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Simone Alz: Depression entschlüsseln

Rezensiert von Dipl. Soz.-Päd. (FH) Mathias Stübinger, 24.08.2023

Cover Simone Alz: Depression entschlüsseln ISBN 978-3-608-98657-0

Simone Alz: Depression entschlüsseln. Ursachen verstehen und Lösungen finden. Klett-Cotta Verlag (Stuttgart) 2022. 256 Seiten. ISBN 978-3-608-98657-0. D: 25,00 EUR, A: 25,70 EUR.

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Thema

Trauer, Niedergeschlagenheit, Schwermut, Energieverlust und Antriebslosigkeit sind sicherlich Erfahrungen, die alle Menschen im Laufe ihres Lebens wiederholt erleben; wenn Menschen Abschied nehmen, spüren sie Trauer; nach einem Misserfolg sind sie unter Umständen niedergeschlagen. In der Regel sind das aber vorübergehende Gefühle, die von neuen Empfindungen abgelöst werden. Wenn aus dieser Niedergeschlagenheit aber kein Weg führt, wenn Mutlosigkeit, Kraftlosigkeit und Verzweiflung das Leben von Menschen dominieren und sie den Glauben an sich, die Umwelt und eine konstruktive Zukunft verlieren, liegt die Diagnose einer Depression nahe (vgl. hierzu Wolfersdorf 2011: Vorwort).

Depressionen zu verstehen kann verständlicherweise äußerst schwierig sein, weil die Krankheit von sehr individuellen Erfahrungen und Erlebnissen geprägt ist, die vielschichtigen Symptome, Schwierigkeiten und Herausforderungen der Betroffenen für Außenstehende oft weitestgehend „unsichtbar“, „unbemerkt“ und „unerklärlich“ sind, weil vielschichtige Ursachen vorliegen können und/oder komplexe Wechselwirkungen mit anderen seelischen Belastungssituationen bestehen.

Entsprechend führt Simone Alz im einleitenden Kapitel Vorwort und Intension mit folgenden Gedanken in die Publikation ein: „Das Leben kann kompliziert sein. Komplex ist es allemal. Ebenso komplex sind Depressionen – komplexer, als manche Experten es statuieren. Es hilft aber nichts. Wir müssen Lösungen finden, und diese finden sich über das Verstehen der wahren Ursache. Ansonsten bleibt uns nur Versuch und Irrtum, und damit wieder das Komplizierte“ (S. 7).

Die Autorin möchte diese Komplexität und Kompliziertheit einfach darstellen, auflösen und der Vielschichtigkeit das Beklemmende und Bedrückende nehmen; dazu soll ein Modell beitragen, das – titelgebend – Depression „entschlüsselt“ und eine geeignete Orientierungshilfe bietet (S. 7).

Autorin

Simone Alz ist ausgebildete Diplom-Psychologin und arbeitete bislang u.a. als Consultant für Human Performance & Change Management in einer Unternehmensberatung; sie war bei den Vereinten Nation beschäftigt und dort verantwortlich für die strategische Besetzung von Positionen und die Entsendung und Entwicklung von Personal; aktuell arbeitet sie als selbstständiger Coach für Top-Manager sowie im Bereich Team-, Persönlichkeits- und Bewusstseinsentwicklung (vgl. S. 257).

Im Wissenstor Verlag hat Simone Alz gemeinsam mit Sabine zur Nedden bereits 2014 das Buch: Der Goldene Blick: Wie Du Dein Leben noch nie betrachtet hast veröffentlicht. Thematisch geht es um Bewusstwerdung, Selbstverwirklichung und Transformation von Menschen.

Aufbau und Inhalt

Die Verfasserin gliedert ihren Text in drei Teile und insgesamt 11 Kapitel.

Teil IEinleitung

1. Das Modell: Die Depressions-Pyramide

Im Sinne einer klar nachvollziehbaren Struktur stellt Simone Alz eine von ihr entwickelte – und von der bekannten Bedürfnispyramide Abraham Maslow‘s inspirierte – so genannte „Depressions-Pyramide“ vor. Aus der Überzeugung, dass menschliche Bedürfnisse und deren Befriedigung oder Nichtbefriedigung eine potenzielle Grundlage für das Verstehen von Depression bietet, verknüpft die Autorin physische, psychische, soziale, spirituelle und sinnhafte Bedürfnisse mit den Prinzipien Verbindung und Hoffnung (S. 13 f.)

