Angela Wernberger (Hrsg.): Professionalitätsforschung in der Sozialen Arbeit
Rezensiert von Farina Eggert, 15.12.2025
Angela Wernberger (Hrsg.): Professionalitätsforschung in der Sozialen Arbeit. Praxeologisch-rekonstruktive Perspektiven.
Verlag Barbara Budrich GmbH
(Opladen, Berlin, Toronto) 2023.
195 Seiten.
ISBN 978-3-8474-2563-2.
D: 24,90 EUR,
A: 25,60 EUR.
Reihe: Schriften der Katholischen Hochschule Nordrhein-Westfalen - 38.
Siehe auch Replik oder Kommentar am Ende der Rezension
Thema
Der Sammelband „Professionalitätsforschung in der Sozialen Arbeit“ widmet sich der Frage, wie Professionalität unter gegenwärtigen theoretischen und empirischen Bedingungen gefasst werden könne. Der Band vereint unterschiedliche Beiträge, die Professionalisierungsprozesse auf Mikro-, Meso- und Makroebene rekonstruieren und damit einen umfassenden Blick auf professionalisierende Dynamiken im Kontext Sozialer Arbeit ermöglicht.
Herausgeber:in
Die Herausgeberin Angela Wernberger ist Soziologin und Lehrende im Bereich Sozialisationstheorie und Professionalitätsforschung. Ihre Arbeitsschwerpunkte liegen insbesondere in der praxeologischen Sozialisationstheorie, der wissenssoziologischen Rekonstruktion professionellen Handelns sowie in empirischen Analysen sozialpädagogischer Praxis. Sie veröffentlichte zu Fragen der biografischen und interaktiven Genese professioneller Orientierungen, zu familialen Sozialisationsprozessen sowie zur theoretischen Weiterentwicklung sozialökologischer Professionalitätskonzepte (vgl. etwa Wernberger 2020a; 2020b). Damit verfügt sie über eine ausgewiesene Expertise in genau jenem Schnittfeld, das den Band strukturell und inhaltlich prägt.
Der Mitherausgeber Matthias Grundmann ist als Soziologe einer der zentralen Vertreter der sozialökologischen Sozialisationsforschung im deutschsprachigen Raum. Seine Arbeiten zeichneten sich durch die Verbindung von Sozialisations-, Interaktions- und Praxistheorie aus und erweiterten die Diskussion um Professionalisierung um eine prozessuale, relationale Perspektive.
Autor:innen
Der Sammelband wurde von neun Autorinnen und Autoren mit unterschiedlichen beruflichen Hintergründen verfasst. Neben der Herausgeberin Angela Wernberger (Katholische Hochschule NRW, Abteilung Münster) trägt Matthias Grundmann (Westfälische Wilhelms-Universität Münster) zentrale theoretische Perspektiven bei.
Ralf Bohnsack (Freie Universität Berlin) eröffnet mit seinem Beitrag die praxeologisch-wissenssoziologische Perspektivierung. Die empirischen Kapitel stammen von Forschenden mit unmittelbarer Praxiserfahrung: Jan-Hendrik Hinzke (Fachhochschule Bielefeld) bringt sein Wissen aus der Ausbildungsforschung ein, Tim Middendorf (FH Bielefeld) spezialisiert sich auf prekäre Lebenslagen in der Sozialen Arbeit. Michael Rölver und Sebastian Stockmann – letzterer als Sozialarbeiter und Doktorand an der Deutschen Hochschule der Polizei – analysieren Ermessensspielräume und professionelle Praktiken unter schwierigen Bedingungen.
Kolja Tobias Heckes, selbst Sozialarbeiter und Doktorand, sowie Regine Müller, Diplom-Sozialarbeiterin und Doktorandin, bringen ihre Berufserfahrung in die Analyse ein. Diese Zusammensetzung verdeutlicht das Selbstverständnis des Sammelbands: Professionalisierungsforschung entsteht in der Verbindung von etablierten und nachwachsenden Wissenschaftler:innen, die ihre Forschung auf praktische Erfahrung gründen.
