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Martin Lemme, Bruno Körner: Die Kraft der Präsenz

Rezensiert von Dipl. Soz.-Päd. Gerd Schweers, 07.08.2023

Cover Martin Lemme, Bruno Körner: Die Kraft der Präsenz ISBN 978-3-8497-0423-0

Martin Lemme, Bruno Körner: Die Kraft der Präsenz. Systemische Autorität in Haltung und Handlung. Carl Auer Verlag GmbH (Heidelberg) 2022. 328 Seiten. ISBN 978-3-8497-0423-0. D: 39,95 EUR, A: 41,10 EUR.
Reihe: Beratung, Coaching, Supervision.

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Thema

Die Autoren haben bereits seit ca. 20 Jahren zur Entwicklung des Begriffs „Neue Autorität“ durch Ihre Arbeit und diverse Veröffentlichungen beigetragen. In dieser Veröffentlichung wird der Begriff zur „Systemischen Autorität“ weiterentwickelt, der Begriff „Präsenz“ in seiner zentralen Bedeutung für dieses Konzept entwickelt. Nach der Diskussion von „Sprache“ in diesem Konzept folgt ein Leitfaden zum Coaching, was hier nicht nur als Sonderform der berufsbezogenen Beratung, sondern vor allem als Beratungsform für Eltern und erzieherisch Tätige vorgestellt wird. Darüber hinaus wird reflektiert, wie auch in Institutionen und Organisationen Haltungen und Handlungen im Sinne einer strukturellen Kopplung mit der Beratungstätigkeit organisiert werden können.

Autoren

Martin Lemme ist u.a. psychologischer Psychotherapeut mit eigener Zulassung, Systemischer Therapeut und Supervisor. Neben weiteren auch für die Veröffentlichung relevanten Qualifikationen verfügt er über mehrjährige Erfahrungen in ambulanter, teilstationärer und stationärer Jugendhilfe.

Bruno Körner ist u.a. systemischer Familientherapeut, Ausbilder DGSF, Coach. Neben weiteren auch für die Veröffentlichung relevanten Qualifikationen verfügt er über mehrjährige Praxiserfahrung in der ambulanten und stationären Jugendhilfe.

Entstehungshintergrund

Wie bereits beschrieben, versteht sich das Buch einerseits als Weiterentwicklung des Begriffs der „Neuen Autorität“ zur „Systemischen Autorität“. Andererseits ist es eine Darstellung möglicher Vorgehensweisen, die praxisorientiert und mit ausführlicher Darstellung möglicher Konsequenzen in verschiedenen Arbeitsfeldern vorgestellt wird.

Aufbau und Inhalt

Das Buch beginnt mit einem Vorwort von Arist von Schlippe und einem Vorwort der Autoren, in dem auf Aspekte der inhaltlichen Entwicklung des zentralen Begriffs „Autorität“ in durchaus lesenswerter Weise eingegangen wird.

Im ersten Kapitel wird die Namensentwicklung genauer dargestellt. Vor allem die Rolle von Heim Omer und Arist von Schlippe wird gewürdigt, auch die besondere Bedeutung systemischer Beratungsansätze beschrieben. Es wird nicht verschwiegen, dass die Begriffswahl auf z.T. heftige Ablehnung stieß, die zu relativ präzise skizzierten Diskussionen in verschiedenen fachlichen Rahmungen führte. Darauf folgt eine Darstellung der neurobiologischen Grundlagen, u.a. mit auch für mich noch überraschenden Aussagen zur Verbindung von physiologischen Grundkategorien wie „Hören“ und „Sehen“ mit Stresserfahrung. Ein Unterpunkt würdigt den gewaltlosen Widerstand Mahatma Gandhis, der für die philosophische Grundlage des Konzepts bedeutsam ist. Das Kapitel schließt mit einer Darstellung von Berührungspunkten mit der Systemtheorie und dem Humanismus, bzw. wichtigen Grundannahmen der humanistischen Psychologie.

Das zweite Kapitel stellt ein Prozessdynamisches Modell der Präsenz (PDM) vor. Besondere Aufmerksamkeit wird dabei den verschiedenen Formen der Präsenz als Grundlage für Autorität gewidmet. Danach wird das „Transformative Feld der Entwicklung“ vorgestellt und die für alle Entwicklungen relevanten Kernbedürfnisse sowie Handlungs- und Haltungsaspekte, die -gut begründet- eng miteinander verbunden werden. Das Kapitel schließt mit den möglichen Interventionen zur Realisierung wachsamer Sorge und Überlegungen zur Schaffung eines sicheren Ortes.

Im dritten Kapitel geht es um die Bedeutung der Sprache im Konzept Systemische Autorität. Sprache in ihrer ganzen Komplexität wird als „Medium der eigenen Haltung“ (S. 102) begriffen. Einerseits Medium der Kommunikation, kann sie andererseits auch Ausdruck von Macht und Adultismus, also einer unangemessenen Erwachsenenposition sein. Hier werden konkret Verhaltensalternativen benannt und schließlich Sprache als Formulierung von Hoffnung und Perspektive benannt. Die praxisorientierte Benennung von Verhaltensalternativen schließt auch die Nutzung nicht allgemein akzeptierter Interventionen – z.B.PEP – ein, um von der Problemhypnose in die Lösungshypnose zu gelangen.