Verbindung – als Ausgangspunkt der Pyramide – wird primär als Beziehungsperspektive verstanden und beinhaltet die Intensität und Qualität der Zugehörigkeit des Menschen zu sozialen Bezügen; Hoffnung – als Zielperspektive des Modells – greift den Gedanken auf, dass ein Mensch der Hoffnung hat, nicht verzweifeln wird. Elementar für die Entstehung bzw. das Verständnis von Depression sind zentrale Leitfragen nach dem „Was“, „Wie“ und „Warum“, als z.B. „Was brauche ich?“, „Was fehlt mir?“, „Wie hat sich meine Erfahrung gestaltet?“, „Wie wäre es optimaler?“, „Warum tue ich, was ich tue?“, „Warum lebe ich diese Art Leben?“ (S. 16 f.).

2. Aufbau des Buches und der Kapitel

Immer in Verbindung zur Depressionspyramide und ihren Leitfragen bilden – erfahrungsbasierte – Fallgeschichten zu vier fiktiven Personen (Ben, Laura, Andi, Susanne) ein zentrales Stilmittel der vorliegenden Publikation; im Hauptteil des Buches werden einzelne Teile des Modells beschrieben, im dritten Teil werde wichtige – über das Modell hinausgehende – Themen skizziert; in jedem Kapitel sind kurze, hervorgehobene Zwischenfazits und Reflexionsfragen für Betroffene eingebunden.

3. Szenen einer Depression, oder: Wie fühlt sich das eigentlich an?

Als Erstes Fallbeispiel zum Verständnis von Depression und deren Folgen dient eine Geschichte von Laura, die gefühlt 200 Tage eines Jahres auf dem Badezimmerteppich verbracht hat. Die Schilderung der Erlebnisse bleibt zunächst unkommentiert.

4. Habe ich eine Depression und wie werden Depressionen diagnostiziert

Im Kontext einer individuellen, ursachenbezogen Betreuung, Begleitung und Behandlung ist eine möglichst eindeutige Diagnostik der Depression entscheidend. Entsprechend zählt Simone Alz wesentliche Symptome auf, verweist auf Kriterien des DSM-5 und ICD-10 und schildert – äußerst kompakt – die Bedeutung von Selbst- und Fremdbeurteilung. Eingefügt ist der Gesundheitsfragebogen für Patienten (PHQ-D – Patient Heaths Questionnaire) – ein Selbstauswertungsbogen bzw. ein Instrument der psychosozialen Diagnostik (vgl. S 26 f.).

Teil II – Die Depressions-Pyramide

5. Physische Ursachen

Als ersten Element/​erste Ebene der Depressionspyramide beschreibt Simone Alz die vielfältigen körperlichen Ursachen einer Depression. Sie widmet sich u.a. den Einflussfaktoren die vom Gehirn oder der Genetik/​Epigenetik ausgehen, thematisiert sind im Weiteren die (Wechsel-)Wirkung von Neurotransmittern, Hormonen, Viren oder Vitalstoffen. Die Verfasserin bilanziert z.B., dass die Gehirne von Menschen mit einer Depression scheinbar anders arbeiten als die Gehirne von Gesunden (S. 37), dass Depressionen familiär gehäuft auftreten und eine Vulnerabilität für die Erkrankung vererbt werden kann (S. 43).

Herausgestellt wird, dass es biochemische Ursachen (evtl. ein Mangel des Transmitters Serotonin) gibt und entsprechend Psychopharmaka bei schweren Verläufen den Betroffenen durchaus helfen können (S. 49 f.), oder dass der Hormonhaushalt eine gute Balance braucht – was durchaus durch Bewegung und Liebe positiv beeinflusst werden kann (S. 65). Nicht zu unterschätzen sind schließlich die Wirkungen von Parasiten, Bakterien, Umweltgiften; Schwermetallen etc.

Dem Darm – als einem wesentlichen Element des Immunsystems – kommt eine weitere Bedeutung zu, denn ein kranker Darm kann Depressionen auslösen, ein gesunder Darm ist essenziell für die „gute Stimmung eines Menschen“ (S. 79).

Naheliegend erscheint die Erkenntnis, dass ein Mangel an Vitaminen und Mineralstoffen Antriebslosigkeit und Energielosigkeit befördert – was die Verfasserin zu der einfachen Formel führt, dass es wichtig ist, viel Obst und Gemüse zu verzehren und – beispielsweise durch Spazieren gehen – genug Sonnenlicht zu bekommen (S. 87).