Aufbau
Der Sammelband gliedert sich in drei Teile: der theoretischen Rahmungen, einen umfangreichen empirischen Hauptteil und einen abschließenden systematisierenden Beitrag. Die Kapitel behandeln jeweils unterschiedliche Facetten professioneller Entwicklung – von anfänglichen Wissensbeständen Studierender über Lernprozesse in Ausbildungssupervision bis hin zu organisationalen Aushandlungsprozessen. Der Band endet mit einer theoretischen Neubestimmung von Professionalisierung als sozialisatorischem Prozess.
Inhalt
Der Sammelband stellt sich der zentralen Frage: Wie funktioniert Professionalisierung in der Sozialen Arbeit tatsächlich? Statt Professionalisierung als individuellen Entwicklungsprozess zu verstehen, untersucht das Buch sie als komplexes, von sozialen Strukturen und Interaktionspraktiken geprägtes Phänomen.
Der Band ist in drei Teile strukturiert, die sich vom Theoretischen zum Empirischen und zurück zur Theoriebildung bewegen:
Teil I – Theoretische Grundlagen eröffnet Ralf Bohnsack mit dem Konzept der „Praxeologisch-wissenssoziologischen Professionsforschung“ (S. 17 ff.). Hier wird dargelegt, wie kollektive Wissensbestände und Orientierungsmuster professionelle Praxen prägen und wie diese sich in der alltäglichen Handlungspraxis konkretisieren.
Teil II – Empirische Studien bildet das Herzstück des Bandes und untersucht Professionalisierungsprozesse auf verschiedenen Ebenen. Das Kapitel von Jan-Hendrik Hinzke zu Reflexionspotenzialen von Studienanfänger:innen analysiert, wo die Anfänge professioneller Entwicklung liegen. Weitere Beiträge von Michael Rölver, Kolja Tobias Heckes, Regine Müller und Tim Middendorf widmen sich dem Verhältnis von Normen und Praxis, der Multiprofessionalität in Netzwerken, den Subjektfiguren in der Sozialen Arbeit sowie den Ermessensspielräumen professionell Tätiger. Diese Studien zeigen, wie Professionalisierung in realen Arbeitskontexten stattfindet – etwa bei der Zusammenarbeit verschiedener Berufsgruppen oder bei der Aushandlung von Handlungsspielräumen in prekären Situationen.
Teil III – Theoretische Synthese schließlich fasst Angela Wernberger und Matthias Grundmann die Erkenntnisse zusammen und konzeptualisieren Professionalisierung als „sozialisatorischen Prozess“. Sie zeigen, dass Professionalisierung nicht linear verläuft, sondern sich auf mehreren Ebenen gleichzeitig vollzieht – in der unmittelbaren Interaktion von Sozialarbeiter:innen und Klient:innen (Mikroebene), in Organisationen und Teams (Mesoebene) sowie in institutionellen Normen und gesellschaftlichen Erwartungen (Makroebene).
Aufgrund der Fülle und Tiefe der einzelnen Beiträge, konzentriert sich diese Rezension auf folgende zwei Kapitel:
- „Reflexionspotenziale von Studienanfänger*innen der Sozialen Arbeit als Startpunkt von Professionalisierungsprozessen im Studium“ (S. 47–63)
- „Professionalisierung als sozialisatorischer Prozess“ (S. 173–190)
Die ausgewählten Kapitel adressieren insbesondere den Studienbeginn sowie ein theoretisch-konzeptionelles Verständnis von Professionalisierung als sozialisatorischem Prozess.
