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Gerd Koenen: Im Widerschein des Krieges

Rezensiert von Prof. Dr. Dr. Hans-Peter Heekerens, 04.05.2023

Cover Gerd Koenen: Im Widerschein des Krieges ISBN 978-3-406-80073-3

Gerd Koenen: Im Widerschein des Krieges. Nachdenken über Russland. Verlag C.H. Beck (München) 2023. 317 Seiten. ISBN 978-3-406-80073-3. 16,95 EUR.

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Thema

Das Anliegen des Buches hat der Autor selbst so formuliert: „Dieses Buch […] versucht […], in Form einer historisch informierten, über mehr als drei Jahrzehnte bis zum Umbruch 1989 zurückgreifenden Langzeitbeobachtung den tieferen Motiven und Gründen sowie den mentalen und materiellen Bedingungen dieses von Putin als Letztentscheider unprovoziert und uninformiert vom Zaun gebrochenen, an Wahnwitz grenzenden Krieges nachzuspüren.“ (S. 8)

Autor

Damit setzt Gerd Koenen seine polithistorische Analyse fort, die im Jahre 2005 vom Beck-Verlag 2005 unter dem Titel „Der Russland-Komplex“ publiziert worden war, und auf seiner 2003 verfertigten Dissertation „Rom oder Moskau – Deutschland, der Westen und die Revolutionierung Russlands 1914–1924“ beruht. Für „Der Russland-Komplex“ erhielt der Autor 2007 den renommierten Leipziger Buchpreis zur Europäischen Verständigung. Im Jahr 2023 erschien im Beck-Verlag – zeitgleich mit dem vorliegenden Werk – eine Neuauflage des Buches, nunmehr versehen mit dem Kapitel „Wieder Krieg – Eine Nachbetrachtung 2022“. Gerd Koenen darf als einer der wichtigsten Russland-Kenner deutscher Sprache gelten.

Und als einer der besten Kenner der kommunistischen Bewegung obendrein. Gerd Koenen, Jg. 1944, 68er, studierter Geschichts- und Politikwissenschaftler, hat 2017 bei Beck das Buch „Die Farbe Rot. Ursprünge und Geschichte des Kommunismus“ publiziert. In meiner socialnet-Rezension habe ich damals geurteilt: „Gerd Koenens hier vorliegendes Werk ist das ultimative Buch zum Kommunismus und dessen Geschichte.“ Dabei bleibt es. Erstmals wahrgenommen habe ich den Autor Gerd Koenen mit Lektüre seines Buches „Das rote Jahrzehnt. Unsere kleine deutsche Kulturrevolution 1967–1977“ (Köln. Kiepenheuer & Witsch, 2001). Er sprach mir aus dem Herzen, auch wenn wir in jenem „Roten Jahrzehnt“ verfeindeten linken Gruppierungen angehörten.

Aufbau und Inhalt

Den Kern des Buches machen fünf Kapitel aus, die gerahmt werden von einem Vorwort und einem Epilog. Das Vorwort: Engel der Geschichte vom Oktober 2022 kann und darf man als hinführende Einleitung lesen. Der Epilog trägt den Zusatz „Abschied von Moskau“ und ist ein anrührendes Dokument kluger Trauer.

Den Buchkern machen fünf Kapitel aus, in denen 17 Einzelbeiträge aus verschiedenen Entstehungsjahren, jeweils versehen mit Fußnoten, die auch Quellenangaben beinhalten, zu finden sind. Damit ist schon vorab klar: Hier liegt keine systematisierte und „abgerundete“ Gesamtdarstellung vor. Stattdessen wird hier ein Tableau (im Sinne der Literaturwissenschaft) geboten: breit ausgeführte, personenreiche Schilderungen, die meist skizzenhaft („unfertig“) wirken und oft mit breitem Pinsel, wie wir es vom Expressionismus kennen, ausgeführt sind.

