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Bertelsmann Stiftung (Hrsg.): Achtung Kinderperspektiven!

Rezensiert von Prof. Dr. Wolfgang Beywl, 30.06.2023

Cover  Bertelsmann Stiftung (Hrsg.): Achtung Kinderperspektiven! ISBN 978-3-86793-910-2

Bertelsmann Stiftung (Hrsg.): Achtung Kinderperspektiven! Mit Kindern KiTa-Qualität entwickeln. Methodenschatz II: Erhebung, Auswertung und Dokumentation. Verlag Bertelsmann Stiftung (Gütersloh) 2020. 202 Seiten. ISBN 978-3-86793-910-2. D: 35,00 EUR, A: 36,00 EUR, CH: 38,50 sFr.

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Thema

Wie kann pädagogische Qualität in der KiTa unter maßgeblichem Einbezug der Wünsche und Bedürfnisse der Kinder, und mit deren aktiver Beteiligung immer wieder entwickelt werden? Was sind deren „aktuellen Muster zu denken, zu fühlen, zu deuten, sich die Welt zu erschließen?“ Wie kann der „tiefere Sinn“ aus Perspektive der Kinder erschlossen werden? Einen inhaltlichen Fokus bildet die „Interaktionsqualität“ zwischen den Erwachsenen und den Kindern in den Kitas und auch zwischen letztgenannten.

Diese Publikation richtet sich primär an pädagogische Fachpersonen, darüber hinaus an KiTa- Leitungskräfte, Träger-Vertretende, Fachberatende und auch Eltern. Der „Methodenschatz II“ stellt KiTa-Mitarbeitenden Untersuchungsmethoden für die Weiterentwicklung von Qualität zur Verfügung. Darüber hinaus will er aufzeigen, wie sie als wichtigen Bestandteil pädagogischer Professionalität eine kindgerechte forschende Haltung entwickeln können.

Autorinnen und Autor

Iris Nentwig-Gesemann ist seit 2019 Professorin an der Freien Universität Bozen (Italien). Sie arbeitet seit über 20 Jahren zu Frühpädagogik und Kindheitsforschung. Sie und hat die Entwicklung qualitativer Methoden für Bildungssettings maßgeblich vorangebracht. Mit ihr zusammen haben Bastian Walther, Elena Bakels und Lisa-Marie Munk an der Alice Salomon Hochschule zusammengearbeitet.

Entstehungshintergrund

Dieses ‚Praxisbuch‘ ist Produkt eines mehrjährigen, im Programm „Bildung und Next Generation“ der Bertelsmann Stiftung geförderten Forschungs- und Entwicklungsprozesses. Hinter dieser anwendungsorientierten stehen zwei weitere Veröffentlichungen: Der als Open Educational Resource (OER) verfügbare Kinder als Akteure in Qualitätsentwicklung und Forschung sowie der „Methodenschatz I“, der die im Forschungsprojekt herausgearbeiteten 23 Qualitätsdimensionen detailliert beschreibt. Deren Basis sind Auswertungen von Gesprächen, (videografischen) Beobachtungen, Zeichnungen und Fotos von ca. 200 Vier- bis Sechsjährigen.

Aufbau und Inhalt im Überblick

Der A4-Loseblatt-Ordner enthält beidseitig bedruckte „Karten“. Diese sind nicht paginiert, erschließbar über Registerblätter mit seitlich angebrachten keinen Tab-Flächen mit den Leitsymbolen der zwölf Methoden bzw. Kurztexten zu den ergänzenden Teilen.

Kernbestandteil sind zwölf Methoden-Kartensätze, meist im Format A4. Diese bestehen aus:

  • Erhebungsmethodenkarte (21cm x 21cm)
  • Auswertungskarte(n)
  • Beispielinterpretationskarte(n)

Ergänzend sind enthalten:

  • Sechs Dokumentationskarten, zum Aufzeichnen von bei Kindern (teils auch Eltern) erschlossenen Perspektiven (Collage, Bilderbuch, Plakat, Digitale Präsentation, Theatrale Darstellung sowie Wandzeitung)
  • fünf leere Karten für in der KiTa selbst entwickelte Methoden

Der Anhang besteht aus „Sonderkarten“, die – basierend auf der Praxeologischen Wissenssoziologie/​Dokumentarischen Methode - vier Themen behandeln:

  • Hinweise zur Gesprächsführung mit Kindern; einerseits Checkliste für eine wünschenswerte Haltung der Fachkraft, andererseits Charakterisierung und Beispiele für drei Typen von Fragen:
  1. erzählgenerierende
  2. beschreibungsgenerierende
  3. reflexionsgenerierende
  • Vereinfachte Transkriptionsregeln für eine wort- und lautgenaue Verschriftlichung insbesondere von verbalen Kinderäußerungen
  • Glossar mit 47 meist spezifischen Fachbegriffen der dokumentarischen Methode, z.B. „konjunktiver Erfahrungsraum“ oder „ikonologisch-ikonische Interpretation“
  • Literaturhinweise, gegliedert nach Methoden-Gruppen sowie zum Glossar.

Der Methodenschatz II enthält Darstellungen von zwölf empirischen Methoden für die Hand der pädagogischen Fachkraft. Mit diesen können Sichtweisen und Wahrnehmungen von Kindern - gemeinsam mit ihnen - zu wünschbaren Aspekten der „Qualität“ in der KiTa herausgearbeitet werden.

Am Schluss des Ordners finden sich Kopiervorlagen für zwei Sätze (Spiel-)Karten mit Personen-Pikogrammen zu den 23 Qualitätsbereichen; in zwei Formaten (ca. A6/A7). Diese können die Kommunikation mit Kindern/​zwischen Fachkräften sowie die Dokumentation von Gesprächen unterstützten.

Die 12 Methoden zur Erhebung und Auswertung von Kinderperspektiven

Folgende kindgerechte empirische Erhebungsmethoden sollen es (angehenden) pädagogisch qualifizierten KiTa-Fachpersonen ermöglichen, selbst „forschend“ herauszufinden, was Kindern in der KiTa wichtig ist.

  • Teilnehmende Beobachtung
  • Videobasierte Beobachtung
  • Gruppendiskussion
  • Bilderbuchbetrachtung
  • Kinder malen ihre Kita
  • Paar-Malinterview
  • Kinder fotografieren ihre Kita
  • Foto-/​Videobasierte-Kita-Führung
  • Sozialraumerkundung
  • Verbesserungsspaziergang
  • Beschwerdemauer
  • Ein ganz verrückter, schöner Tag

Bis auf die beiden Beobachtungsmethoden sind es die Kinder, die aktiv Daten produzieren. Sie haben auch meist hohe Freiheitsgrade, worauf sie dabei den Schwerpunkt legen. Beispielhaft sei das Vorgehen für den Verbesserungsspaziergang skizziert, wobei auch die Gliederung der Methodenkarten-Sätze deutlich wird:

Erhebungsmethodenkarte

  • Dauer: 20–60 Minuten
  • Materialien: Foto-/​Video-Device, Stift und Papier
  • Setting und Durchführung: Bis zwei Kinder führen nach eigener Logik durch KiTa, machen Verbesserungsvorschläge; Fachkraft hält textlich/​visuell fest
  • Eingangsimpuls der Fachkraft: „Zeigt unbenutzte/​unbeliebte Orte/Gegenstände – schlagt vor, was für euch besser wäre.“
  • Zu beachten: Klärung (nicht-)besuchbarer Orte, Schutz personenbezogener (Foto-) Daten u.a.

Auswertungskarte

  • Intro (für alle Auswertungskarten gleich): Erläuterung Schrittgliederung, Verweis auf Glossar, Anregung, sich mit anderen über die Auswertung auszutauschen
  • Vier Auswertungsschritte:
  1. Empirisches Material sichten und aufbereiten: „Thematischen Verlauf“ (evtl. mit Angabe von Zeitpunkten auf Audio/​Videoaufzeichnung) verschriftlichen; relevante „Passagen“, z.B. mit hoher „metaphorischer Dichte“ oder Emotionalität kennzeichnen; genauer auszuwertende Passagen auswählen und diese „transkribieren“
  2. Formulierende Interpretation: Zusammenfassung des „immanenten Sinngehalts“ der Passagen, Gliederung in Ober und – Unterthemen und deren Paraphrasierung
  3. Reflektierende Interpretation: Erschließen des bis dahin impliziten Orientierungsrahmens der Kinder; z.B. was wird gewünscht, wie wird dies abgewogen, mit evtl. welcher Schlussfolgerung?
  4. Komparative Analysen: Suche nach Homologien/​Gemeinsamkeiten sowie Kontrasten/​Unterschieden – z.B. zwischen Perspektiven verschiedener Kinder
  • Bezüge zu den Qualitätsdimensionen: Erarbeitete Ergebnisse der Erhebung mit den „Qualitätsdimensionen“ verbinden; ggfs. Qualitätsdimension ergänzen

