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Richard Rorty, Eduardo Mendieta (Hrsg.): Pragmatismus als Antiautoritarismus

Rezensiert von Dipl.-Päd. Dr. Jos Schnurer, 20.04.2023

Cover Richard Rorty, Eduardo Mendieta (Hrsg.): Pragmatismus als Antiautoritarismus ISBN 978-3-518-58794-2

Richard Rorty, Eduardo Mendieta (Hrsg.): Pragmatismus als Antiautoritarismus. Suhrkamp Verlag (Berlin) 2023. 454 Seiten. ISBN 978-3-518-58794-2. D: 34,00 EUR, A: 35,00 EUR, CH: 45,90 sFr.

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Thema

Ist die Welt, in der wir leben, eine objektive oder eine konstruierte Wirklichkeit?

Der US-amerikanische Philosoph Richard McKay Rorty (1931 – 2007) hat die globale philosophische Lebenslehre beeinflusst, indem er der politischen, praktischen Philosophie solidarisches Denken und Handeln zuwies (Edifying Philosophy). Mit dem „Linguistic Turn“ erreichten er und seine Apologeten eine philosophische Umorientierung, weg von der Analytischen, hin zur Kontingenten Philosophie, was bedeutet, dass menschliches Dasein grundsätzlich und grundlos sein kann und damit ängstliche wie freiheitliche Gefühle vermitteln könne. Seine theoretischen und praktischen Arbeiten wurden und werden bis heute im philosophischen Diskurs kontrovers thematisiert. Der Philosoph Robert Boyce Brandom weist im Vorwort der deutschen Erstauflage von ausgewählten Schriften Rortys darauf hin, dass die Sammlung „Pragmatismus als Antiautoritarismus“ eine „Vollendung der Aufklärung“ bedeute: „Gottesfurcht und Loyalität zur göttlichen Autorität … (werden) durch menschliche Freiheit, Selbstverantwortung und Solidarität und im Bereich der Politik durch soziale Bindung und Beteiligung an liberalen politischen Praktiken und Institutionen ersetzt“. Diese Gottes-Adressierung ist als Antiautoritarismus menschlich-bedürftig – Heute, in den Zeiten von Weltunordnung (Carlo Masala, 2022), von Ego- und Ethnozentrismus, Rassismus und Populismus nötiger denn je!

Entstehungshintergrund

Richard Rorty hat sich vorgestellt, „wie die Philosophie aussähe, wenn unsere Kultur durch und durch säkularisiert würde, also wenn die Vorstellung von Gehorsam gegenüber einer außermenschlichen Autorität vollständig verschwände“. Dazu ist die pragmatische, kritische Auseinandersetzung notwendig, die menschlichen Verhältnissen von autoritärem Verhalten und Autorität zu klären: Anstatt Andere für mich denken zu lassen, bin ich aufgefordert, selbst zu denken! Es ist die Conditio Humana, die er in den zehn abgedruckten Vorlesungen zum Ausdruck bringt. Es sind die humanen Angelpunkte – „Erhabenheit“ als unaussprechliches, unbeschreibbares Gefühl, und „Schönheit“ als Erfahrbar- und Erlebbarkeit – die in den Vorträgen artikuliert werden.

Aufbau und Inhalt

Neben dem ausführlichen, 35-seitigen Vorwort des Rorty-Schülers Robert B. Brandom (* 1950) und der Rortyschen Einleitung werden die zehn Vorlesungen abgedruckt: „Pragmatismus und Religion“ – „Pragmatismus als romantischer Polytheismus“ – „Universalität und Wahrheit“ (3 + 4) – „Panrelativismus“ – „Gegen Tiefe“ – „Ethik ohne allgemeine Pflichten“ – „Gerechtigkeit als globale Loyalität“ – „Gibt es erhaltenswerte Aspekte des Empirismus?“ – „John McDowells Lesart des Empirismus Oder: Über die Verantwortlichkeit des Menschen gegenüber der Welt“. Im Epilog erläutert der Philosoph Eduardo Mendieta von der Pennsylvanien University, warum die Herausgabe der Rorty-Vorlesungen Hier und Heute so notwendig und zielführend ist, „dass wir die Wahrheit als Rechtfertigung im Rahmen einer Diskurs- und Praxisgemeinschaft begreifen und die Ethik als Loyalität und einfühlsames Verständnis für das Leiden der anderen“ werten und praktizieren.

