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Hans-Joachim Maaz: Angstgesellschaft

Rezensiert von Dipl.-Päd. Dr. Jos Schnurer, 15.05.2023

Cover Hans-Joachim Maaz: Angstgesellschaft ISBN 978-3-7329-0852-3

Hans-Joachim Maaz: Angstgesellschaft. Frank & Timme (Berlin) 2022. 244 Seiten. ISBN 978-3-7329-0852-3. D: 18,00 EUR, A: 18,00 EUR, CH: 27,00 sFr.

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Ich habe Angst – Ich habe keine Angst

Beide Gefühlsäußerungen können wahr und echt sein. Angst, als physischer oder psychischer Affekt, ist Bestandteil der individuellen und kollektiven menschlichen Existenz. Ängstliche Gefühle können vor Gefahren warnen, Ereignisse kalkulier- und kontrollierbar machen. Wenn Ängste überhand nehmen, können sie gesundheitliche Schäden bewirken. „Lebensangst“ bedarf der ärztlichen, psychologischen und psychotherapeutischen Behandlung. Wenn kollektive Ängste auftreten oder gemacht werden, können sich Einstellungen und Verhaltensweisen einstellen und Zuschreibungen entstehen, die als (Vor-)Urteile nicht nur Individuen, sondern Gruppen und sogar Völker (German Angst) betreffen.

Entstehungshintergrund und Autor

„Es gibt kein richtiges Leben im falschen“ – diese bekannte Erkenntnis hat etwas zu tun mit den alltäglichen Unsicherheiten, Verzweiflungen und Ohnmächten, denen Menschen ausgesetzt sind, die nach den Wirklichkeiten, den Wahrheiten und dem guten, gelingenden Leben Ausschau halten – und erfahren und erleben, dass ego-, ethnozentristische, faschistische, kapitalistische, populistische antidemokratische Parolen mit den Ungleichzeitigkeiten, den Bequemlichkeiten und Unaufgeklärtheiten von Menschen kalkulieren. Wenn in der Welt rund zwei Drittel der Menschen in undemokratischen, unfreien Regierungssystem leben (müssen), muss gefragt werden, wie dies zustande kommt; wie es möglich sein kann, dass Diktaturen, faschistische und nationalistische Herrschaftsformen entstehen und bestehen können.

Der Psychoanalytiker und Psychiater Hans-Joachim Maaz ist Leiter der Hallenser „Stiftung Beziehungskultur“. Die Initiative setzt sich dafür ein, dass jeder Mensch im Rahmen seiner eigenen Möglichkeiten in der Lage ist und die Chance hat, die eigene Lebenskraft für ein gesundes Dasein zu entwickeln: Um seine entwicklungspsychologisch bedingten Verletzungen, Behinderungen und Defizite zu erkennen, auch begrenzte Möglichkeiten bei sich selbst und anderen Menschen zu akzeptieren, und eine menschen- und lebenswürdige Existenz führen zu können. 

Aufbau und Inhalt

Der Autor gliedert seine Analyse, neben einleitenden Fragen nach dem „Selbstbekenntnis“ und der Nachschau, wie Massenangst und -wahn entstehen, in die folgenden Kapitel:

  • „Zur Psychodynamik des Extremismus“
  • „Normopathie ist eine Form des Extremismus“
  • „Die Logik normopathischer Verhältnisse“
  • „Corona-Normopathie“
  • „Pandemie oder Panikdemie“
  • „Die Entwicklung der Pandemie-Angst“
  • „Die Differenzierung der Ängste“
  • „Die Angst-(Un-)Logik“
  • „Die Angst-Falle“
  • „Realität und Wahn“
  • „Die Massenpsychose der Corona-Pandemie“
  • „Wie konnte es nur soweit kommen?“
  • „Narzissmus und Spaltung“
  • „Führung und Volk“
  • „Die mediale Spaltung“
  • „Die Waffe ‚Verschwörungstheorie‘“
  • „Zur Psychodynamik der Impfentscheidung“
  • „Die Angst-Impfung“
  • „Corona-Impfwillige und Impfverweigerer“
  • „Konflikte bei der Impfentscheidung“
  • „Die Impfpflicht“
  • Der „G-Wahnsinn“
  • „Die Vergiftung der Beziehung“
  • „Wollt ihr ewig leben?“
  • „Der 3. Weg“
  • „Hilfe gegen Selbstentfremdung“.

