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Maximiliane Brandmaier, Barbara Bräutigam u.a. (Hrsg.): Geflüchtete Menschen psychosozial unterstützen und begleiten

Rezensiert von Prof. Dr. Antje Krueger, 12.10.2023

Cover Maximiliane Brandmaier, Barbara Bräutigam u.a. (Hrsg.): Geflüchtete Menschen psychosozial unterstützen und begleiten ISBN 978-3-525-40866-7

Maximiliane Brandmaier, Barbara Bräutigam, Silke Birgitta Gahleitner, Dorothea Zimmermann (Hrsg.): Geflüchtete Menschen psychosozial unterstützen und begleiten. Ein Handbuch. Vandenhoeck & Ruprecht (Göttingen) 2023. ISBN 978-3-525-40866-7. D: 32,00 EUR, A: 33,00 EUR.

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Thema und Entstehungshintergrund

Ausgehend von der zunehmenden Ungleichheit, der Menschen mit Fluchterfahrung im Rahmen der Covid-19-Pandemie ausgesetzt waren und vor dem Hintergrund des Beginns des Krieges in der Ukraine im Februar 2022 soll das vorliegende Handbuch professionell und ehrenamtlich Tätigen mit theoretischem Hintergrund- und Praxiswissen unterstützen, ihre vielfältigen Aufgaben in psychosozialen Tätigkeitsfelder zu gestalten und neue Impulse zu setzen (vgl. Einleitung, S. 7/8).

Herausgeber*innen

Maximiliane Brandmaier, Dr. phil., Diplom-Psychologin, promovierte Sozialpsychologin, in Ausbildung zur Psychologischen Psychotherapeutin (Verhaltenstherapie) und zur Systemischen Therapeutin. Seit 2020 als Therapeutin im Behandlungszentrum für Folteropfer Ulm tätig.

Barbara Bräutigam, Prof. Dr. phil. habil., Diplom-Psychologin, Psychologische Psychotherapeutin, Lehrtherapeutin für Familientherapie (DGSF), Supervisorin (DGSv), Integrative Kinder- und Jugendlichentherapeutin, Professorin für Psychologie, Beratung und Psychotherapie an der Hochschule Neubrandenburg.

Silke Birgitta Gahleitner, Prof. Dr. phil. habil., seit 2005 Professorin für Klinische Psychologie und Sozialarbeit am Arbeitsbereich Psychosoziale Diagnostik und Intervention an der Alice Salomon Hochschule (ASH) Berlin.

Dorothea Zimmermann, Diplom-Psychologin, Psychologische Kinder- und Jugendpsychotherapeutin, Supervisorin, Traumatherapeutin und Geschäftsführerin bei Wildwasser e.V. in Berlin.

Die Beiträge sind von den Herausgeberinnen sowie weiteren Autor*innen verfasst. Eine ausführliche Beschreibung aller Mitwirkenden finden sich zum Ende des Buches (s. S. 227–231).

Aufbau

Das Handbuch gliedert sich in vier Teile. Im ersten Teil werden gesellschaftliche Hintergründe von Flucht und Vertreibung thematisiert. Der zweite Teil widmet sich unterschiedlichen Kontexten und Settings, in denen Unterstützung und Begleitung geflüchteter Menschen praktiziert werden. In Teil drei werden verschiedene methodische Handlungs- und Vorgehensweisen aus diesen Arbeits- und Handlungsfeldern beschrieben. Im vierten und letzten Teil geht es um besondere Aspekte und Spezifika der psychosozialen Arbeit mit geflüchteten Menschen. Die Texte bestehen laut den Herausgeberinnen jeweils aus einer theoretischen Einführung, bieten aber immer auch Implikationen für die Praxis (vgl. S. 8).

Inhalt

Nach einer kurzen Einleitung der Herausgeber*innen zur Entstehung und zum Aufbau des Handbuches (S. 7–9) werden die genannten Teile präsentiert.

Teil I „Hintergründe“

Der Aufsatz „Was bedeutet Fluchtmigration“ (Birgit Behrensen, S. 12–22) gibt einen knappen Einblick in aktuellere Entwicklungen in die deutsche und europäische Flüchtlings- sowie Grenzregimepolitik und skizziert die Dynamiken von Kontrolle und Entmündigung und ihrer Bedeutung für die professionelle Soziale Arbeit.

