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Margarete Stöcker: Würde und Professionalität

Rezensiert von Dr. sc. mus. Monika Nöcker-Ribaupierre, 27.12.2023

Cover Margarete Stöcker: Würde und Professionalität ISBN 978-3-7486-0559-1

Margarete Stöcker: Würde und Professionalität. In Pflege und Betreuung mit dem Sterben umgehen. Vincentz Network GmbH & Co (Hannover) 2022. 175 Seiten. ISBN 978-3-7486-0559-1. 36,90 EUR.
Reihe: PDL. Altenpflege.

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Thema

Diesem Buch stellt die Autorin diesen Satz von Cicely Saunders voran. Das Gemeinsame von uns Menschen ist, dass wir alle sterben werden. Menschen, die andere Menschen in der palliativen Versorgung auf ihrem Weg ins Sterben begleiten, kann die Pflegenden bereichern, als auch an Grenzen führen. Eine professionelle und würdevolle Begleitung setzt Wissen voraus, bedarf aber von allem der Auseinandersetzung mit sich selbst und anderen Menschen, mit eigenen Werten, Vorstellungen und auch mit den eigenen Ängsten.

In diesem Buch umfasst Margarete Stöcker theoretische und praktische Fragestellungen auf der Basis eigener Praxiserfahrungen, erweitert und vertieft durch 20 Interviews mit Experten, die Lesende an ihren Erfahrungen, ihrem Wissen, ihrem Glauben und ihrer Spiritualität teilhaben lassen.

Autorin

Margarete Stöcker ist u.a. Diplom-Pflegewirtin (FH), Master of Arts im Gesundheitswesen, Master of Science Prävention und Gesundheitspsychologie, Mimikresonanztrainerin sowie Heilpraktikerin für Psychotherapie, Traumazentrierte Fachberaterin, Entspannungspädagogin. Im Jahr 2004 gründete sie das Bildungsinstitut „Fortbildungvorort“ für Gesundheitsberufe. Sie wird bei ihrer Arbeit in der Regel von ihrer vierbeinigen Co-Referentin Sina begleitet.

Entstehungshintergrund

In den letzten Jahrzehnten hat sich u.a. auch durch die Diskussionen zur Sterbehilfe vieles im Denken der Menschen verändert. Durch die Veränderungen im Hospiz- und Palliativpflegegesetz wurden Weichen gestellt, um individuelles und würdevolles Sterben zu ermöglichen. Menschen möchten zu Hause sterben, sterben aber dann doch im Krankenhaus oder in einer Pflegeeinrichtung. Nur gibt es immer noch zu wenig Palliativplätze in Hospizen. Somit ist dieses Thema in den letzten Jahren zunehmend ein Versorgungsthema in den stationären Pflegeeinrichtungen und im ambulanten Dienst geworden. Dieses Buch versteht sich als Begleitung, sich dem Thema Tod und Sterben anzunähern und das dazu nötige Erfahrungswissen zu vermitteln.

Aufbau und Inhalt

Das Buch beginnt mit der „Geschichte von den Wasserkäfern und der Libelle“ – ein Gleichnis, das den Leser zu dem unterschwellig begleitenden Thema des Buches leitet: zur Spiritualität. Es beginnt mit umfassender Vermittlung von Wissen:

  1. Grundlagen zum Thema Sterben und Tod: Das Buch startet mit einem Einblick in die Historie der Sterbebegleitung, Begriffsbestimmungen und Grundlagen u.a. zu aktiver und passiver Sterbehilfe. Es folgen Theorien zu Palliative Care und Sterbebegleitung insbesondere von Cicely Saunders, der Begründerin der modernen Hospizbewegung und Elisabeth Kübler-Ross, einer Psychiaterin, die sich mit dem Sterben beschäftigte.
  2. Sterben als Prozess: Zunächst werden Körperliche Prozesse – Schmerzen -Veränderungen des Bewusstseins – medikamentöse Therapien betrachtet. Im Weiteren geht es um Essen – Trinken/​Verhungern- Verdursten. Abschließend geht es um die Physiologie des Sterbens, Feststellung des Todes und die Versorgung verstorbener Menschen.

Die beiden einleitenden Kapitel helfen, das theoretische Wissen über die physiologischen Abläufe des Sterbens sowie Erfahrungswissen über problematische und rechtliche Fragen zu verstehen. Diese sind, wie auch alle späteren Kapitel, mit ausführlichen Interviews mit Experten, wie einer Pflegenden, einer Beschäftigungsassistentin, einem Physiotherapeuten und Ärzt:innen kommentiert.

