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Ernst-Wilhelm Luthe (Hrsg.): Assistive Technologien im Sozial- und Gesundheitssektor

Rezensiert von Prof. Dr. Henning Daßler, 14.03.2023

Cover Ernst-Wilhelm Luthe (Hrsg.): Assistive Technologien im Sozial- und Gesundheitssektor ISBN 978-3-658-34026-1

Ernst-Wilhelm Luthe (Hrsg.): Assistive Technologien im Sozial- und Gesundheitssektor. Springer VS (Wiesbaden) 2022. 842 Seiten. ISBN 978-3-658-34026-1. D: 56,07 EUR, A: 61,67 EUR, CH: 66,50 sFr.
Reihe: Gesundheit. Politik - Gesellschaft - Wirtschaft.

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Thema

Mit dem Begriff „Assistive Technologien“ (AT) verbindet sich der Anspruch, durch technologisch (insbesondere digital) fundierte Konzepte, Produkte und Dienstleistungen Lebensqualität, Teilhabe und Selbstbestimmung von Menschen mit Beeinträchtigungen zu ermöglichen und zu verbessern. Vor dem Hintergrund eines relationalen Verständnisses von Behinderung gemäß der International Classification of Functioning, Disability and Health (ICF), das den Blick auf die Bedeutung von Umweltbarrieren lenkt und der UN-Behindertenrechtskonvention, die in Art. 9 diesem Verständnis entsprechend den Grundsatz der Zugänglichkeit (Accessibility) formuliert erscheint die Frage nach dem möglichen Beitrag von AT zur Herstellung von Barrierefreiheit und Förderung von Teilhabe mehr denn je bedeutsam. Nicht ohne Berechtigung weisen die Herausgeber*innen in ihrem Vorwort darauf hin, dass diese Perspektive auch vor dem Hintergrund struktureller Entwicklungen wie dem Zuwachs von Menschen mit Assistenzbedarfen und dem Fachkräftemangel von Bedeutung ist.

Dabei ist den Herausgebern bewusst, dass die technologische Komponente eine zwar notwendige, aber nicht hinreichende Bedingung für die Entwicklung wirksamer Assistenzsysteme darstellt. Der Weg von der Forschung und Entwicklung bis zur Marktreife ist lang und von vielen Faktoren abhängig. Entsprechend ist eine interdisziplinäre Perspektive gefordert, um erfolgversprechende Ansätze zu entwickeln und die dafür relevanten Rahmenbedingungen zu analysieren.

Autor:in oder Herausgeber:in

Das Herausgeberteams besteht aus Professor:innen der Ostfalia Hochschule Wolfenbüttel im Bereich des Sozialrechts (Ernst-Wilhelm Luthe), der Rehabilitationspsychologie (Sandra Verena Müller) und der Angewandten Informatik (Ina Schiering). Eine Reihe weiterer Autor:innen der Beiträge ist ebenfalls an dieser Hochschule tätig.

Aufbau

Das Buch ist mit der Einleitung (I.) in acht Hauptteile gegliedert (II. Digitale Assistive Technologien, III. Zielgruppen, IV. Zielkontexte, V. Rechtliche Rahmenbedingungen, VI. Ökonomische Rahmenbedingungen, VII. Gesellschaftliche Dimension, VIII. Praxis- und Forschungsprojekte). Der Aufbau des Bandes ist plausibel und geeignet, der Komplexität des Themas gerecht zu werden.

Inhalt

In ihrer Einleitung geben die Herausgeber*innen einen informativen und begründenden Überblick über die Inhalte. Deutlich wird der Anspruch, der Breite des Anwendungsspektrums von AT Rechnung zu tragen und das damit verbundene Potenzial für die Verbesserung selbstbestimmter Teilhabe aufzuzeigen.

Der zweite Teil versammelt Texte zur grundlegenden Einführung und begrifflichen Explikation. Die jeweiligen Aufsätze erläutern gut strukturiert, verständlich und zielgruppengerecht technologische Ansätze und assistive Konzepte im Zusammenhang mit Robotik, Künstlicher Intelligenz, Expertensystemen und Maschinellem Lernen. Dabei werden auch die komplexen Einsatzmöglichkeiten von Mainstream-Technologien wie Smartphones und Datenschutzaspekte berücksichtigt.

