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Sabine Nowara, Margret Spaniol (Hrsg.): Die Grenze zwischen krank und kriminell

Rezensiert von Dr. phil. Gernot Hahn, 18.08.2023

Cover Sabine Nowara, Margret Spaniol (Hrsg.): Die Grenze zwischen krank und kriminell ISBN 978-3-17-039178-9

Sabine Nowara, Margret Spaniol (Hrsg.): Die Grenze zwischen krank und kriminell. Zur Bedeutung der Persönlichkeitsstörungen im Strafverfahren. Kohlhammer Verlag (Stuttgart) 2023. 160 Seiten. ISBN 978-3-17-039178-9. 39,00 EUR.
Reihe: Forensische Psychiatrie im Dialog.

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Thema

Wo liegt die Grenze zwischen „normalem“ und durch eine Persönlichkeitsstörung beeinflussten, „krankhaftem“ Deliktverhalten? Eine hohe Zahl von Straftäter:innen weist eine Persönlichkeitsstörung auf, was die urteilenden Gerichte und die forensischen Sachverständigen nicht selten vor die Aufgabe stellt, diese Unterschiede erkennen und für die Beurteilung der Schuldfähigkeit oder der Straffhöhe einzuschätzen zu müssen. Der Sammelband beleuchtet diese Thematik aus psychiatrischer, psychotherapeutischer und strafvollstreckungsgerichtlicher Perspektive.

Der Band erscheint in der Reihe „Forensische Psychiatrie im Dialog. Interdisziplinäre Impulse für Wissenschaft und Praxis“, die von den beiden Herausgeberinnen dieses zweiten Reihenbandes, sowie Jürgen Leo Müller (Prof. für Forensische Psychiatrie und Psychotherapie an der Universität Göttingen) und Matthias Koller (Vorsitzender Richter am Landgericht Göttingen) herausgegeben wird. Die Reihe will aktuelle, praxisrelevante und kontroverse forensische Themen im „interdisziplinären Schnittmengenbereich sowohl wissenschaftlich fundiert als auch für eine breitere fachlich interessierte Leserschaft gut verständlich … behandeln. Die einzelnen Bände sollen … mehr Raum für eine differenzierte interdisziplinäre Aufarbeitung der angesprochenen Fragestellungen bieten, als dies in etablierten wissenschaftlichen Journalen oder in einem Kapitel eines größeren Lehrbuchs üblicherweise möglich ist“ (5-6).

Herausgeberinnen und Autor:innen

Prof. Dr. phil. Sabine Nowara ist Psychologische Psychotherapeutin, Fachpsychologin für Rechtspsychologie und lehrt als Honorarprofessorin an der Juristischen Fakultät der Universität zu Köln. Sie weist eine jahrzehntelange Expertise als forensische Gutachterin auf.

Dr. jur. Margret Spaniol ist Richterin am Bundesgerichtshof a.D.

Aufbau und Inhalt

Der schmale Band enthält auf knapp 120 Seiten vier Beiträge und ein ausführliches Resümee der beiden Herausgeberinnen.

Einleitung

Die auf zwei Seiten zusammengefasste Einleitung führt in die Thematik ein, beschreibt die Problematik häufiger Persönlichkeitsauffälligkeiten bei Straftäter:innen und die Schwierigkeit, diese als Diagnose zu erfassen und kriminalprognostisch zu werten. Diagnostizierte Persönlichkeitsstörungen die eine Zuordnung zu der in § 20 StGB genannte Gruppe der „schweren anderen seelischen Störung“ erfüllen, erschweren die Behandlung und wirken sich u.a. auch auf die kriminalprognostische Würdigung aus. Die Einleitung gibt dann noch einen knappen Überblick zu den im Buch enthaltenen Einzelbeiträgen.

Persönlichkeitsstörungen aus forensisch-psychologischer Perspektive

Der erste Textbeitrag beschäftigt sich mit den speziellen Aspekten der Klassifikation, Begutachtung und Behandlung von Menschen mit einer Persönlichkeitsstörung im forensischen Kontext aus psychologischer Perspektive. Niels Habermann nähert sich der Thematik aus vorwiegend praktischer Perspektive, gibt eine Einführung in die gängigen Klassifikationssysteme, beschreibt die besondere Herausforderung in der diagnostischen Persönlichkeitserfassung und leitet daraus Rahmenaspekte der Kriminalprognostik ab. Daran anschließen werden einige Bausteine einer forensischen (Kriminal)therapie für persönlichkeitsgestörte Straftäter:innen beschrieben. Habermann geht auch kurz auf die anstehenden Änderungen in der Neufassung des ICD-11 ein (23f), wo umfangreiche Änderungen anstehen (die allerdings nicht referiert werden) und zusätzlich dimensionale Aspekte ergänzt werden. Der Autor kritisiert, dass die gesamte (forensische) Persönlichkeitsdiagnostik stark defizitorientiert ist, Ressourcenaspekte dagegen kaum erfasst würden. Auch die soziale Ebene des Störungsprofils (Persönlichkeitsstörungen äußern sich vorwiegend in Beziehungen, sind also egtl. -immer- auch Beziehungsstörungen) kommt, so der Autor, in den gängigen Diagnostikmanualen häufig zu kurz, im Begutachtungsprozess geht es also immer auch um die Erfassung der sozialen Realität der zu Begutachtenden. Neben der Darstellung der weitverbreiteten Diagnoseinstrumente beschreibt Habermann auch einige typische Gutachtenskonstellationen, z.B., wenn Proband:innen stark sozial erwünschtes Verhalten und Selbsteinschätzungen in Begutachtungssituationen zeigen, also i. e. S. dissimulieren. Der Beitrag geht dann weiter vertiefend auf den Aspekt der Schuldfähigkeitsbegutachtung und die spezifischen Herausforderungen in der Behandlung persönlichkeitsgestörter Täter:innen (z.B. die besondere Psychodynamik, emotionale und Verhaltensmuster) ein.