Maximiliane Brandmaiers und Eben Louws Text „Rassismus – Trauma – Flucht: Grundlagen für eine rassismussensible Therapie“ (S. 23–34) erläutert eingangs Formen von Rassismus, liefert mit einem Schaubild eine Übersicht zu den Kategorien und Beziehungen zwischen rassistischen Mikroaggressionen (vgl. S. 27) und beleuchtet die psychischen und körperlichen Formen von (Alltags-)Rassismus. Abschließend werden, daraus folgernd, Voraussetzungen für eine rassismussensible Therapie und Beratung präsentiert.

„Täter:innenschaft: Herausforderungen im Kontext von Krieg und Flucht“, ein Beitrag von Sladjana Kosijer-Kappenberg (S. 35–53), benennt zum einen die „Nährböden der Täter:innenschaft“ (S. 40) und die komplexe Symptomatik von Kriegsbeteiligten und macht zum anderen auf die große Trias „Schweigepflicht – Offenbarungsbefugnis – Offenbarungspflicht“ (S. 46) aufmerksam. In diesem Feld, „zwischen gesellschaftlicher Verantwortung und individueller Schuld“ (S. 50), gibt die Autorin Hinweise dazu, was die psychotherapeutischen und psychosoziale Arbeit mit Kriegstäter:innen berücksichtigen sollte.

Teil II „Kontexte und Settings“

Markus Stingl und Bernd Hanewald stellen unter dem Titel „Stationäre Behandlungskonzept zur Versorgung Geflüchteter“(S. 56–71) das „Gießener stationäre Behandlungskonzept für Geflüchtete“ vor, in dem sowohl die Zusammenarbeit und der Austausch mit Akteur:innen des juristischen Feldes zu Herausforderungen des Asyl- und Aufenthaltsrechtlichen Verfahrens, wie transkulturelle und analytisch/​therapeutische Supervisionen als feste Bestandteile implementiert sind (vgl. S. 67).

Maximiliane Brandmaier, Oliver Göbel, Regina Saile und Ulrike Schneck thematisieren „Interdisziplinäres Arbeiten – die Behandlung in Psychosozialen Zentren“ (S. 72–83). Nach einer Skizze der Besonderheiten der Sozialen Arbeit und der Psychotherapie werden sowohl Potenziale als auch Schwierigkeiten multiprofessioneller Zusammenarbeit besprochen und der Kompetenzzuwachs insbesondere im Hinblick auf die komplexen psychosozialen und rechtlichen Problemlagen der Klient:innen unterstrichen.

Der Text „Stärkenorientiertes Migrationsfachdienst-Case-Management“ von Matthias Müller (S. 84–97) basiert auf der Idee, Case Management als sozialarbeiterisches Konzept zur Rahmung von Migrationsfachdiensten zu entwerfen. Die Leser:innen erhalten Einblicke in Phasenmodelle sowie tiefergehende Informationen zur Stärkenorientierung, die mit beispielhaften Fragensets illustriert werden. Laut Müller taucht die Stärkungsperspektive vor allem in der Formulierung eines Mottoziels auf, die er als „situationsübergreifendes Motivations- und Haltungsziel“ (S. 94) beschreibt und die eine „individuelle Sinnhaftigkeit der Zielerreichung für die Nutzer*innen markiert“ (S. 95). 

Laura Hertners Beitrag „Versorgung geflüchteter Menschen als ‚Sich-in-Beziehung-Setzen‘ – Begriffsklärung, Schlüsselprinzipien und Spannungsfelder psychosozialer Praxis“ (S. 98–107) beinhaltet die Ergebnisse einer kleineren qualitativen Studie und fokussiert dabei auf die Notwendigkeit von Kontinuität in der Beziehungsgestaltung (vgl. S. 101ff) sowie die Bedeutung der Einbindung von geflüchteten Menschen in ein institutionalisiertes Versorgungssystem (vgl. S. 105f). Insgesamt unterstreicht die Autorin die Relevanz von längerfristiger Beziehungsarbeit und warnt vor den psychosozialen Konsequenzen von (wiederkehrenden) Beratungs- und Versorgungsabbrüchen, die strukturell oftmals erfolgen.