Im vierten, längsten Kapitel geht es um einen Leitfaden zum Coaching, der unter Stichworten wie Schutz und Sicherheit, Eskalation, Problemdefinition, menschliche Bedürfnisse, Wirkungsanalyse von Störungen und Intervention handlungsrelevante Aspekte im Coaching vorstellt und in eine Vielzahl von möglichen Interventionen und Instrumenten der Selbstanalyse einführt.

Das fünfte Kapitel befasst sich mit Überlegungen, wie die beschriebenen Haltungsmerkmale in Organisationen und Institutionen, in denen die handelnden Personen arbeiten, ebenfalls handlungsleitend genutzt werden können. Die zentralen Begriffe wie Wachsame Sorge, Präsenz, Haltung und Handlung werden konsequent auf die organisationale Ebene bezogen, die enge Verbindung von pädagogisch-therapeutischem Handeln und Organisationsentwicklung wird deutlich.

Nach der Literaturliste zum Abschluss wird auf käuflich erhältliche Hilfsmaterialien und Downloadmöglichkeiten des Verlages verwiesen, der für die Nutzer des Buches nützliche Materialien zur Verfügung stellt.

Diskussion

Das auf praktische Nutzung orientierte Buch bezieht sich auf unterschiedlichste Ansätze, unter anderem (hypno-) systemische, humanistische, neurobiologische Theorien und Forschungsergebnisse. Der selbstbewusst hergestellte Bezug zu und die Nutzung von Interventionsstrategien wie u.A. PEP (Prozess- und Embodimentfokussierte Psychologie), wird Nutzern, die sich an empirisch fundierten Evidenzüberlegungen orientieren, kaum gefallen. Wissenschaftliche Forschung zu zentralen Begriffen wie der Präsenz wäre natürlich wünschenswert, liegt aber wahrscheinlich nicht im Möglichkeitsbereich der Autoren. Die Weiterentwicklung der „Neuen Autorität“ zum Begriff der „Systemischen Autorität“ wird hier mit der engen Verbindung zu systemischen Ansätzen begründet (S. 20). Darüber hinaus wird auf unterschiedlichste Quellen Bezug genommen wie die Gewaltlosigkeit Gandhis oder die Autoritätsdefinition von Hannah Arendt. Natürlich beinhaltet ein derartiges Vorgehen immer ein Risiko unverbindlicher Weitläufigkeit, gleichzeitig beinhaltet es aber auch Informationen über den Hintergrund der Autoren, die das tiefere Verständnis des Textes erleichtern. In der Adaption dieser weitläufigen Quellen gelingt es den Autoren, eine eigensinnige Sprache und Terminologie zu entwickeln, zum Teil mit unverwechselbaren Begriffen (PDM), zum Teil mit eigenständigen Definitionen bekannter Begriffe (Präsenz). Die erarbeitete Präzisierung und Konkretisierung erzeugt aber auch Probleme. Der vorläufige Charakter wird z.B. deutlich, wenn auf Seite 83 vier Fokusbildungen angekündigt, aber fünf benannt werden – ein schönes Beispiel für „Work in Progress“. Die Praxisbeispiele belegen die umfangreiche Erfahrungsbasis der Autoren, die aus unterschiedlichen Aufgabenbereichen und Kontexten plastische Beispiele zitieren. Das Risiko dieser Darstellung ist die unreflektierte Wiederholung in anderen Situationen, aber auch die Einordnung einer bestimmten Vorgehensweise als nicht praktikabel für die jeweiligen Nutzer, weil Kontext oder Arbeitsfeld andersartig sind. Wünschenswert wäre nach der Lektüre dieses Buches also keine Tendenz zur Manualisierung, sondern die Nutzung der Beispiele als Anregung zur konstruktiven Diskussion und zur eigenen mutigen Erprobung.

Fazit

Das Buch skizziert mutig eine mögliche Weiterentwicklung des Systemischen Ansatzes in den zitierten Arbeitsgebieten. Die Darstellung zeichnet sich u.a. durch Kreativität in den Interventionen aus. Kleinere Schwächen und einige der Korrektur entgangene Fehler können diesen erfreulichen Eindruck nicht trüben. Eine gute Grundlage für professionelle Fort- und Weiterbildungen in verschiedenen Arbeitsfeldern.

Rezension von
Dipl. Soz.-Päd. Gerd Schweers
Systemischer Familientherapeut, Ausbilder der GwG (GF, SV) .
Lehrer für besondere Aufgaben (Theorien und Methoden der Sozialarbeit) i.R.
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Es gibt 19 Rezensionen von Gerd Schweers.

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Zitiervorschlag
Gerd Schweers. Rezension vom 07.08.2023 zu: Martin Lemme, Bruno Körner: Die Kraft der Präsenz. Systemische Autorität in Haltung und Handlung. Carl Auer Verlag GmbH (Heidelberg) 2022. ISBN 978-3-8497-0423-0. Reihe: Beratung, Coaching, Supervision. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/30649.php, Datum des Zugriffs 28.02.2024.


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