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Tristan Horx: Sinnmaximierung

Rezensiert von Dr. Günther Vedder, 14.04.2023

Cover Tristan Horx: Sinnmaximierung ISBN 978-3-86995-126-3

Tristan Horx: Sinnmaximierung. Wie wir in Zukunft arbeiten. Lübbe (Köln) 2022. 240 Seiten. ISBN 978-3-86995-126-3. D: 18,00 EUR, A: 18,50 EUR, CH: 24,50 sFr.

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Thema

Zentrales Thema des Buches ist die Sinnhaftigkeit von beruflichen Tätigkeiten in den organisatorischen Formen, die sich am Ende des Industriezeitalters etabliert haben. Es geht um Alternativen zur aktuell weit verbreiteten Arbeitsorganisation, die sich zukünftig an den Bedürfnissen junger Menschen orientieren und mehr Selbstbestimmung ermöglichen sollen. Durch technologische Innovationen ergeben sich neue Arbeitswelten, die zum Beispiel durch Homeoffice, Work-Life-Blending oder die 4-Tage-Woche gekennzeichnet sind. Für Arbeitgeber gilt es, den diversen Beschäftigten sehr unterschiedliche Angebote zu machen und damit dem Fachkräftemangel auf verschiedenen Ebenen zu begegnen. Denn die berufliche und private Sinnmaximierung fällt sehr individuell aus.

Autor

Tristan Horx studierte Kultur- und Sozialanthropologie an der Universität Wien und startete seine Berufstätigkeit im Zukunftsinstitut, das im Jahr 2000 von seinem Vater gegründet wurde.Ergehört altersmäßig zu den Millenials und ist bisher als Keynote Speaker aus der Generation Y auf internationalen Bühnen in Erscheinung getreten. Er beschäftigt sich mit Zukunftsthemen, wie zum Beispiel Digitalisierung, Globalisierung, Mobilität und Nachhaltigkeit. Dabei geht er in seinen Podcasts, Büchern oder Vorträgen immer wieder auf den Clash der Generationen ein. Im Mittelpunkt seines Interesses stehen der gesellschaftliche Wandel sowie dessen wirtschaftliche und kulturelle Auswirkungen.

Aufbau und Inhalt

Das insgesamt 237 Seiten umfassende Buch besteht aus sieben großen inhaltlichen Kapiteln, die weitgehend aus Fließtext bestehen. Der Autor hat sich große Mühe gegeben, die Inhalte sprachlich gut nachvollziehbar aufzubereiten. Er geht auf die Sinnfrage ein und greift diverse angrenzende Themen, wie zum Beispiel Diversity, Lebenslanges Lernen, Vertrauenskultur, Minimalismus oder auch das Bedingungslose Grundeinkommen, kurz auf. Die Kapitel sind informativ und unterhaltsam geschrieben und regen zum Nachdenken an.

Eine kurze Geschichte der Arbeit

In diesem Kapitel geht es um die Entwicklung und Wahrnehmung der Berufsarbeit von der Antike über die Agrargesellschaften und die Industrialisierung bis zum Informationszeitalter. Der Autor beschreibt die Einflüsse der protestantischen Arbeitsmoral sowie die neuen Anforderungen der Massenproduktion auf die menschliche Arbeit. Anfang des 20. Jahrhunderts wurde die Logik der Fabrik auch auf Bürotätigkeiten übertragen, wobei sich die Wochenarbeitszeit im Rahmen von Tarifauseinandersetzungen über Jahrzehnte langsam reduzierte. Der gewerkschaftliche Slogan „Samstags gehört Vati mir“ läutete in den 1960er Jahren die Einführung der 40-Stunden-Woche verteilt auf 5 Arbeitstage ein. Nach dieser Logik wird Berufsarbeit bis heute organisiert, obwohl sich durch eine zunehmende Automatisierung und Digitalisierung die Rahmenbedingungen deutlich verändert haben. Die Anwesenheit am Arbeitsplatz wird häufig mit Leistung oder Produktivität gleichgesetzt, was zutreffen kann, aber nicht zutreffen muss. Immer mehr Menschen wünschen sich andere Formen der Arbeitsorganisation und haben im Rahmen der Covid-19-Pandemie diese auch kennengelernt. In den USA haben viele Beschäftigte in dieser Ausnahmesituation über ihre Art zu Arbeiten nachgedacht und sind nach der Krise nicht mehr an ihren Arbeitsplatz zurückgekehrt. Die sogenannte Great Resignation ist ein Beleg für höhere Erwartungen der Berufstätigen an ihre Entlohnung, ihre Arbeitsbedingungen und die Sinnhaftigkeit ihrer Tätigkeit.

