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Katharina Klees: Grenzpaare in der traumasensiblen Paartherapie

Rezensiert von Prof. Dr. Konrad Weller, 15.05.2024

Cover Katharina Klees: Grenzpaare in der traumasensiblen Paartherapie ISBN 978-3-7495-0434-3

Katharina Klees: Grenzpaare in der traumasensiblen Paartherapie. Krisen meistern mit dem Integritäts-Kompass Mit Online-Materialien. Junfermann Verlag GmbH (Paderborn) 2023. 350 Seiten. ISBN 978-3-7495-0434-3. D: 43,00 EUR, A: 44,20 EUR.

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Thema

Wie schon das Vorgängerbuch der Autorin zu Traumasensibler Paartherapie aus dem Jahr 2018, ist das vorliegende Buch eine komplexe theoretisch-methodische Darstellung eines Konzepts zur beraterisch-therapeutischen Arbeit mit Paaren, deren Beziehungskrise in traumatischen Kindheitserfahrungen wurzelt und mit Grenzverletzungen einhergeht.

Autorin

PD Dr. Katharina Klees bietet seit 1995 Therapie für Paare mit Traumahintergrund an und dafür qualifizierende Weiterbildungen in einer eigenen Akademie (www.aufwindinstitut.com). Sie ist zudem zertifizierte Ausbilderin der Deutschsprachigen Gesellschaft für Psychotraumatologie (DeGPT) und des Fachverbands Traumapädagogik.

Entstehungshintergrund

Wie Rudolf Sanders in einem instruktiven Vorwort unter Bezug auf aktuelle Studien zur Wirksamkeit von Paarberatung feststellt, profitiert die Mehrheit der ratsuchenden Paare (60 %), insbesondere diejenigen mit anfänglich hoher Belastung, nur wenig von den verschiedenen Beratungs- und Therapieangeboten und bricht Behandlungen oft frühzeitig ab. Solche herausfordernden Grenzpaare zu erkennen und ihnen ein adäquates Hilfsangebot zu unterbreiten ist der Anspruch des Konzepts von Katharina Klees.

Aufbau und Inhalt

Das Buch hat sechs Kapitel. Im ersten werden Grenzpaare allgemein und anhand diverser Fallbeispiele charakterisiert. „Ob man es mit einem Grenzpaar zu tun hat, zeigt sich erfahrungsgemäß bereits während der Auftragsklärung.“ (19). Klees schildert Grenzpaare als „auf verwirrende Weise anders“ (30), misstrauisch, voller Widerstand, unfähig oder uneins hinsichtlich der Formulierung von Behandlungszielen, andererseits aber auch „unkonventionell und nicht selten charismatisch“ (21). Erläutert wird die umfangreiche allgemeine Eingangsdiagnostik mit Fragebogen (Grenzpaartest bzw. Selbstkonzepttest) und per Interview, sowie die Erstellung eines Therapievertrags. Hier wie an vielen anderen Stellen des Buches werden über Links oder QR-Codes die im Internet befindlichen methodischen Materialien sowie erklärende Videos zugänglich gemacht. Die Autorin erläutert ihr Modell der Beziehungsgestaltung einer seelisch gesunden Persönlichkeit mit integrer Ethik, kongruentem Selbst, emotionaler Stabilität und klaren Lebenszielen und stellt dem die Beziehungsmerkmale traumabedingter Grenzverletzung gegenüber: „Die grenzverletzte und zu Grenzverletzung neigende Person musste häufig in der Herkunftsfamilie gegenüber den instabilen Eltern als Surrogat für fehlende Erfüllung oder unbewältigte Traumata herhalten. Infolgedessen konnte dieses Kind nur unter erschwerten Bedingungen eigene Werte für sich und die Nähe zu anderen Menschen definieren. Die paradoxen Gebote der wichtigsten Bezugspersonen ermöglichten lediglich den Aufbau eines fragilen Pseudo-Ichs, das zwischen Aufopferung und Anspruchsdenken zerrieben wird. Zwischen den beiden Optionen hin- und hergerissen, muss es Nähe und Zugehörigkeit oder Autonomie und Unabhängigkeit einbüßen. Diese Hintergründe führen zur Instabilität in vielen Lebensbereichen und wirken sich vor allem auf die Beziehungsdynamik aus.“ (59).