Persönlichkeitsstörungen aus (forensisch-) psychiatrischer Sicht

Der Abschnitt beschreibt zunächst ebenfalls die diagnostischen Herangehensweisen anhand DSM 5 und ICD-10, deren Entstehung und Entwicklung, sowie die grundsätzliche Frage der Veränderungsfähigkeit solcher Syndrome. Irina Franke und Manuela Dudeck verweisen mit Rückgriff auf die Forschungslage der letzten Jahre, dass die frühere Annahme, Persönlichkeitsstörungen seien weitgehend unveränderbar, heute nicht mehr zu halten ist (61). Drauf folgt eine knappe Einführung in die kategoriale und dimensionale Klassifikation von Persönlichkeitsstörungen. Die Autorinnen betonen hier die diagnostische Bedeutung von Funktionseinschränkungen, die sich durch gestörte Persönlichkeitsmuster ergeben können und entsprechend zu erfassen sind. Ausführlicher finden sich hier auch Hinweise zur Struktur der Persönlichkeitsdiagnostik im neuen (in der Praxis noch nicht gültigen) ICD-11. Der Beitrag vertieft im Weiteren u.a. Aspekte der Schuldfähigkeit, des gutachterlichen Prozesses, die Einschätzung möglicher Beeinträchtigungen vor dem Hintergrund einer entsprechenden Diagnose (v.a. Steuerungsfähigkeit) und prognostische Überlegungen. Abschließend erfolgt ein knapper Überblick zu den gängigen Therapieansätzen und -manualen zur Behandlung z.B. der emotional-instabilen Persönlichkeitsstörung vom Borderlinetyp.

Persönlichkeitsstörungen aus juristischer Sicht

Der Beitrag beleuchtet die juristischen Aspekte persönlichkeitsgestörter Patient:innen im Vollstreckungsverfahren. Jacqueline Kempfer befasst sich mit der gerichtlichen Wertung von Ausgangsaspekten und Erkenntnisquellen im Vollstreckungsverfahren (also z.B. während des Vollzugs einer Maßregel), mit der Bewertung von Persönlichkeitsstörungen im Rahmen von Gefahrenprognosen, der Vorgehensweise bei diagnostischen Abweichungen zwischen gerichtlichem Erkenntnisverfahren und dem folgenden Vollstreckungsverfahren, wobei besondere Problemlagen, z.B. Entscheidungen zur Erledigung einer Maßregel (z.B. Abbruch des weiteren Vollzugs einer Unterbringung im Maßregelvollzug aus Gründen der Verhältnismäßigkeit) und andere vollstreckungsrechtliche Entscheidungen dargestellt werden. Die Ausführungen beschreiben die gegenwärtige juristische übliche Praxis in Vollstreckungsverfahren etwa im Maßregelvollzug oder in der Sicherungsverwahrung.

Resümee

Im Abschlusskapitel ziehen die beiden Herausgeberinnen des Bandes ein Resümee und versuchen dabei die Grenze zwischen „normalem kriminellem Verhalten“ psychisch weitgehend gesunder Straftäter:innen und Straftaten aufgrund einer Persönlichkeitsstörung als psychisch krank einzuschätzender Täter:innen zu definieren. Anhaltspunkte sind die in den oben skizzierten Beiträgen enthaltenen Aspekte, die hier nochmal zusammenfassend dargestellt werden. Weiter beschreiben die Autorinnen die gängige Rechtspraxis bzgl. Begutachtung von Täter:innen im Erkenntnis- und Vollstreckungsverfahren, z.B. bei lebenslangen Haftstrafen, oder im Maßregelvollzug. Die in den Einzelbeiträgen vorgestellten Diagnoseverfahren und -instrumente werden zusammenfassend als unzulänglich (118) klassifiziert, was besondere Anforderungen an die Expertise der Gutachter:innen nach sich zieht. Diagnostik findet dabei nicht im luftleeren Raum statt, sondern sieht sich einer Vielzahl von Anforderungen und Erwartungen („die Gesellschaft“, „das auftraggebende Gericht“) ausgesetzt, welche durch professionelle Neutralität und Sachlichkeit beantwortet werden müssten. Weiter führen die beiden Autorinnen nochmals vertiefend den Zusammenhang zwischen dem Bestehen einer Persönlichkeitsstörung und sich daraus möglicherweise ergebenden Konsequenzen für Schuldfähigkeit (also Einsichts- und Steuerungsfähigkeit), sowie Verurteilung (Haft und/oder Maßregelvollzug) und vollstreckungsrechtlichen Aspekten aus. Letztlich findet sich auch im Resümee die Beschreibung der allgemein üblichen Rechts- und Begutachtungspraxis im deutschen Straf- und Maßregelvollzug und der daran beteiligten Stellen.