6. Psychische Ursachen

Das Gehirn – als höchste Schaltzelle oder „Software“ des menschlichen Körpers – steuert alle anderen Funktionen des menschlichen Organismus; was hier abläuft hat – so Simone Alz – entsprechend Auswirkungen auf alles andere im Leben eines Menschen (S. 90).

Die Autorin erkennt zwei Gesetzmäßigkeiten nach denen Gedanken und deren Muster ablaufen. Zum einen wirkt das Gesetz der Assoziation, also der Vergleich eingehender Informationen mit Bekanntem. Zum anderen prägt das Gesetz der Wiederholung menschliches Erleben, also die Perspektive, dass die Häufigkeit von wahrgenommenen Informationen und deren wiederholte Assoziation das Handeln als Muster oder Schemata prägen werden (S. 90).

Entsprechend gilt es, negative Gedanken zu vermeiden, wohlwollend auf sich selbst zu schauen, prägnante Denkmuster zu hinterfragen und – ja durchaus realistische -Einschätzungen eigener Erlebnisse und Erfahrungen nicht zu destruktiven Denkmustern werden zu lassen.

Die Verfasserin greift u.a. die kognitive Theorie von Aaron T. Beck und schildert Depression als Denkstörung oder die negative Sicht auf sich selbst, die Welt und die Zukunft (S. 95 f.). Es komme darauf an, einen Weg fort von den negativen Gedanken zu finden, positive Intelligenz zu nutzen und generell einen anderen Blickwinkel auf das destruktive Denkstrukturen zu entwickeln. Eine Option wäre hier die große Schule der Achtsamkeit (S. 100 f.).

Im Weiteren skaliert Simone Alz Traumata, Schicksalsschläge und negative Erlebnisse als potenzielle Auslöser einer Depression und widmet sich den Schlagworten Stress, Burnout und Resilienz. Auch, wenn alle Menschen schwierige Momente bis hin zu traumatischen Ereignissen erleben, ist eine Heilung möglich und können Ressourcen wieder aufgebaut werden (S. 109). Auch, wenn es für jeden Menschen einen individuellen Schwellenwert gibt, ab welchem es ihm alles zu viel wird und das „Stressfass“ überläuft, jeder bewältigte Stressor lässt wieder etwas aus „Stressfass“ abfließen (S. 130).

7. Soziale Ursachen

Sehr vereinfacht definiert Simone Alz „das Soziale“ als das Zusammenleben von Menschen, die menschliche Gemeinschaft und die Verbindung zu anderen Menschen (S. 134), denn „Wenn Menschen depressiv werden, geht es immer wieder um fehlende Gemeinschaft und Unterstützung“ (S. 136).

Im Kontext sozialer Ursachen einer Depression liegen mögliche Einflussfaktoren demnach in den Bereichen, Beziehung und Partnerschaft (Kapitel 7.1) oder Kindheit und Bindungserfahrungen (Kapitel 7.2). Selbstwert, Zugehörigkeit und Identität sind als weitere prägende Elemente benannt (Kapitel 7.3).

„In den Erzählungen Depressiver, und entsprechend in ihren Lebenslinien zeigen sich oft Brüche. Zwei Grundmuster treten in der Biografie Depressiver immer wieder auf. Erstens Erfahrungen mit zu wenig emotionaler Zuwendung. Und zweitens Erlebnisse, die den Selbstwert geschälert haben“ bilanziert Simone Alz (S. 164 f.) an einer Stelle des Textes und betont, wie wichtig es also sei, sich positive, Hoffnung gebende Gefühle in Erinnerung zu rufen, welche es im Kontext sozialer Bindungserfahrungen gegeben hat (S. 165).

8. Spirituelle Ursachen

Noch mehr als in den bisherigen Themen erkennt Simone Alz im Hinblick auf die Spiritualität ein großes Spektrum an Schulen und Lehren. Sie möchte entsprechend primär Hinweise aus eigener Erfahrung teilen (S. 172).

Entsprechend finden sich im Folgenden Hinweise zur Wirkung von Spiritualität, Bewusstsein, Seele und Energien auf die Menschen mit einer depressiven Erkrankung. „Alles Erleben, ob Freude oder Depression, geschieht letztlich mit dem Ziel der Bewusstwerdung. Jeder von uns kann den Weg dorthin finden, wohin unsere Sehnsucht uns ruft“ (S. 175) kann an dieser Stelle als ein exemplarisches Zitat dieses Kapitels gelten.

