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Eleonora Roldán Mendívil, Bafta Sarbo (Hrsg.): Die Diversität der Ausbeutung

Rezensiert von Christopher Grobys, 11.01.2024

Cover Eleonora Roldán Mendívil, Bafta Sarbo (Hrsg.): Die Diversität der Ausbeutung ISBN 978-3-320-02397-3

Eleonora Roldán Mendívil, Bafta Sarbo (Hrsg.): Die Diversität der Ausbeutung. Zur Kritik des herrschenden Antirassismus. Karl Dietz Verlag (Berlin) 2022. 196 Seiten. ISBN 978-3-320-02397-3. D: 18,00 EUR, A: 18,50 EUR.

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Thema

Wer über den Kapitalismus nicht reden will, sollte auch über den Rassismus schweigen. So könnte kurz und bündig das Kernanliegen des Sammelbandes von Eleonora Roldán Mendívil und Bafta Sarbo zusammengefasst werden. Damit setzen sich die beiden Autorinnen gegen die politische und wissenschaftliche Hegemonie eines liberalen Rassismusverständnisses zur Wehr, das auf Inklusion, Diversität und Repräsentation setzt, anstatt die soziogenetische Verwurzelung dieser Phänomene im Kontext der herrschenden kapitalistischen Produktionsweise zu analysieren und daraus politische Schlüsse zu ziehen. Genau dies ist der Anspruch des von ihnen veröffentlichten 192 Seiten starken Sammelbands.

Die Herausgeberinnen

Eleonora Roldán Mendívil ist Politikwissenschaftlerin, politische Bildnerin sowie Autorin und interessiert sich für marxistische Gesellschaftskritik, antipatriarchale Kämpfe, Anti-Rassismus sowie historische Bildung zum 19. und 20. Jahrhundert.

Bafta Sarbo ist Sozialwissenschaftlerin und interessiert sich für marxistische Gesellschaftskritik, (Anti-)Rassismus und Migrationspolitik.

Aufbau & Inhalt

Der Sammelband umfasst inklusive des Vorworts zehn Beiträge. Wirft man einen Blick auf das Inhaltsverzeichnis, so fällt auf, dass die einzelnen Artikel verschiedene analytische Ebenen miteinander verbinden: Es lassen sich einerseits abstrakte begriffsbestimmende Beiträge finden und andererseits konkrete Auseinandersetzungen mit spezifischen Gegenständen.

Christian Frings eröffnet den Band mit einem Problemaufriss, der nicht nur die wissenschaftliche Sphäre, sondern auch die politische miteinbezieht. Er entwickelt hier eine Fundamentalkritik der vorherrschenden Sozialwissenschaften: „Was einstmals Gesellschaftskritik war, ist zur moralischen Kritik am Verhalten von Individuen verkommen“ (S. 7), formuliert er darin. Rassismus, Sexismus, Klassismus und andere Diskriminierungsformen stünden zwar in der Gegenwart im Lichtkegel einer kritischen Auseinandersetzung in Politik und Wissenschaft, ohne jedoch die Verwobenheit mit den Produktionsverhältnissen zu thematisieren. Eine solche kritische Auseinandersetzung verharre im Duktus des bürgerlichen Ideals, die Scheinhaftigkeit angeblich formal gleicher Warenbesitzer:innen aufrechtzuerhalten. Dieser Wandel der Kritik habe laut Frings wiederum auch Folgen für die sozialen Kämpfe. Gerade weil die vorherrschende Auseinandersetzung mit Unterdrückungs- und Herrschaftsverhältnissen „den gedanklichen Horizont der Kritik (S. 9) begrenze, würden radikale gesellschaftliche Umwälzungen nicht mehr zum Forderungskatalog der Kritiker:innen gehören. Der Sammelband setze genau an dieser Entwicklung an und entwerfe eine materialistische Rassismuskritik, die, so die Hoffnung, nicht nur auf der Ebene der Analyse versteinert, sondern auch in die Sphäre des Politischen eindringt.