Der Angst-Diskurs wird exemplarisch am Beispiel der individuellen, gesundheitspolitischen, medialbefördernden und kollektiv-staatlichen Maßnahmen zur globalen Corona-Pandemie geführt. Mit dem Begriff „Normopathie“ benennt Maaz „eine pathologische Gesellschaftsentwicklung, in der das Gestörte, das Falsche für normal gehalten wird“. Es sind erzwungene, in diktatorischen, autoritären, fundamentalistischen, autokratischen und dominanten Strukturen entstehende Unterdrückungen, die als selbstverständlich, unabdingbar und nützlich empfunden werden: „Mit einem Angstsignal wird der Mensch zum Handeln animiert und hormonell aktiviert, um sich der Gefahr zu entziehen oder sich kämpfend zu schützen“. Psychosoziale und -analytische Instrumente und Methoden sind Konstrukte, sich Selbstentfremdung zu entziehen: „Am Ende eines kollektiv falschen Lebens wird Macht durch erzeugte Panik gesichert, nicht um die Welt zu verbessern, sondern um im narzisstischen Irrwitz die Pfründe des falschen Lebens zu retten“. Es ist der intellektuelle, allgemeinbildende Anspruch, selbst zu denken und nicht andere für sich denken zu lassen, der sich in der Conditio Humana artikuliert.

Diskussion

Die wissenschaftlichen Forschungen reichen von konditionalen bis zu hirnphysiologischen Theorien und Methoden. In der Meinungsforschung kommt zum Ausdruck, dass wir im „Zeitalter der Angst“ leben. Es sind Ereignisse und Situationen, die sich im Alltag der Menschen real ereignen, wie z.B. Angst vor Krankheit, vor Unfällen, vor dem Tod, vor Umweltbelastungen, Gewalt und Kriegen, und solche, vor denen mit einem „Signal“, Gesetzen, Normen gewarnt wird, und die der Mensch befolgen soll, oder sie bei Missachtung mit Sanktionen rechnen muss. Der Soziologe Heinz Bude setzt sich mit gesellschaftlichen Ängsten auseinander (Heinz Bude, Gesellschaft der Angst, 2014, www.socialnet.de/rezensionen/18499.php). Es ist beunruhigend und irritierend, dass im gesellschaftlichen Dialog eine Spaltung eingetreten ist zwischen denen, die wissen, erkennen, analysieren, Fakten akzeptieren und denen, die für Wahrheiten und Wirklichkeiten nicht mehr zugänglich sind, auf Fake News, Verquerdenken, Verschwörungsmythen, Weltuntergangsstimmungen hereinfallen. Es sind narzisstische, egozentristische Einstellungen, wenn es im Leben der Menschen nur „Ja“ oder „Nein“ gibt: „Das Menschliche bleibt immer das Sowohl-als-auch!“.

Fazit

Der „3. Weg“, wie ihn Hans-Joachim Maaz aufzeigt, berücksichtigt als Lebenslehre, dass der Mensch als Individuum und Gemeinschaftswesen immer aufgefordert ist, zwischen Anpassung und Widerstand, zwischen Objektivität und Subjektivität, zwischen Wirklichkeit und Vision unterscheiden zu können: „Es ist der Weg der Selbstreflexion und Selbstbesinnung“.

Rezension von
Dipl.-Päd. Dr. Jos Schnurer
Ehemaliger Lehrbeauftragter an der Universität Hildesheim
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Zitiervorschlag
Jos Schnurer. Rezension vom 15.05.2023 zu: Hans-Joachim Maaz: Angstgesellschaft. Frank & Timme (Berlin) 2022. ISBN 978-3-7329-0852-3. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/30674.php, Datum des Zugriffs 18.07.2024.


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