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Gabor Maté: Im Reich der hungrigen Geister

Rezensiert von Prof. Dr. Joachim Thönnessen, 01.03.2023

Cover Gabor Maté: Im Reich der hungrigen Geister ISBN 978-3-96257-216-7

Gabor Maté: Im Reich der hungrigen Geister. Auf Tuchfühlung mit der Sucht - Stimmen aus Forschung, Praxis und Gesellschaft. Narayana Verlag (Kandern) 2021. 463 Seiten. ISBN 978-3-96257-216-7. D: 26,80 EUR, A: 27,60 EUR.

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Thema

Thema und Inhalt des Buches ist ein ganzheitlicher und mitfühlender Blick auf das Phänomen Sucht – sei es nach Alkohol, Heroin, Sex, Tabak, Arbeit oder Glücksspiel. Der Autor widerspricht gängigen Annahmen, wonach Suchtverhalten Ausdruck von Willensschwachheit oder Folge einer genetischen Disposition ist. Sucht – so Gabor Maté – ist in unsere gesellschaftlichen Strukturen eingewoben und lässt sich nur als komplexes Zusammenspiel von persönlicher Geschichte, emotionaler Entwicklung und neurochemischen Prozessen verstehen.

Autor

Gabor Maté (* 06. Januar 1944 in Budapest) ist ein kanadischer Mediziner. Seine jüdische Familie entging nur knapp der Deportation unter der deutschen Besatzung und verließ Ungarn 1956. Maté ist ein anerkannter Experte, u.a. auf dem Gebiet der Suchttherapie. Er ist überregional bekannt durch insgesamt fünf Bücher (zum Heranwachsen von Jugendlichen, zu ADHS und zum Zusammenhang von Stress, Sucht, Immunsystem, chronischen Erkrankungen und Traumata in der Kindheit; s. Quellenangaben) und durch viele Vorträge (von denen etliche beispielsweise auf youtube einsehbar sind). Maté verwebt in seinen Büchern wissenschaftliche Forschung, Fallgeschichten und seine eigenen Erkenntnisse und Erfahrungen zu einem breiten zusammenhängenden Spektrum. Er besaß eine Hausarztpraxis, war als Arzt in der Palliativpflege tätig und arbeitete zwei Jahre lang mit suchtkranken Männern und Frauen im Stadtteil Downtown Eastside von Vancouver.

Entstehungshintergrund

Gabor Maté hat bei seiner Arbeit Menschen kennengelernt, die fast ihre gesamte Zeit als „Hungergeister“ (Erklärung dieses Begriffs weiter unten) verbringen. Er ist der Ansicht, es sei ihr Versuch, überwältigender Angst, Wut und Verzweiflung zu entkommen (S. XXX). Er hofft, dass sein Buch viele Menschen erreicht, „um seine heilende Botschaft zu vermitteln, die auf emotionalen, psychologischen, sozialen und wissenschaftlichen Wahrheiten beruht… Süchte entstehen durch verhinderte Liebe, durch unsere blockierten Fähigkeiten, Kinder so zu lieben, wie sie geliebt werden müssen, durch unsere blockierte Fähigkeit, uns selbst und einander so zu lieben, wie wir alle es brauchen. Die Öffnung unserer Herzen ist der Weg zur Heilung von Sucht – die Öffnung unseres Mitgefühls für den Schmerz in uns selbst und den Schmerz um uns herum“ (S. XXVI). Maté widmet sein Buch all´ seinen Hungergeister-Gefährten, „seien es HIV-infizierte Obdachlose in den Innenstädten, Gefängnisinsassen oder ihre glücklicheren Pendants, die ein Zuhause, eine Familie und eine erfolgreiche Karriere haben: Mögen wir alle Frieden finden“ (S. XXXI).

Aufbau

Das 463 Seiten starke Buch ist aufgeteilt in sieben Teile mit insgesamt 34 Kapiteln. Es enthält zudem eine ausführliche Einleitung, die extra für die deutsche Übersetzung geschrieben wurde, vier Appendizes, Referenzen und einen Index. In den sieben Teilen werden die folgenden Themen angesprochen:

  • Teil I: Patientengeschichten
  • Teil II: Über den Autor und seine Süchte
  • Teil III: Definitionen und Ergebnisse wissenschaftlicher Forschung
  • Teil IV: Gehirnforschung, Teil V: Abhängigkeitsprozesse und Suchtpersönlichkeiten
  • Teil VI: Die Idee einer humaneren Realität: Jenseits des Krieges gegen Drogen
  • Teil VII: Vorschläge zur Heilung.