Das umfangreiche 2. Kapitel widmet sich der individuellen Diagnostik: „Die Erstellung der Krisen- und Emotions-Skripte mit den Beziehungssätzen verdeutlicht dem Paar die eigene Krisendynamik und ermöglicht vertiefende Einblicke in die erlebten Grenzverletzungen der Herkunftsfamilien“ (269). Anhand von Fallgeschilderungen werden vier grenzverletzende Beziehungsmuster und sogenannte Grenzverletzungszirkel erläutert. Die charakteristischen Themen sind: Ablösung von den Eltern, Trennungsambivalenz, Affärenneigung und Sexualstörungen. Die diagnostischen Skripte werden mit Hilfe spezieller Software aufwändig als Bildgeschichten visualisiert.

Im Kapitel 3 werden sechs verschiedene Grenzverletzungsstile bzw. Interaktionstypologien dargestellt, die ihren Ursprung in der Triangulation der dysfunktionalen Herkunftsfamilie haben. Trauma-Triaden der Vergangenheit werden in der Gegenwart reinszeniert, in der Lebenswelt des Grenzpaares wie in der Therapiesituation. Klees betont das therapeutische Potenzial dieser Erkenntnis: „Die Paartherapie ist aus meiner Sicht der Einzeltherapie dahingehend überlegen, dass in der Triade ‚Paar-Fachperson‘ das Trauma-Dreieck der familiären Loyalitätskonflikte neu entsteht. Hier ist die Integrität der Fachperson der entscheidende Schlüssel für die korrigierende Erfahrung einer ausbalancierten Triangulierung, in der Kongruenz und Entwicklung miteinander in Einklang kommen“ (227).

Kapitel 4 widmet sich einem Beziehungsmodell der Grenzpaardynamik, welches aufzeigt, wie die frühen Beziehungskonflikte mit den Eltern in der aktuellen Partnerschaft reinszeniert werden. Die für das Konzept von Klees charakteristischen Metaphern, die Geisterbahn der Kindheit mit ihren Monstern, aus der das Traum(a)-Schloss der Partnerschaft geworden ist, werden als Erkenntnisinstrumente vorgestellt. Auch hier erleichtern Videos das Verständnis des Konzepts und erläutern therapeutische Möglichkeiten (https://www.youtube.com/watch?v=qZFBE3XPjVA).

Im 5. Kapitel werden unter Bezug auf die vier Grenzverletzungswunden vier Integritätsfaktoren bzw. -tugenden formuliert: Kohärente Integriertheit, Rücksichtsvolle Rechtschaffenheit, Ethische Unbestechlichkeit und unversehrte Ganzheit. Es handelt sich um jeweils komplexe Zielvorgaben zur Überwindung partnerlicher Grenzverletzungen, die Klees zusammengefasst den Integritätskompass nennt. Allen Bereichen werden verschiedene Methoden bzw. Übungen zugeordnet. „Die Checkliste der vier Integritätstugenden mit den vorgeschlagenen Methoden hilft während der letzten Phase der Grenzpaartherapie dabei, den Überblick zu behalten, den Fortschritt des Paares zu überprüfen und den Erfolg der Grenzpaartherapie zu beurteilen“ (386).

Kapitel 6 widmet sich „der Fallevaluation als wesentlichem Bestandteil der Qualitätssicherung“ (386). Der fünf Stationen umfassende Behandlungsplan der traumasensiblen Grenzpaartherapie wird nochmals zusammenfassend dargestellt.