Status Quo

Die Babyboomer-Generation hat lange Zeit den Takt in den Organisationen vorgegeben, hat viel in den Beruf investiert, konnte häufig Karriere machen und blieb vor Arbeitslosigkeit weitgehend verschont. Danach kam die Generation X und musste mit den Folgen des Babybooms fertig werden. Die Schulklassen waren stark gefüllt, der Kampf um gute Ausbildungsstellen relativ hart, die Hochschulen völlig überlaufen und die beruflichen Einstiegsstellen heiß umkämpft. Da hieß es: Kopf runter, hart arbeiten, dann wird es sich irgendwann schon lohnen. Die Angehörigen der Generation Y wollten mehr Flexibilität, bessere Arbeitsbedingungen und mehr Sinn im Beruf. Sie bekamen unbezahlte Praktika und lernten die Senioritätsregeln der Organisationen kennen. Die Generation Z hat aus den Krisen und nicht eingelösten Versprechen der Vergangenheit gelernt. Ihre Mitglieder sind nicht mehr bereit, unbegrenzt Überstunden zu leisten, selbst wenn ihre Sicherheitsbedürfnisse sehr ausgeprägt sind. In einigen gesellschaftlichen Bereichen sind die Probleme inzwischen so deutlich, dass es sich lohnt, für das Klima, die Wohlstandsverteilung oder auch eine andere Organisation von Berufsarbeit auf die Straße zu gehen. Schlagworte wie mehr Diversity, mehr mobiles Arbeiten oder auch mehr Work-Life-Blending stehen für ihre Forderungen.

Purpose/Sinn

Der Sinn einer Arbeit lässt sich nicht in Geld, Macht oder Status bemessen. Es ist gut, wenn man in begrenztem Maße auf diese drei Faktoren zugreifen kann. Allerdings greift die Forderung nach schneller, höher, weiter hier zu kurz. Die Zufriedenheit der Menschen erreicht ihren Höhepunkt bei einem Jahresgehalt von ca. 60.000 Euro und lässt bei höheren Einkommen wieder nach. Der Sinn einer Arbeit muss vielmehr nach außen gerichtet sein und lässt sich über eine Frage gut eingrenzen: Welchen Mehrwert biete ich der Gesellschaft? Es lohnt sich, darüber einmal in Ruhe nachzudenken. Mit Hilfe eines 4-Felder-Schemas erläutert der Tristan Horx, wie unterschiedlich der Sinn in der Arbeit ausgeprägt sein kann. Geht es eher um Sinn für mich oder um Sinn für andere (Dimension 1)? Geht es eher um individuelle oder kollektive Sinntreiber (Dimension 2)? Einigen Menschen streben vor allem Kontrolle, Selbstwirksamkeit, Kompetenz oder auch Selbstachtung an. Andere orientieren sich eher an einem gemeinsamen Wertesystem, an sozialer Identifikation oder auch an interpersonalen Bindungen. Positiv ist es, wenn eine Tätigkeit auf alle genannten Bereiche einzahlt. Das trifft nicht überall zu, aber in einem gewissen Maße ist Arbeit auch das, was man daraus macht.