Die Appendizes bestehen aus:

  • I: Kritik an Adoptions- und Zwillingsstudien
  • II: Die enge Verbindung von Aufmerksamkeitsdefizitstörungen und Süchten
  • III: Suchtprävention
  • IV: Die zwölf klassischen Schritte aus dem blauen Buch der Anonymen Alkoholiker.

Inhalt

Sucht – Was ist das eigentlich? Und wieso ist es offensichtlich so, dass immer mehr Menschen süchtig werden? Dies sind zwei zentrale Fragen, die Gabor Maté in seinem hier besprochenen Buch stellt. Der Titel des Buches „Im Reich der hungrigen Geister“ wurde dem buddhistischen Lebensrad entnommen. Danach durchläuft unser Leben sechs Bereiche. Jeder Bereich wird von Charakteren bevölkert, die Aspekte der menschlichen Existenz repräsentieren – unsere verschiedenen Wege des Seins. Die Bewohner der Hungergeister repräsentieren den Bereich der Sucht. Dort suchen wir ständig nach etwas außerhalb von uns selbst, um die unstillbare Sehnsucht nach Erlösung oder Erfüllung zu lindern. Die Hungergeister werden mit dürren Hälsen, abgemagerten Gliedmaßen und großen, aufgeblähten, leeren Bäuchen dargestellt. Die in uns vorherrschende schmerzende Leere ist immerwährend. Wir wissen nicht, was wir brauchen und solange wir uns im Zustand der hungrigen Geister befinden, werden wir es nie wissen. Für Gabor Maté bilden solche Erscheinungen letztlich nur die Spitze eines Eisbergs: „In unserer Gesellschaft, in der die Menschen immer verzweifelter versuchen, der Isolation und dem Verdruss im Alltag zu entkommen, gibt es alle möglichen Süchte, und es werden immer mehr“ (S. XIII).

Das Internet, Computerspiele, Smartphones gehören – neben vielen anderen – zu den potentiellen Suchtfaktoren heute. Dabei müssen wir uns nach Maté davor in Acht nehmen, Ursache und Wirkung zu verwechseln. Es handelt sich nicht um neue Störungen, sondern um neue „Einsatzmöglichkeiten“ für die universellen und uralten Suchtgewohnheiten; es sind „neue Formen der Flucht“ (S. XIV). Flucht vor einem Gefühl der inneren Unruhe oder einem Gefühl der Enge in der Brust, Flucht vor einem Gefühl der Verzweiflung und/oder unerträglicher Bedrängtheit.

Maté zeigt in seinem Buch, dass ein solches Gefühl der Verzweiflung zu „jedweder Form von Abhängigkeit, ob substanzgebunden oder nicht“ (S. XIVf) führen kann. Er fragt seine Patienten deshalb nicht danach, wovon sie abhängig waren, sondern danach, was ihnen die Dinge geboten haben bzw. was ihnen daran gefallen hat:

„Was hat es Ihnen kurzfristig gegeben, wonach Sie sich so sehr sehnten oder was Sie so sehr mochten?“. Und die Antworten lauteten durchgängig: „Es half mir, emotionalen Schmerzen zu entkommen, half mir, mit Stress umzugehen, gab mir Seelenfrieden, ein Gefühl der Verbundenheit mit anderen, ein Gefühl der Kontrolle“ (S. XV).

An solchen Antworten aus der alltäglichen Praxis – mit denen Maté häufig arbeitet – wird deutlich, dass Sucht weder eine bewusste Wahl noch in erster Linie eine Krankheit ist: „Sie hat ihren Ursprung in dem verzweifelten Versuch eines Menschen, ein Problem zu lösen: das Problem des emotionalen Schmerzes, des überwältigenden Stresses, der verlorenen Beziehungen, des Kontrollverlustes, des tiefen Unbehagens mit sich selbst“ (ebd.).