Im anschließenden Beitrag widmen sich die Herausgeberinnen Eleonora Roldán Mendívil und Bafta Sarbo der folgenden Frage: Warum (wieder) Marxismus? Sie begründen ihre Entscheidung einer marxistischen Rassismusanalyse damit, dass diese es ihnen ermögliche, die materiellen Verkehrsformen, ideologischen Gestalten und die subjektiven Praktiken – kurz: die „Gesamtheit der gesellschaftlichen Bedingungen“ (S. 19) – zu analysieren und das So-Geworden-Sein der Gesellschaft in seiner Totalität zu verstehen. Denn der Marxismus beanspruche, die historische Bedingtheit von sozialen Phänomenen in den Blick zu nehmen und biete durch seine kontextualisierende und dekonstruierende Perspektive die Möglichkeit einer schonungslosen Analyse, mit der sich laut den Autorinnen auch Korridore eines emanzipatorischen sozialen Wandels aufspüren ließen. Diese sozialwissenschaftliche Selbstverortung von Mendívil und Sarbo sei unter anderem das Ergebnis ihrer persönlichen Erfahrungen aus der antirassistischen Praxis und den dabei festgestellten analytischen und praktischen Grenzen, die sie ebenfalls kursorisch im Beitrag reflektieren.

An diesen Vorüberlegungen anknüpfend, befasst sich Bafta Sarbo im anschließenden Beitrag konkreter mit Rassismus und den gesellschaftlichen Produktionsverhältnissen. Sie nimmt darin eine dezidierte Kritik des vorherrschenden idealistischen Rassismusverständnisses vor, welches dieses Phänomen ausschließlich in die Köpfe der Menschen verbanne. Infolgedessen sei es auch nicht verwunderlich, dass nahezu ausschließlich mit Politiken reagiert werde, die Rassismus auf ein falsches oder moralisch problematisches Bewusstsein reduzieren. Dem gegenüber will Sarbo ein materialistisches Verständnis von Rassismus entwickeln. Ihre These hierbei lautet wie folgt: „Die wichtigste Prämisse einer historisch-materialistischen Kritik des Rassismus ist daher, dass er nur durch seine gesellschaftlichen und historischen Bedingungen verstanden werden kann“ (S. 38). Um eine solche Rassismusanalyse vorzulegen, nutzt sie bereits bestehende marxistische Konzepte und geht zugleich über diese hinaus. Sie entwickelt dafür einen modifizierten kategorialen Rahmen, mit dem sie beansprucht, sowohl den kolonialen als auch den sogenannten neuen Rassismus in seiner historischen Genese erklären zu können.

Im dritten Beitrag versuchen Eleonora Roldán Mendívil und Hannah Vögele, „[…] das Potential der Theorie der sozialen Reproduktion für die Analyse heutiger kapitalistischer Gesellschaften herauszuarbeiten“ (S. 65). Sie betonen, dass gerade diese Theorie im Kontext von Rassismusanalysen ausgespart oder nicht-marxistisch bestimmt werde. Hierfür geben sie einerseits einen kurzen Einblick in reproduktionstheoretische Ansätze, um Impulse für die gegenwärtige Kritik des Rassismus auszuloten. Andererseits betrachten sie die sozialen Räume und Beziehungen der Reproduktion nicht nur als herrschafts-stabilisierende, sondern auch als herrschafts-destabilisierende Orte. Zum Abschluss ihres Beitrags betonen die beiden Autorinnen die Relevanzen, die die verschiedenen „[…] zugeschriebenen Kategorien Geschlecht, Rasse, Sexualität usw. […] in ihrer Bedeutung für das kapitalistische Wirtschaftssystem […]“ (S. 82) haben und plädieren dafür, diese vor diesem Hintergrund zu kritisieren.

