionen von Ortrud Aden.

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Zitiervorschlag
Ortrud Aden. Rezension vom 12.02.2024 zu: Sibylle Janert, André Zirnsak, Ilaria Acerbi, Stephanie Hohndorf: Autismus beziehungungsorientiert behandeln. Handbuch zur DIRFloortime-Methode. Ernst Reinhardt Verlag (München) 2023. 2., durchgesehene Auflage. ISBN 978-3-497-03183-2. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/30439.php, Datum des Zugriffs 04.03.2024.


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