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Claudia Köster: Veränderte Kindheit. [...] Veränderungen in der Gesellschaft

Claudia Köster: Veränderte Kindheit. Qualitative und strukturelle Veränderungen in der Gesellschaft. Paulo Freire Verlag (Oldenburg) 2005. 23 Seiten. ISBN 978-3-86585-133-8. 9,90 EUR.
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Themenstellung und Entstehungshintergrund

Kindheit ist bekanntermaßen kein statischer, sondern stets im Wandel befindlicher Lebensabschnitt. Analysen dieser Lebensphase zum Zweck der Verbesserung von Erziehung und Bildung bedürfen folglich immer wieder einer Überarbeitung, so sie dazu dienen sollen, Fachkräfte in ihrer aktuellen Praxis bei der gezielten Entwicklungsförderung von Mädchen und Jungen gemäß den jeweils vorhandenen gesellschaftlichen Herausforderungen angemessen zu unterstützen.

Claudia Köster beleuchtet die Besonderheiten der Kindheit heute, um eine Antwort auf die Frage zu finden, wie insbesondere die Grundschule auf die daraus erwachsenden aktuellen Anforderungen angemessen reagieren kann.

Aufbau und Inhalt

Die Publikation von Claudia Köster ist Bestandteil der Reihe "Aspekte der Freire-Pädagogik", in der kürzere wissenschaftliche Abhandlungen und Vorträge veröffentlicht werden. Sie umfasst entsprechend nur 23 Seiten, inhaltlich unterteilt in Einführung, Hauptteil und Schluss.

In der einleitenden Problemdarstellung (1) greift Claudia Köster die Problemwahrnehmung von Lehrkräften auf, dass viele der heute aufwachsenden Kinder Auffälligkeiten im Lern- und Sozialverhalten zeigen. Sie stellt diese Phänomene in Bezug zur wachsenden Komplexität, Widersprüchlichkeit und Schnelllebigkeit gesellschaftlicher Orientierungsrahmen, die ihrer Auffassung nach in der Lebensrealität von Kindern ihren Niederschlag finden in einer sich andeutenden "Erziehungskrise".

Den Hauptteil handelt die Autorin unter dem Titel des Gesamtwerks "Veränderte Kindheit": Qualitative und strukturelle Veränderungen in der Gesellschaft (2) ab.

  • Sie beginnt mit einem Rückblick in die "historische Entwicklung von Kindheit" (2.1) seit dem frühen Mittelalter.
  • Den zweiten Themenblock unter dem Titel "Merkmale "neuer" Kindheit im Kontext gesellschaftlicher Veränderungen" (2.2) leitet Claudia Köster mit der Behauptung ein, dass Kinder heutzutage Opfer pluralistischer Lebensstile und damit auch einer pluralistischen Gesellschaft sind, die kaum noch verbindliche Orientierungen zur Identitätsentwicklung zulässt. In den nachfolgenden Abschnitten sucht sie diese Behauptung durch eine exemplarische Veranschaulichung von Veränderungen in vier Lebensbereichten von Mädchen und Jungen zu belegen. Sie beginnt mit den "Veränderungen in der Familie" (2.2.1) und geht hier sowohl auf die neuen Formen der Familienzusammensetzung als auch die gewandelten Erziehungsziele und -methoden ein. Im anschließenden Abschnitt beleuchtet sie "Veränderungen im Sozialleben und im Spielverhalten" (2.2.2) und zeichnet hier insbesondere das Verschwinden der Straßenkindheit im Sinne von peer-group - Sozialisation im unmittelbaren Lebensumfeld und im Gegenzeug eine wachsende Vereinzelung von Spielkontakten und Verinselung von kindlichen Lebensräumen nach. Im nächsten Abschnitt betrachtet sie "institutionalisierte Förder- und Freizeitangebote" (2.2.3). Dabei stellt sie einerseits deren positive Auswirkungen für die Entwicklungsförderung heraus, lässt aber andererseits auch die dadurch erfolgende soziale Selektion nicht außer Betracht. Ein Blick auf die "Veränderungen in der Medienwelt" (2.2.4) und den damit einhergehenden Zuwachs von Erfahrungen aus zweiter Hand zu Lasten von Primärerfahrungen bzw. Erlebnissen der unmittelbaren Realität schließt den zweiten Themenblock ab.
  • Im dritten Themenblock des Hauptteils behandelt Claudia Kösterdie "Perspektiven für die Grundschule" (2.3). Basierend auf der Annahme eines erweiterten Aufgabengebiets der Grundschule infolge der veränderten Aufwuchsbedingungen von Mädchen und Jungen erläutert sie unter der Überschrift "Bedingungen der Grundschularbeit heute" (2.3.1) die spezifischen Anforderungen an die Arbeit der Lehrkräfte. Schwerpunktmäßig diskutiert sie den offenen Unterricht in seinen Potentialen, hier eine geeignete Antwort auf den gesellschaftlichen Wandel zu sein.

Unter Zusammenfassung und Schlussfolgerungen (3) weist die Autorin ausdrücklich darauf hin, dass Schule an sich keinen gesellschaftlichen Wandel steuern, sondern nur reagierend auf die gesellschaftlichen Veränderungen tätig werden kann. Damit zusammenhängend betont sie die wohl vorhandene, letztlich aber auch deutlich begrenzte Möglichkeit der Schule, die Folgeprobleme der veränderten Lebenswelten von Kindern heute zu hinreichend kompensieren.

Fazit

Claudia Köster gelingt in prägnanter Weise eine Skizzierung der Kindheit in der Gegenwart. Kurz und bündig und dennoch nachvollziehbar gewährt sie einen ersten Einblick in die verschiedenen gesellschaftlichen Wandlungsprozesse der letzten Jahrzehnte und ihre Auswirkungen auf die Sozialisation von Mädchen und Jungen. Zwar greift die einleitende Herausstellung von Kindern der heutigen Zeit als "Opfer" einer pluralistischen Gesellschaft meines Erachtens etwas kurz, zumal die Vielfalt der gegenwärtig parallel vorhandenen und gesellschaftlich anerkannten Lebensstile auch Chancen für einen individuellen Lebensentwurf eröffnet, die früheren Generationen im Kontext eines allgemeingültigen Normen- und Wertesystems nicht zugänglich waren. Jedoch wird diese Herausstellung an vielen Stellen des Aufsatzes durch eine klare Benennung auch der positiven Errungenschaften gesellschaftlicher Umbrüche für die Sozialisation von Kindern abgemildert.

Wenngleich sie exklusiv die Anforderungen an die Arbeit der Grundschule diskutiert, die sich aus diesen Wandlungsprozessen ergeben, kann der Aufsatz auch Fachkräften der Sozialen Arbeit eine hilfreiche Orientierung für die Arbeit mit Kindern und Jugendlichen jenseits der schulischen Bildung liefern. Struktur und Sprache der Abhandlung ermöglichen Lehrkräften und sozialen Fachkräften ein Verstehen wesentlicher Wechselwirkungen zwischen kindlichem Verhalten und Sozialisationsbedingungen von Mädchen und Jungen in der Gegenwart.


Rezension von
Dr. Claudia Bundschuh
Hochschule Niederrhein Fachbereich Sozialwesen


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Zitiervorschlag
Claudia Bundschuh. Rezension vom 25.07.2006 zu: Claudia Köster: Veränderte Kindheit. Qualitative und strukturelle Veränderungen in der Gesellschaft. Paulo Freire Verlag (Oldenburg) 2005. ISBN 978-3-86585-133-8. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/3046.php, Datum des Zugriffs 15.07.2020.


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