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Michael Klundt: Kinder in Armut

Rezensiert von Prof. Dr. Ernst-Ulrich Huster, 04.05.2023

Cover Michael Klundt: Kinder in Armut ISBN 978-3-451-39233-7

Michael Klundt: Kinder in Armut. Benachteiligung, Diffamierung und Stigmatisierung in der Kita begegnen. Verlag Herder GmbH (Freiburg, Basel, Wien) 2023. 144 Seiten. ISBN 978-3-451-39233-7. D: 24,00 EUR, A: 24,70 EUR, CH: 33,90 sFr.

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Thema

Die empirischen Aussagen sind eindeutig: Ca. jedes 5. Kind wächst unter Bedingungen auf, die als armutsgefährdet gelten. Über die unmittelbaren materiellen Folgen hinaus sind z.T. langfristige Auswirkungen festzustellen, etwa bei Bildung und Gesundheit, bei der Pflege von Beziehungen zur sozialen Umwelt sowie insgesamt in der weiteren Lebensführung. Dabei unterliegen Kinder u.a. dem Schutz der UN-Kinderrechtskonvention, der die Bundesrepublik Deutschland beigetreten ist. Allerdings ist es bislang in Deutschland politisch nicht gelungen, Kinderrechte im Grundgesetz zu verankern. Armut behindert die Entwicklung von Kindern zu einer selbstbestimmten Persönlichkeit, steht also im Widerspruch zu den Rechten, die ihnen in diesem international gültigen Dokument zugesprochen werden.

Die Infragestellung von Kinderrechten wurde in der Corona-Pandemie noch verschärft, indem insbesondere pauschale Schließungen von Kindertagesstätten und Schulen den Entwicklungsspielraum von Kindern insgesamt, insbesondere aber von denjenigen einengten, die in ungünstigen Wohnverhältnissen leben, keine hinreichende Ausstattung mit digitalen Lernmitteln haben und deren Eltern über nur geringe materielle Spielräume verfügten. Die soziale Spaltung innerhalb der Gruppe der Kinder und Jugendlichen wurde dadurch weiter vertieft.

Autor

Michael Klundt ist Professor für Kinderpolitik an der Hochschule Magdeburg-Stendal. Er leitet den Master-Studiengang „Kindheitswissenschaften und Kinderrechte“, lehrt und forscht zu den Themen Kinderarmut sowie Kinder-, Jugend-. Familien- und Sozialpolitik.

Aufbau

Der Band gliedert sich in sechs Kapitel. Kapitel 1 beschreibt Ausmaß und Erscheinungsformen von Kinderarmut. Kapitel 2 widmet sich den psychosozialen Armutsfolgen. Im 3. Kapitel werden politische, mediale und wissenschaftliche Erklärungsversuche daraufhin untersucht, inwieweit sie selbst einen Beitrag zur sozialen Polarisierung leisten. Kapitel 4 analysiert die Kinder- und Jugendpolitik mit Blick auf deren Zielgerichtetheit und Verteilungswirkung. Kapitel 5 schließlich fragt nach Alternativen und Gegenmaßnahmen in der gesamten Politik aber auch und gerade in den Kindertagesstätten. Ein Fazit (Kapitel 6) schließlich fragt nach den Rahmenbedingungen und Möglichkeiten alternativer sozialer und politischer Strategien.

In die jeweiligen Textteile werden teils Schaubilder, teils Originaldokumente, teils zusammenfassende Aussagen eingebaut und grafisch hervorgehoben.