Zielgruppe des Buches

Praktiker:innen im Feld der Forensischen Psychiatrie, vorwiegend aus den Bereichen Psychiatrie, Psychologie und Rechtswissenschaften.

Diskussion

Wer die umfassenden Standardwerke zum Thema Persönlichkeitsstörungen (z.B. Fiedler & Herpertz 2022) im forensischen Kontext nicht lesen mag oder aus zeitlichen Gründen meint nicht lesen zu können, ist mit dem zweiten Band aus der Reihe „Interdisziplinäre Impulse für Wissenschaft und Praxis“ gut beraten. Erfahrene Praktiker:innen erklären sprachlich gut nachvollziehbar die zentralen Aspekte im Bereich der Persönlichkeitsdiagnostik, Kriminalprognostik, Begutachtung und Behandlung. Dabei werden viele Aspekte angerissen, im knappen Aufbau des Buchs und der Einzelbeiträge allerdings nicht immer vertieft. Besonders fehlen hier Fallvignetten aus der Begutachtungs- und Behandlungspraxis (über welche die Autor:innen erwiesenermaßen umfangreich verfügen), anhand derer die theoretischen Aspekte hätten explizit nachvollzogen werden könnten. Auch fehlt die differenzierte Diskussion theoretischer Grundlagen, z.B. die Aus- und Bewertung neuerer Forschungsbefunde zur Entwicklung und Stabilität von Persönlichkeitsstörungen, die dann andernorts nachgeschlagen werden müssen. Für die rasche Orientierung im thematisierten Feld bieten die Einzelbeiträge allerdings ausreichend Tiefe, die umfangreichen Literaturverzeichnisse ergeben ein Übriges, wobei explizite Literaturempfehlungen (zusätzlich zum Quellenverzeichnis) hilfreich wären. Aus Sicht der Forensischen Psychiatrie (im Dialog – so der Reihentitel) mag die Darstellung der psychologischen, psychiatrischen und juristischen Perspektive zur Bedeutung der Persönlichkeitsstörungen im Strafverfahren ausreichend erscheinen. Aus sozialwissenschaftlicher Perspektive wären hier allerdings weitere Aspekte beizutragen gewesen, die dem schmalen Herausgeberband zusätzliche Impulse vermittelt hätten: etwa eine kritische Auseinandersetzung mit dem Konstrukt der Persönlichkeitsstörung als gesellschaftlich-normative Herrschafts- und Handlungspraxis (vgl. Fabricius & Kobbé 2023), oder die stärkere Konzentration auf soziale Aspekte, z.B. in einer vertiefenden Diskussion der im Beitrag von Habermeyer beschriebenen These dass „Persönlichkeitsstörungen v.a. … Beziehungsstörungen“ (31) seien, was die Diskussion um sozialräumliche Aspekte und bewältigungsorientierte Handlungspraxen der Betroffenen ermöglichen würde.

Fazit

Eine kompakte Einführung in die Thematik „Persönlichkeitsstörungen im Strafverfahren“, welche den state of the art umreißt und sprachlich gut verständlich vermittelt. Die anstehenden Neuerungen im Bereich der psychiatrischen Diagnostik, die mit Einführung des ICD-11 abzusehen sind, werden skizziert und für den interdisziplinären Dialog erschlossen.

Literatur

Fabricius, D. & Kobbé, U. (2023) (Hrsg.). Asozial – dissozial – antisozial. Wider die Politik der Ausgrenzung. Lengerich: Pabst Verlag.

Fiedler, P. & Herpertz, S. C. (2022). Persönlichkeitsstörungen. Weinheim & Basel: Beltz Verlag.

Rezension von
Dr. phil. Gernot Hahn
Diplom Sozialpädagoge (Univ.), Diplom Sozialtherapeut
Leiter der Forensischen Ambulanz der Klinik für Forensische Psychiatrie Erlangen
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Es gibt 176 Rezensionen von Gernot Hahn.

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Zitiervorschlag
Gernot Hahn. Rezension vom 18.08.2023 zu: Sabine Nowara, Margret Spaniol (Hrsg.): Die Grenze zwischen krank und kriminell. Zur Bedeutung der Persönlichkeitsstörungen im Strafverfahren. Kohlhammer Verlag (Stuttgart) 2023. ISBN 978-3-17-039178-9. Reihe: Forensische Psychiatrie im Dialog. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/30570.php, Datum des Zugriffs 18.07.2024.


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