Alle Drogen und alle Suchverhaltensweisen – ob substanzgebunden oder nicht, ob Glücksspiel-, Sex-, Internet- oder Kokainsucht – lindern den Schmerz entweder direkt oder lenken davon ab: „Daher mein Mantra. Die erste Frage lautet nicht: „Warum die Sucht?“, sondern „Warum der Schmerz?““ (ebd.).

Drogenprobleme – so eine weitere grundlegende Behauptung Maté´s – haben einen weiten sozialen und wirtschaftlichen Kontext. Sie sind signifikant mit Ungleichheit und sozialer Ausgrenzung verbunden (ebd.). Hohe Arbeitslosigkeit beispielsweise kann langfristig zu psychischen und physischen Problemen führen. Für Bruce Alexander, Freund und Kollege Gabors, ist ein „anhaltender Mangel an psychosozialer Integration“ (ebd.) die wichtigste Ursache für die Entstehung und Verbreitung von Sucht. Alexander nennt einen solchen Zustand „innere und soziale Entfremdung“; Maté nennt ihn Trauma (ebd.).

Maté beschreibt auch die politischen Dimensionen des jahrzehntelangen Kampfes gegen Drogen: „In diesem Buch stelle ich die Behauptung auf, dass es keinen „Krieg gegen Drogen“ gibt. Man kann keinen Krieg gegen leblose Objekte führen, sondern nur gegen Menschen. Und die Menschen, gegen die der Krieg am häufigsten geführt wird, sind diejenigen, die in ihrer Kindheit am meisten vernachlässigt und unterdrückt wurden, denn nach allen wissenschaftlichen Erkenntnissen, allen epidemiologischen Daten und allen Erfahrungen erliegen sie später in ihrem Leben am ehesten der Substanzabhängigkeit. In unserer zivilisierten Zeit bestrafen und quälen wir Menschen dafür, dass sie ein Trauma erlitten haben“ (S. XVII).

Diese politische Dimension bedeutet u.a. auch, dass in allen Ländern mit einem kolonialen Erbe (wie den USA oder Kanada) folgende Fragen gestellt werden müssen: „Wie geht die Gesellschaft vor, um das generationsübergreifende Trauma zu heilen, das das Elend vieler Ureinwohner-Communities verursacht? Was kann getan werden, um die Dynamik, die unsere Vergangenheit diktiert hat, rückgängig zu machen?“ (S. XVIII).

So ist die Verbreitung und Heilung von Traumata ein universelles Thema, welches nicht auf eine bestimmte Klasse oder eine ethnische Gruppe beschränkt ist: „Je mehr ich über die Lebensweise der Ureinwohner erfahre, umso mehr überkommt mich in der Tat oft der Gedanke, dass wir uns selbst schaden, wenn wir Kulturen ablehnen, deren zentrale Lehren und Werte einen Beitrag zur Heilung unserer Welt leisten können, sofern sie von der modernen Gesellschaft dafür geschätzt würden“ (S. XIX).

Der therapeutische Ansatz konzentriert sich nach wie vor darauf, das Verhalten von suchtkranken Menschen zu ändern, anstatt den Schmerz zu heilen, der dieses Verhalten steuert (S. XX). Solange, wie wir kein System aufgebaut haben, welches Menschen wirklich hilft, ist das Prinzip der Schadensminimierung wichtig. Es ist darauf ausgerichtet, die Menschen am Leben zu erhalten, indem beispielsweis ihr Konsum in speziell dafür vorgesehenen Konsumräumen überwacht wird oder indem es einfach Menschen gibt, die ihnen mit Rat und Tat beiseite stehen. Voraussetzung für eine erfolgreiche Behandlung – so Maté – ist letztlich die Akzeptanz der Menschen, so wie sie sind. Es gibt keine „Allheilmittel“ für die Herausforderungen der Sucht. Für viele Opiatabhängige sind Ersatzbehandlungen mit Medikamenten wie Suboxon lebensrettend, andere benötigen verschiedene Formen der Beratung, verbunden oder nicht verbunden mit einer ambulanten oder stationären Therapie – kein einzelner Ansatz garantiert den Erfolg: „Jeder Abhängige muss genau dort ´abgeholt´ werden, wo er sich in dem Moment befindet“ (S. XXIII).