Inhalte

Der Autor führt in die Problematik ein, indem er empirische Daten zur Kinderarmut vorlegt und interpretatorisch aufbereitet. Dieses kontrastiert er mit der Wahrnehmung von Kinderarmut etwa in Kindertagesstätten. Nicht selten verstellt hier die Mittelschichtenorientierung der Erzieherinnen und Erzieher den Blick auf die Entstehungszusammenhänge und Folgen von Kinderarmut. Es fehlt nicht selten ein armutssensibles Wahrnehmen und Handeln. Doch auch in der Politik, in den Medien und in der Wissenschaft stößt der Autor auf Verharmlosungs-Versuche. Dabei, so die Ausführungen in Kapitel 2, sind die psychosozialen Folgen von Kinderarmut unübersehbar: Es zeigt sich ein geringeres Wohlbefinden. Die sozialen Selektionsraster im Bereich Bildung setzten schon in den vorschulischen Einrichtungen ein. Mit Bourdieu hebt Klundt hervor, dass Gleichbehandlung in Kitas und Schule nur die ursprüngliche Ungleichheit verschärfe (S. 25). Die Schließungen der Kitas und Schulen während der Coronakrise hätten keine Rücksicht auf die ungleichen Ausgangsbedingungen genommen, vielmehr seien soziale Kontakte, materielle Unterstützung (etwa kostenlose Essen in Kitas), anregende gemeinsame Freizeit erschwert oder ganz unterbunden worden. Auch wenn keine echte Kausalität nachgewiesen werden könne, deuteten doch zunehmende Depressionen, Ängste bis hin zu vermehrten Suizidversuchen darauf hin, dass die Corona-Schließungen negative Folgen gerade bei den Kindern hatten, die an sich schon schlechtere Startbedingungen im Leben aufweisen.

Neben der schlichten Nichtbeachtung konkreter Polarisierungseffekte im sozialen Alltag leisten, so Kapitel 3, auch politische, wissenschaftliche und mediale Äußerungen ihren Beitrag zur sozialen Polarisierung. Klundt zitiert ausführlich Stellungnahmen von WissenschaftlerInnen und JournalistInnen, die letztlich Selbstverschulden bei den Betroffenen bzw. eine Politik für die Kinderarmut verantwortlich machen, die Eigenverantwortung anmahnt, statt Fürsorge zu praktizieren (Hans-Werner Sinn: Schein-Ein-Eltern-Familien „Hätschelkinder der Nation“; S. 62). Ein Kommentar in der FAZ bezeichnet ein Fünftel der Kinder als „bildungsunfähig“: Bedeutet dies, fragt der Autor, dass es witzlos ist, hier auch noch Geld zu investieren? Menschen würden auf deren Nützlichkeit hin selektiert! Dass dieses dann auch noch zum Krieg zwischen den Generationen hin stilisiert wird, unterstelle – so Klundt ‒ eine „homogenisierende(.) Generationenkontrastierung“ (S. 68) und unterschlage, dass es sich vielmehr um einen intergenerativen Konflikt zwischen denjenigen handelt, denen es gut geht und denjenigen, die aufgrund ihrer Lebenslage auf Unterstützung angewiesen sind – und dieses innerhalb einer Generation! Unter den Bedingungen von Corona spitzten sich Polarisierungstendenzen nicht nur zu, sondern würden auch die Zuschreibungen schärfer, dann nämlich, wenn Kinder als „Viren-Verbreiter“ identifiziert würden, deren Bildungsanspruch hinter der Vorsorge der (berufstätigen) Älteren zurücktreten müsse. Dabei träfen die Auswirkungen von Corona und der ergriffenen politischen Maßnahmen die Kinder je nach sozialer Schicht unterschiedlich stark. Die soziale Polarisierung, die schon zuvor von der Politik durch ihre starke Ausrichtung auf die traditionelle Familie bzw. die Alleinverdiener praktisch (mit) zu verantworten sei, spitze sich weiter zu. Empirisch belegt der Autor, dass schon ein Großteil der bisherigen Familienförderung bei den reichsten Haushalten bzw. deren Kinder hängen bleibe.