Reflexionspotenziale von Studienanfänger:innen der Sozialen Arbeit als Startpunkt von Professionalisierungsprozessen im Studium
Jan-Hendrik Hinzke untersucht, über welche Erfahrungs- und Wissensbestände Studienanfänger*innen verfügten und wie daran Professionalisierungsprozesse ansetzen könnten. Ausgangspunkt sei die Analyse videografierter Beratungssituationen, die in Gruppendiskussionen mithilfe der Dokumentarischen Methode ausgewertet worden seien. Die Forschung offenbart: „Reflexion bei den Studierendengruppen zeigt sich auf unterschiedliche Weise“ (S. 49). Dabei führt er eine entscheidende Unterscheidung ein: zwischen Reflexion und Reflexivität. Während Reflexivität „eine Reproduktion des zu einem jeweiligen Zeitpunkt vorliegenden Orientierungsrahmens“ darstellt, eröffnet Reflexion „die Option“, „die Beschäftigung mit beruflichem Handeln auch anders zu rahmen“ (S. 61). Hinzke zeigt, dass Reflexion sowohl individuell – durch Rückgriff auf eigene Interaktionserfahrungen – als auch kollektiv – durch Bezugnahme auf die gemeinsame Sprechpraxis der Gruppe – auftreten könne (S. 61). Allerdings läge dabei eine „konstituierende Rahmung“ noch nicht vor, da Studierende „in der Regel noch über keine routinierte eigene Interaktionspraxis mit einer Klientel in einer ‚people processing organization' verfügen“ (S. 62). Dies sei nicht nebensächlich, denn diese Reflexionspotenziale fungiere als „Grundlage für den künftigen Aufbau einer professionellen Praxis“ (S. 62).
Die Ergebnisse ließen erkennen, dass Studierende über heterogene Vergleichshorizonte verfügten, was für die didaktische Gestaltung professionstheoretischer Lernprozesse bedeutsam sei. Er fasst somit zusammen, dass Reflexion allein noch keine Profession ausmache.
Professionalisierung als sozialisatorischer Prozess
Angela Wernberger und Matthias Grundmann skizzieren Professionalisierung als ein sozialökologisch verankertes Sozialisationsgeschehen, das sich in Interaktionen zwischen Akteur*innen vollziehe. Die zentrale These lautet: „Professionalisierungsprozesse erfordern Praxiserfahrungen, durch die berufliche Vorerfahrungen und berufliches Vorwissen in Auseinandersetzung mit handlungsfeldspezifischen Anforderungen immer wieder neu aufgerufen und situativ angepasst werden müssen“ (S. 174).
Ausgangspunkt sei die Frage, wie Professionalisierung theoretisch neu verortet werden könne, wenn man professionelle Entwicklung nicht nur curricular, sondern vor allem als interaktive Bewältigung sozialer Anforderungen begreife. Bildung werde dabei zwar als reflexiver Modus verstanden, dennoch genüge ein „theoretisch gesättigtes Expert*innentum“ nicht, um professionelle Praxis angemessen zu beschreiben (S. 176). Akademische Bildung allein reiche also nicht aus. Besonders aufschlussreich ist ihre Charakterisierung von Sozialisation als „eine latente Angelegenheit“, die „subkutan“ stattfindet, „während die Menschen einfach bei der Arbeit sind, oder feiern oder streiten“ (S. 187).
Die Autor:innen plädieren daher dafür, jene basalen sozialen Prozesse in den Blick zu nehmen, in denen professionelle Praxis emergiere. Professionalisierung könne daher nur als fortwährender, situierter und in sozialen Beziehungen hervorgebrachter Prozess verstanden werden.
Diskussion
Was überrascht an diesem Sammelband? Die konsequente Würdigung der „Eigenlogik der Praxis“ (Bohnsack, S. 10). Dies ist eine willkommene Gegenperspektive zu theoriedominanten Ansätzen, die Praxiswirkliches häufig als defizitär beurteilen oder es einfach ignorieren. Stattdessen zeigen die Beiträge, dass Professionalisierung kein linearer, individueller Prozess ist, sondern sich in komplexen, mehrere Ebenen umfassenden Interaktionszusammenhängen vollzieht.