Lebenslanges Lernen

In diesem Kapitel geht der Autor ausführlich auf das Informationszeitalter und den Megatrend Wissenskultur ein. Der globale Bildungsstand ist so hoch wie nie und wächst im Grunde immer weiter. Immense Mengen von neuem Wissen müssen immer wieder kategorisiert werden. Daraus folgt, dass sich auch Berufe immer schneller verändern. Was in der Schul- und Studienzeit gelernt wird, hält nicht lange vor. Viele Menschen müssen sich häufiger als früher neu orientieren, Übergänge meistern oder auch Krisen bewältigen. Der stete Wandel kann die Beschäftigten aber auch resilient und krisenfest machen. Daraus resultieren neue Forderungen an das Bildungssystem. Es gilt, junge Menschen nicht auf bestimmte Berufe, sondern auf ein lebenslanges Lernen und Anpassen vorzubereiten. In der Schule könnte dies zum Beispiel durch flexible Raumkonzepte, mehr Selbstorganisation, eine sinnvolle Digitalisierung und coachende Lehrkräfte gelingen. Die Universität der Zukunft muss auf den Diskurs setzen, um Studierende wieder in die Hörsäle zu bekommen. Sie sollte das immer noch weiter verbreitete Silodenken aufgeben und näher an die Praxis heranrücken. In den kommenden Jahren werden Generalisten auf dem Arbeitsmarkt benötigt, die schnell auf veränderte Problemstellungen eingehen können.

Leadership

Von der Personalführung hängt in Organisationen immer mehr ab. Schlechte Führungskräfte können bei Fachkräftemangel zu einer erhöhten Fluktuation und schwierigen Prozessen der Wiederbesetzung von Stellen führen. Wer in Stellenanzeigen mit Vertrauen lockt und später stark auf Kontrolle setzt, schreckt insbesondere die jüngeren Beschäftigten ab. Hierarchien sind nicht grundsätzlich negativ, wenn allerdings ein starres Führungsverständnis auf eine sehr heterogene Gruppe trifft, kann der berufliche Alltag kompliziert werden. Helfen könnte in dieser Situation mehr Female Leadership, die sich tendenziell durch Empathie, Offenheit, emotionale Intelligenz, Teamgeist und Anpassungsfähigkeit auszeichnet. Natürlich sind weibliche Vorgesetzte sehr unterschiedlich, aber die Differenzen zum typisch männlichen Führungsstil fallen hier deutlicher ins Gewicht. Leadership benötigt weiterhin eine stärkere Vertrauenskultur, die davon ausgeht, dass Beschäftigte auch dann produktiv arbeiten, wenn sie nicht in Sichtweite sind. Die Arbeit im Homeoffice während der Corona-Pandemie sollte die Führungskräfte eigentlich zu einem größeren Vertrauensvorschuss motiviert haben.

Nachhaltig arbeiten

Viele Berufstätige fühlen sich im Beruf überfordert und gehetzt, weil sie so arbeiten wie sie es sich über Jahre antrainiert haben. Es hat wenig mit nachhaltigem Arbeiten zu tun, wenn man permanent unterbrochen wird (persönliche Kontaktaufnahmen und soziale Medien) oder viel Zeit in fragwürdigen Sitzungen verbringt. Gefragt ist stattdessen ein moderner Minimalismus, der die Frage stellt: Was benötigen wir im Moment wirklich und was kann definitiv warten oder ganz wegfallen? Im ökologischen Bereich lautet die Frage: Wie lässt sich eine blaue Ökologie anstreben und Greenwashing verhindern? Im sozialen Bereich geht die Entwicklung hin zu Social Businesses, in denen sich die Chefs freiwillig enteignen lassen. Wenn ein Unternehmen allen Beschäftigten gehört, werden mehr Gewinne reinvestiert und es wird stärker auf die Nachhaltigkeit geachtet. Die beschriebenen Veränderungen erfordern mehr Resilienz und emotionale Intelligenz. Nachhaltige Jobs gibt es schon heute, wie zum Beispiel Intrapreneure und Corporate Sinnfluencer, die in diesem Kapitel vorgestellt werden.

SINNvolles Arbeiten der Zukunft

Dieser Teil des Buches beginnt mit einem Selbsttest zur Zukunftsfähigkeit es eigenen Berufs. Er beantwortet folgende Frage: Wie wahrscheinlich ist es, dass wesentliche Teile der Tätigkeit in Zukunft durch den Einsatz von künstlicher Intelligenz wegdigitalisiert werden? Wenn dies der Fall sein sollte, dann werden Konzepte wie zum Beispiel ein Bedingungsloses Grundeinkommen noch interessanter als sie in der Vergangenheit schon waren. Was werden aber die neuen Jobs der Zukunft sein? Tristan Horx stellt in kurzen Portraits 12 dieser Tätigkeiten vor. Das Spektrum reicht vom Chief-Purpose-Officer über den Bio-Hacker und Analogen Erfahrungsguide bis zum Dorf-Designer und Trauer-Ritualisten. Es wird also in den nächsten Jahren nicht nur um Programmierkenntnisse gehen, sondern neue Anwendungen von Wissen in ganz unterschiedlichen Tätigkeitsfeldern.