Auf der Klippe – Der Abgrund, in den wir schauen enthält zwei Beiträge:

  • Der menschliche Faktor und die brüchige Allianz der Autokraten (über Putin und Xi, aber auch Selensky und Jurij Dmitriev; undder im Buch entfalteten und fundierten These: „Diese Selbsteinschließung der Ideologien und Strategien des Putinismus in eine regelrechte Wahnwelt existiert aber nicht erst seit dem 24. Februar [2023], sondern hat sich […] mindestens einem, wenn nicht zwei Jahrzehnten aufgebaut […]).“, S. 22
  • Anmerkungen zu Putin – Nachrichten aus der Paläo-Moderne (von 2022, bereits nach Beginn des Ukraine-Kriegs mit der nachdenklich stimmenden Notiz: „Russland könnte ein anderes Kanada sein. Aber genau damit soll es – oder will es? – sich nicht begnügen.“, S. 49)

Abschied von Gestern – Historische Momentaufnahmen vereinigt drei früher an wenig bekannten Orten publizierte Aufsätze, die eines gemeinsam haben: Sie wollen uns das Russland der Umbruchzeit nach 1989 vor Augen führen. Im einzelnen zu nennen sind:

  • Arsenijs Lied. Russland im Zirkel der Geschichte (2017)
  • Der Schlaf des Rotarmisten. Erinnerungen an Lew Kopelew. Geschrieben aus Anlass seines Todes im Juni 1997 (1997)
  • Jenseits von Moskau – Erkundungen in der russischen Provinz, Sommer 2001 (2002)

Blinde Flecken – Die Deutschen und die „Lehren aus der Geschichte“ versammelt vier Beiträge, zwei nach, zwei vor Beginn des Ukrainekriegs geschrieben und veröffentlicht wurden:

  • „Gerade wir als Deutsche …“ – Das Ende unserer postnationalen Größenphantasien (2022)
  • Russland gründlich entzaubert – Vom Ende eines deutschen Komplexes (2022)
  • Der Abgrund, der in uns hineinschaut – Laudatio auf Timothy Snyder und sein Buch „Bloodlands“ (von 2013)
  • „Deutschlands bester Freund“ – Stalin und die deutschen Intellektuellen (nach Material und früheren Publikationen von 1991/2015/2018)

In all diesen Beiträgen geht es bei unterschiedlicher Thematik und verschiedenen Zeitabschnitten um die politische Beziehung zwischen Russland und Deutschland seit mehr als einem Jahrhundert – näherhin seit 1917/18.

In Furien des Verschwindens – Russland im Zirkel der Geschichte gilt der Blick dann Russland selbst – mit fünf Beiträgen aus unterschiedlichen Jahren zwischen 2007 und 2023:

  • Die andere Seite des Schweigens – Lager, Hunger und Terror im Blick des Westens (2014)
  • Geheimnis und Gewalt – Die tiefe Wirkung und das lange Erbe des Stalinismus (2008)
  • Aus dem Dunkel des russischen Familienromans – Zu Masha Gessens Buch „Die Zukunft ist Geschichte“ (2019)
  • Der Fall der Sowjetunion – Im Felde unbesiegt, im Innern erschüttert: Ein anderer Blick (aktueller Beitrag)
  • Die Widerständigen – Schreiben, Leben und Sterben in Putins Russland (2007)

„Alles, was gesagt wird, wird von einem Beobachter gesagt“ hat Humberto Maturana als Mantra all jenen hinterlassen, die vom Konstruktivismus auch nur „irgendwie“ angetan sind – und sei es in der milden Form des Zweifels an einem in Sachen Polithistorie „objektiven“ Blick. Gerd Koenen reflektiert in seinen oben dokumentierten Blick auf Russland stets – ex- oder implizit – mit, dass der Beobachter ein Deutscher ist – und zwar einer mit „68er“-Vergangenheit. Das macht die fünf Beiträge so wertvoll.

