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Renate Jegodtka, Peter Luitjens: Stine verstummt

Rezensiert von Marilena de Andrade, 02.05.2023

Cover Renate Jegodtka, Peter Luitjens: Stine verstummt ISBN 978-3-525-40548-2

Renate Jegodtka, Peter Luitjens: Stine verstummt. Mobbing ist kein Kinderspiel. Vandenhoeck & Ruprecht (Göttingen) 2022. 18 Seiten. ISBN 978-3-525-40548-2. D: 25,00 EUR, A: 26,00 EUR.

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Thema

In diesem Buch, das insbesondere für die psychosoziale Arbeit mit Kindern geeignet ist, zeigen Jegodtka und Luitjens anhand der Geschichte von Stine zum einen, welche individuellen (Trauma)Folgen Mobbingerfahrungen auslösen können und zum anderen, wie letztlich daraus ein Selbstbemächtigungserlebnis gemacht werden kann. Wie auch im ersten Band von den beiden Autor:innen, wird die Geschichte von zahlreichen anschaulichen Handzeichnungen begleitet. Schon der Titel verrät, worauf das Buch vor allem abzielt: „Es geht um dieses typische Merkmal, das zur Aufrechterhaltung von Mobbingprozessen beiträgt: Verstummen und Verschweigen“ (Begleitheft, S. 4). Das Buch steht direkt mit der Einladung an Groß und Klein in Verbindung, „das Unsagbare in Worte zu fassen, in einen Dialog zu kommen, um gemeinsam Ideen für gute Wege des Miteinanders zu finden“ (Begleitheft, ebd.).

Im Anhang des Buches befindet sich ein 19-seitiges Begleitheft mit detaillierten und vielfältigen Informationen zur Geschichte und ihrer Deutung, mit wissenschaftlichen Informationen über Mobbing sowie zu Typ-I-Traumatisierungen und zudem darüber, wie das Buch am besten angewandt werden kann, um in Situationen von Mobbing zu intervenieren.

Autorinnen und Autoren

Dr. phil. Renate Jegodtka ist Systemische Lehrtherapeutin (SG), Systemische Supervisorin (SG) und Dozentin für Traumapädagogik und Traumafachberaterin (DeGPT). Sie leitet gemeinsam mit Peter Luitjens seit 2000 das „Zentrum für Systemische Beratung und Therapie“ in der Nähe von Bremen, das ambulante Hilfen im pädagogischen, beratenden und therapeutischen Bereich anbietet.

Peter Luitjens ist Diplom-Pädagoge, Yogalehrer, Systemischer Lehrtherapeut und Supervisor (SG) sowie Dozent für Traumapädagogik und Traumafachberatung (DeGPT/​BAG-TP). Er ist außerdem Sprecher des Zertfizierungsgremiums „Systemische Therapie und Beratung“ der Systemischen Gesellschaft (SG) und leitet gemeinsam mit Renate Jegodtka das „Zentrum für Systemische Beratung und Therapie“, das ambulante Hilfen im pädagogischen, beratenden und therapeutischen Bereich anbietet.

Aufbau und Inhalt

Die Geschichte von Stine kann grob in drei (unterschiedlich lange) Teile eingeteilt werden:

  1. Einführung der Hauptfigur und der Familiensituation
  2. Beschreibung der belastenden Situation durch das Mobbing
  3. individuelle Bewältigung und Überwindung der belastenden Situation

Einführung

Auf den ersten drei Seiten wird Leser:innen Stine und ihr Umfeld vorgestellt – sie ist Einzelkind, im Grundschulalter und wächst bei ihrer Mutter und ihrem Vater auf, die offenbar ein enges und liebevolles Verhältnis zueinander pflegen: „Wenn Papa-Paul sieht, wie ich tanze, lacht er. Dann tanzen wir beide“ (S. 5).

Beschreibung der belastenden Situation

Schon bald erzählt Stine den Leser:innen und Zuhörer:innen jedoch, dass es ihr in der Schule schon eine ganze Weile nicht gut ergeht, weil sie häufig von Klassenkamerad:innen ausgelacht und „Stinelein-Stachelschwein“ genannt wird. Niemand beschützt und/oder unterstütz sie. Fragen die Lehrerin oder ihr Vater, was denn bei ihr los sei, schweigt sie und kann nichts erzählen. Sowohl das Stachelschwein als auch das erinnerte Lachen der anderen verfolgen sie überall hin, sogar in ihr Schlafzimmer: „Neben mir sitzt etwas und starrt mich an. Mein Herz klopft laut. Ich bibber und ich schwitze“ (S. 13). Das Stachelschwein scheint nicht nur in vereinzelten Situationen aufzutauchen, sondern dominiert schon ihren Alltag und sogar ihren Schlaf: „Wo ich auch hingehe, das kleine Stachelschwein kommt mit“ (S. 12).