Im nachfolgenden vierten Beitrag widmet sich Fabian Georgi der Frage, wie der aktuelle rassistische Diskurs die Migrationspolitik von Deutschland und der EU prägt und umgekehrt. Dafür entwirft er zu Beginn einen kritischen Rassismusbegriff, der diesen als herrschaftsförmiges (Re-)Produktionsverhältnis versteht, welches als sozialer Bewältigungsmodus für gesellschaftliche Krisen- und Problemlagen fungiere. In einem zweiten Schritt prüft Georgi, inwiefern sich dieses Verständnis dafür eignet, „[…] rassistische Konjunkturen zu untersuchen“ (S. 84). Anhand von vier Thesen zeigt er, dass die rechten und reaktionären Kräfte in der letzten Dekade zwar eine Niederlage erlitten hätten, zugleich jedoch die Migrationsbewegung anhalte, von der diese Kräfte mittels rassistischer Diskurse wieder profitieren würden. Dies gelinge ihnen gerade auch deshalb, weil Rassismus in der BRD nach wie vor eine anknüpfungsfähige Herrschaftspraxis bilde.

Eleonora Roldán Mendívil und Bafta Sarbo setzen sich in einem weiteren gemeinsamen Beitrag kritisch mit dem vorherrschenden Intersektionalitätsdiskurs auseinander und fragen nach dem gesellschaftskritischen Gehalt dieser Ansätze. Hierfür rekurrieren sie auf die aktuelle englischsprachige Diskussion und wollen diese der deutschsprachigen Leser:innenschaft zugänglich machen. Die beiden Herausgeberinnen kommen zu dem Ergebnis, dass innerhalb des Konzeptes der Intersektionalität einerseits Kategorien der Ausbeutung und Unterdrückungen gleichgesetzt werden. Dadurch würden wiederum grundlegende Funktionsmechanismen der kapitalistischen Produktionsweise verschleiert und Identitäten verdinglicht werden. Dies hat laut ihnen nicht nur analytische, sondern auch politische Folgen. Denn das Projekt einer sozialen Emanzipation werde dadurch entkoppelt von den materiellen Grundlagen der ökonomischen Ausbeutung und der politischen Unterdrückung, anstatt beides in einer materialistischen Analyse zu verbinden.

Lea Pilone setzt sich in ihrem Beitrag kritisch mit der Polizei im deutschen Kontext auseinander und fragt danach, wie die Entstehung rassistischer Polizeigewalt materialistisch rekonstruiert werden kann. Sie zeigt dafür, wie die historische Genese der Polizei mit der Genese des Privateigentums verbunden gewesen ist. Soziale, vorrangig arme Bevölkerungsgruppen wurden laut Pilone als fremd markiert und als Sicherheitsbedrohung für das Privateigentum und die Kapitalakkumulation konstruiert. Die Disziplinierung und Kontrolle von Lohnabhängigen sei dabei nicht nur in den deutschen Inlandsgebieten, sondern auch in den deutschen Kolonien mithilfe der Polizei erfolgt. Eine Kriminalisierung hätten dabei gerade jene Bevölkerungsgruppen erfahren, die sich dem stummen Zwang zur Lohnarbeit zu entziehen versuchten. In der Gegenwart halte nach Pilone diese Kriminalisierung an, denn auch aktuell würden jene Gruppen juristisch fokussiert und kriminalisiert werden, die aufgrund ihrer Stellung im Produktionsprozess in besonderem Maße von einer Armutslage gefährdet seien. Dies betreffe vor allem Migrant:innen, die infolgedessen stärkeren Kontrollen ausgesetzt seien und gleichzeitig als ausbeutbare Arbeitskräfte eine variable Ressource für das Kapital darstellen würden.

