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Till Thimme, Chloé Chermette et al. (Hrsg.): Bewegungstherapie bei psychischen Erkrankungen in der Lebensspanne

Rezensiert von Dr. Richard Hammer, 28.03.2023

Cover Till Thimme, Chloé Chermette et al. (Hrsg.): Bewegungstherapie bei psychischen Erkrankungen in der Lebensspanne ISBN 978-3-98572-057-6

Till Thimme, Chloé Chermette, Hubertus Deimel (Hrsg.): Bewegungstherapie bei psychischen Erkrankungen in der Lebensspanne. Academia Verlag (Baden-Baden) 2023. 337 Seiten. ISBN 978-3-98572-057-6. D: 49,00 EUR, A: 50,40 EUR.
Reihe: Brennpunkte der Sportwissenschaft - 42.

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Thema

In diesem Band werden vielfältige Beiträge zur Bewegungstherapie veröffentlicht, die sich mit unterschiedlichen Störungsbildern über die gesamte Lebensspanne hinweg beschäftigen. Es kann gezeigt werden, dass die Bewegungstherapie in der multimodalen Behandlung psychischer Erkrankungen ein unverzichtbarer Baustein ist. Sie trägt – unabhängig vom Alter – entschieden zur Aktivierung und Stärkung körperlicher, psychischer und sozialer Ressourcen bei, sie bietet vielfältige therapeutische Zugänge zum Erleben und Verhalten der Patienten und sie lindert störungsspezifische Symptome.

Autor*innen:

Till Thimme, Dr. rer. medic., Sportwissenschaftler, Systemischer Familientherapeut (SG). Lehr- und Forschungstätigkeiten im Bereich Bewegungstherapie mit psychisch erkrankten Kindern und Jugendlichen. Fachliche Leitung der Bewegungs-, Sport- und Körpertherapie der Abteilung für Kinder- und Jugendpsychiatrie, Psychosomatik und Psychotherapie der LVR-Klinik Bonn.

Hubertus Deimel, Dr. Sportwiss, bis 2014 Stud.-Direktor im Hochschuldienst an der Deutschen Sporthochschule Köln. Lehr- und Forschungstätigkeit für den Bereich der psychischen Erkrankungen im Kindes-, Jugend- und Erwachsenenalter. Zahlreiche Publikationen zur Thematik. Psychotherapeutische Weiterbildung in Gestalttherapie (HP). Wiss. Beirat in der Zeitschrift »Bewegungstherapie und Gesundheitssport«.

Chloé Chermette Diplomstudium der Sportwissenschaften an der Deutschen Sporthochschule Köln; 2005–2006 Bewegungstherapeutin in der Rehaklinik Birkenbuck, Fachklinik für Abhängigkeitserkrankungen; seit 2006 wissenschaftliche Mitarbeiterin der Abteilung Gesundheit & Sozialpsychologie des Psychologischen Instituts an der Deutschen Sporthochschule Köln; Systemische Therapie; Familienaufstellung.

Entstehungshintergrund

Der Sammelband „Bewegungstherapie bei psychischen Erkrankungen in der Lebensspanne“ ist in der Reihe „Brennpunkte der Sportwissenschaft veröffentlicht, die von der Deutschen Sporthochschule Köln herausgegeben wird. Konzipiert ist diese mit dem Anspruch, einen Beitrag zur Integration der vielfältigen sportwissenschaftlichen Forschungsfelder zu leisten. Zu diesem Zweck werden disziplinübergreifende aktuelle Themenschwerpunkte formuliert, mit denen die verschiedenen sportwissenschaftlichen Perspektiven der Einzeldisziplinen gebündelt werden sollen.

Die Reihe richtet sich an Sportwissenschaftler, Sportlehrer, Sporttherapeuten, Sportärzte sowie Studierende des Faches Sportwissenschaft

Aufbau

In diesem Sammelband mit 13 Beiträgen finden die Leser*innen sowohl allgemein Wissenswertes zum aktuellen Stand der Bewegungstherapie als eigenständiges Therapieverfahren, ergänzt durch konkret Anwendbares für die therapeutische Praxis für die gesamte Lebensspanne vom Kinder- und Jugendalter bis hin zum Seniorenalter. Nach einem grundlegenden Artikel zur Entwicklung und den Perspektiven der Bewegungstherapie stehen bei den folgenden Artikeln bestimmte Erkrankungen im Fokus, wie z.B. Depressionen, Essstörungen, Adipositas, Persönlichkeitsstörungen oder Demenz. Die Beiträge beleuchten auch die besonderen Rahmenbedingungen unterschiedlicher Behandlungskontexte und die damit verbundenen bewegungstherapeutischen Interventionsmöglichkeiten und deren Grenzen.