Als höchste – die spirituellen Ursachen noch übersteigende – Ebene der „Depressions-Pyramide“ gilt laut Simone Alz der Sinn des Lebens. Gerade in den dunklen Stunden sei es wichtig, sich zu fragen, wofür ich lebe, wofür oder für wen es sich zu leben lohnt, wo es Licht am Ende des Tunnels gibt, was Lebensenergie und Lebensimpulse vermittelt, was motiviert und inspiriert (vgl. S. 190 f.).

Zusammenfassend bilanziert die Verfasserin, dass im Kern einer Depression das Gefühl der Leere dominiert. Diese Leere kann – wenn das auch nicht einfach sein wird – aber mit Sinn erfüllt werden. Sinn kann entsprechend durch eine Depression tragen und auch in einer Depression kann der Mensch einen Sinn finden (S. 199).

Teil III – Was ist noch wichtig?

9. Psychopharmaka

Der insgesamt eher kompakt gehaltene dritte Teil des Buches beginnt mit einer Auseinandersetzung mit den Risiken und Chancen von Psychopharmaka in der Behandlung von Menschen mit einer depressiven Erkrankung.

Die Autorin stellt dar, dass etwa 30 % der Betroffenen von der Einnahme entsprechend indizierter Medikamente profitieren und betont nachvollziehbarerweise, dass es gerade schweren Depressionen angezeigt sein wird, auf Psychopharmaka zurückzugreifen.

Natürlich sind in diesem Bereich die Begrenzungen, Gefahren und Nebenwirkungen zu bedenken, und somit verstehe es sich von selbst, dass eine differenzierte Diagnostik und fachärztliche Begleitung bei der Auswahl, der Dosierung, dem Wechsel entsprechender Medikamente angezeigt ist.

10. Suizidgefährdung

Sehr kompakt geht Simone Alz auf das 30mal höhere Suizidrisiko bei depressiv erkrankten Menschen ein. Als wichtige Kriterien für die Erhöhung des Suizidrisikos greift sie die Erkenntnis auf, dass die Schwere und die Dauer der Depression das Risiko erhöhen, dass sich Betroffene das Leben nehmen.

Kurz schildert die Verfasserin, dass negative Gedanken der Hoffnungslosigkeit in der Sicht auf sich selbst, die Welt und die Zukunft als auslösende, verstärkende Perspektiven Beachtung finden müssen und dass eventuelle Andeutungen der Betroffenen, sich das Leben nehmen zu wollen, unbedingt ernst genommen werden müssen.

11. Behandlungsmethoden/​Therapien

Das elfte und letzte Kapitel skizziert – erneut in knapper, aufzählender Form – Methoden und Techniken der Betreuung, Begleitung, Beratung und Behandlung von Menschen mit einer depressiven Erkrankung. Nachdem der Fokus der Autorin eher auf der Erklärung von Ursachen einer Depression liegen soll, werden vielfältige Ansätze – wie z.B. die Behandlung über Antidepressiva, Psychotherapie, Achtsamkeitstraining, Coaching usw.

Simone Alz betont hier noch einmal, dass der Fokus ihres Buches auf der Beschreibung potentieller Ursachen liegt und formuliert die Hoffnung, dass entscheidende Hinweise für die Heilung der Erkrankung schon in der dazugehörigen Selbstreflexion zu finden sind, und dass schon auf dem Weg zu einer Selbsterkenntnis für jeden Betroffenen klarer wird, was das für die Schritte in Richtung Heilung bedeutet (S. 225).

Diskussion

Die Entschlüsselung und ursächliche Erklärung von Depressionen ist ein kontinuierlicher, herausfordernder Prozess, der eine vielschichtige fachliche Expertise erfordert. Es bedarf eines interdisziplinären Zusammenwirkens von Fachkolleginnen und Fachkollegen u.a. aus der Medizin, Psychologie oder der Sozialen Arbeit, um die bio-psycho-sozialen Ursachen der Erkrankung zu verstehen und zu erklären und entsprechende Impulse für eine Therapie, Behandlung, Begleitung und Betreuung betroffener Menschen zu entwickeln.

Natürlich ist es – neben der Weiterentwicklung fachlicher Perspektiven – wichtig, das elementare Bewusstsein für Depressionen in der Gesellschaft zu erhöhen, um Vorurteile und Stigmatisierungen zu reduzieren und den Zugang zu Unterstützung und Behandlung zu erleichtern.