Auswertungsbeispiel

Auf ca. zwei Seiten wird das Auswertungsvorgehen für die jeweilige Methode (hier Verbesserungsspaziergang) für eine real durchgeführte Untersuchung entlang der vier Auswertungsschritte demonstriert, hier mit mehreren Transkripten zu mehreren kurzen Passagen, ergänzt mit Fotos (u.a. von einem Kuscheltierwartebereich) und anderen Belegen.

Diskussion

Der zentrale Impuls des „Methodenschatz II“ besteht darin, pädagogische Fachkräfte zum systematischen Datenerheben, Interpretieren, Entdecken und Dokumentieren zu motivieren und zu befähigen. Ähnliches geschieht im Berufsalltag ohnehin intuitiv oder ‚on the fly‘, ebenfalls auf Basis einer professionellen Ausbildung und mehrjähriger reflektierter beruflicher Erfahrung. Hier erfolgt es gemäß einem spezifischen elaborierten qualitativen Forschungsansatz, sodass es (kollegial) reflektierend angereichert, und dank Dokumentation intersubjektiv nachvollziehbar und damit auch ‚herzeigbar‘ wird.

Für diese anspruchsvolle „Forschungsarbeit“ wird empirisches ‚Hand- und Kopfwerkzeug‘ geboten, bis hin zu wörtlich ausformulierten Frageimpulsen oder Hilfreichem zur Gesprächsführung mit Kindern. Die hohe Disziplin und viel Denkarbeit erfordernden Auswertungsschritte gemäß der dokumentarischen Methode werden durch die „Auswertungsbeispiele“ greifbar. Wer sich die Zeit nimmt, die Beispiele mit den theoriegestützten Erklärungen im Glossar zu verbinden, kann eine wertvolle empirische Methodik erlernen. Das immer wieder eingehaltene Muster der vier Auswertungsschritte kann bei mehrfacher Wiederholung Sicherheit bieten und Gewandtheit im empirischen Untersuchen aufbauen.

Während die beiden Beobachtungsmethoden und auch die wesentlich sprachlich basierten Methoden (zum Beispiel Gruppendiskussion) recht schnell adaptierbar sein dürften, so erweisen sich die Methoden, in denen es um die Analyse von Bildern oder Fotografien geht, als wesentlich sperriger. Dies, da diese mit einem für dieses Material eigentümlichen Sprachspiel der dokumentarischen Methode verbunden sind.

Wichtige Potenziale für die Qualitätsentwicklung in der frühen Bildung seien hervorgehoben:

  • Stärkung der Kinderperspektiven als zentralem Bestandteil der Qualitätsentwicklung in der KiTa: den Kindern bei der Datenerzeugung „eine Stimme“ geben. Besonders die drei Methoden „Sozialraumerkundung“, „Verbesserungsspaziergang“ sowie „Beschwerdemauer“ überzeugen dafür.
  • Professionalisierung der Fachkräfte: Erwerb der Kompetenz, sich mittels empirischer Methoden die kognitiven und emotionalen Perspektiven der Kinder zu erarbeiten; Gegengewicht zum allzu schnellen Ad-Hoc-Bewerten unter dem Handlungsdruck des KiTa-Alltags; Ermöglichen von ‚langsamem Denken‘: zuerst präzise beschreiben, dann interpretieren. (siehe zur Forschungsrolle der KiTa-Fachkräfte ausfürhrlich den o.g. Forschungsbericht).
  • Integrale Dokumentation: Perspektiven der Kinder einerseits, Leistungen der Fachkräfte andererseits werden sichtbar gemacht, gegenüber den Stakeholdern in der frühen Bildung, der Elternschaft; dies kann berufliche Zufriedenheit und Verbleib im Beruf fördern.