Die Beiträge in Teil III des Bandes widmen sich dem Einsatz assistiver Technologien für unterschiedliche Zielgruppen. Berücksichtigt werden Menschen mit intellektuellen Beeinträchtigungen, Menschen mit Erkrankungen oder Verletzungen des Gehirns, Menschen mit Demenzerkrankungen, körperlich-motorisch beeinträchtigte Menschen und Menschen mit Pflegebedarf im Alter. Leitendes Motiv für die Auswahl der Nutzergruppen war das spezifische in der Nutzung von AT liegende Potenzial eines Zuwachses an Selbstständigkeit und Selbstbestimmung.

Der Beitrag von Aust und Müller führt gut in die Begrifflichkeit der intellektuellen Beeinträchtigung bzw. geistigen Behinderung ein und erläutert informativ sowohl den Assistenzbedarf der Zielgruppe bei der Nutzung digitaler Medien als auch die Bedeutung und Perspektiven des Einsatzes von AT. Die Darstellung für die Zielgruppe der Menschen mit Erkrankungen und Verletzungen des Gehirns (Thöne-Otto) ist eher von einer klinisch-rehabilitative Perspektive geprägt. Differenziert werden dabei störungsspezifische Anwendungsgebiete (visuelle Wahrnehmung, Motorik, Kommunikation, kognitive Störungen) der AT dargestellt.

Der Beitrag zu AT im Kontext von Demenz (Kaiser) beschreibt Störungsbild und Versorgungsarrangements sowie Einsatzmöglichkeiten von AT und daraus resultierende Effekte für die Selbstbestimmung und Mitwirkung. Positiv hervorzuheben ist die daran anknüpfende kritische Diskussion der ethischen Herausforderungen und einer nur begrenzt zu belegenden Praxisrelevanz. Dabei fehlt auch nicht der Hinweis auf mögliche kontraproduktive Effekte eines Einsatzes von AT.

Der Aufsatz zur großen Zielgruppe der Menschen mit körperlichen und motorischen Beeinträchtigungen (Bosse/​Feichtinger) nimmt ausführlich Bezug auf die UN-BRK, die ICF und die Systematik assistiver Technologien. In Bezug auf körperliche Beeinträchtigungen werden deren Einsatz in Bezug auf die Herstellung von Barrierefreiheit, die Erleichterung der Bildungsinklusion und der Ansatz des ‚Universal Designs‘ diskutiert.

Der Beitrag über den Einsatz von AT bei Personen mit langfristigem Pflegebedarf (Hasseler und Mink) beschreibt typische Pflegeprobleme und diskutiert den Einsatz von AT vor dem Hintergrund von Konzepten eines gelingenden Alterns und der besonderen Belastung pflegender Angehöriger. Kritisch wird dabei auch auf fehlende Forschungsergebnisse und den Mangel an praxistauglichen Konzepten hingewiesen.

Die Beiträge im vierten Teil des Bandes umspannen einen breiten Bogen von Zielkontexten in Bezug auf den Einsatz assisitiver Technologien. Der Beitrag von Leopold, Ertas-Spantgar und Müller liefert einen nach Funktionsbereichen (kognitive, sensorische und motorische Assistenzsysteme) geordneten systematischen Überblick über AT und ihren Beitrag für Selbstbestimmung, Autonomie und Teilhabe vor dem Hintergrund eines relationalen Verständnisses von Behinderung im Sinne der ICF und der Anforderungen der UN-Behindertenrechtskonvention. Dasselbe Autorinnenteam beschreibt im Anschlussbeitrag Perspektiven der Nutzung von AT im Arbeitsleben. Dabei werden neben der systematischen Darstellung der Einsatzmöglichkeiten und einer Übersicht über aktuelle Projekte rechtliche Grundlagen der Finanzierung dargestellt und die zukünftige Bedeutung des Persönlichen Budgets für diesen Bereich hervorgehoben. Damit korrespondiert inhaltlich der Beitrag von Sabrina Inez Weller zum Einfluss von AT auf die Tätigkeit von Menschen mit Behinderungen in der Erwerbswirtschaft. Aspekte der kulturellen Teilhabe im Zusammenhang mit AT thematisieren die Aufsätze von Münch und Müller, sowie von Heitplatz, Wilkens und Bühler, wobei letztere insbesondere den Aspekt der Bildung fokussieren. Hasseler und Mink setzen sich mit den Perspektiven des Einsatzes von Assistenztechnologien in der Pflege auseinander und behandeln dabei in kritischer Perspektive auch Fragen der Nutzungsbereitschaft seitens der Zielgruppe und spezifische Gefahren digitaler AT.