Im 5. Kapitel sowie im Fazit diskutiert Michael Klundt Alternativen und Gegenmaßnahmen. Er verweist auf die EU-Kindergarantie, auf praktische Hinweise aus der Kinderarmutsforschung, auf dezentrale Ansätze (etwa: „Runder Tisch gegen Kinderarmut“ in Brandenburg und die aufsuchende Sozialarbeit in Dormagen). Es gebe also gut durchdachte Ansätze, mit denen sich die Politik auseinandersetzen solle. Voraussetzung allerdings sei die Einsicht, „dass auch Kinderarmut als eine politisch (mit) zu verantwortende (tendenzielle bzw. strukturelle) Kindeswohlgefährdung und Kinderrechtsverletzung zu bezeichnen ist“ (S. 115). Gefordert werden konkret der Abbau von Ungerechtigkeiten in der Familienförderung, die durchgängige „inklusive Ganztagsschule“, kurz: eine Verbesserung der materiellen Situation von Kindern und Familien durch Eingriffe sowohl in den Arbeitsmarkt, Verbesserung der Grundsicherung wie überhaupt von Hilfeansätzen, die verschiedenen Problembereichen besser gerecht würden. Wohl nicht ohne einen – indirekten ‒ Bezug zum 100 Mrd.-Paket für die Aufrüstung der Bundeswehr fordert Klundt schließlich ein „Aufholpaket“ in Höhe von 100 Mrd. Euro für die Überwindung von Kinderarmut. Es gehe um tatsächliche Verteilungsgerechtigkeit angesichts des enormen Reichtums in der Gesellschaft, nicht aber um eine Engführung auf bloße „Chancengerechtigkeit“ (S. 126). Die Kinderarmutsforschung solle sich repolitisieren und Teil einer solidarischen Alternative zum Status quo sein. Kinder und Jugendliche sollten in diesen Prozess mit einbezogen werden.

Diskussion

„Kinder sind die Zukunft“ – so eine allgemeine Floskel, zu fragen ist allerdings: welche? Nicht zuletzt publizistische und politische Verlautbarungen, die falschen Mütter bekämen die Kinder (S. 63), unterstellen, dass genetisch „brauchbare“ Kinder nur aus Familien kommen, die selbst erfolgreich in der von Klundt so bezeichneten „Konkurrenzgesellschaft“ (S. 119) mithalten können. Die anderen hingegen seien letztlich nur ein Klotz am Bein. Diese biologistisch argumentierende Begründung für die soziale Selektion auch über staatliche Förderung ist in sich nicht nur widersprüchlich, sondern schlicht widersinnig. Denn die Entwicklung von Kindern erfolgt im Austausch zwischen genetischen Anlagen und sozialen Umweltfaktoren, wie etwa die zahlreichen Studien zu eineiigen Zwillingen zeigen [1]. Von daher trifft die These von Klundt zu, dass soziale Zuschreibungsprozesse und politisches Handeln mitverantwortlich sind für soziale Selektionen im Lebenslauf von Kindern und Jugendlichen.

Dabei zeigen Studien über die Bewältigung von Ausgrenzungsprozessen bei Kindern und Jugendlichen, dass hier jeder angelegte Euro gut ‚investiert‘ ist, vorausgesetzt diese Maßnahmen sind final ausgerichtet und verknüpfen Bindungsangebote mit Selbstwirksamkeitserfahrungen. Die Beiträge etwa von Dennis Homann zu sogenannten flexiblen Hilfen im Rahmen des Paragraphen 35 des SGB VIII zeigen [2], dass bei diesen zu betreuenden Kindern und Jugendlichen weder eine unüberwindbare Bindungsunfähigkeit, schon gar nicht eine sog. „Asozialität“ vorliegen, sondern dass hier soziale Prozesse in der bisherigen Entwicklung zwar falsch gelaufen, aber nichts desto weniger trotz korrigierbar sind. Dieses an besonderen Beispielen aufgezeigte Korrekturpotenzial sozial ausgegrenzter Kinder und Jugendlicher ist dann sogar überflüssig, wenn frühzeitig der Ausgrenzung von Kindern entgegengewirkt wird, durch materielle Besserstellung und hinreichende und qualitativ hochwertige Dienstleistungen. Die Kindergrundsicherung muss hier mehr bringen als bloß eine Vereinfachung des Zugangs zu immer noch unzureichenden Geld-, Sach- und Dienstleistungen. Diese müssen bedarfsgerecht erweitert werden und sich ergänzen.