Teil III „Methodisches“

 „Diagnostisches Fallverstehen mit geflüchteten (jungen) Menschen“ von Lisa Große und Silke Birgitta Gahleitner (S. 110–121) dokumentiert die erweiterten Ergebnisse aus dem Forschungsprojekt TraM (Traumatisierte minderjährige Geflüchtete verstehen und unterstützen: Entwicklung eines niederschwelligen Screening- und Unterstützungs-Portals als Grundlage eines umfassenden psychosozialen Diagnostikmodells), das von 2019–2022 vom BMBF gefördert wurde. Die Darstellung lässt sich als Plädoyer für eine prozessuale Gestaltungsdiagnostik verstehen.

Silke Birgitta Gahleitner, Dorothea Zimmermann und Dima Zito präsentieren unter dem Titel „Geflüchtete psychosozial und traumapädagogisch unterstützen“ (S. 122–136) ein Modell der psychosozialen Intervention nach traumatischen Erfahrungen, das sowohl pädagogische Alltagsbereiche, Kreativ- und Bewegungstherapeutische Angebote sowie psychotherapeutische Unterstützung einbezieht.

 „Übungen zur psychosozialen und traumapädagogischen Intervention“ von Dima Zito, Silke Birgitta Gahleitner und Dorothea Zimmermann (S. 135–150) schließt am vorgenannten Modell an und bietet konkrete methodische Beispiele für geeignete Stabilisierungs-, Reorientierungs-, Distanzierungs- und Imaginationsübungen sowie Anregungen zur Ressourcenorientierung. Die einzelnen Übungen sind farblich hervorgehoben im Text ausgewiesen.

Barbara Bräutigam und Marie Ortmann stellen im Beitrag „Ambulante psychotherapeutische Arbeit und psychosoziale Versorgung von geflüchteten Menschen“ (S. 151–160) ein Praxisbeispiel einer niedrigschwelligen psychosozialen Beratung an der Hochschule Neubrandenburg vor, das dem Projekt „Psychosoziale und Bildungsberatung für Geflüchtete“ (Laufzeit 2018–2022) entstammt. Sie plädieren neben der unabdingbaren Berücksichtigung äußerer Lebensbedingungen für eine kultursensible Haltung von Berater:innen und Therapeut:innen, die strukturellen Rassismus beachtet sowie eine Reflexion kultureller Stereotype einbezieht (vgl. S. 159).

„Selbstorganisierte Räume rassismuskritisch gestalten und begleiten“ von Conny Bredereck, Mohammed Jouni und Dorothea Zimmermann (S. 161–173) thematisieren die praktische Solidarität weißer Fachkräfte und die Frage, wie diese konsequent in der Sozialen Arbeit umgesetzt werden kann. Dazu gehöre eine strukturierte Auseinandersetzung mit eignen Rassismen und Privilegien, zu der die Autor:innen den, von Paul Gilroy 2004 veröffentlichten und von Grada Kilomba 2016 weiterentwickelten, Stufenplan zu Ego-Abwehrmechanismen ausführlich darlegen und die Bedeutung der migrantischen Selbstorganisation als Empowermentraum hervorheben.

Teil IV „Spezifische Aspekte“

Im Aufsatz „Verständigung in der Krise: Sprachmittlung in der psychosozialen Beratung für geflüchtete Menschen“ von Elvira Hadžić und Natalia Tilton (S. 176–192) geht es um neue Anforderungen, Spannungsfelder und Dilemmata im sprachgestützten Trialog. Abschließend werden „Take-aways“ für Sprachmittler:innen und psychosoziale Fachkräfte benannt, um insbesondere die Beratung und Therapie von geflüchteten Menschen mit keinen oder wenigen Deutschkenntnissen erfolgreicher zu gestalten (vgl. S. 190/191).

Stefan Schmid und Astrid Utler widmen sich dem Thema „Psychische Gesundheit: Herausforderungen und Lösungsansätze in der dezentralen Versorgung von Geflüchteten“ (S. 193–204). Die Darstellung basiert auf dem Konzept TAFF (Therapeutische Angebote für Flüchtlinge), das zunächst in Pilotprojekten in Bayern erprobt und mittlerweile auf zehn Standorte ausgedehnt wurde. Es folgt der „Stepped-Care-Idee“, nach der niederschwellige erste Angebote durch spezifische Gruppenangebote und Kooperationen mit Netzwerkpartner:innen ergänzt werden (vgl. S. 195/196). Insgesamt zielt der Ansatz auf eine „umfassende Veränderung und Öffnung der lokalen Regelversorgung ab“ (S. 203), mit der eine interkulturelle dezentrale Versorgung im ländlichen und kleinstädtischen Kontext gelingen könne.

