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Florian Cristóbal Klenk: Post-Heteronormativität und Schule

Rezensiert von Mario Mallwitz, 27.07.2023

Cover Florian Cristóbal Klenk: Post-Heteronormativität und Schule ISBN 978-3-8474-2631-8

Florian Cristóbal Klenk: Post-Heteronormativität und Schule. Soziale Deutungsmuster von Lehrkräften über vielfältige geschlechtliche und sexuelle Lebensweisen. Verlag Barbara Budrich GmbH (Opladen, Berlin, Toronto) 2023. 473 Seiten. ISBN 978-3-8474-2631-8. D: 79,90 EUR, A: 82,20 EUR.
Reihe: Studien zu Differenz, Bildung und Kultur - 13.

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Thema

Das Werk erscheint in der Reihe Studien zu Differenz, Bildung und Kultur und stellt aus kritisch-dekonstruktiver Perspektive die Frage, welche sozialen Deutungsmuster dem Handeln von Lehrkräften zugrunde liegen mit Fokus auf vielfältige geschlechtliche und sexuelle Lebensweisen. Diese wurden mittels der Grounded Theory Methodologie aus Interviews mit Lehrkräften rekonstruiert und kondensieren sich in den Mustern der Dethematisierung, Fragmentierung und Responsibilisierung.

Autor

Florian Cristóbal Klenk ist wissenschaftlicher Mitarbeiter in den Arbeitsbereichen Praxislabor und Schulpädagogik im Kontext von Heterogenität am Institut für Allgemeine Pädagogik an der Technischen Universität Darmstadt. Seine Forschungsschwerpunkte sind in den Gebieten Inklusion, Lehrkräfteprofessionalisierung, Gender, Queer und Diversity Studies sowie der qualitativen Schul- und Unterrichtsforschung zu verorten.

Entstehungshintergrund

Sexuelle und geschlechtliche Vielfalt erfahren seit geraumer Zeit sowohl medial als auch in wissenschaftlichen Diskursen eine erhöhte Aufmerksamkeit. Mit Blick auf das Feld Schule kann festgestellt werden, dass diese Themen nur randständig behandelt werden. Dies aufgreifend beleuchtet die vorliegende Studie die Perspektive pädagogischer Fachkräfte auf den Umgang mit bzw. die Thematisierung von vielfältigen sexuellen und geschlechtlichen Lebensweisen in der Institution Schule.

Aufbau & Inhalt

Die Dissertation ist in insgesamt sieben Kapitel gegliedert: An die Einleitung, in der eigene biografische Erfahrungen des Autors sowie der Aufbau der Arbeit dargelegt werden, schließt sich der theoretische Hintergrund unter dem Titel „Un-/gebrochene Heteronormativität – Konstellationen kritischer und dekonstruktiver Pädagogik“ an. Im Rahmen dessen wird die Arbeit in das Feld kritischer Differenztheorien eingebettet. Angelehnt an die Pädagogik vielfältiger Lebensweisen von Jutta Hartmann (2002) nimmt Klenk eine kritisch-dekonstruktive und intersektionale Perspektive ein. Dabei beleuchtet er machtanalytisch und herrschaftskritisch die Genese und Transformation von Heteronormativität in Bezug auf Bildung. Hier wird der für die Arbeit zentrale Begriff der Post-Heteronormativität eingeführt, welcher „weder für die Überwindung der heteronormativen Dominanzordnung noch für deren lineare Fortsetzung [steht], sondern verweist auf geschlechtlich-sexuelle Dynamisierungsprozesse innerhalb eines umkämpften Terrains der Normativität und Normalität, die zwischen Erosion, Flexibilisierung, Restauration und (Wieder-)Verwertung geschlechtlicher und sexueller Differenz oszillieren“ (S. 22).

Das dritte Kapitel widmet sich dem Forschungsstand. Klenk präsentiert hier dezidiert sowohl nationale als auch internationale Befunde. Zusammenfassend werden in drei Sondierungen Studien zu 1. Einstellungen gegenüber LGBTIQ*-Lebensweisen, 2. den generellen Lebenslagen von LGBTIQ*-Personen und 3. die Situation von LGBTIQ*-Jugendlichen in Deutschland und Europa sowie die Perspektive pädagogischer Fachkräfte dargestellt. Es wird deutlich, dass Heteronormativität und damit einhergehende hierarchisierende Differenzen ein globales Phänomen sind und auch in der Schule Bildungschancen von LGBTIQ*-Schüler*innen beeinflussen können. Weiterhin ergibt sich das Desiderat, welches in der Dissertation bearbeitet wird: Erfahrungen von Lehrkräften im Umgang von und mit sexueller und geschlechtlicher Vielfalt im schulischen Kontext.