Inhalt

Im einleitenden Artikel geht Gerd Hölter auf die Entwicklungen und die Perspektiven der Bewegungstherapie ein und befasst sich insbesondere mit den Fragen: Wie wird das Verfahren von den Vertreter*innen definiert? Was sind die Grundannahmen zur Entstehung und Aufrechterhaltung von Krankheiten und ihrer Behandlung? Was sind die Kriterien für eine Indikation? Existieren Wirklichkeitsnachweise für ein breites Spektrum von Diagnosen? Wird das Verfahren in Aus-, Fort- und Weiterbildung gelehrt?

Christine Joisten problematisiert die zunehmende Prävalenz von Übergewicht und Adipositas bei Kindern und Jugendlichen, die neben den somatischen Folgen auch Auswirkungen auf das Selbstwertgefühl der Betroffenen haben. Gute praktische Beispiele zeigen, wie das Wohlbefinden der Kinder und Jugendlichen über positive Körpererfahrungen gefördert werden kann.

Till Thimme stellt die Möglichkeiten einer „Systemischen Bewegungstherapie mit psychisch erkrankten Kindern, Jugendlichen und ihren Familien im Kontext stationärer Kinder- und Jugendpsychiatrie“ dar. Er kann an Fallbeispielen zeigen, wie bewegungsorientierte Angebote als Ergänzung zu gruppentherapeutischen Gesprächen zur Bewältigung relevanter Themen der Familie beitragen und gleichzeitig die Aktivierung und Stärkung von familiären und individuellen Ressourcen und Kompetenzen erlauben.

Max Oberste und Heidrun Lioba Wunram gehen in ihrem Artikel der Frage nach, warum Bewegungstherapie antidepressiv bei betroffenen Jugendlichen wirkt und gehen dabei insbesondere auf die Wirkmechanismen des sportlichen Trainings bei Depressionen im Jugendalter ein.

Anna Katharina Alexandridis, Nadja Greßler und Jannis Alexandridis beschäftigen sich mit dem übertriebenen Bewegungsverhalten bei Anorexia nervosa und Bulimia nervosa, deren Gründe neurologisch durch Starvation und psychologisch durch Persönlichkeitszüge bestimmt wird – verbunden mit den zentralen Symptomen Körperunzufriedenheit und pathologischen Essverhalten. Eine ausführliche und praxisbetonte Darstellung des Gruppentherapiemanuals „Aufbau eines gesunden Bewegungsverhaltens“ macht deutlich, wie Bewegungstherapie effektiv als störungsspezifische Behandlung von Essstörungen genutzt werden kann.

Till Thimme und Pia Lehmann fassen auf Basis einer systematischen Literaturrecherche die Studienlage zur Wirksamkeit von MBSR-Interventionen in der klinischen Behandlung von Kindern und Jugendlichen zusammen. Dieses „Mindfullness-Based-Stress-ReductionProgramm“ nach Jon Kabat-Zinn wird in vielen Feldern der Medizin und der Psychotherapie erfolgreich zur Stressbewältigung eingesetzt und kann, so die Autor*innen, gut in die klinische Bewegungstherapie integriert werden, insbesondere, wenn es um die Therapieziele Verbesserung der Körperwahrnehmung, der Aufmerksamkeitsfokussierung, der Emotionsregulation oder um die Förderung von psychischer Flexibilität und Selbstakzeptanz geht.

Britta Seifer, Thomas Studnitz, Johanna-Marie Zeibig, Ansgar Thiel und Sebastian Wolf vermitteln in ihrem Überblicksartikel Grundlagen zur Wirkung sportlicher Aktivität auf psychische Erkrankungen über die Lebensspanne im Kontext der ambulanten Versorgung. Und gehen dabei insbesondere auf das Gruppenprogramm „ImPuls“, als potentielle sport-/​bewegungstherapeutische Maßnahme ein. Sie zeigen, wie die Anwendung des Programms, das für Patient*innen über 18 Jahren konzipiert wurde, für Kinder und Jugendliche angepasst und in den Bewegungsalltag übertragen werden kann.

Chloé Chermette und Andreas Hauert referieren Studien, nach denen sich körperliche Aktivität als wirksamer Baustein zur Reduzierung des Tabakverlangens und zur Reduzierung der Entzugssymptomatik erweist und stellen ein erprobtes Praxiskonzept zur Tabakentwöhnung als Baustein der medizinischen Rehabilitation von Menschen mit Abhängigkeitserkrankungen dar.