Unter dem Titel „(Nicht-)Anerkennung von Geflüchteten“ entfaltet Maximiliane Brandmaier (S. 205–216) die vielfältigen Felder der Nichtanerkennung (Exil, viktimisierende Kultur, Sammelunterkünfte, Alltagsrassismus, Recht, Arbeitsmarkt und Mehrheitsgesellschaft) und ruft praxisorientiert zur Schaffung von Anerkennungsräumen und widerständigem Handeln auf.

Das Buch endet mit dem Beitrag „‘Social trauma‘ behandeln und begleiten“ von Luise Reddemann und Lilijana Joksomovic (S. 217–226). Die beiden Autorinnen skizzieren die fundamentalen Elemente des Konzepts der psychodynamisch imaginativen Traumatherapie anhand eines Fallbeispiels und stellen darüber sowohl ihre Hilfsansätze wie ihr Behandlungscredo vor.

Diskussion

In der Einleitung des vorliegenden Handbuches fragen die Herausgeberinnen selbst danach, warum es zusätzlich zu den in den letzten Jahren erschienen Fachbüchern noch ein (weiteres) Handbuch zum Themengebiet braucht (vgl. S. 7). Sie selbst kommen zu dem Schluss, dass das vorliegende Werk aktuelle Bezüge herstellen kann, vor allem aber eine gebündelte Form von Theorie- und Praxiswissen sowie neue Impulse bereithält, um die Tätigkeit in psychosozialen Arbeitsfeldern zu unterstützen und zu erweitern (vgl. S. 8). Dem würde ich so zustimmen wollen. Tatsächlich werden einige der Aufsätze fachlich versierten und theoretisch interessierten Praktiker:innen inhaltlich vertraut vorkommen.

Die Bereicherung dieses Handbuches liegt eher in der gelungenen Zusammenstellung multiprofessionell relevanter Fragen, die neben den klassischen Thematiken auch besondere Aspekte, wie den Umgang mit Kriegstäter:innen oder Praxisansätze im ländlichen oder kleinstädtischen Raum integriert und so die Vielschichtigkeiten des Handlungsfeldes sehr gut berücksichtigt. Das Versprechen praxisbezogener Implikationen wird fast durchgängig eingelöst. Die pointierten Darstellungen, Schaubilder und hervorgehobenen Hinweise regen Ergänzung oder Veränderung etablierter und vielleicht schon routinierter Haltungen und Praxismodelle an und laden zum konkreten Umdenken und Umgestalten ein. Besonders hervorzuheben ist dabei, dass rassismuskritische wie selbstermächtigungsfördernde Aspekte in den diversen Unterstützungssettings selbstverständlich mitgedacht werden und Methode unabdingbar mit Haltung verknüpft wird.

Fazit

Durch die große Bandbreite der Themen finden sich Anknüpfungspunkte für verschiedene Disziplinen, die in psychosozialen Unterstützung von geflüchteten Menschen aktiv sind. Interessierte werden neben aktuellen Perspektiven auf die verschiedenen gesellschaftlichen wie individuellen Hintergründe und Bedarfe in den derzeitigen Versorgungssituationen vor allem klare Implikationen für die Praxis aufgreifen können.

Rezension von
Prof. Dr. Antje Krueger
Professorin für „Soziale Arbeit in der Migrationsgesellschaft“ und „Internationale Soziale Arbeit“ an der Hochschule Bremen.
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Es gibt 11 Rezensionen von Antje Krueger.

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Zitiervorschlag
Antje Krueger. Rezension vom 12.10.2023 zu: Maximiliane Brandmaier, Barbara Bräutigam, Silke Birgitta Gahleitner, Dorothea Zimmermann (Hrsg.): Geflüchtete Menschen psychosozial unterstützen und begleiten. Ein Handbuch. Vandenhoeck & Ruprecht (Göttingen) 2023. ISBN 978-3-525-40866-7. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/30544.php, Datum des Zugriffs 27.02.2024.


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