Der fünfte Teil des Bandes enthält zwei umfangreiche Beiträge zu rechtlichen Rahmenbedingungen. Ernst-Wilhelm Luthe liefert eine ausführliche Darstellung des Themas aus sozialrechtlicher Sicht einschließlich konkreter Überlegungen zu Reformperspektiven, um die Rahmenbedingungen für den Einsatz von AT zu verbessern. Dirk Bieresborn, Richter am Bundessozialgericht in Kassel, beschreibt die komplexe Rechtslage im Bereich des Datenschutzes.

Im sechsten Teil des Bandes wird das Thema aus ökonomischer Perspektive beleuchtet. Die hier versammelten vier Beiträge thematisieren gesundheitswirtschaftliche Perspektiven (Fachinger, Henke, Mähs), die ökonomischen Potenziale von AT im Pflege- und Gesundheitssektor (Mähs, Fachinger) und Marketingperspektiven (Kortendieck). Interessant ist dabei auch der Beitrag von Birgit Wilkes über Smart Home Technologie als Marktsegment der Wohnungswirtschaft, gilt letztere doch gemeinhin als potenzieller Motor in Bezug auf die Umsetzung von AT.

Der siebte Teil des Bandes ist der gesellschaftlichen Dimension des Themas gewidmet und enthält fünf Beiträge aus soziologischer, gerontologischer und sozialwissenschaftlicher Perspektive. Peter Biniok analysiert soziotechnische Konstellationen und Ensembles bei der Anwendung von AT anhand eines heuristischen Modells der Triade ‚Assistenznehmer‘, ‚-geber‘ und ‚-technik‘ und identifiziert spezifische Entmenschlichungspotenziale durch Kontaktverlust, Lenkung durch Technik und Objektifizierung von Assistenznehmenden in Abhängigkeit von der jeweiligen triadischen Konstellation. Claudia Kaiser untersucht kritisch die mit altersgerechten Assistenzsystemen verbundenen Lösungsversprechen in Bezug auf die Herausforderungen des demografischen Wandels und weist auf Folgeprobleme wie das Entstehen neuer Abhängigkeiten und neuer sozialer Ungleichheiten, sowie Forschungslücken (z.B. den Mangel an Langzeitstudien) hin. Der nach wie vor bestehende Gap zwischen technischer Entwicklung und der Alltagswirklichkeit in den Pflegeeinrichtungen rechtfertigt aus ihrer Sicht eine skeptische Einschätzung der Potenziale von AT. Grit Braeseke, Claudia Pflug, Nina Lingott und Ulrike Pörschmann-Schreiber vom Institut für Gesundheits- und Sozialforschung in Berlin referieren Ergebnisse ihrer aktuellen Studie zum Einsatz von AT in der pflegerischen Versorgung. Ihr Verweis auf internationale Beispiele macht deutlich, dass auch in „Trendnationen“ wie Japan keine weitreichenden Lösungen des Problems der pflegerischen Versorgung durch AT absehbar sind. Der Beitrag von Bratan, Nierling und Maia macht die Vielfalt existierender oder in Entwicklung befindlicher AT-Ansätze deutlich und entwirft vor dem Hintergrund des Leitbildes einer inklusiven Gesellschaft unterschiedliche Zukunftsszenarien. Julia Dösselmann und Holger Wunderlich arbeiten in ihrem Beitrag unter Darstellung plausibler Beispiele den Nutzen einer sozialraumbezogenen Perspektive in der Betrachtung AT-bezogener Bedarfslagen heraus. Dabei beziehen sie auch Fragen der Wirkung und der Gewinnung sozialraumbezogener Daten mit ein.