Auch Celia Bouali setzt sich in ihrem Beitrag kritisch mit der sozialen Position von Migrant:innen auseinander und untersucht die rassistisch segmentierten Arbeitsmärkte im Kontext EU-interner Migration. Sie fragt danach, wie Migrant:innen aus EU-Ländern zu Niedriglöhner:innen gemacht werden und skizziert dies anhand der Fleisch- und Bauindustrie. Dafür setzt sie sich erstens mit den rechtlichen Rahmenbedingungen auseinander und kommt zu dem Schluss, dass diese maßgeblich die arbeitsweltlichen Handlungsspielräume und Handlungsgrenzen jener Gruppen beeinflussen würden. Im zweiten Schritt befasst sie sich mit den Unternehmensstrategien zur Arbeitskraftrekrutierung und im dritten mit der Frage, wo die Potenziale für Widerstand seitens der migrantischen Arbeiter:innen liegen können. Sie konstatiert, dass die gesellschaftliche Stellung der Migrant:innen und ihre Integration in den Arbeitsmarkt maßgeblich von diesen und weiteren Faktoren beeinflusst sei.

Sebastian Friedrich legt in seinem Beitrag eine materialistische Politikanalyse des Aufstiegs der Rechten in Deutschland vor. Das rechte Mosaik, welches in den letzten Jahrzehnten in der Bundesrepublik auf den Vormarsch sei, versteht er in Anlehnung an Gramsci als Hegemonieprojekt, das unterschiedliche Akteure mit dem Ziel vereine, die Gesellschaft im reaktionären Sinne verändern zu wollen. Dieses Projekt gewinne vor dem Hintergrund einer anhaltenden Hegemoniekrise – einem Bröckeln des historischen Blocks sowohl auf politisch-ideologischer als auch auf ökonomischer Ebene – an Stärke. Verschiedene Teilkrisen, die auf unterschiedlichen Ebenen angesiedelt seien, verdichteten sich laut Friedrich zu einer solchen Gesamtkrise, in der es dem rechten Mosaik gelinge, sich als messianisches Projekt zu präsentieren.

Zum Abschluss des Bandes zieht Eleonora Roldán Mendívil ein Resümee in Form einer Zusammenfassung der einzelnen Beiträge und entwirft einen Ausblick für die marxistische Theoriebildung. Sie plädiert darin für einen Marxismus in Bewegung, der sich sowohl das hinterlassene analytische und methodische Instrumentarium zunutze machen sollte, um die Emanzipation vom kapitalistischen Status quo voranzutreiben. Marxist:innen seien deshalb gut beraten, eine aktualisierte Analyse der sozialen Verhältnisse in der Hoffnung vorzulegen, „[…] an bestehende politische Auseinandersetzungen anzuknüpfen und die Möglichkeit für eine revolutionäre Politik zu eröffnen“ (S. 192).

Diskussion

Zwischen den Zeilen der Beiträge schimmert immer wieder das indirekte Anliegen der Herausgeberinnen durch, den Marxismus von seiner marginalen Position in den Sozialwissenschaften zu befreien und ihn zurück in deren Mitte zu holen. Und dies gelingt ihnen auch. Die Autor:innen veranschaulichen vielfach die Stärken einer marxistischen Forschungsperspektive, die zugleich auch eingreifende politische Implikationen bereithält. Der Sammelband ist deshalb nicht nur für die Academia horizonterweiternd, sondern auch für politische Aktivist:innen. Der Marxismus als analytisches und praktisches Werkzeug erfährt insofern eine Entstaubung und Neuentdeckung und wird vom gerne vorgebrachten Vorwurf der Ideologie befreit (vgl. Haug 1997: 338 ff.). Es werden nicht nur die alten Texte und Erkenntnisse gebetsmühlenartig wiederholt, sondern es wird durch theoretische Innovationen und Modifikationen über diese hinausgegangen.