Diskussion

Ob herausfordernde Grenzpaare „… in den Beratungsstellen, sozialen Diensten, freien Trägern der Jugendhilfe, oder Paartherapiepraxen mittlerweile mehr als die Hälfte aller Konsultationen…“ (34) ausmachen, wie die Autorin vermutet, oder ob ihr Anteil stetig zunimmt, muss an dieser Stelle nicht entschieden werden. Fest steht, dass es sie gibt, dass sie nicht selten sind und dass solche Paare eine umfänglichere, tiefenpsychologisch fundierte Hilfe benötigen, die über die verbreiteten systemischen und vor allem lösungsorientierten Beratungs- bzw. Therapieansätze hinausgehen. Katharina Klees kreative Diagnoseinstrumente sind dabei hilfreich, aber auch sehr aufwändig und insofern hochschwellig, sowohl für die Klienten wie für Fachpersonen, die sich den Umgang mit diesen Methoden aneignen. Die Autorin postuliert völlig zu Recht: „Ein einfaches und selbsterklärendes Beziehungsmodell ist … der wesentliche Wirkfaktor einer gelingenden Paarberatung“ (269). Aber so einfach sind die differenzierten Erkundungen, Darstellungen, Deutungen biografischer (Fehl-)Entwicklungen und ihrer aktuellen Reinszenierungen ganz augenscheinlich nicht. Dass das Buch insofern eine Einladung für Interessierte zu entsprechenden Weiterbildungen ist, liegt auf der Hand.

Ursachenorientierten Beratungs-/​Therapieansätzen inhärent ist eine Tendenz zur defizitorientierten Pathologisierung. Die Autorin will das vermeiden, verzichtet z.B. auf Begriffe wie Persönlichkeitsstörung: „Ich tendiere zu einer anderen Begriffsbestimmung, die weniger von der Störung einer Person oder ihrer Persönlichkeit, sondern eher von einer Schädigung der Interaktionsstruktur einer Person durch ein bestimmtes Milieu innerhalb der Familie ausgeht.““ (270) Gleichwohl steht die Benennung von sozialisatorischen Defiziten und ihre Behebung im Vordergrund und eben nicht die Erkundung und Stärkung vorhandener Ressourcen.

Klees Konzept ist ein äußerst differenziertes, aufeinander aufbauendes Gesamtkonstrukt. Vielfach entsteht der Eindruck, dass einzelne diagnostische Methoden oder Interventionen nur in ihrer ganzheitlichen Bezogenheit funktionieren. Dem Therapieansatz wäre aber zu wünschen, dass er nicht nur als Gesamtpaket genutzt wird von den Fachpersonen, die sich dazu weiterbilden, sondern dass auch Elemente daraus in die Arbeit mit anderen Konzepten einfließen.

Fazit

Das Konzept der traumasensiblen Grenzpaartherapie von Katharina Klees ist interdisziplinär wissenschaftlich fundiert, besitzt eine breite theoretische Basis, sprüht vor kreativen Diagnosemethoden und Übungen und bietet damit Fachpersonen, die sich mit der Beratung bzw. Therapie schwer belasteter Paare beschäftigen viele Anregungen. 

Rezension von
Prof. Dr. Konrad Weller
Professor i.R. für Psychologie und Sexualwissenschaft an der Hochschule Merseburg, Diplom-Psychologe (Universität Jena), Analytischer Paar- und Sexualberater (pro familia)
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Es gibt 15 Rezensionen von Konrad Weller.

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Zitiervorschlag
Konrad Weller. Rezension vom 15.05.2024 zu: Katharina Klees: Grenzpaare in der traumasensiblen Paartherapie. Krisen meistern mit dem Integritäts-Kompass Mit Online-Materialien. Junfermann Verlag GmbH (Paderborn) 2023. ISBN 978-3-7495-0434-3. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/30672.php, Datum des Zugriffs 20.05.2024.


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