  1. Sterbende Menschen pflegen und beschäftigen. Dazu gehören die individuelle Gestaltung des Umfeldes, Anleitungen zur Anreicherung von Essen und Trinken sowie das Aufzeigen von Kommunikationswegen im Umgang mit Menschen mit Demenz: hierbei wird eingegangen auf die von Naomi Feil und Nicole Richard entwickelten Validationswege in Bezug auf Emotion und Befindlichkeit sowie Möglichkeiten zum Umgang mit Mikroresonanz, d.h. das Denken, Fühlen und Verhalten des Menschen zu erkennen und darauf zu reagieren. Dabei wird von Interviewpartner:innen auch die Begleitung von Angehörigen einfühlsam thematisiert.
  2. Bedürfnisse von Menschen am Lebensende mit den Themen: Gespräche führen, Emotionen in Mimik und Gestik verstehen und damit umgehen, Begleitung während der Sterbephase. Rituale nach Eintritt des Todes – Abschiedskultur und Hilfe zur Verarbeitung als Hilfe für die Pflegenden und, wenn gewünscht, auch für die Angehörigen.
  3. Es folgt ein Kapitel über individuell zu besprechende spezielle Angebote, die zur Steigerung von Lebensqualität, zur Entspannung, zur Schmerzreduktion angeboten werden. Dazu eignen sich Akupressur, Akupunktur, Basale Stimulation. Einreibungen, Kälte oder Wärme, Entspannungshilfen, Einsatz von Handpuppen, Stofftieren oder tiergestützte Begleitung. Ein reiches, individuell einsetzbares Angebot zur Steigerung von Wohlbefinden.
  4. Begleitung von Angehörigen und Bestattung: Konzepterstellung und Hilfe im Umgang mit Ängsten oder Problemen der Angehörigen. Wieder zwei eindrucksvolle Interviews mit Experten, die in solchen Situationen Hilfe leisten und unterstützen.
  5. Das größte Kapitel behandelt Spiritualität und Glauben: welche spirituellen Bedürfnisse haben Menschen, vor allem in der letzten Phase ihres Lebens? Die Grundhaltung ist, alles zu akzeptieren, was für den sterbenden Menschen wichtig ist, insbesondere alles, was mit Glauben zusammenhängt, denn Glaube ist Teil der Kultur. Um einen Menschen auf seinem letzten Weg zu begleiten, muss man seine Religion kennen und wertschätzen.

Im Folgenden werden die Weltreligionen, mit denen wir es in unserem Kulturkreis zu tun haben, im Hinblick auf die Bedeutung der körpernahen Versorgung, Werte und Ernährung im Zusammenhang mit Sterben beleuchtet. Jede Religion hat unterschiedliche Symbole, Rituale in der Sterbebegleitung und nach Eintritt des Todes, die es zu erfragen gilt. Detailliert werden beschrieben: Das Christentum (öm. katholisch und evangelisch) – das Judentum – der Islam – der Hinduismus – der Buddhismus. Für alle diese Religionen werden deren Werte und Rituale aufgelistet und dem Leser anschließen mithilfe eines ausführlichen Gesprächs mit einem Glaubensvertreter nahegebracht.

  1. Die beiden abschließenden Kapitel dienen der professionellen Verarbeitung. Dazu gehören interprofessionelle Zusammenarbeit, Dokumentation, Selbstfürsorge, berufliche Ausbildung sowie rechtliche Aspekte, die Angehörigen zu empfehlen sind: von Vorsorgevollmacht bis zum Testament und das Gespräch mit einem Rechtsanwalt.

In jedem der Kapitel findet sich ein QR-Code zur weiteren Information, am Ende eine Übersicht über Literatur und Medienangebote.

Diskussion

Sterben bedeutet loslassen und Abschied nehmen. Sterben bedeutet ein Durchleben der letzten „Krise“. Sterben bedeutet Angst haben – für alle Beteiligten, für Betroffene, Begleiter und Angehörige. Dieses Fach- und Ratgeberbuch ist als Handbuch für die pflegerische Praxis gedacht, für Pflegende und Betreuende, die dem professionellen Anspruch gerecht werden wollen, einen sterbenden Menschen auf dem letzten Weg individuell und würdevoll zu begleiten. Es ist auch für andere Personen gedacht, die die Arbeit auf den Palliativ- oder Hospizstationen verstehen möchten.

Dazu rückt Frau Stöcker die ihr wichtigen Themenfelder und Handlungsbereiche der Sterbebegleitung in den Fokus – in übersichtlich strukturierten Kapiteln mit weiterführenden Links über QR-Codes. Der Leser wird anhand der von Frau Stöcker erfundener Familie Silberschmidt und deren Geschichten durch die Kapitel mit eigenen relevanten Themen und Problemen geleitet. Sehr unterstützend und erhellend sind die verschiedenen ausführlichen Expert:innengespräche.

Aufgrund ihrer ethischen Denkstruktur vermittelt die Autorin in den unterschiedlichen Kapiteln ein hohes Maß an Verständnis und Hilfestellungen dafür, wie Aufgaben in der Palliativpflege zu verstehen sind und mit ihnen umzugehen ist. Dies Buch ist von hohem theoretischen und praktischen Wert für Pflegekräfte und Betreuer:innen, gedacht für Mitarbeiter:innen von stationären Pflegeeinrichtungen und ambulanten Pflegediensten, als auch für Pflegende in Krankenhäusern. Am meisten beeindruckt hat die Rezensentin die Sicht auf die Sterbekultur der Religionen, die einen umfassenden wertschätzenden Blick auf die uns heute umgebenden unterschiedlichen Kulturen aufzeigt.

Fazit

Zusammenfassend bietet dieses Buch ungewöhnliche Perspektiven und vielfältige Impulse, um Bekanntes zu hinterfragen und Neues zu entdecken. In diesem Sinn hat Frau Stöcker damit ein Basiswerk für all diejenigen vorgelegt, die in der Pflege mit dem Sterben umgehen – für Leitungs-, Betreuungs- und Pflegekräfte.

Rezension von
Dr. sc. mus. Monika Nöcker-Ribaupierre
Dipl. Musiktherapeutin DMtG, Vice President der International Society for Music in Medicine ISMM.
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Es gibt 27 Rezensionen von Monika Nöcker-Ribaupierre.

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Zitiervorschlag
Monika Nöcker-Ribaupierre. Rezension vom 27.12.2023 zu: Margarete Stöcker: Würde und Professionalität. In Pflege und Betreuung mit dem Sterben umgehen. Vincentz Network GmbH & Co (Hannover) 2022. ISBN 978-3-7486-0559-1. Reihe: PDL. Altenpflege. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/30511.php, Datum des Zugriffs 16.04.2024.


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