Im vierten Kapitel wird das Studiendesign begründet präsentiert. Der Autor beschreibt, wie durch die Grounded Theory Methodologie nach Strauss und Corbin (1996) und dem Deutungsmusteransatz nach Ullrich (1999) mittels diskursiver Interviews die Deutungsmuster von Lehrkräften rekonstruiert werden sollen. Insgesamt wurden 15 Lehrkräfte unterschiedlicher Schulformen, Altersklassen und mit teils nichtheterosexuellen und cis-geschlechtlichen Lebensweisen in drei Erhebungsphasen befragt. Vorgegangen wurde nach dem theoretischen Sampling. Im Zentrum der Interviews stand die Frage, wie die Interviewpartner*innen sexuelle und geschlechtliche Vielfalt wahrnehmen und thematisieren.

Das sich anschließende und umfangreichste Kapitel umfasst die empirischen Ergebnisse der Studie, welche in den drei Unterkapiteln zu herausgearbeiteten Deutungsmustern dargelegt werden, welche im Folgenden kurz vorgestellt werden sollen. Dabei ist zu beachten, dass die Muster keine eindeutige feste Struktur aufweisen, sondern eher als Kontinuen zu verstehen sind.

In der Rekonstruktion des ersten Deutungsmusters, der Dethematisierung, wird ersichtlich, dass die Interviewpartner*innen LGBTIQ*-Personen als sich in der Gesellschaft selbstverständlich bewegende Subjekte verstehen. Die Interviewpartner*innen gaben teils an, dass LGBTIQ*-Schüler*innen wenig Diskriminierung erfahren, da cis-geschlechtliche und heterosexuelle Akteur*innen tolerant seien. Basierend darauf wird es als nicht notwendig erachtet, sexuelle und geschlechtliche Vielfalt oder das Konzept der Heteronormativität als Unterrichtsgegenstand zu behandeln. Überdies werden Personen, die nicht heterosexuell, lesbisch, schwul oder bisexuell sind nicht angesprochen und unterlaufen so einer Marginalisierung.

Das zweite Deutungsmuster, die Fragmentierung, zeigt, dass der Umgang mit bzw. die Thematisierung von vielfältigen Lebensweisen dann Teil des pädagogischen Handelns werden, wenn an der Dethematisierung nicht mehr festgehalten werden kann, beispielsweise durch offensive Diskriminierung, sodass ein Einschreiten der Lehrkraft notwendig wird. Dies wird als sozial-situative Teilaufgabe pädagogischer Professionalität beschrieben. Zusammenfassend wird der Umgang mit vielfältigen Lebensweisen als reaktiv, partiell und zeitlich begrenzt in den Interviews dargestellt.

Die Responsibilisierung als drittes Deutungsmuster thematisiert den Verantwortungsbereich vielfältiger Lebensweisen, als Teil der Profession. In Verbindung mit den anderen beiden Deutungsmustern können Überschneidungen und Abgrenzungen festgestellt werden. Im Gegensatz zur Fragmentierung wird im Rahmen der Responsibilisierung die Problematik holistischer betrachtet und nicht singulär situativ. Das Deutungsmuster wird in die drei Dimensionen Problematisierung, Positionierung und Pädagogisierung unterteilt. Erstere Dimension kritisiert eine post-heteronormative Strukturen in der Schule und erachtet eine solche Thematisierung als relevant. Die Positionierung umfasst das aktive ansprechen vielfältiger sexueller und geschlechtlicher Lebensweisen, um mehr Sichtbarkeit und Anerkennung zu ermöglichen. In der Pädagogisierung manifestieren sich schließlich die Strategien zur unterrichtsgegenständlichen Behandlung sexueller und geschlechtlicher Vielfalt als Teil der Profession.

Das sechste Kapitel kondensiert die Ergebnisse in einem theoretischen Modell der Typologie sozialer Deutungsmuster. Im Rahmen einer post-heteronormativen Professionsambivalenz orientieren sich Lehrkräfte hinsichtlich des Umgangs mit bzw. der Thematisierung von sexueller und geschlechtlicher Vielfalt an den rekonstruierten Deutungsmustern und bleiben handlungsfähig.