Bemerkenswert ist auch, wie der Band die Verbindung zwischen Mikro-, Meso- und Makroebenen darstellt. Professionalisierung geschieht nicht im luftleeren Raum, sondern ist eingebettet in Studienbedingungen, Organisationen und gesellschaftliche Strukturen. Der Band leistet damit einen wertvollen Beitrag zur Überwindung der oft beklagten Theorie-Praxis-Lücke – nicht durch leere Versprechen, sondern durch empirische Analyse und theoretische Substanz.
Beide vorgestellte Kapitel liefern zudem wertvolle Einsichten in die frühen und grundlegenden Dynamiken professioneller Entwicklung. Hinzkes empirische Rekonstruktionen geben einen differenzierten Blick darauf frei, wie Studierende an Beratungsbeobachtungen herangehen und welche impliziten Wissensformen dabei wirksam werden. Besonders überzeugend ist die systematische Trennung von Reflexion und Reflexivität, die für didaktische und forschungsbezogene Überlegungen hohe Relevanz besitzen kann.
Der Beitrag von Wernberger und Grundmann erweitert diese Perspektive um eine theoretische Einbettung, die Professionalisierung als sozialökologischen und rekursiven Prozess verstehe. Die praxeologische Ausrichtung ermöglicht eine dichte Beschreibung der situativen Bedingungen professionellen Handelns, könne jedoch Leser:innen mit geringerer theoretischer Vorbildung durchaus fordern.
Der Band wendet sich vor allem an Studierende und Lehrende der Sozialen Arbeit und der Soziologie – also an jene, die entweder die Profession gestalten oder ausbilden. Für andere Herangehensweisen oder Studienfächer wie Sozialrecht oder Sozialwirtschaft ergibt sich ein anderer, aber verständlicher Zugang. Besonders wichtig aber: Der Band richtet sich auch an praktizierende Sozialarbeiter:innen, die verstehen möchten, wie ihre eigene berufliche Entwicklung funktioniert.
Bei diesem Sammelband sollten nicht nur einzelne Kapitel isoliert gelesen werden, sondern die theoretischen Kontextualisierungen und empirischen Vorarbeiten der vorherigen und nachfolgenden Kapitel berücksichtigt werden. Nur so lassen sich die wesentlichen Verbindungen zwischen individueller Professionalisierung, institutionellen Bedingungen und gesellschaftlichen Anforderungen nachvollziehen.
Was soll ein solcher Sammelband leisten? Er soll vor allem Professionalisierungsprozesse in der Sozialen Arbeit nachvollziehbar machen, Fragen aufwerfen und die theoretischen Voraussetzungen offenlegen. Der vorliegende Band leistet dies durch eine beeindruckende Kombination von empirischer Strenge und praktischer Relevanz.
Fazit
Dieser Sammelband ist für Lehrende, Studierende und Praktiker:innen in der Sozialen Arbeit eine bedeutsame Ressource. Er ermöglicht ein empirisch fundiertes, theoretisch durchdachtes Verständnis von Professionalität als sozialisatorisches Geschehen und lässt damit Rückschlüsse auf Hochschulausbildung und Berufsalltag zu. Der Band leistet somit einen wertvollen Beitrag zur Überwindung der oft beklagten Theorie-Praxis-Lücke.
Literauturangaben
Wernberger, Angela (2020a): Praxeologische Sozialisation – Sozialisation in und durch soziale Praxis?! In: Grundmann, Matthias; Alkemeyer, Thomas; Höppner, Grit (Hrsg.): Dazwischen! Sozialisation zwischen Individuum und Gesellschaft. Weinheim u. Basel: Beltz Juventa, S. 209–228.
Wernberger, Angela (2020b): Einelternfamilien als familiale Lebensform im ländlichen Raum. In: Schondelmayer, Anne; Riegel, Christine; Fitz-Klausner, Sebastian (Hrsg.): Familie und Normalität. Opladen, Berlin, Toronto: Verlag Barbara Budrich, S. 171–187.
Rezension von
Farina Eggert
Sozialarbeiterin/Sozialpädagogin (B.A; M.A), Systemische Beraterin (DGSF)
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