Der achte Teil des Bandes ist der Vorstellung von fünf Praxis- und Forschungsprojekten gewidmet, die unterschiedliche Aspekte und Kontexte bzgl. des Einsatzes von AT zum Inhalt haben. Der Bericht von Prilla, Recken, Janßen und Schmidt beschreibt Nutzenpotenziale von Augmented Reality am Beispiel einer Pflegebrille und formuliert Kriterien für eine erfolgreiche Produktentwicklung, z.B. durch Kooperation mit Praxiseinrichtungen. Angelika Thöne-Otto und Paul Chojecki stellen praxisnah die Optionen des Einsatzes Virtueller Realität in der Diagnostik und Therapie kognitiver Störungen dar, wobei sie auch Nebenwirkungen wie „Cybersickness“ thematisieren. Ein weiterer Beitrag beschreibt alltagsnah den Nutzen einer Smartphone-basierten mHealth-Anwendung für die Unterstützung bei Beeinträchtigungen der Handlungsplanung für Menschen mit exekutiven Dysfunktionen (Gabel, Pfleger und Schiering). Der Aufsatz von Hüning, Schack und Steinhart von der Stiftung Bethel setzt sich mit Perspektiven von SmartHome-Konzepten für Menschen mit Beeinträchtigungen auseinander referiert den Entwicklungsstand und beschreibt Chancen, Risiken, Forschungsbedarf und Finanzierungsfragen. Aus stadt- und verkehrsplanerischer Perspektive behandelt der letzte Beitrag des Bandes die Möglichkeiten von datengestützte Mobilitätsanalysen im Sinne einer partizipativen Stadtentwicklung.

Diskussion

Der Band spiegelt zum einen die Vielfalt der Entwicklungsansätze wider, benennt wichtige Zielkontexte und erläutert wesentliche Rahmenbedingungen für den Einsatz von AT, gibt zum anderen aber auch der kritischen Reflexion genügend Raum. Positiv hervorzuheben ist eine interdisziplinäre Perspektive, die sich in den Beiträgen unterschiedlicher Provenienz (Sozialwissenschaften, Jura, Medizin, Psychologie, Informatik, Ökonomie, Pflege- und Rehabilitationswissenschaft) widerspiegelt. Die mit den diversen Facetten des Themas und der hohen Zahl von 32 Beiträgen verbundene Gefahr der Unübersichtlichkeit und inhaltlichen Überschneidung wird durch die plausible Strukturierung des Bandes weitgehend vermieden. Auch ist es diesbezüglich vermutlich von Vorteil, dass eine Reihe von Beiträgen von den Herausgeber:innen selbst bzw. mit verfasst wurden. Im Ergebnis bietet das Buch einen gewinnbringenden und vielseitigen Einblick in das Thema Assistive Technologien für Fachkräfte und Entscheidungsträger:innen aus dem Sozial- und Gesundheitssektor und Wissenschaftler*innen unterschiedlicher Disziplinen und alle anderen an dem Thema Interessierten.

Fazit

Das Buch bietet einen interessanten und lesenswerten Einstieg in das Thema Assistive Technologien, der auch für interessierte technische Laien geeignet erscheint. Es bietet einen guten Überblick über technischen Entwicklungsstand, Rahmenbedingungen und wesentliche Umsetzungsfragen in unterschiedlichen Anwendungsbereichen.

Rezension von
Prof. Dr. Henning Daßler
Gemeindepsychiatrie, Rehabilitation und Beratung Studiengangsleitung Master Soziale Arbeit mit dem Schwerpunkt Gemeindepsychiatrie
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Es gibt 1 Rezension von Henning Daßler.

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Zitiervorschlag
Henning Daßler. Rezension vom 14.03.2023 zu: Ernst-Wilhelm Luthe (Hrsg.): Assistive Technologien im Sozial- und Gesundheitssektor. Springer VS (Wiesbaden) 2022. ISBN 978-3-658-34026-1. Reihe: Gesundheit. Politik - Gesellschaft - Wirtschaft. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/30494.php, Datum des Zugriffs 18.07.2024.


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