Im letzten Kapitel werden die Ergebnisse mit bestehenden theoretischen Annahmen und empirischen Befunden in Verbindung gebracht. Hierbei zeigt sich, dass die Schule (immer noch) als heteronormatives Handlungsfeld angesehen werden kann. Dies ist jedoch von Ambivalenzen geprägt, weshalb der Autor von der post-heteronormativen Schule spricht. Überdies wird auf Desiderate hingewiesen, welche in Folgeforschungen bearbeitet werden können.

Diskussion

Die Dissertation von Florian Cristóbal Klenk ist ein für die Schulforschung relevantes Werk, das ein wichtiges Desiderat aufgreift. Dabei adressiert die Arbeit schriftsprachlich und inhaltlich vor allem ein Fachpublikum, welches mit den Grundlagen der Geschlechter- und Bildungsforschung vertraut ist.

Aus der Sichtweise kritisch-dekonstruktiver Pädagogik konnten neue Erkenntnisse zu heteronormativen Strukturen in Schulen aufgedeckt werden.

Mit Blick auf das Sample ist positiv herauszustellen, dass bewusst Berufsschullehrkräfte und nicht-heterosexuelle bzw. cis-geschlechtliche Lehrkräfte systematisch berücksichtigt wurden, was im deutschsprachigen Raum ein weitestgehendes Novum ist.

Im Rahmen der Interviews wurde – und das ist das zentrale Ergebnis der Arbeit – eine Typologie von Deutungsmustern rekonstruiert, welche im Vergleich zu anderen Arbeiten erstmals ein tiefgreifendes Verständnis der Thematik und ein breites Feld von Anschlussforschung ermöglicht.

Anzumerken bleibt hier, dass diese Deutungsmuster Rekonstruktionen von transkribierten verbalen Daten darstellen. Demnach können die realen Handlungen der Lehrkräfte bezüglich geschlechtlicher und sexueller Vielfalt zwar antizipiert werden, jedoch bietet es sich perspektivisch an, mit anderen Forschungsmethoden den Untersuchungsgegenstand im Unterrichtsgeschehen bzw. Schulalltag zu beleuchten. Exemplarisch lassen sich diesbezüglich ethnografische Methoden aufführen. Ebenfalls ist eine Sekundäranalyse bspw. mit der dokumentarischen Methode denkbar, um implizites handlungsleitendes Wissen und Typen zu rekonstruieren. Darauf aufbauend könnten quantitative Instrumente entworfen und erprobt werden, mit denen Rückschlüsse auf die Grundgesamtheit getroffen werden können.

Fazit

Die Dissertation ist ein lesenswertes und fachlich fundiertes Werk, welches einen bedeutenden Beitrag zur wissenschaftlichen Diskussion über Geschlechter- und Sexualitätsfragen im schulischen Kontext leistet. Multiperspektivisch wurden Teilaspekte von Schule als post-heteronormatives Handlungsfeld untersucht, in dem Diskriminierungen, Differenzordnungen und Stigmatisierungen partiell entgegengewirkt, aber auch reproduziert werden. Die Arbeit öffnete neue Perspektiven und regt zum Nachdenken an, wie Schulen ihre Rolle in der Förderung von Akzeptanz, Vielfalt und Gerechtigkeit besser erfüllen können. Als eine der ersten Studien dieser Art in diesem Bereich bietet sich eine Fülle von weiterführenden Projekten an.

Quellen

Hartmann, J. (2002). Vielfältige Lebensweisen: Dynamisierungen in der Triade Geschlecht – Sexualität – Lebensform. Forschung Erziehungswissenschaft, Band 157. Leske+Budrich.

Strauss, A., & Corbin, J. (1996). Grounded Theory. Grundlagen Qualitativer Sozialforschung. Psychologie Verlags Union.

Rezension von
Mario Mallwitz
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Es gibt 1 Rezension von Mario Mallwitz.

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Zitiervorschlag
Mario Mallwitz. Rezension vom 27.07.2023 zu: Florian Cristóbal Klenk: Post-Heteronormativität und Schule. Soziale Deutungsmuster von Lehrkräften über vielfältige geschlechtliche und sexuelle Lebensweisen. Verlag Barbara Budrich GmbH (Opladen, Berlin, Toronto) 2023. ISBN 978-3-8474-2631-8. Reihe: Studien zu Differenz, Bildung und Kultur - 13. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/30503.php, Datum des Zugriffs 15.04.2024.


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