Das Schlusskapitel Der Weg in die Katastrophe – Russland in der „Epoche14+“ enthält drei Beiträge, die alle aktuell für das vorliegende Buch verfasst wurden:

  • Der Narzissmus der Unverstandenen – Phantasmen einer eurasischen Weltzivilisation
  • Ausbruch aus der Weltordnung – Das Alphatier in der Weltarena, ratlos
  • Für eure und für unsere Freiheit – Russland, die Verteidigung der Ukraine und wir

Was die drei Beiträge eint: Sie nehmen einen bestimmten Abschnitt der russischen Geschichte in den Blick. „Epoche14+“ meint die Zeit, die im Frühjahr 2014 mit der Okkupation und Annexion der Krim durch Russland sowie die durch Russland initiierte In-Krieg-Setzung des Donbass begann. Das war die Antwort Russlands auf die Euromaidan-Ereignisse, die zu dem Fall der pro-russischen Regierung der Ukraine geführt hatten. Was Putin – zu Recht! – als Bedrohung für sich und sein System ansah. Das ist ebenso verständlich wie seine (Schutz-)Behauptung, hier habe ein Putsch „des Westens“ (wahlweise oder kombiniert: EU/NATO/USA) mit Absicht der Bedrohung Russlands vorgelegen, Wer das nach Lektüre der obigen drei Beiträge noch immer glaubt, der/dem ist mit Mitteln der Aufklärung nicht (mehr) zu helfen.

Diskussion

Mit der letzten Bemerkung sind wir faktisch schon beim Diskussionsteil. Als dessen „offizielle“ Eröffnung möchte ich nennen: Über dieses Buch und meine Erfahrungen mit mir bei dessen Lektüre, könnte ich Vieles schreiben. Ich konzentriere mich auf vier Punkte.

Der erste ist: Seit Ende des „Roten Jahrzehnts“ (1967 – 1977) hatte ich für mehr als vier Jahrzehnte keine Empfindung mehr, für die sich der Begriff „Politikverdrossenheit“ eingebürgert hat. Das hat sich auch in den „Corona-Jahren“ nicht geändert. Wohl aber mit Beginn des Putin-Kriegs gegen die Ukraine, als schlagartig klar wurde, dass die allermeisten deutschen Politiker(innen), von links bis rechts, alles dafür getan haben, die Bürger(innen) dieses Landes in Sachen „Russland“ hinters Licht zu führen, und der staatstragende Journalismus dieses Landes zu dieser Verblödung wesentlich beigetragen hat. Diese Verdrossenheit mit der bundesrepublikanischen Polit-Kaste ist durch Lektüre des vorliegenden Buches um Einiges verstärkt worden – wie meine Entscheidung, die Neue Zürcher Zeitung zu meiner Haus- und Hofpostille zu machen.

Das zweite betrifft mein Russland-Bild, aus dem verklärende Romantizismen und betörende Nostalgien zunehmend schneller verschwunden sind. Nicht erst seit Lektüre des vorliegenden Buches, aber auch dadurch. Man kann Gerd Koenen nur zustimmen: „Von all dem, und überhaupt allem, was man an diesem Russland liebenswürdig, anziehend, interessant finden konnte, ist spätestens mit Putins Beschluss zum Krieg und zum Abbruch aller Beziehungen kaum noch etwas geblieben.“ (S. 126)

Zum Dritten hat mir die Lektüre des Buches klar gemacht, wie sehr ich die Augen verschlossen hatte vor dem neuerlichen Imperialismus Russlands. Man nehme etwa folgenden Satz: „In diesem Krieg haben sich beträchtliche Teile des riesigen Militärapparats Russlands mit all seinen wuchernden, jeder Kontrolle entzogenen Spezial- und Sondertruppen in eine Horde von Marodeuren und Narkomanen, von Todesschwadronen und Schutzgelderpressern verwandelt.“ (S. 224) Nein, der Autor hat hier nicht den Ukraine-Krieg vor Augen, sondern den Zweiten Tschetschenienkrieg ab 1999. Veröffentlicht hat er diese Worte erstmals im März 2007 in der heute nicht mehr existierenden Zeitschrift „Literaturen“, die ich ebenso wenig zur Kenntnis genommen habe wie die meisten Leser(innen) dieser Rezension.