Zugleich kann kritisch angemerkt werden, dass der Begriff des Marxismus trotz dieser positiv zu bewertenden Wendung unterbestimmt bleibt. Er wird richtigerweise übersetzt als die Analyseperspektive des dialektischen Materialismus. Allerdings wird der Begriff der Dialektik überhaupt nicht erklärt und der dialektische Materialismus nur abstrakt als das Untersuchen des So-Geworden-Seins des Seienden entschlüsselt (vgl. S. 17 f.). Diese Lücke hat zur Folge, dass man sich beim Lesen fragt, wie man denn konkret soziale Phänomene marxistisch erforschen kann. Es ist richtig und begrüßenswert, dass die Herausgeberinnen den Marxismus nicht nur als theoretisches Instrumentarium betrachten, mit dessen Hilfe man deduktiv vorgehend die empirische Wirklichkeit untersuchen kann (vgl. Labriola 2018: 87). Dennoch bleibt ihr Marxismusverständnis allgemein und ist geprägt von der Tendenz eines ökonomischen Reduktionismus. Obwohl sie auch die Wechselwirkungen zwischen Struktur und Subjekt betonen (vgl. S. 60), wird gerade in den theoretischen Abhandlungen die materielle Struktur stark (über-)fokussiert und die Seite der Subjekte eher vernachlässigt (vgl. S. 119). Dabei wird die Mannigfaltigkeit unterschlagen, die der Marxismus bereithält und die von eher strukturalistischen oder subjektorientierten bis hin zu praxeologischen Verständnissen reichen (vgl. Haubner & Reitz 2018: 7 f.; vgl. Wimmer 2023: 128 f.). Hier wäre es wünschenswert gewesen, anstatt das Bild von „einem Marxismus“ zu zeichnen, ein bunteres Porträt zu hinterlassen, das darüber hinaus mit einer stärkeren Selbstverortung der Herausgeberinnen verbunden ist. Erst diese zweifache Konkretisierung würde es ermöglichen, einer Entstaubung des „pluralen Marxismus“ (Haug 1985) in den Sozialwissenschaften weiteren Vorschub zu leisten und seine Legitimität gegenüber anderen metatheoretischen und methodologischen Positionen zu behaupten. Trotz der genannten Defizite im Hinblick auf die Bestimmung, was genau unter Marxismus gerade auch im Kontrast zu anderen sozialwissenschaftlichen und philosophischen Positionen verstanden werden kann, hält der Sammelband eine wichtige und grundlegende Kritik am herrschenden Antirassismus bereit. Es bleibt zu hoffen, dass diese Auseinandersetzung nicht nur ein kurzes Aufblitzen im sozialwissenschaftlichen und marxistischen Diskurs war, sondern auch in Zukunft fortgeführt wird.

Eine weitere Stärke des Bandes ist indes seine gegenstandsbezogene Themenvielfalt. So werden nicht nur abstrakte Theoriedebatten zwischen bürgerlicher Wissenschaft und Marxismus geführt, sondern auch aktuelle Gegenstände aus der letzteren Perspektive analysiert. Vor allem die Beiträge von Fabian Georgi, Lea Pilone, Celia Bouali und Sebastian Friedrich veranschaulichen inklusive empirischer Bodenhaftung den Gebrauchswert marxistischer Analysen für die gegenwartsbezogene wissenschaftliche und politische Debatte.