Bleiben die Hemmnisse, die Klundt schon in seiner Dissertation herausgearbeitet hat und hier erneut hinterfragt: Das Narrativ von der Generationengerechtigkeit unterstellt, dass es sich die heutigen Alten auf Kosten der zukünftigen Generation wohl sein lassen. Richtig ist, dass weder die heutige ältere noch die zukünftigen Generationen sozial homogen sind und dass vielmehr schlechte (Arbeits-) Biografien heute ggf. soziale Ansprüche morgen an diejenigen stellen, denen es dann gut geht. Es geht letztlich um einen intragenerativen Konflikt – nur das war in der Vergangenheit so, trifft heute zu und gilt auch morgen. Es geht um Verteilung des vorhandenen Reichtums. Nur wenn der – so beim Vermögen – ungleicher denn je verteilt ist und der Zugang zu ihm für größere Teile der Gesellschaft immer schwieriger wird, wird die Abwehr der Wohlhabenden, den beati possidentes, gegen Umverteilung zunehmen. Mit diesem Faktum umzugehen ist die zentrale Herausforderung an die politischen Akteure, die den Grundsatz vom sozialen Rechtsstaat, den Hermann Heller als Abwehr gegen eine Infragestellung des demokratischen Kompromisses in der Gesellschaft 1930 formuliert hat [3], aufrecht erhalten wollen und werden. Und das fängt dann bei der Sicherung des Kindeswohls an!

Die Gesellschaften der westlichen wohlhabenden Staaten haben sich an die soziale Selektion, an Armut und soziale Ausgrenzung gewöhnt, so scheint es. Die publizistischen Versuche, Armut zu verharmlosen, klein zu reden, nehmen sogar ab, es regt sich kaum noch jemand auf. Anders bei der Kinderarmut. Da besteht nach wie vor eine höhere Sensibilität. Verschärft wird dieses bei der Suche nach zukünftigen Mitgliedern der Arbeitsgesellschaft. Suchen die einen vermehrt Arbeitskräfte im Ausland, verweisen andere auf ungenutzte Reserven im Inland. Dabei wird vergessen, dass die kindliche Bildung zunächst einmal der eigenständigen Entwicklung dient, aus der heraus dann Entscheidungen für die Art und Weise der sozialen Integration folgen. Die Erwerbsarbeit ist dabei sicher ein wichtiges Element, aber nicht das einzige. Gerade in einer Zeit, in der zunehmend mehr Selbstbestimmung auch in der Erwerbsarbeit gefordert wird, ist es wichtig, auch solchen Kindern und Jugendlichen den Einstieg in das gesellschaftliche Leben zu ermöglichen, die zunächst besondere Problemlagen aufweisen. Dieses könnte ein wesentlicher Beitrag zur Verwirklichung von tatsächlicher Generationengerechtigkeit sein!

Fazit

Klundt leistet einen bedenkenswerten Beitrag, dieses stärker als soziales und politisches Gestaltungsproblem anzugehen.

Quellen

[1] Johannes D. Schütte: Armut wird „sozial“ vererbt. Status Quo und Reformbedarf der Inklusionsförderung in der Bundesrepublik Deutschland. Wiesbaden 2013: Springer VS, S. 97 ff.

[2] So u.a. Dennis Homann: Beziehung, Verbindlichkeit und Haltung: praktische Arbeit mit „Systemsprengern“ im Rahmen der Flexiblen Hilfen, in: Ernst-Ulrich Huster, Stefan Schache und Michael Wendler (Hrsg.): Körper(lichkeit) im Grenzbereich sozialer Ausgrenzung. Die Unsichtbare sichtbar machen. Wiesbaden 2022: Springer VS, S. 273 – 296. Darin auch weitere theoretische und praktische Hinweise auf erfolgversprechende Ansätze.

[3] Hermann Heller: Rechtsstaat oder Diktatur, Tübingen 1930.

Rezension von
Prof. Dr. Ernst-Ulrich Huster
Evangelische Hochschule RWL Bochum und Justus Liebig-Universität Gießen
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Es gibt 7 Rezensionen von Ernst-Ulrich Huster.

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Zitiervorschlag
Ernst-Ulrich Huster. Rezension vom 04.05.2023 zu: Michael Klundt: Kinder in Armut. Benachteiligung, Diffamierung und Stigmatisierung in der Kita begegnen. Verlag Herder GmbH (Freiburg, Basel, Wien) 2023. ISBN 978-3-451-39233-7. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/30458.php, Datum des Zugriffs 20.05.2024.


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