Individuelle Überwindung

Als Stine eines Abends aufsteht, um ins Bad zu gehen, führt sie das Stachelschwein in eine Zauberwelt. Sie steht plötzlich in einem großen Wald und das Stachelschwein flüstert ihr zu „‘Gleich sind wir da‘“ … ‘Dort hinten, gleich hinter dem Dämmergrau, Da warten alle schon auf uns‘“ (S. 19). Die Gruppe von Stachelschweinen, auf die Stine trifft, verbalisiert, dass sie gesehen haben, wie alle sie hänseln und dass sie dabei stets „ganz allein. Und so klein“ (S. 21) war. Sie laden sie daraufhin zu einem „Stachelrasseltanz“ (S. 22) ein und Stine tanzt mit allen Tieren, die sich mit der Zeit dazugesellen. Als der weise Marabu Stine eine Feder übergibt, nachdem er eine Geschichte über einen anderen Vogel erzählt, der von seinen Geschwistern ausgelacht wird aber mithilfe einer Feder den Mut findet „den Großen zu sagen, was ist“ (S. 25), fragt sie anschließend das Stachelschwein „Soll ich es wagen, soll ich es sagen?“ (S. 28) Nach dem Nicken des Stachelschweins schläft Stine ein. Als sie am folgenden Tag aufwacht, fasst sie tatsächlich den Mut und erzählt ihren Eltern und sogar anschließend ihrer Lehrerin von dem Auslachen der anderen. Außerdem berichtet sie der Lehrerin, dass sie jetzt wisse, „nun ist alles anders“ (S. 32) weil sie „mit den Stacheln rasseln“ (ebd.) und tanzen könne, wenn ihr jemand zu nah käme (ebd.) Die Lehrerin greift daraufhin Stines Tanz auf und die ganze Klasse tanzt gemeinsam durch das Klassenzimmer.

Diskussion

Dieses Werk für Klein und Groß ist ohne Frage eine wunderbare Möglichkeit, das Schweigen in Mobbingsituationen zu brechen und präventiv sowie interventiv zu handeln. Es bietet einen Raum an, um miteinander ins Gespräch zu kommen und Mobbing damit weniger Chance zu geben, sich im ungesehenen Schweigen zu verfestigen.

Im Begleitheft zeigen Jegodtka und Luitjens zudem, wie viel Fachwissen rund um Mobbing sowie Trauma und systemischen Interventionen gezielt in die Geschichte geflossen ist. Die Autor:innen positionieren sich hier zudem auch inhaltlich sehr deutlich, indem sie Alsaker (2017, S. 13) zitieren: „Eines ist sicher: Mobbing ist ein aggressives Verhalten und eindeutig als Gewaltform zu bezeichnen.“ (Begleitheft, S. 5) Sie führen aus, wo der Unterschied zwischen Mobbing und einem Konflikt liegt, definieren die Differenz zwischen verbaler, sozialer, körperlicher und virtueller Gewalt und halten fest, dass (und warum) sie Mobbing als ein traumatisierendes Geschehen verstehen. Über Stine sagen sie diesbezüglich, sie „trägt keine sichtbaren Verletzungen davon, aber schmerzhafte Wunden anderer Art. Sie ist einer Form von Gewalt ausgesetzt, die subtil ihre Wirkung entfaltet. … Wir gehen davon aus, dass das Erleben von Gewalt für die betroffenen Menschen überwältigend ist und weitreichende Folgen haben kann.“ (Begleitheft, S. 8) Lesende finden außerdem allgemeine Informationen zu Trauma und Traumafolgen sowie Informationen, welche Elemente sich diesbezüglich in Stines Verhalten widerspiegeln (z.B. Verlust des Gefühls von Sicherheit in sich und in der Welt, Gedankenkreisen, körperliche Reaktionen wie Bauchschmerzen, Schlaflosigkeit, Albträume, soziale Isolation). Ein zentrales Thema nimmt außerdem das Schweigen und Verschweigen ein, unter dem Stine vor allem leidet. „Mobbing greift in die Welt der gesprochenen Sprache ein, lässt die Betroffenen verstummen, macht sie sprachlos“ (Begleitheft, S. 9), so die Autor:innen. Es werden zudem Hintergrundinformationen gegeben, warum es in vielen Fällen zu einem Schweigen kommt, warum andere (Kinder wie Erwachsene) häufig nicht intervenieren und wie sich die Situation damit immer weiter verschärfen kann: „Legen auch die Erwachsenen einen Mantel des Schweigens über das Geschehen, wird die Dynamik des Mobbingprozesses zunehmend undurchsichtiger. Schweigen und Verschweigen ist eines der größten Hindernisse, um Mobbing gezielt zu stoppen“ (Begleitheft, S. 10). Wegschauen, so die Autor:innen, ist auch eine Form von Gewalt (ebd.).