Diskussion

Die erzählerischen Passagen in diesem Buch basieren auf Matés´ Erfahrungen als Arzt im Drogenghetto von Vancouver und auf ausführlichen Interviews mit seinen Patienten. Dies macht das Buch leicht verständlich. Als LeserIn fühlt man sich stets nah an den Patienten und ihren Geschichten. Der Untertitel „Auf Tuchfühlung mit der Sucht – Stimmen aus Forschung, Praxis und Gesellschaft“ trifft es genau. Das Kapitel zu den Ergebnissen der Gehirnforschung ist hochspannend und gibt einen umfassenden und gut verständlichen Einblick in wesentliche Forschungsergebnisse auf diesem Gebiet. Zusammengefasst bietet das Buch von Maté eine Synthese dessen, was aus der Forschungsliteratur über Sucht, die Entwicklung des menschlichen Gehirns und der Persönlichkeit erfahren werden kann (S. XXXI). Im Schlusskapitel finden sich Gedanken und Vorschläge zur Heilung des süchtigen Geistes: Maté will sein Buch nicht als Anleitung verstanden wissen, „aber die Entdeckungen der Wissenschaft, die Lehren des Herzens und die Offenbarungen der Seele versichern uns, dass jeder Mensch eine Chance auf Erlösung hat“ (S. XXXI).

Die Wahl des deutschen Herausgebers (Unimedica im Narayana-Verlag) war vielleicht nicht die Beste. Zusammen in einem Verkaufsprospekt mit Magnesiumflocken und Bio-Schwarzkümmel angepriesen zu werden, passt nicht ganz zu diesem kritischen und aufklärerischen Buch. Bei der Übersetzung hätte ich mir gewünscht, dass verschiedene Fachbegriffe (suchtkrank statt süchtig u.a,m.) sowie eine geschlechtsneutrale bzw. eine beide Geschlechter ansprechende Form gewählt worden wäre. Allerdings: Wir sollten froh und glücklich darüber sein, dass dieses wertvolle Buch - 13 Jahre nach seinem Erscheinen auf Englisch – überhaupt von einem Verlag in Deutschland übersetzt und publiziert worden ist.

Fazit

Ein Buch, welches suchtkranken Menschen und all´ jenen, die mit suchtkranken Menschen arbeiten oder ihren Alltag mit suchtkranken Menschen teilen, wertvolle Hilfen zum Verständnis von und dem Umgang mit dem komplexen Phänomen Sucht bietet.

Literaturangaben

Maté, Gabor (2021a): Unruhe im Kopf. Über die Entstehung und Heilung der Aufmerksamkeitsdefizitstörung ADHS, Unimedica im Narayana Verlag, Kandern; Orig.: Scattered Minds.The Origins and Healing of Attention Deficit Disorder, Alfred A. Knopf, New York, 1999

Maté, Gabor (5. Aufl. 2021b): Wenn der Körper nein sagt. Wie verborgener Stress krank macht – Und was sie dagegen tun können, Unimedica im Narayana Verlag, Kandern; Orig.: When the body says no: The cost of hidden stress, Alfred A. Knopf, New York, 2003

Maté, Gabor/Maté, Daniel (2023): Vom Mythos des Normalen. Wie unsere Gesellschaft uns krank macht und traumatisiert – Neue Wege zur Heilung. New York Times Bestseller, Kösel-Verlag, München; Orig.: The Myth of Normal – Trauma, Illness, and Healing in a Toxic Culture, Avery Publishing, New York, 2022

Neufeld, Gordon/Maté Gabor (2019): Hold on to your kids. Why parents need to matter more than peers, Vermillion, London, Orig. erschienen bei Alfred A. Knopf, New York, 2004

Rezension von
Prof. Dr. Joachim Thönnessen
Hochschule Osnabrück, Fakultät Wirtschafts- und Sozialwissenschaften. Studium der Philosophie und Soziologie in Bielefeld, London und Groningen; Promotion in Medizin-Soziologie (Uniklinikum Giessen)
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Es gibt 54 Rezensionen von Joachim Thönnessen.

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Zitiervorschlag
Joachim Thönnessen. Rezension vom 01.03.2023 zu: Gabor Maté: Im Reich der hungrigen Geister. Auf Tuchfühlung mit der Sucht - Stimmen aus Forschung, Praxis und Gesellschaft. Narayana Verlag (Kandern) 2021. ISBN 978-3-96257-216-7. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/30460.php, Datum des Zugriffs 16.04.2024.


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