Christina Terán stellt die Möglichkeiten der Anspannungs- und Emotionsregulation für Patient*innen mit eine Borderline Persönlichkeitsstörung vor. Sie geht dabei sehr ausführlich auf die Praxis der Körpertherapie ein, die auf der Grundlage der „Dialektisch Behavioralen Therapie“ (nach Linehan) in Freiburg entwickelt wurde.

Till Thimme, Marc Schulze Tenberge und Stav Bar-Hod gehen auf ein Thema ein, für das bislang noch wenig Studien veröffentlicht wurden: Sport- und Bewegungstherapie in der forensischen Psychiatrie. Sie stellen neben grundlegenden Erklärungen zu rechtlichen und institutionellen Rahmenbedingungen ein therapeutisches Behandlungskonzept vor, das in der forensischen Psychiatrie der LVR-Klinik Köln entwickelt wurde. Die dargestellten Fallbeispiele verdeutlichen die persönliche Bedeutung und die mit den Bewegungsaktivitäten assoziierten Themen, sowie die unterschiedlichen Funktionen, die Bewegung, Spiel und Sport in der forensischen Behandlung erfüllen können.

Chloé Chermette, Hubertus Deimel und Stephan Niggehoff stellen die Bedeutung der Bewegungs- und Sporttherapie für den wahrgenommenen Rehabilitationserfolg von drogenabhängigen Menschen dar. Sie gehen dabei der Frage nach, inwieweit ein von ihnen für eine Fachklinik in NRW entwickeltes Interventionsprogramm Akzeptanz durch die Patient*innen erfährt und welche Wirkfaktoren hierbei als hilfreich bewertet werden.

Georg Schick stellt die Bewegungstherapie in Gruppen als ein wirksames Element psychosozialer Intervention bei Demenz dar. Er zeigt an praktischen Beispielen, wie körperliche Aktivität psychische und verhaltensbezogene Symptome, insbesondere Aggression, Agitation und Schlafstörungen verbessern kann und wie Stimmung, Motivation und Aktivitätsgrad angehoben werden können.

Hubertus Demel und Sibylle Schreckling richten die Aufmerksamkeit auf die pflegenden Angehörigen, die mit der häuslichen Versorgung eines chronisch kranken Ehepartners oder eines Elternteils eine enorme gesamtgesellschaftliche und gesundheits-politische Leistung erbringen – eine Tätigkeit, die eher ein Schattendasein führt. Sie zeigen auf, wie im Rahmen des psychoedukativen Angebotes wertvolle praxisbezogene Informationen zur Aufrechterhaltung der Selbstfürsorge und der Stabilisierung der eigenen psychophysischen Gesundheit vermittelt werden.

Diskussion

Dieses umfangreiche Buch bietet mit seinen breitgefächerten Artikeln einen fundierten Einblick in die Möglichkeiten zur Bewegungstherapie bei psychischen Erkrankungen in der Lebensspanne. Es zeichnet sich aus durch die Darstellung von zahlreichen Studien zur jeweiligen Thematik, stellt die entsprechenden Störungsbilder kompetent dar und bietet in jedem Artikel für die Leser*in konkrete Beispiele der bewegungstherapeutischen Arbeit mit die Patient*innen. Die Beiträge verbinden also Wissenswertes und Neues aus Praxis und Forschung und geben wertvolle Impulse, Anregungen und Empfehlungen für die Arbeit mit verschiedenen Diagnosegruppen in unterschiedlichen Behandlungssettings.

Fazit

Es ist zu wünschen, dass das Buch zahlreiche Leser*innen findet und damit ein wertvoller Beitrag zur Etablierung, Professionalisierung und Anerkennung der Bewegungstherapie als eigenständige Behandlung psychischer Erkrankungen geleistet werden kann.

Rezension von
Dr. Richard Hammer
Dipl. Motologe
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Es gibt 28 Rezensionen von Richard Hammer.

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Zitiervorschlag
Richard Hammer. Rezension vom 28.03.2023 zu: Till Thimme, Chloé Chermette, Hubertus Deimel (Hrsg.): Bewegungstherapie bei psychischen Erkrankungen in der Lebensspanne. Academia Verlag (Baden-Baden) 2023. ISBN 978-3-98572-057-6. Reihe: Brennpunkte der Sportwissenschaft - 42. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/30505.php, Datum des Zugriffs 21.05.2024.


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