Dass Mobbing (auch schwer) traumatisieren kann, wird nach dem Lesen des Begleitheftes nachvollziehbar. Beim (ersten) Lesen des Buches besteht jedoch das Risiko, zu übersehen, wie gravierend die Situation für Stine ist. Auch wenn die Autor:innen begründen, dass sie bewusst Erklärungen weggelassen haben, um „die vermeintliche Lücke in der Erzählung mit eigenen imaginierten Bildern“ (Begleitheft, S. 8) füllen zu können, könnte ebendiese Lücke dazu führen, dass die Situation harmloser empfunden wird als sie ist. Damit gerät vor allem die Nachvollziehbarkeit einer Traumatisierung in Gefahr. Insbesondere, weil zusätzlich zu weggelassenen Erklärung, wie es zur Mobbingsituation kam, auch der Bewältigungsprozess von Stine außerordentlich schnell vollzogen wird. Nachdem Stine sich ihren Eltern öffnet, wirkt es, als gehe sie danach sofort und ganz allein ohne jegliche Unsicherheit zu ihrer Lehrerin, sogar ohne, dass diese genauer nachfragen oder irgendeine Erzählung anstoßen muss. Auch die Integration in die Klasse durch das gemeinsame Tanzen gelingt so unkompliziert und leicht, dass die (traumatische) Verletzung wie weggezaubert wirkt. Eventuell wäre es hilfreich gewesen, den Prozess mehr auszudehnen, beispielweise die Reaktion der Eltern einzubauen, ein deutlicheres Zugehen der Lehrerin auf Stine (Stichwort Verantwortlichkeit der Erwachsenen!) einzuflechten oder auch eine Entschuldigung der Klasse ggf. sogar nach einem (auf)klärenden Gespräch sichtbar zu machen. Denn besonders in diesem Prozess des selbstbemächtigten Bewältigungsprozesses liegt die Chance für (betroffene) Kinder, sich zu identifizieren, Mut zu schöpfen und ihr eigenes Schweigen zu brechen. Die Geschichte hätte dazugewinnen können, wenn deutlich(er) würde, dass dieser Prozess (auch) Zeit in Anspruch nehmen und in kleinen Schritten vollzogen werden kann oder auch, wie heilsam eine ausgesprochene und ehrliche Entschuldigung sein kann. Denn so birgt die Geschichte letztlich doch ein wenig die Gefahr, Stines leidvolle Erfahrungen zu bagatellisieren, weil die Lücke zu groß ist und die Nachvollziehbarkeit ihres Leids schwer fallen könnte.

Die Bilder, die die Geschichte begleiten, sind hingegen – wie auch im ersten Buch – sehr aussagekräftig, detailreich und bedacht und öffnen durchaus neben dem Geschriebenen einen Raum, um auf einer anderen Ebene miteinander ins Gespräch zu kommen, Fragen zu stellen und damit Prozesse anzustoßen, die ohne die Bilder weniger wahrscheinlich wären. Besonders in Verbindung mit dem Thema Mobbing kann die Beschäftigung mit den Zeichnungen hilfreich sein: „Sie kann dafür sorgen, dass eine Atmosphäre geschaffen wird, in der sich die Kraft des Redens entfalten kann. Bilder regen Worte an und lassen neue Worte finden“ (Begleitheft, S. 12). Es wird zudem deutlich, dass die Figuren mit großer Sorgfalt ausgewählt wurden. Besonders in die Sequenz in der Anderswelt wurden Vorgehensweisen aus der systemischen Traumapädogogik eingewoben (z.B. der „innere gute Ort“ nach Reddemann (2011), die Stärkung der Ressourcenorientierung sowie Selbstbemächtigung und Selbstwirksamkeit). Besonders der Marabu, der die mutmachende Geschichte erzählt und Stine anschließen die Feder übergibt „vermittelt dem Mädchen die zentrale Botschaft: Fasse Mut und bring zur Sprache, was gesagt werden muss. Du schaffst das!“ (Begleitheft, S. 14).

Fazit

Insbesondere wegen der Botschaft ist dieses Buch für alle Menschen, die mit Kindern arbeiten, Kinder haben oder noch Kinder sind ein großer Gewinn. Es ist eine Geschichte, in die man auf unterschiedlichen Ebenen eintauchen kann, die großes Potenzial besitzt, um den Mut zu fassen, um zu sprechen, wenn Mobbing aktuell eine Rolle spielt. Das zentrale Anliegen des Buches ist damit also mit Sicherheit gelungen: „Seht hin und bringt zur Sprache, was gesagt werde muss – das ist der erste Schritt, wenn es darum geht, Mobbing bei Kindern ohne Beschämung zum Thema zu machen“ (Begleitheft, S. 16).

Literaturangaben

Alsaker, F.D. (2017) Mutig gegen Mobbing - in Kindergarten und Schule (2. Aufl.).Bern:Hogrefe

Reddemann, L. (2001) Imaginationen als heilsame Kraft. Zur Behandlung von Traumafolgen mit ressourcenorientierten Verfahren. Stuttgart:Pfeiffer bei Klett-Cotta

Rezension von
Marilena de Andrade
Mitarbeiterin für den Arbeitsbereich Psychosoziale Diagnostik und Intervention an der Alice Salomon Hochschule Berlin.
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Es gibt 10 Rezensionen von Marilena de Andrade.

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Zitiervorschlag
Marilena de Andrade. Rezension vom 02.05.2023 zu: Renate Jegodtka, Peter Luitjens: Stine verstummt. Mobbing ist kein Kinderspiel. Vandenhoeck & Ruprecht (Göttingen) 2022. ISBN 978-3-525-40548-2. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/30529.php, Datum des Zugriffs 20.07.2024.


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