Kritisch betrachtet seien das Qualitätsverständnis, die Exklusivität der Forschungsmethodologie, sowie deren Umsetzbarkeit und Nützlichkeit im KiTa-Alltag:

Dass die pädagogische Qualität in der KiTa nicht allein (wenn auch „gleichwertig“) von Kinderperspektiven aus bestimmt werden kann, wird im Methodenschatzes I durch das Stichwort „Interperspektivität“ angerissen. Im Forschungsbericht wird dies mit einigen Sätzen erläutert. Beim Namen genannt werden konkurrierende Ansprüche nicht: seien es solche zur Chancengerechtigkeit bei Start in die Schulzeit (sprachlicher Ausdrucksfähigkeit, feinmotorischer Fähigkeiten, …) oder zur Gesundheitssituation des Fachpersonals. Diese Zurückhaltung könnte zum Missverständnis verleiten, Kinderperspektiven würden absolut gesetzt. Dabei geht es darum, diesen bislang sehr im Dunkeln liegenden Fleck gründlich und systematisch auszuleuchten.

Forschungsmethodologisch stellt der Methodenschatz II auf die dokumentarische Methode ab. Er verlangt von den Lesenden, sich deren spezifische Semantik und Syntax von Forschungshandeln anzueignen. Alternative Zugänge, etwa der Aktionsforschung (s. Altrichter/​Posch,2018 oder Fiedler/​ Posch, 2009) bleiben ausgeblendet. Manch andere Modelle betonen, dass nicht nur die Erhebung, sondern auch die Auswertung im Dialog mit den Kindern erfolgen soll. In der dokumentarischen Methode ist dies angesichts komplexer Anforderungen den „Forschenden“ vorbehalten.

Forschungspraktisch gesehen verlangen die Methoden erheblichen Zeitaufwand, u. a eine durch erfahrene (akademische) Forschende geleitete längere Fortbildung. Ohne diese werden wenige eine mustergerechte Untersuchung realisieren können. In der Umsetzung sind je (kleiner) Kinderstichprobe mehrere Stunden für Erhebung/​Auswertung nötig.

Die Untersuchungen erbringen ‚lediglich‘ eine Analyse, wenn auch eine tiefgehende und aufschlussreiche. Auf Basis der Empirie Nutzen für eine verbesserten Praxis zu generieren, erfordert weitere Team-Arbeitsstunden. Abkürzungen böten „einfachere“ Methoden, wie etwa Fähnchen stecken, wo Kinder am liebsten spielen, und ein mit ihnen daran anschließender Dialog.

Fazit

Der Methodenschatz II füllt eine bisher allzu oft leer gebliebene Lücke in der Qualitätsarbeit der frühen Bildung: Er zeigt auf und befähigt dazu, Daten zu Kinderperspektiven als zentralen Ausgangspunkt für die frühe Bildung systematisch in Interaktion mit den Kindern zu gewinnen. Es ist zu wünschen, dass den Fachkräften in Zukunft substanziell Zeit zur Verfügung steht, solche und andere Zugänge empirisch basierter Qualitätsentwicklung zu nutzen. Bis dahin gilt es nicht abzuwarten, sondern schon einige Elemente zu nutzen, sie auf die gegebenen Handlungsbedingungen anzupassen oder auch schnellere und mit Kompromissen einher gehende Methoden zu erproben.

Rezension von
Prof. Dr. Wolfgang Beywl
Evaluationswissenschaftler, Seniorprofessor, Fachhochschule Nordwestschweiz, Pädagogische Hochschule, Institut Weiterbildung und Beratung. Professur für Bildungsmanagement und Schulentwicklung – wissenschaftlicher Leiter Univation– Institut für Evaluation, Köln.
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Zitiervorschlag
Wolfgang Beywl. Rezension vom 30.06.2023 zu: Bertelsmann Stiftung (Hrsg.): Achtung Kinderperspektiven! Mit Kindern KiTa-Qualität entwickeln. Methodenschatz II: Erhebung, Auswertung und Dokumentation. Verlag Bertelsmann Stiftung (Gütersloh) 2020. ISBN 978-3-86793-910-2. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/30569.php, Datum des Zugriffs 24.07.2024.


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