Kritisch kommentiert werden kann darüber hinaus das Diskriminierungsverständnis, das Mendívil und Sarbo vorschlagen. Sie bringen in ihrem gemeinsamen Beitrag über Intersektionalität eine begriffliche Differenzierung zwischen Diskriminierung und Unterdrückung in Anschlag, die problematisiert werden kann. Erstere bezeichnen sie in Rekurs auf das Allgemeine Gleichbehandlungsgesetz als „Andersbehandlung aufgrund diverser gesellschaftlicher Normen“ (vgl. S. 113), auch ohne „gesamtgesellschaftliche, strukturelle Benachteiligung“ (ebd.). Erst wenn letzteres zutreffe, könne man laut ihnen von Unterdrückung sprechen. Diese Differenzierung fällt allerdings hinter dem aktuellen wissenschaftlichen Status quo des Diskriminierungsbegriffs zurück, der als ein wesentliches Charakteristikum die strukturelle Ebene seiner Vermittlung hervorhebt (vgl. Scherr 2011: 81 f.). Die Herausgeberinnen eröffnen mit diesem Verständnis einem sehr weiten Diskriminierungsbegriff Tür und Tor, sodass sich dieser in der Folge auf nahezu alle empirisch feststellbaren Ungleichbehandlungen anwenden lässt und diesen verwässert, was sich auch auf politisch-rechtliche Ansprüche negativ auswirken kann. Diese Differenzierung zwischen Diskriminierung und Unterdrückung wird von ihnen als Erneuerung präsentiert, bleibt aber eigentlich ein tautologischer Taschenspielertrick, der etwas umbenennt, was bereits wesentlich im Begriff enthalten ist. Hier wäre anstatt einer Gegenüberstellung und Kritik eine inhaltliche Vermittlung zwischen Diskriminierung und Marxismus sinnvoller gewesen.

Fazit

Mit Die Diversität der Ausbeutung veröffentlichen Eleonora Roldán Mendívil und Bafta Sarbo beim Dietz Verlag einen Sammelband, der es in sich hat. Sie zeigen, dass der Marxismus sowohl für den Wissenschaftsbetrieb als auch für die politische Praxis keinesfalls an Bedeutung eingebüßt hat. Trotz der Schmalheit des Bandes mit seinen 192 Seiten, schaffen es die Autor:innen verschiedene theoretische und gegenstandsbezogene Einblicke rund um das Thema Anti-Rassismus zu geben und ermöglichen auch Leser:innen, die noch nicht drei Kapital-Lesekreise besucht haben, an ihren Erkenntnissen teilzuhaben.

Literatur

Haubner, T. & T. Reitz, 2018: Einleitung: Marxismus und Soziologie. S. 7–13 in: T. Haubner & T. Reitz (Hrsg.), Marxismus und Soziologie. Klassenherrschaft, Ideologie und kapitalistische Krisendynamik. Weinheim, Basel: Beltz Juventa.

Haug, W.F., 1985: Pluraler Marxismus. Beiträge zur politischen Kultur. Berlin: Argument.

Haug, W.F., 1997: Antiideologie. S. 338–343 in: W.F. Haug, F. Haug, Jehle Peter & W. Küttler (Hrsg.), Historisch-Kritisches Wörterbuch des Marxismus. Band 2: Bank bis Dummheit in der Musik. Hamburg: Argument-Verlag.

Labriola, A., 2018: Drei Versuche zur materialistischen Geschichtsauffassung. Berlin: Dietz.

Scherr, A., 2011: Rassismus oder Rechtsextremismus. Annäherung an eine vergleichende Betrachtung zweier Paradigmen jenseits rhetorischer Scheinkontroversen. S. 75–97 in: C. Melter & P. Mecheril (Hrsg.), Rassismustheorie und -forschung. Schwalbach/Ts.: Wochenschau Verlag.

Wimmer, C., 2023: Erfahrung und Arbeit. Die praxeologische Erweiterung des Marxismus bei Georg Lukács und Edward P. Thompson. S. 127–144 in: R. Dannemann (Hrsg.), Lukács. 2021-2023. Bielefeld: Aisthesis Verlag.

Rezension von
Christopher Grobys
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Es gibt 11 Rezensionen von Christopher Grobys.

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Zitiervorschlag
Christopher Grobys. Rezension vom 11.01.2024 zu: Eleonora Roldán Mendívil, Bafta Sarbo (Hrsg.): Die Diversität der Ausbeutung. Zur Kritik des herrschenden Antirassismus. Karl Dietz Verlag (Berlin) 2022. ISBN 978-3-320-02397-3. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/30453.php, Datum des Zugriffs 28.02.2024.


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