Die Vorlesungsreihe wirkt als Rundum-Diskurs zu den An- und Herausforderungen der Conditio Humana. Es sind religiöse Fragen, wie „Sünde und Wahrheit“, die von den Begründern des Pragmatismus – John Dewey, Charles Sanders Peirce und William James – als Urgründe des menschlichen Verhaltens benannt und kritisiert wurden, und von Rorty uminterpretiert werden. Es ist der Blick zurück zu Nietzsche, der als Pragmatiker die Überzeugung vertrat, die Menschen nicht als Alleinstellungsmerkmal, sondern wie „kluge Tiere“ zu begreifen und damit dem „romantischen Polytheismus“ das Wort redete, der wiederum im Sinne der Rortyschen Interpretation, eine Brücke zwischen Glauben und Unglauben bilden kann. „Ist die Wahrheit die Erfindung eines Lügners“ (Heinz von Foerster/Bernhard Pörksen, Gespräche für Skeptiker, 1998/2011, https://www.socialnet.de/rezensionen/13980.php), oder eine universale, demokratische Wirklichkeit? Wie gehen wir um mit der Behauptung: „Es gibt kein richtiges Leben im falschen!“ (Adorno). Wie sieht panrelationalistisches Denken aus? Ist es eine Brücke oder eine Schlucht, die Unterscheidungen zwischen Subjekt und Objekt zu negieren? Ist Commonsence Fakt oder Fake? Vielleicht eine Erkenntnis, dass Selbsterkenntnis Selbstveränderung ermöglicht! Und es sind die quälenden wie quantitativen Fragen: „Wie halten wir es mit der Moral?“ – Muss und Maß! Und der humane Anspruch, dass „Gerechtigkeit globale Loyalität“ sein soll (Michael Walzer vs. John Rawls). Es ist das Wissenskonzept des „Empirismus“, das – ganz pragmatisch und kontingent – „dass man sich für das, was andere Personen glauben, nicht deshalb interessiert, weil man ihre Überzeugungen an dem messen will, was sie zu repräsentieren beanspruchen, sondern weil wir mit dem Verhalten dieser Personen zurechtkommen wollen“ – eine wahrhafte, kommunikative Möglichkeit.

Diskussion

Die verschriftlichten Vorlesungstexte charakterisieren sich in ausführlichen, ergänzenden und weiter verweisenden, jeweils sich auf die einzelnen Themen sich beziehenden Anmerkungen, die die Lektüre der Sammlung als wissenschaftliche Forschungsarbeit ausweisen (38 Seiten). Mit dem Namensregister bietet Rorty die Vorlesungstexte auch als Handbuch und Fundgrube für philosophische, soziologische, politische und anthropologische Weiterarbeit an. Die deutsche Erstausgabe der Texte kommt zur richtigen Zeit, in der es darauf ankommt, den ego-, ethnozentristischen, rassistischen, antidemokratischen und populistischen Tendenzen pragmatische, antiautoritaristische, freiheitliche Positionen entgegenzusetzen! Sind es Illusionen oder Visionen, die dem Pragmatiker hoffen lassen, dass der Mensch wenn er in den Spiegel schaut, weder ein Gottesbild noch eine Teufelsfratze sieht, sondern ein „gütiger Mensch“ ihn anblickt, inmitten einer „den gesamten Planeten umfassende(n) Gemeinschaft“.

Fazit

Die verschiedenen, pragmatischen Zu- und Abgänge, Versuche und Irrtümer, die Rorty in den zehn Vorlesungen zum Ausdruck bringt, münden in der einfachen wie gleichzeitig komplexen Frage: Wie halten wir es mit der Wahrheit und mit der wahren Erkenntnis? In seinen philosophischen Diskurs benennt er dabei eine Reihe von (pragmatischen) Zeugen und Richtungsweiser, wie z.B. in der zehnten Vorlesung den südafrikanischen, an der US-amerikanischen University of Pittsbourgh lehrenden Philosophen John McDowell (Mind and World, 1994). Er setzt sich kritisch, bei Fragen zum „unverblümten Naturalismus“ konträr, bei denen nach „vernünftiger Freiheit“ zustimmend mit dessen Empirismus auseinander.

Rezension von
Dipl.-Päd. Dr. Jos Schnurer
Ehemaliger Lehrbeauftragter an der Universität Hildesheim
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Zitiervorschlag
Jos Schnurer. Rezension vom 20.04.2023 zu: Richard Rorty, Eduardo Mendieta (Hrsg.): Pragmatismus als Antiautoritarismus. Suhrkamp Verlag (Berlin) 2023. ISBN 978-3-518-58794-2. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/30605.php, Datum des Zugriffs 14.06.2024.


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