In diesem Artikel brachte Gerd Koenen auszugsweise ein 2004 geführtes Interview mit einem russischen Politiker zur Kenntnis, aus dem auszugsweise referiert sei (alle Zitate nach Angaben auf S. 231): Russland befinde sich faktisch im Kriegszustand, weil es Leute „in Amerika, in Europa, im Osten“ gebe, deren Ziel es sei „Russland zu zerstören“, wofür als Hauptmittel „die Explosion unserer südlichen Hauptgebiete“ diene. Der Feind sei einer, „dem man mit sogenannten ‚zivilisierten‘ Methoden nicht beikommt“. Das ist die denkerische Blaupause für Russlands Kriege gegen Tschetschenien (1996 – 2009), Georgien (2008) und die Ukraine (seit 2014, kurz nach Ende der „völkerverständigenden“ Olympischen Winterspiele im russischen Sotschi, nahe des von Russland 2008 annektierten georgischen Abchasiens). Besagter russischer Politiker ist der langjährigen Putin-Flüsterer Wladislaw Surkow.

Ein viertes Lektüre-Resultat: Ich werde allen „Putin-/​Russland-Versteher(inne)n“ und „Kapitulations-Pazifisten“ im privaten und öffentlichen Diskurs mit weitaus mehr Klarheit entgegen treten als bislang. In der ZEIT-Ausgabe der Karwoche 2023 (15/23 vom 5. April 2023) findet sich auf den Seiten 64–65 ein Interview mit den Zwillingen Hans und Oskar Lafontaine. Gelesen habe ich die Seiten am Ostersonntag mit Nachrichten im Hinterkopf, auf/bei den Ostermärschen sei es zu tiefgreifenden Dissonanzen in der „Ukraine-Frage“ gekommen. Bei dieser geht es den Bundesdeutschen vornehmlich um zwei Aspekte: Wer ist für den Krieg verantwortlich. Und: Dürfen wir der Ukraine Waffen liefern.

Oskar Lafonaine hat da seine klare Meinung: „So wie wir im Zweiten Weltkrieg in der Sowjetunion gewütet haben, 25 Millionen Tote, ist es für mich moralisch inakzeptabel, Kriegsgerät in diese Region zu entsenden.“ (S. 63) Ins Reine übersetzt: Weil die Wehrmacht in den frühen 1940ern die Ukraine mit Waffengewalt überfallen hat, dürfen wir Bundesrepublikaner(innen) heute der Ukraine nicht helfen, sich gegen die diesmal aus dem Osten kommenden Aggressoren wirksam zur Wehr zu setzten. Solche Logik verstehe, wer will. Und möge es mit seinem moralischen Gerüst vereinbaren, einem Land wirksame Hilfe zu verweigern gegen eine unter der Fahne Russlands daher kommende Heerschar, die auch aus Truppen besteht, die den Vergleich mit den Einsatzgruppen der deutschen Waffen-SS nicht zu scheuen brauchen. Und die Deutsche mit Bildungsanspruch erinnern sollte an die Soldadeska des 30jährigen Krieges, in dem Folter, Vergewaltigung und Verschleppung „unvermeidbare Begleiterscheinungen“ waren.

Fazit

Jede(r) hat „im Westen“ – gesichert durch Uncle Sam – nicht nur das juristische, sondern auch das moralische Recht, das eigene Vorurteil – auch und gerade in Sachen „Ukraine-Krieg“ – für die Wahrheit, die ganze Wahrheit und nichts als die Wahrheit zu halten. Das hierzulande auch und gerade in sich fortschrittlich dünkenden Kreisen propagierte „Recht auf persönliche Psychohygiene“ beinhaltet selbstverständlich auch, sich von „unliebsamen“ – sprich: die Seelenruhe störenden – Informationen fernzuhalten. Empfehlen kann man die Lektüre dieses Buches daher nur solchen Menschen, die sich in Sachen „Russland“ im Allgemeinen und „Ukraine-Krieg“ im Speziellen „hilfreich verstören“ lassen können und wollen. Denen aber sei es ans Herz gelegt.

Rezension von
Prof. Dr. Dr. Hans-Peter Heekerens
Hochschullehrer i.R. für Sozialarbeit/Sozialpädagogik und Pädagogik an der Hochschule München
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Zitiervorschlag
Hans-Peter Heekerens. Rezension vom 04.05.2023 zu: Gerd Koenen: Im Widerschein des Krieges. Nachdenken über Russland. Verlag C.H. Beck (München) 2023. ISBN 978-3-406-80073-3. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/30616.php, Datum des Zugriffs 17.07.2024.


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