Diskussion

Das hier besprochene Buch greift arbeitsbezogene Themen auf, die im Jahr 2023 sehr aktuell sind. Viele Organisationen spüren den Fachkräftemangel und machen sich darüber Gedanken, wie die Angehörigen der Generation Z motiviert werden können. Diese wollen einen tieferen Sinn in ihrer Arbeit erkennen. Es geht nicht mehr nur um eine faire Bezahlung oder Karrieremöglichkeiten. Vielmehr stellt sich den jüngeren Berufstätigen die Frage, welchen Beitrag der eigene Job zur Gesamtgesellschaft leistet. Besonders gelungen ist in diesem Band das Eingehen auf den wahren Sinn einiger Tätigkeiten, die weit verbreitet sind aber tendenziell unterschätzt werden: Reinigungskräfte, LKW-Fahrer, Erzieherinnen, Pflegekräfte, Einzelhändler, Influencerinnen. Wer zum Beispiel im Einzelhandel arbeitet, unterstützt Do-it-yourself-Aktivitäten, übernimmt die Kundenberatung, löst Probleme und fungiert als Kurator im Feld der endlosen Optionen des Konsums. Es gilt, sich diese vielfältigen Funktionen hin und wieder vor Augen zu führen. Die im Einzelhandel Tätigen benötigen darüber hinaus aber auch innovative Ideen zu einer veränderten Arbeitsgestaltung, die permanente Überstunden und ein frühzeitiges Ausbrennen verhindern. Die 4-Tage-Woche sowie ein auf Vertrauen basierendes Führungsverhalten könnten hier wichtige Impulse setzen. Interessanterweise geht das Buch von Tristan Horx auf das Sinn-Thema im Kern nur relativ kurz ein. Stattdessen werden viele angrenzende Aspekte des Arbeitslebens angesprochen und mit dem Titel des Bandes verlinkt. Man erhält einen Ausblick in die zukünftige Arbeitswelt im Rahmen des Informationszeitalters.

Wer sich beruflich mit der Motivation von (jungen) Beschäftigten auseinandersetzt oder an der Zukunft der Berufsarbeit interessiert ist, dem sei das Buch sehr empfohlen. Es kann von Führungskräften, gewerkschaftlich engagierten Menschen, Angehörigen unterschiedlicher Generationen in Organisationen, Gleichstellungsbeauftragten, Beschäftigten in Personalabteilungen usw. sinnvoll genutzt werden. Ob die Generation Z demnächst ganz anders arbeiten wird als die Generationen davor, bleibt abzuwarten. Noch haben diese jungen Beschäftigten überwiegend keine Familien gegründet, Häuser gebaut, Kinder oder Eltern gepflegt. Es könnte sein, dass sie sich in den kommenden Jahrzehnten viel konservativer verhalten werden, als der aktuelle Trend zu Sabbaticals oder Workation vermuten lässt. Der Blick in die Zukunft der Arbeitswelt bleibt auf jeden Fall spannend.

Fazit

Bei dem Buch Sinnmaximierung – Wie wir in Zukunft arbeiten handelt es sich nicht um einen wissenschaftlichen Band, sondern um einen praxisorientierten Impulsgeber. Es regt mit seinen vielfältigen Inhalten zum Nachdenken über die aktuell verbreitete Form der Arbeitsorganisation an. Es ist flüssig geschrieben und leicht zu lesen, gibt aber gleichzeitig wichtige Anregungen für ein anderes Arbeiten.

Rezension von
Dr. Günther Vedder
Institut für interdisziplinäre Arbeitswissenschaft der Leibniz Universität Hannover
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Es gibt 15 Rezensionen von Günther Vedder.

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Zitiervorschlag
Günther Vedder. Rezension vom 14.04.2023 zu: Tristan Horx: Sinnmaximierung. Wie wir in Zukunft arbeiten. Lübbe (Köln) 2022. ISBN 978-3-86995-126-3. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/30457.php, Datum des Zugriffs 22.06.2024.


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