Die vorliegende Publikation von Simone Alz ist weniger ein Beitrag zum fachlich-forschenden Diskurs als der Versuch, die leider weit verbreitete Erkrankung einer Depression einer breiten Öffentlichkeit in einfacher, nachvollziehbarer Sprache näher zu bringen. Das Modell der „Depressions-Pyramide“ kann – als einfache Visualisierung – durchaus erklärende Impulse für Personen geben, die eine erste Vermutung entwickeln, an einer Depression erkrankt zu sein

Sehr eindrucksvoll sind die eingebundenen Praxisbeispiele, die eine gute Vorstellung vom möglichen Leid der Betroffenen vermitteln. Schwierig erscheinen doch manche – aus den Praxisbeispielen – abgeleitete Empfehlungen für den Umgang mit einer Depression.

Als Beispiel soll das schon erwähnte Fallbeispiel von Laura dienen, die davon berichtet, wie schwer es ihr falle – auf dem Badezimmerboden liegend – bewusste Gedanken zu fassen und ihr Leben zu steuern (S. 102). Es ist wirkt recht vereinfachend und verkürzt, wenn an einer anderen Stelle im Buch die Empfehlung gegeben wird, sich ausreichend an der frischen Luft zu bewegen ( S. 87).

Ein weiteres Beispiel ist die Erzählung eben dieser Laura von einer gescheiterten, Verwundungen erzeugenden, das Weltbild ins wankende bringenden Beziehung (S. 147 f.). Ein Schlüssel zur Heilung sozialer Ursachen könnte – so das Fazit von Simone Alz – dann sein, sich immer wieder auf eigene positive Eigenschaften zu konzentrieren und wieder Vertrauen und Hoffnung in sich und das Leben zu entwickeln (S. 170).

Gerade die im Untertitel angekündigte Perspektive, dass es auch um das Finden von Lösungen gehen soll, kommt insgesamt zu kurz.

Positiv für Leserinnen und Leser kann es sein, dass sie sich – gerade eben über die Fallbeispiele – in ihrem eigenen Empfinden wiederfinden und sich mit individuellen Erlebnissen und Berührungspunkten zur eigenen Erkrankung oder der Erkrankung naher Angehöriger offener auseinandersetzen. Auch, wenn das bewusst nicht die Intension des Textes ist – die daraus resultierende Perspektive der psychosozialen Behandlung der Erkrankung bleibt zu kurz skizziert.

Sprachlich zumindest unglücklich erscheint, dass an einigen Stellen des Buches von „den Depressiven“ geschrieben wird (vgl. z.B. S. 32 „Depressive und Gesunde“). Das mag von Betroffenen als stigmatisierend empfunden werden und sollte bei einer evtl. Neuauflage ein wenig sorgfältiger lektoriert werden.

Fazit

Empfehlenswert ist Depression entschlüsseln. Ursachen verstehen und Lösungen finden als erste Annäherung und einführender Überblick zu den vielfältigen Ursachen einer Depressionserkrankung. Gerade durch die kompakte Darstellung, die Fallbeispiele und einfache Sprache des Buches erreicht die Darstellung sicher interessierte Leserinnen und Leser, die sich erstmals mit dem Krankheitsbild oder einer möglichen eigenen Diagnose auseinandersetzen wollen oder müssen.

Vertiefende, neue Erkenntnisse für den fachlichen Diskurs und die Gestaltung der bio-psycho-sozialen Betreuung der betroffenen Menschen – z.B. durch Sozialarbeitende und Psychologinnen und Psychologen – finden sich eher nicht.

Literatur

Wolfersdorf, Manfred (2011): Depressionen verstehen und bewältigen, 4., neu bearbeitete Auflage, Springer Verlag, Heidelberg

Rezension von
Dipl. Soz.-Päd. (FH) Mathias Stübinger
Diplom-Sozialpädagoge (FH) Lehrkraft für besondere Aufgaben an der Hochschule Coburg, Fakultät Soziale Arbeit und Gesundheit, u.a. in tätig in den Lehrgebieten: Sozialmanagement / Organisationslehre / Handlungslehre / Praxisanleitung und Soziale Arbeit für Menschen mit Behinderung.
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Es gibt 31 Rezensionen von Mathias Stübinger.

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Zitiervorschlag
Mathias Stübinger. Rezension vom 24.08.2023 zu: Simone Alz: Depression entschlüsseln. Ursachen verstehen und Lösungen finden. Klett-Cotta Verlag (Stuttgart) 2022. ISBN 978-3-608-98657-0. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/30475.php, Datum des Zugriffs 18.07.2024.


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